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Franz Kafka: Parabeln

Wenn das Unsagbare zur Sprache kommt

Das Konzept der Fremdheit und der schräge Blick der Literatur auf die Welt

Gert Egle (2014)


Wenn Schülerinnen und Schüler im Literaturunterricht erstmals auf Franz Kafkas Parabeln treffen (gleiches gilt aber auch für seine größeren Erzählungen und Romane), reagieren sie in der Regel mit großem Unverständnis. Was häufig dahinter steht, ist ein Gefühl des Befremdens, das von diesen Texten ausgelöst wird. Dass Kafkas Parabeln mit ihren Inhalten und Strukturen Fremdheit thematisieren und thematisierbar machen, kann dabei Ausgangspunkt des weiteren Verstehens werden, dessen "Denkbewegungen von einer erwarteten oder logischen, geradlinigen Stimmigkeit wegführen und damit sowohl Denkrichtungen auslösen als auch dazu anregen, das Denken selbst zu hinterfragen." (Andringa 2008, S.330)
Die unterrichtliche Behandlung von Franz Kafkas Parabeln kann an die Erfahrung des Fremden anknüpfen, das diese Texte oftmals auslösen. Dabei muss man zunächst einmal im Anschluss an Waldenfels (1998, zit. n. Leskovec 2010, S. 240) von drei Dimensionen des Fremdheitsbegriffs ausgehen, die für literarische Texte von Bedeutung sind: alltägliche, strukturelle und radikale Fremdheit. Die Unterschiede von Fremdheit zu verstehen, kann dabei auch helfen, die Parabeln Kafkas, mithin auch sein ganzes Werk, immer wieder aufs Neue zu "umkreiseln", ganz so wie es sein Text, den sein Freund und Herausgeber Max Brod posthum "Der Kreisel" genannt hat, erzählt. Darin versucht nämlich " Philosoph die Erkenntnis des Allgemeinen stellvertretend durch Ergründung des drehenden Kreisels zu erfassen. Doch jedes Mal, wenn er den Kreisel spielender Kinder erwischt, liegt der hölzerne Gegenstand reglos in seiner Hand und er ist ganz verstört. Diese als Gleichnis oder Parabel aufzufassende Geschichte erzählt uns in aller Kürze zugleich von der Unmöglichkeit, das Unfassbare zu erfassen und von der Hoffnung, dies durch erneutes Versuchen doch zu erlangen. Das Unfassbare stellt sich uns dar als eine kreisende Bewegung, die durch Berührung gestoppt und demnach nicht mehr in seinem drehenden Wesen fassbar ist." (Andringa 2008, S.328) Das Konzept der Fremdheit, das im Folgenden dargestellt wird, hat daher auch nicht den Anspruch Kafka endlich "dingfest" zu machen, was wie jeder inzwischen weiß, eben ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es soll aber, auch wenn es im Aufsatz von Andrea Leskovec (2010) unter der Perspektive interkultureller Aspekte dargestellt worden ist, Anregungen zur weiteren, auch literaturdidaktischen, Auseinandersetzung bieten zu einem Thema, das wir gemeinhin als "kognitive Dissonanz" bezeichnen. Sie ist schließlich immer wieder Ausgangspunkt der unterrichtlichen Behandlung des Werkes von Kafka.

Alltägliche Fremdheit erlebt ein Leser eines Textes, wenn er spürt, dass er Wissenslücken hat, von denen er aber zugleich weiß, wie er sie z.B. durch den Einsatz von Lexika oder mit Hilfe des Internets schließen kann. In einem literarischen Text geht es dabei u. a. um die Bedeutung und Lokalisierung geografischer Angaben, um historische Bezüge und Fakten und um die Namen von Figuren u. ä. m., die allesamt der innertextlichen, fiktionalen Welt angehören. Zugleich werden durch den Lernzuwachs über die dargebotene fiktionale Wirklichkeit auch neue Bezüge möglich, die zu einer möglichen Rekontextualisierung des Textes in seinen "ursprünglichen" Zeitbezügen bzw. Kontexten beitragen kann. (vgl. Leskovec 2010, S. 240)

