»Michel Foucault
(1926-1984) versteht ▪
Macht nicht primär als
repressive Unterdrückung, sondern als ▪
produktives Netzwerk, das
er als Dispositiv bezeichnet – ein heterogenes Ensemble aus
Gesagtem (wie Gesetzen und wissenschaftlichen Aussagen) und
Ungesagtem (internalisierten Normen). Dies demonstriert er u. a.
am Beispiel des Diskurses über die Sexualität und der
Entwicklung des ▪ Allianz-
und des ▪ Sexualitätsdispositivs
in verschiedenen Zeiten.
Dabei spricht
er sich dezidiert gegen die allseits
beliebte, weil angeblich so evidente
• Repressionshypothese
aus. Diese geht davon aus, dass seit dem 17. Jahrhundert ein "System der Unterdrückung
des Sexes" (Foucault
1983/192012, S.17) stattgefunden habe, das bis in die
Gegenwart anhalte. Es sei "das Regime von Macht – Wissen – Lust" (ebd.,
S.18), das den Diskurs über die menschliche
Sexualität bis in die Gegenwart dominiert habe.
Statt der •
Repressionshypothese zu folgen, interessiert
»Foucault
die • "Diskursivisierung
des Sexes" (Foucault
1983, S. 26).
Dabei geht es ihm um die Frage, "in welchen Formen, durch welche
Kanäle und entlang welcher • Diskurse die
▪
Macht es schafft, bis in die
winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen, welche
Wege es ihr erlauben, die seltenen und unscheinbaren Formen der Lust
zu erreichen, und auf welche Weise sie die alltägliche Lust
durchdringt und kontrolliert". (ebd.)
Dazu müsse man die "• »polymorphen
Techniken der Macht«" (ebd.)
erforschen.
Das
▪ Sexualitätsdispositiv ist dabei neben dem •
Panoptischen Dispositiv /
Panoptismus das prägnanteste Beispiel dafür, wie
• Konstellationen von Macht und Wissen arbeiten und funktionieren.
(vgl. Kammler
2014, S.306)
Der Begriff des Sexualitätsdispositivs
Natürlich ist schon der Begriff selbst
gewöhnungsbedürftig, aber "stark vereinfacht kann man sich ein Dispositiv als
eine Reihe von sprachlichen wie auch außersprachlichen Maßnahmen
vorstellen, mit denen das in den Diskursen gespeicherte
›Macht-Wissen‹ in die ›Wirklichkeit‹ übersetzt wird." (Eggler
22023, S.38, Kindle Edition)
Dabei kann sich das
›Macht-Wissen‹ in sozialen, administrativen oder
architektonischen Maßnahmen niederschlagen, kann z. B. auch als
• Disziplinardispositiv in der Schule die Sitzordnung im
Klassenzimmer oder auch die Schuluniform betreffen.
Foucault
hat den Begriff des Dispositivs in einer vielzitierten •
Realdefinition
selbst bestimmt, in der er die Elemente angibt, die den Begriff
konstituieren.
Ein Dispositiv
ist danach
»[...] ein entschieden
heterogenes Ensemble, das Diskurse,
Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende
Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen,
wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz:
Gesagtes
ebenso wohl wie
Ungesagtes" umfasst. Und: "Das
Dispositiv selbst ist das
Netz, das zwischen diesen Elementen
geknüpft werden kann.« (Foucault
1978, S.119f., Hervorh. d. Verf.)
Die
Unterscheidung von Gesagtem und Ungesagtem, die beide ein
bestimmtes Dispositiv konstituieren, bedeutet hier, dass es
bestimmte Regelungen in diesem Ensemble gibt, die in mehr oder
weniger klar explizierter Form vorliegen (z. B. Gesetze oder
Verordnungen) und Regelungen, denen wir folgen, ohne dass ihr
Vorhandensein letzten Endes ausgesprochen werden muss, weil wir
sie internalisiert haben.
