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Literarische Gattungen

Gattungen und Gattungsbegriffe im schulischen Literaturunterricht

 
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Gattungen oder Textsorten?

Überlegungen und Ansätze, wie man die Vielzahl unterschiedlicher literarischer Formen ordnen und systematisch klassifizieren könnte, sind zahlreich und hängen auch davon ab, welche wissenschaftliche Disziplin sich mit dieser Frage beschäftigt. In der ▪ Textlinguistik spricht man von ▪ Textsorten, in der Literaturwissenschaft eher von ▪ Gattungen, wenn es darum geht, bestimmte Form- bzw. Inhaltstypen fiktionaler Texte voneinander zu unterscheiden.

Eine besondere Teildisziplin der Literaturwissenschaft hat sich der Gattungstheorie und der Gattungspoetologie verschrieben und dabei verschiedene ▪ normative oder ▪ nicht-normativeGattungskonzepte entwickelt.

Dabei ist der Versuch, sämtliche Gattungen "in einem gestuften System nach Art des naturwissenschaftlichen Einteilungssystems für Pflanzen und Tiere unterzubringen und dabei den unscharfen Begriff der G(attung) durch unterschiedliche Bezeichnungen für Werkgruppen der höheren und der niederen Stufen zu ersetzen" (Peter Wenzel, in: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 5. Aufl. 2013, S. 244) insgesamt als gescheitert anzusehen.

Heute geht man davon aus, dass es "weder im Gesamtfeld der literar(ischen) Texte noch innerhalb der traditionellen Großbereiche klare Hierarchien über- und untergeordneter Kategorien auszumachen sind." (ebd.) Literarische Gattungen können als "offene Systeme" diesem Verständnis zufolge nur als "Bündel von unterschiedlichen formalen, strukturellen und thematischen Kriterien beschrieben werden." (ebd.) Was sie ausmacht, ist historisch bedingt und in der Regel Ergebnis von Konventionen darüber, Texte mit bestimmten Merkmalen zu einer bestimmten Zeit unter einem ebenso bestimmten Blickwinkel als formal, strukturell und thematisch ähnlich zu begreifen.

Der Gattungsbegriff im Kontext des schulischen Literaturunterrichts

In der Literaturdidaktik "[gelten] normativ, stilistisch oder anthropologisch begründete Modelle [...] heute als überholt" (Abraham/Kepser 22006, S.32), was nicht bedeutet, dass es nicht noch immer ▪ Argumente dafür gibt (Müller-Dyes (1996, S. 326f.)

Im schulischen Literaturunterricht sind im Allgemeinen zwei verschiedene Gattungsbegriffen in Gebrauch.

  • Der eine Begriff orientiert sich an der "klassischen" ▪ normativen Gattungstrias, mit der die Großbereiche der Literatur in ▪ erzählende (epische, narrative), ▪ dramatische und ▪ lyrische Texte unterteilt werden. Selbst wenn der heuristische Wert dieses gattungstheoretischen  Dreiermodells nicht sonderlich groß ist und auch nicht sämtliche literarischen Formen erfassen kann, schafft es doch eine gewisse Ordnung in der nahezu unendlichen Vielfalt literarischer Formen. Sehr vereinfacht und verkürzt kann man sagen: ▪ Erzählende Texte stellen stellen dabei Zustandsveränderungen (vgl. Schmid  2005, S.13) dar, erzählen eine Handlung über einen längeren Zeitraum und werden durch einen Erzähler vermittelt (vgl. Stanzel 1979/1989). ▪  Dramatische Texte können auf der Bühne inszeniert werden, zeichnen sich ohne eine vermittelnde (Erzähl-)Instanz durch ihre Unmittelbarkeit aus (vgl. Pfister 1977, S.22). ▪ Lyrische Texte sind oft vergleichsweise kurz und weisen Versform auf.