Strukturelle Fremdheit gründet, so Leskovec (2010, S.241) im Anschluss an Waldenfels (1999, S.91), "auf der Scheidung in 'Heimwelt' und 'Fremdwelt' und steht im Gegensatz zur alltäglichen Fremdheit, die "innerhalb der eigenen Wirklichkeitsordnung (verbleibt) und (...) grundsätzlich erkennbar und erlernbar ist" (ebd., S.240), "außerhalb der eigenen Ordnung". (ebd. S.241) Was einem strukturell fremd ist, kann man sich nicht mit dem Rückgriff auf gespeicherte "Wahrnehmungsgestalten und Handlungssituationen" (Waldenfels (1999, S.91, zit. n. ebd.), auf Schemata aller Art, anverwandeln. Entsteht dieses Gefühl im Umgang mit Literatur, so resultiert dort genauso wie in anderen Zusammenhängen, Unsicherheit, weil die Sinnfindung erschwert ist. Dazu kommt noch, dass das Gefühl struktureller Fremdheit einer Kommunikation über den das Gefühl bzw. den Zustand auslösenden Gegenstand beträchtlich erschwert ist. Der beste Weg, um den daraus resultierenden Irritationen und Blockaden zu entgehen, besteht daher häufig in einer bei Schülerinnen und Schülern häufig feststellbaren Abwehrhaltung, die nach Waldenfels (1999, S.91, zit. n. ebd.) eine "kognitive Distanzierung" darstellt, weil wir Fremdheit dem zuschrieben, "was die Erwartungen auf einen vertrauten Verlauf der Dinge enttäuscht." Die Erfahrung struktureller Fremdheit kann allerdings, auch wenn sie an die Grenzen unseres Wissens und Könnens geht, davon ist Waldenfels (1999, S.92, zit. n. ebd.) überzeugt, durch Lernen und Umgewöhnung überwunden werden. Dies setzt allerdings voraus, dass man z. B. im Umgang mit einem fiktionalen Text, der eben auch strukturelle Fremdheit erzeugen kann (vgl. Jahraus 2004, S.21), bereit ist, sich über das Recherchieren zusätzlicher Informationen hinaus "tiefer" auf den Text einzulassen, selbst auf die Gefahr hin, dass "sich strukturell Fremdes" aller möglichen Kontextualisierungsbemühungen zum Trotz "nur bedingt auflösen lässt." (Šlibar 2005, S.82, zit. n. ebd. )

Radikale Fremdheit geht über im Grunde genommen nicht nur über die eigene, sondern über jegliche Ordnung hinaus. Ihre Eigenart besteht, so Leskovec (2010, S. 242) darin, dass man sie bzw. den Umgang mit ihr nicht erlernen und sich auch nicht daran gewöhnen kann: "sie verstört und verunsichert auch dadurch, dass sie sich den bewährten Formen der Aneignung (auch dem 'normalen' Sprechen) entzieht." Das Gefühl radikaler Fremdheit könne sich dabei in literarischen Texten auf unterschiedliche Art und Weise bemerkbar machen. "Es kann", so fährt der Autor fort, " als Thema oder Motiv im Text auftauchen, als sog. Grenzphänomen (Eros, Rausch, Schlaf, Tod, Umbruchphänomene), das die Figuren mit dem radikal Fremden konfrontiert, oder als das Nichtfassbare, Nicht-Interpretierbare, das Überschießende, wie es beispielsweise in Kafkas Texten immer wieder auftaucht. Außerdem in der Thematisierung von individuellen wie kollektiven traumatischen Ereignissen, ekstatischen oder spirituellen Erfahrungen, Krankheit, Wahnsinn, Zufälligem, Phantastischem, Unheimlichem, Gewalt, Ereignissen also, 'die uns mit dem Fremden als einem Außer-ordentlichen konfrontieren.'(Waldenfels 1999, S.82)" (ebd.)
Wenn man im radikal Fremden, das auch Strukturelement literarischer Texte ist, das sieht, "was sich nicht paraphrasieren lässt, sich nicht mit den zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln ausdrücken lässt" (ebd.), dann stellt es eine Art "Überschuss" (ebd.) dar, der mit seiner "Bedeutungswucherung"  oder "Bedeutungsverknappung" (Waldenfels 2006, S.30, zit. n. ebd..) die Sinnhorizonte seiner Leser zu sprengen in der Lage ist. Auf diese Weise kann Literatur, wenn sie sich Elemente von radikaler Fremdheit zu eigen macht, als autonomes System, so Leskovec (2010, S. 242), neue Ordnungen schaffen, "in denen das Unsagbare zur Sprache kommt (...) Durch die Selbstbezüglichkeit des literarischen Textes und der Sprache wird ein 'Erscheinenlassen von Welt ermöglicht' (Ricoeur 1986, S.259), das von etablierten Erscheinungsweisen abweicht." Wenn Literatur damit die Aufgabe zukomme, "Neues zu schaffen, eine Möglichkeitswelt zu schaffen" (Leskovec (2010, S. 242), dann ist ihr "schräger Blick auf die Welt" (ebd.) Ausdruck und Motor der Mehr- und Vieldeutigkeit von Texten als Konstrukt, das in sich keinen eindeutigen Kontextbezug aufweist und damit den Schlüssel zum "richtigen" oder "adäquaten" Textverständnis verwehrt.

 


   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Unterschiede der drei Dimensionen von Fremdheit heraus.

  2. Visualisieren Sie Ihre Ergebnisse.

  3. Erörtern Sie, welche Bedeutung das Konzept der Fremdheit für den Umgang mit Kafkas Parabeln hat.

   
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