Texte zusammenfassen

Überblick


Das Zusammenfassen von Texten ist eine Aufgabe, die sowohl im schriftlichen als auch mündlichen Sprachgebrauch vorkommt. Wie dies im einzelnen geschieht, hängt im Allgemeinen von den Zielen ab, die damit verfolgt werden. Soll z. B. jemand anderer über einen bestimmten Textinhalt informiert werden, ist dies, abhängig von den Rahmenbedingungen einer solchen Kommunikation, natürlich etwas anderes als eine Textzusammenfassung, die hauptsächlich der Verfügbarmachung des wesentlichen Textinhalts zu eigenen Zwecken, z. B zur Prüfungsvorbereitung dient. Immer aber entsteht aus einem vorgegebenen Primärtext ein neuer Text, den man als Sekundärtext bezeichnen kann.
Ganz allgemein gilt für eine Textzusammenfassung, dass sie eben nicht mit dem Primärtext identisch sein darf und diesen im Allgemeinen in verkürzter Form, d. h. rekapitulierend wiedergibt. In der Schule wird der Begriff des Zusammenfassens aber auch deutlich weiter gefasst. So wird beim Zusammenfassen von Texten verlangt, dass wesentliche Inhalte, Aussagen und Zusammenhänge komprimiert, strukturiert und fachsprachlich richtig dargestellt werden. (Operator →"Zusammenfassen").

Inhalt angeben oder Inhalt zusammenfassen?

Das Wortfeld "zusammenfassen" in Form einer →Wordcloud umfasst eine ganze Reihe von Begriffen, die im Zusammenhang mit der Zusammenfassung von Texten verwendet werden. Dementsprechend groß sind auch Unklarheiten darüber, was welcher Begriff in welchem Kontext eigentlich genau bedeutet. Im Deutschunterricht, aber auch in der entsprechenden Didaktik und Methodik, stehen die Begriffe oft einfach nebeneinander oder konkurrieren so miteinander, dass sie sich gegenseitig klar voneinander abgrenzen. Das macht die Sache nicht eben einfach, wenn man sich um eine klare Terminologie bemüht. Die Standardisierung in sogenannten →Operatorenkatalogen, die genau festlegen, welche Handlung erwartet wird, wenn eine bestimmte Formulierung verwendet wird, ist ein wichtiger Schritt, der bezogen auf Prüfungsaufgaben weit verbreitet ist.
Die Begriffsvielfalt beim Zusammenfassen von Texten, die den täglichen Unterricht durchzieht, ist jedenfalls für die Lernenden  kaum zumutbar. Auf den ersten Blick sieht es zwar wie eine Haarspalterei aus, wenn behauptet wird, dass das Zusammenfassen eines Textes etwas anderes darstellt als das Angeben des Inhalts. Schaut man aber etwas genauer hin, dann zeigen sich doch Unterschiede. Wer den Inhalt angibt, gibt den Text vor allem in eigenen Worten wieder, wer ihn zusammenfasst, kürzt und verdichtet den jeweiligen Ausgangstext. (vgl. Fix 2006/2008, S. 101) In der (schulischen) Schreibpraxis zeigen sich beide Formen jedoch keineswegs so klar getrennt. Dementsprechend wird beim "Wiedergeben" auch oft verlangt, dass Inhalte bzw. einzelne Textgehalte (Kernaussagen/Handlungsschritte) in eigenen Worten, ohne eigene Wertungen unter Berücksichtigung von Sinnabschnitten  fachsprachlich richtig "referiert" werden. (→Operator →"Wiedergeben" )

Beim Zusammenfassen eines Textes müssen dabei drei zentrale Aufgaben gelöst werden (vgl. Mrotzek/Böttcher 2011, S.177):

Bei der begrifflichen Zusammenfassung des propositionalen Gehalts (→Sprechakte), dem Inhalt im eigentlichen Sinn, zeigen sich schnell Schwierigkeiten, die mit der inhaltlichen Erfassung des Textes zusammenhängen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass das Verstehen eines Textes selbst einen sehr komplexen Vorgang darstellt. Dieser lässt sich nach bestimmten Formen (unmittelbares, analysierendes, erweitertes und selbstreflexives Verstehen) unterscheiden. Zudem kann das Verstehen von Texten mit bestimmten Lesestrategien gefördert werden (Primärstrategien zur Wiederholung, Elaboration und Organisation des Leseprozesses und Stützstrategien  wie metakognitive Strategien, affektive und volitionale Strategien; SQ3R-Technik; MURDER-Schema). Immer geht es dabei um eine ausreichende Lesekompetenz, ohne ¨welche die Zusammenfassung von Texten nicht gelingen kann.
Anders gesagt: Wer einen Text zusammenfassen will, muss den Text zunächst einmal verstehen. Dabei ist dieses Verstehen nicht grundsätzlich mit der inhaltlichen Erfassung eines Textes abgeschlossen, denn auch im Schreibprozess kann sich, je nach Schreibtyp und verfolgter Schreibstrategie, dieses Textverständnis auch noch beim Niederschreiben weiterentwickeln.
Allerdings ist auch die Erfassung eines Textes nicht allein eine Frage von Arbeitstechniken.(→Arbeitstechnik Lesen) Denn Inhalte stehen ja nicht für sich allein, Textrezeption und Textverstehen sind schließlich vom Rezipienten her betrachtet niemals voraussetzungslos. Nichtzuletzt werden Texte auch deshalb unterschiedlich erfasst, weil sie auf jeweils unterschiedliche, individuelle Verstehenshorizonte treffen, die, z. B. ganz allgemein gefasst,  das jeweilige Weltwissen, Handlungswissen und vorhandene konzeptionelle Deutungsmuster umfassen. (vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann 1994, S.228) Dennoch kommt es gerade bei der Textwiedergabe, die über das Wesentliche eines Textes informieren soll, darauf an, ein Textverständnis so zu erarbeiten, dass es auch für andere nachvollziehbar wird. Dies und die Vorgabe, dass bei der inhaltlichen Erfassung eines Textes ein "angemessenes" Textverständnis, das sich auf Aussagen des Textes stützen kann, herauskommen soll, geben einen gewissen Rahmen vor, innerhalb dessen sich die inhaltliche, aber auch die Erfassung argumentativer Strukturen bzw. des Gedankengangs eines Textes zu vollziehen hat.
Berücksichtigt man herkömmliche Verfahren zur inhaltlichen Erfassung des Primärtextes (z. B. Markieren und Hervorheben mit verschiedenen Methoden, mit Randmarkierungen und -kommentaren, W-Fragen-Methode, Kernbegriffsmethode, Mind Map-Methode, Cluster-Methode) wird deutlich, dass sie alle wichtige Beiträge zur begrifflichen Zusammenfassung des propositionalen Gehalts und zur Beschreibung und Erläuterung von Textintentionen und argumentativen Strukturen leisten.