  • Der andere Begriff dient gewöhnlich zur Bezeichnung bestimmter Texttypen, die mit besonderen, zum Teil auch sehr verschiedenen Kriterien gebildet werden, wie z. B. Kurzgeschichte, Roman, Parabel, Essay, Ballade, Komödie, Tragödie, Satire etc.
    Ihre Verwendung verfolgt dabei literaturdidaktisch unterschiedlichen Zwecken, im konkreten Fall oft mit der Absicht, bestimmte Merkmale, die an einem Protototypen im Unterricht herausgearbeitet worden sind, bei anderen Texten des gleichen "Typs" als strukturbildendes Prinzip wiederzuerkennen. Dementsprechend sind gängige Aufgaben zur Interpretation literarischer Texte sehr häufig mit einem expliziten Arbeitsauftrag versehen, der zur Bestimmung der (literarischen) Textsorte auffordert.

Für den Umgang mit Literatur in der Schule haben beide Gattungsbegriffe ihre Berechtigung, ohne dass sie bei ihrer Anwendung auf konkrete Texte die selbst in der Fachwissenschaft beklagte Unschärfe des Begriffes Gattung überwinden können und müssen. Neuere gattungstheoretische Konzepte können im Allgemeinen nur von den entsprechenden Fachwissenschaftlern oder ihrer Gemeinschaft eingeordnet werden und lassen sich jedenfalls kaum in den Literaturunterricht einbringen. (vgl. Kammler 2005, S.188) im Anschluss an Spinner 1987, S.18)

Die Textarbeit mit Gattungsbegriffen in der Schule dient vor allem dem vertieften Verstehen von Literatur und der Kommunikation über diesen individuellen Verstehensprozess. Insofern gehören sie auch zur literarästhetischen Rezeptionskompetenz, die in einem kompetenzorientierter Literaturunterricht erworben und vertieft werden muss. Die literarische Kompetenz, die dieser Teilkompetenz zugrunde liegt, erfordert "neben allgemeinem Weltwissen, ein bereichsspezifisches Wissen für literarische Textsorten (Gattungen, Genres) und ihre historische Entwicklung, für Prototypen, für Standardplots und Figurenkonstellationen (story grammar, story scripts), für Erzähl- und Dramatisierungstechniken, für literarische Fachbegriffe sowie die Fähigkeit, sich affektiv auf ein literarisches Gebot einlassen zu können." (Abraham/Kepser 22006, S.48)

Zugleich macht die Beschäftigung mit gattungstheoretischen Fragen auch deutlich, dass das eigene Textverstehen nicht voraussetzungslos ist, die eigene "subjektive Theorie", mit der jeder Rezipient an einen Text herangeht, oft sogar Berührungspunkte mit wissenschaftlichen Theorien aufweist, die lebensweltlich gewonnene konzeptuelle Deutungsmuster unter Umständen sogar fundieren können. Zumindest jedoch können sie "neue bzw. alternative Perspektiven auf literarische Texte" aufzeigen und dabei helfen, die Dinge komplexer als zuvor zu sehen. (Köppe/Winko (2008, S.2)

Historische Gattungen und systematische Gattungsbegriffe

Werden Gattungen zum Gegenstand des Literaturunterrichts, dann erscheint die Unterscheidung zwischen (historischen) Gattungen und (systematischen) Gattungsbegriffen hilfreich. (vgl. Klaus Müller-Dyes (1996)

Für Klaus Müller-Dyes (1996, S.324f.) steht dabei außer Frage, dass die Zuordnung von Texten zu Gattungen immer nur sehr unvollkommen gelingen kann. Dennoch sieht er darin keinen "Hinderungsgrund, nicht wenigstens die Prinzipien und logischen Regeln zu benennen und zu reflektieren" (ebd., S.324), nach denen die Gattungstheorie verfahren ist und weiterhin verfährt. 

  • Vom Standpunkt der Logik aus betrachtet, seien Gattungen demnach "Definitionsangebote, die unabhängig von der Erfahrung" (ebd.), also auf deduktive Weise gewonnen werden. 

  • Aus der induktiven Textperspektive her gesehen seien Gattungen dagegen "durch Abstraktion gewonnene Merkmalkombinationen" (ebd.).