Vom vormodernen Allianzdispositiv zum
Sexualitätsdispositiv
Historisch
entstand das moderne •
Sexualitätsdispositiv in der Mitte des 18. Jahrhunderts. In
dieser Zeit begann es als neue Machttechnologie das vormoderne •
Allianzdispositiv zu
ergänzen, ehe es im 19. Jahrhundert zu dem dominierenden Machtdispositiv im Bereich der Sexualität wurde.
In diesem Jahrhundert wurde, so Foucaults These, das, was wir
heute unter Sexualität verstehen, nämlich "die Annahme, der
Mensch habe eine im Körper verankerte sexuelle Natur" (Gehring
2014b, S.85) erfunden.
Während das
ständisch geprägte •
Allianzdispositiv das sexuelle Verhalten über Gesetze,
Verbote und die geordnete Weitergabe von Besitz, Namen und
Status regulierte, richtete sich das ab dem 18. Jahrhundert
entstehende •
Sexualitätsdispositiv auf das Innere des Menschen. Getragen
von Medizin, Psychiatrie und Pädagogik konstituierte es das
Subjekt über sein Begehren, seine Empfindungen und die
Einordnung in Kategorien wie "normal" oder "krankhaft".
Die
traditionelle Souveränitätsmacht wird dadurch von modernen
Disziplinar- und Normalisierungsmächten überlagert, die das
Individuum über die Erforschung seiner Sexualität formen und
steuern.
Sex und Gender im Kontext bestimmter
Macht-Wissens-Konstellationen
Sex, im Sinne von Sex haben oder machen, also das, was wir
häufig mit Sexualität konnotieren, ist, wie
Gehring (2014a, S.291) betont, unter der von Foucault •
genealogisch genannten Perspektive "Resultat einer wissens-
und machtpolitischen Konstellation".
Diese Aussage Foucaults besage dabei nicht nur, dass es in
der Sexualität keine per se "natürlichen" Handlungen gebe, die
sich den kulturell oder sozial konstruierten Formen
gegenüberstellen lassen. Die Aussage reicht nämlich deutlich
weiter, besage sie doch auch, "dass es eine »Geschlecht«
genannte Körpernatur, ein biologisches Geschlecht, nicht gibt –
jedenfalls nicht diesseits einer Machtform, die ein solches
körperliches Faktum namens Geschlecht (oder auch
Zweigeschlechtlichkeit) etabliert, etwa durch eine entsprechende
Herstellung, Auswahl und Deutung von Körperzeichen oder (in
neuester Zeit) bestimmter genetischer Daten."
So ist auch die vermeintliche
Geschlechterbinarität
Ergebnis einer komplexen Wechselwirkung von Macht und •
Wissen in bestimmten •
Macht-Wissens-Komplexen,
die unsere Vorstellungen und unser Verhalten im Bereich der
Sexualität mit konkreten gesellschaftlichen •
(diskursiven)
Praktiken (•
diskursiven Ereignisse
, •
diskursive und nichtdiskursive Praktiken) ausbilden und so
formen, wie sie sind.
Auf diesem Hintergrund ist, wie
Gehring (2014a, S.293) betont, auch "die für die
feministische Diskussion zeitweilig wichtige Unterscheidung von
sex (biologischem
Geschlecht) und
gender
(sozial konstruiertem Geschlecht)" hinfällig geworden, denn:
"Es gibt keinen sex jenseits von gender, also
jenseits der historisch-sozialen Konstruktion".
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die rechtliche Zuordnung
eines Menschen zu einem Geschlecht zunehmend von
biologisch-medizinischen Befunden abhängig gemacht. Foucault
zeigt, dass dies historisch keineswegs selbstverständlich war.