Das Wesentliche eines Textes erkennen

Wenn die Textwiedergabe das Wesentliche eines Textes in sprachökonomisch verkürzter Form zusammenfassen soll, dann ist Frage, was das Wesentliche eines Textes ausmacht, von zentraler Bedeutung. So unverzichtbar die Antwort darauf ist, so wenig lässt sich jedoch eine eindeutige Antwort darauf geben. Dabei steht das Ziel außer Frage: Es geht darum, "wichtige von unwichtigen Inhaltselementen zu trennen, das Wichtige neu zu verknüpfen und auf einer abstrakteren Ebene zu reformulieren." (Steets 2007, S.84ff., Hervorh. d. verf.)
Um dies leisten zu können, bedarf es geeigneter Kriterien, mit denen sich die Spreu vom Weizen scheiden lässt, um auf diese Weise einem Leser der Textwiedergabe, "der den Primärtext nicht oder nur unzureichend kennt, eine möglichst genaue Textkenntnis zu vermitteln." (ebd.)
Grundsätzlich lassen sich entsprechende "Relevanzkriterien" auf zweierlei Weise herleiten:  "Zum einen ergeben sie sich aus dem Text und seiner Struktur selber, nämlich aus der gegebenen argumentativen bzw. narrativen Struktur, indem diese zu größeren und abstrakteren Einheiten begrifflich zusammengefasst werden (Makrostrukturen).( ...) Zum anderen leiten sich die Relevanzkriterien aus dem konkreten Handlungszusammenhang her, das heißt aus der eigenen Fragestellung." (Becker-Mrotzek/Böttcher 2011, S.176, Hervorh. d. verf.) Auch wenn dies in Wahrheit auch nicht viel weiterhilft, weil es schließlich auch keine unabhängig vom erkennenden Subjekt vorhandenen Strukturen eines Textes gibt, beschreibt es eben doch das Dilemma, in dem sich Textwiedergaben, die andere über den Inhalt, ästhetische Gestalt oder argumentative Strukturen informieren wollen, befinden. Die Verunsicherung von Schülerinnen und Schülern beim Zusammenfassen nicht das getroffen zu haben, was der Lehrer als wesentlichen Textinhalt ansieht, wird damit also nicht wirklich beseitigt. (→Woher soll ich wissen, was wichtig und was unwichtig im Text ist?) Die Festlegung darauf, dass die Zusammenfassung "dem Primärtext nichts hinzufügen und nichts Wesentliches weglassen (darf)" (ebd. S.185) allein reicht jedenfalls nicht, um "Schülern konkrete und nachvollziehbare Einsichten in das Verfassen, die Struktur und die Funktion von Zusammenfassungen" (ebd.) zu vermitteln. Ergänzt werden muss die normative Setzung durch kleinschrittige Verfahren, die auch die Produktion von Zusammenfassungen als ein systematisch lern- und lehrbares Schreiben zum Lerngegenstand erhebt. Nur wenn Schülerinnen und Schüler zugleich auch lernen, "dass es lernbare Verfahren der Textkondensation gibt" (Auslassen, Selektieren, Generalisieren und Integrieren) und dass es angebbare sprachliche Mittel gibt, um Zusammenfassungen auszudrücken" (ebd.), können Schülerinnen und Schüler die Kompetenzen entwickeln, die ihnen bei der Produktion von Zusammenfassungen die erforderliche Sicherheit zu geben in der Lage sind. (vgl. auch: Steets 2007, S.84ff.)

Sprachliche Ökonomie und Verständlichkeit (→Das Kürzungspotential von Texten)

Wer einen Text zusammenfassen will,  muss einer sprachökonomischen Gestaltung folgen, die auf die Informationsverdichtung eines vorliegenden Primärtextes abzielt. Die Strategien zur Informationsverdichtung, die dabei zur Verwendung gelangen werden auch als Strategien zur Textkondensation bezeichnet.Dabei stehen sprachliche Ökonomie und Verständlichkeit in einem Spannungsverhältnis zueinander, das, abhängig von der jeweiligen spezifischen kommunikativen Situation, in die ein Text eingebettet ist, verschieden ausfällt.
Verschiedene Gebrauchtstextsorten weisen dabei eine unterschiedliche Sachgehaltsdichte und davon abhängig verfügen sie auch über ein unterschiedliches Kürzungspotential., auch von einem unterschiedlichen Kürzungspotential auszugehen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.02.2014
 

                  

 


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