Home
Nach oben

 

 

Parabel

Grundstruktur der Interpretation


Der Begriff Parabel stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet etwa "das eine für das andere setzen“. Nach Werner Brettschneider (1971, S.9) ist das erste und wichtigste Gattungsmerkmal der Parabel "das uneigentliche, gleichnishafte Sagen". Darunter versteht er ein Sprechen bei dem das, was gesagt bzw. ausgesprochen wird, nicht das ist, was eigentlich gemeint ist.
Diese Grundstruktur prägt die Parabel beim Erzählen. Wenn also etwas erzählt wird, und mag das noch so kurz sein, dann verweist das Erzählte stets über sich hinaus. Wer eine solche parabolische Erzählung richtig verstehen will, muss, wie Brettschneider weiter betont, das Erzählte als Beispiel aufnehmen und aus ihm das herleiten, was eigentlich gemeint ist. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einem Prozess der Übertragung vom Bildbereich (das Erzählte) in einen Sachbereich (das Gemeinte). Was jeweils im Text gemeint ist, kann von dem Autor selbst direkt ausgesprochen sein. Genauso gut kann es aber auch dem Leser/der Leserin völlig selbst überlassen bleiben. Was er/sie aus dem macht, was von ihm/ihr auf der Bildebene wahrgenommen wird, ist dabei ein konstruktiver Akt, den jeder Rezipient für sich selbst vollzieht. So entzieht sich auch die Deutung einer Parabel der Vorstellung, es gebe eine "richtige" Interpretation.

Man kann die Parabel als epische Kleinform von der Kurzgeschichte und der Allegorie, allerdings keineswegs immer trennscharf, unterscheiden. So betont Brettschneider: „Zweifellos ist die Parabel auch eine Kurzgeschichte. Dieses Element ist in allen Definitionen erhalten. Doch wird sie erst Parabel, wenn sie die erzählte Geschichte zum Fundort einer Lehre oder Einsicht oder Frage überhöht, die über den Fall ins Allgemeine hinausgreift. Ebenso darf gesagt werden, die Parabel sei eine Allegorie, insofern sie ein Abstraktes in sinnliche Gestalt kleidet und zu ihrer Deutung der Übertragung von dem einen Gebiet auf das andere bedarf. Doch ist sie von der Allegorie geschieden, da sie eine Geschichte, nicht ein Bild, ins Wort bringt.“

Die Interpretation einer Parabel muss von der Unterscheidung zwischen Bildebene (= auch Bildbereich) und Sachebene (= auch Sachbereich) als Grundstruktur ausgehen. Dabei macht man sich zu eigen, dass die Parabel "ihren Sinn nicht in der Geschichte selbst, sondern in dem was ihr Inhalt bedeutet", hat. (van Rinsum 1986b, S.14) Dieses Textmusterwissen ist eingebunden "in Zusammenhänge der kulturellen und bildungshistorischen Tradition" und  "entzieht [..] sich einem spontanen Leserzugang." (Durzak 1986, S.348) Vereinfacht ausgedrückt: Wer nicht weiß, was eine Parabel ist, nicht über ein gewisses Maß an (literarischer) und sonstiger Bildung verfügt, wird bei der Rezeption und Interpretation schnell an seine Grenzen stoßen, bzw. die Parabelstruktur eines erzählten Textes nicht auf einer abstrakteren Erkenntnisebene auflösen können.

parabel1.gif (9238 Byte)

Die Parabel richtet sich also im Allgemeinen  "an ein verstehendes bzw. wissendes Publikum" (Schrader), wobei man gut daran tut, sein Augenmerk eher auf die "historisch bedingte(n) Kommunikations- und Vermittlungsformen" (Voßkamp 1992, S.286), denn auf normative Setzungen von Textsortenmerkmalen  zu richten. Einem "kompetenten" Rezipienten allerdings ist die Parabel "nichts ohne ihre Auflösung, ohne ihren eigentlichen Sinn". (van Rinsum 1986b, S.15)
Damit ein Rezipient freilich erkennen kann, "dass mit dem Gesagten etwas anderes gemeint ist, muss in der Parabel etwas enthalten sein, was ihn darauf aufmerksam macht, dass er es auf eine gedankliche Ebene übertragen muss." (ebd., S.15). Dies kann auf verschiedene Weise, aber auch in Kombination miteinander, geschehen:

  • auf der Textebene selbst (z. B. durch den Titel, durch mehr oder weniger explizit ausgedrückte Verweisstrukturen, z.B. Vergleiche in Robert Musils Parabel, Das Fliegenpapier)
  • durch das Hintergrundwissen des Rezipienten (sein allgemeines Weltwissen, seine literarischen Erfahrungen, Vorkenntnisse und sein Textmusterwissen)

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.10.2013

     
 


   Arbeitsanregung

Erläutern Sie das Schaubild und seine Bedeutung für die Parabelinterpretation.
 

 
     
  Center-Map ] Überblick ] Merkmale ] Theorie ] Geschichte ] Textauswahl ] Bausteine ]  
     

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de