So habe man, wie
Gehring (2014a, S.291) konstatiert, dem ›Hermaphroditen,
einem doppelgeschlechtlichen Menschen mit männlicher und
weiblicher Geschlechtsausprägung, jahrhundertelang zwei
Geschlechter zugestanden. Entscheidend war damals weniger die
körperliche Beschaffenheit als eine rechtlich anerkannte
Festlegung, die die Betroffenen, wenn sie erwachsen waren, meist
frei vornehmen konnten. Die Gerichte bestanden dann aber auf
einer Eindeutigkeit des Geschlechts.
Seit dem 18. Jahrhundert setzte sich in der •
Frühen Neuzeit (ca.1350-1800)
dagegen durch das Zusammenwirken von biologischen
Sexualtheorien, Medizin, Recht und anderen Mitteln
administrativer Kontrolle im Rahmen der •
Sozialdisziplinierung allmählich die Vorstellung durch,
jeder Mensch müsse ein einziges, biologisch bestimmtes und
vermeintlich ursprüngliches "wahres Geschlecht" besitzen.
Dadurch wurde die Möglichkeit einer freien geschlechtlichen
Selbstzuordnung zunehmend eingeschränkt.
Sexualität und Sexualitätsdispositiv im 19. Jahrhundert
In seinem Werk "Der Wille zum Wissen" (1983),
dem ersten Teil von
»Michel
Foucaults (1926-1984) Geschichte der Sexualität, entwickelt
er das Mitte des 18. Jahrhunderts entstehende
Sexualitätsdispositiv, das das traditionelle, repressive •
Allianzdispositiv der
Souveränitätsmacht der vormodernen Gesellschaft ergänzt und
seit dem 19. Jahrhundert dominiert, anhand von vier Dimensionen.
Foucault passt dabei das Thema ›Sexualität‹ in das Gefüge
weiterer körperpolitischer und disziplinartechnischer Neuerungen
ein, die das 19. Jahrhundert kennzeichnen. (vgl.
Gehring 2014b, S.86)
Dabei korrespondiere das "Syndrom ›Sexualität‹" mit der
Pädagogisierung der Kindheit in der Familie (vor allem im
Zusammenhang mit der Verhütung von Onanie), mit einer
Kriminalisierung und Pathologisierung von Perversionen und mit
einer Neudefinition der Physis und Psyche der Frauen als ihrem
Wesen nach »hysterisch« sowie mit einer wohlfahrtsmedizinischen
Politik des »Paares«, das bevölkerungspolitisch sowie
sozialhygienisch/eugenisch in die Pflicht genommen werde.
Die vier genannten Dimensionen lassen sich, wie
Gehring (2014a, S.291) weiter darstellt, "nicht nur im
Hinblick auf Verhaltensformung (wer, wie, wann und worumwillen
Sex haben sollte oder nicht haben soll), sondern auch im
Hinblick auf die Geschlechterfrage ausbuchstabieren:
(1) Im Zeitalter der Sexualität »hat« jede/r
von Geburt an eines von zwei biologischen Geschlechtern zu
haben, »ist« also Mann oder Frau (Foucault spricht von »Sexualisierung
des Kindes«); (2) ist ein »normales«
Sexualleben gefordert – oder aber es besteht eine krankhafte und
gefährliche Abweichung vom eigenen Geschlecht (Foucaults
Stichwort lautet »Entdeckung
der Perversionen«); (3) sind Frauen durch
das andere biomedizinische Wesen ihres sexualisierten Körpers
definitiv und substanziell vom Mann unterschieden, der einen
Männerkörper und das Triebleben eines Mannes besitzt (Foucault
prägt den Ausdruck »Hysterisierung
der Frau«); (4) wird das heterosexuelle
Paar zur zweigeschlechtlichen Keimzelle eines biologisch
grundierten Sozial- und Familienmodells (Foucault spricht von »Sozialisierung
des Fortpflanzungserhaltens« und unterzieht das Modell der
angeblich von ›ödipalen‹ Strukturen durchzogenen Kleinfamilie
einer ätzenden Kritik)."