Nach Müller-Dyes müssen zwei grundlegend verschiedene Gattungskonzeptionen strikt voneinander unterschieden werden, die unterschiedliche Forschungsperspektiven darstellen:

Gattungsbegriffe

Gattungen

Aufgabe: systematische Klassifikation von Texte

Dies erfolgt mit "Klassenbegriffe(n), die über eine begrenzte Menge von mehr oder weniger isolierten, obligatorischen wie fakultativen Merkmalen gebildet sind" (ebd., S.326)

Rangfolge:

dabei keine Festlegung eines quasi überzeitlich konstanten Wesens einer bestimmten Gattung

Kriterien:

  • Trennschärfe
    d.h. klare Definition der Klassifikationsmerkmale und klare Abgrenzung
  • Systematik
    erkennbar logisches Verhältnis der Begriffe zueinander

Aufgabe: Bildung von Textgruppen oder Textfamilien unter historischem Gesichtspunkt

Gattungen als historische "Institutionen" mit mehr oder weniger langer Geltungsdauer

Bildung von Gattungen durch:

  • explizite Regelanweisungen

  • immanente Poetik einzelner Werke

  • Zuschreibungen bzw. Zuordnungen, die vom Autor oder Verleger vorgenommen werden, z. B. als Titel oder Untertitel eines literarischen Textes

*Es gibt unter diesem Blickwinkel, was das "usw." am Ende ausdrücken will, wie Müller-Dyes (1996, S.327) betont, "zwar nicht unendlich viele, aber doch unzählige Klassen von Texten" mit unzähligen Kombinationsmöglichkeiten, von denen die historische Gattungspoetik ohnehin nur einen Bruchteil erfasst hat.

Der vielfach geäußerte Einwand Gattungsbegriffe als Klassenbegriffe seien viel zu unscharf und ließen sich auf einzelne Werke kaum anwenden, begegnet Müller-Dyes (1996, S.327) mit dem Argument, dass das klassifikatorische Verfahren auch gar nicht auf den einzelnen konkreten Text und dessen Eigenschaften ziele, sondern lediglich als "Ordnungsprinzip" zu verstehen sei.

Gattungen unter sozial- und funktionsgeschichtlicher Perspektive

Für die Beschäftigung mit Gattungsfragen im schulischen Literarunterricht können auch die Prinzipien zugrunde gelegt werden, die Wilhelm Voßkamp (1992, S.265) im Rahmen seiner sozial- und funktionsgeschichtlich orientierten Gattungstheorie dargelegt hat. Seine Thesen werden hier zum Teil reformuliert wiedergeben (vgl. Köppe/Winko 2008, S.3).

Danach sind Gattungen Ergebnis von Konventionen, die sich unter den Bedingungen bestimmter "institutionalisierte(r) Organisationsformen literarischer Kommunikation" zu einem bestimmten Zeitpunkt gebildet werden. In ihnen schlagen sich bestimmte "Welterfahrungen" bzw. Perspektiven auf die Welt nieder. Damit ist die Zugehörigkeit eines bestimmten Textes zu einer bestimmten Gattung nicht primär ein Ergebnis seiner Textgestalt, sondern von Zuschreibungen im Rahmen der literarischen Kommunikation. Die Gattungszuordnung bestimmter Texte ist selbst auf der Grundlage gemeinsamer Merkmale nicht unproblematisch und die Frage, ob ein Rezipient diese schematisieren Merkmale auch tatsächlich wiedererkennt, steht dazu noch auf einem anderen Blatt.

Gattungen sind nach diesem Verständnis "soziokulturelle Verständigungsbegriffe", die immer "auch auf ihre Entstehungsbedingungen im allgemeinen historischen Kontext und auf den wissenschaftsgeschichtlichen Ort, in dem sie entstanden sind und gebraucht werden", verweisen. (ebd.)

Wer Gattungen bestimmt und von anderen abgrenzt, strukturiert die Menge der in Frage kommenden Texte auf der Grundlage eigener kognitiver Modelle. Aus diesem Grunde muss man  – die Geschichte der Gattungstheorien liefert dafür eine Vielzahl von Ansätzen, die heute als Irrwege betrachtet werden – "die Standortgebundenheit des einzelnen Kritikers, Theoretikers und Historikers" (ebd.) stets im Auge behalten.

Diese und andere Überlegungen schieben nicht nur normativen Gattungskonzepten einen Riegel vor, sondern können auch im schulischen Literaturunterricht dem "Herunterbeten" von Gattungsmerkmalen bei der ▪ Textinterpretation entgegenwirken.

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 06.12.2019

 
 

 
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