Beide •
Dispositive, das ältere •
Allianzdispositiv und das moderne
▪ Sexualitätsdispositiv, regeln das sexuelle Verhalten auf
unterschiedliche, in der Praxis sich vielfach
miteinander verbindende Art und Weise. Während das
Allianzdispositiv die sexuellen Beziehungen vornehmlich über das
Recht und das Gesetz ordnet, untersucht das
Sexualitätsdispositiv, "das sich ebenfalls zwischen die
Sexualpartner schaltet" (Foucault
1983, S.105), die Wurzeln der Sexualität des Menschen
und formt die Menschen anhand ihres Begehrens.
Die bürgerliche
Familie ist für Foucault der zentrale Ort, an dem beide
Dispositive ineinandergreifen. Sie bleibt eine Institution der
Allianz – Ehe, Abstammung und Erbschaft –, wird aber zugleich
auf verschiedene Art und Weise mit Sexualität "aufgeladen". So
wird in der bürgerlichen Familie (1) die Beziehung zwischen
Ehemann und Ehefrau auf Begehren und sexuelle Erfüllung
untersucht, (2) das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wird
zum Ort der Beobachtung kindlicher Sexualität, (3) die
Fortpflanzung von Ehemann und Ehefrau wird medizinisch und
bevölkerungspolitisch reguliert und (4) abweichende Neigungen
werden diagnostiziert. Damit wird die bürgerliche Familie bzw.
"das ganze Haus samt Eltern, Kindern und – in bestimmten Fällen
– Dienstboten" (Foucault
1983, S. 50) als "ein komplexes, mit vielfältigen,
bruchstückhaften und beweglichen Sexualitäten gesättigtes Netz"
(ebd,3,
S. 50) zu
einem der wichtigsten Produktions-, Beobachtungs- und Problematisierungsorte von Sexualität
in d.
Fragen, die vom Sexualitätspositiv
aufgeworfen werden
Im Rahmen des
modernen Sexualitätsdispositiv, das von den Menschen verlangt,
"alles über seinen Sex [zu] sagen" (Gehring
2014b, S.88), werden z. B. die folgenden Fragen gestellt:
-
Was für ein
sexuelles Subjekt bist du?
-
Was
begehrst du?
-
Welche Lust
empfindest du?
-
Ist dein
Verhalten normal oder auffällig?
-
Was sagt
deine Sexualität über deine Persönlichkeit aus?
-
Ist dein
Begehren gesund, krank oder behandlungsbedürftig?
Diese und
ähnliche Fragen
machen das sexuelle Verhalten de einzelnen Menschen zu einem
Untersuchungsgebiet der Medizin, Psychiatrie, Pädagogik und
Psychologie, die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts daran
machen, die Sexualität des Menschen wissenschaftlich zu
"vermessen".
Das
Sexualitätsdispositiv der modernen Gesellschaften
- "funktioniert vermittels polymorpher und konjunktureller
Machttechniken" (Foucault
1983, S.106)
- "führt zu einer permanenten Ausweitung der
Kontrollbereiche und -formen" (ebd.)
- rückt "die Empfindungen des Körpers, die Qualität der
Lüste, die Natur auch noch der feinsten oder schwächsten
Eindrücke" (ebd.)
ins Zentrum
- schließt sich "an die Ökonomie über zahlreiche und
subtile Relaisstationen – deren wichtigste aber der Köper
ist, der produzierende und konsumierende Körper" (ebd.)
an
- leitet seine Daseinsberechtigung davon ab, "dass es die
Körper immer detaillierter vermehrt, erneuert,
zusammenschließt, erfindet, durchdringt und dass es die
Bevölkerungen immer globaler kontrolliert." (ebd.)
[
▪
Sexualitätsdispositiv
►
Überblick ◄ ▪ Das Allianzdispositiv
der Souveränitätsmacht
▪
Diskursivisierung des
Sexes
▪ Das
Sexualitätsdispositiv als Funktion einer polymorphen Macht
•
Dispositivanalysen (Beispiele) ]
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026
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