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Erzählerbericht

Showing und Telling


In der modernen Erzählforschung werden zwei verschiedene Formen des Erzählerberichtes unterschieden: 
 

Erzählerbericht i. e. S. ("Showing")

Erzählerkommentar ("Telling")

Wiedergabe zeitlicher Vorgänge

Wiedergabe zuständlicher Gegebenheiten

  • fiktionaler Bericht über Vorgänge

  • szenische Darstellung

  • Beschreibung

  • Schilderung

  • Charakterisierung

  • Kommentare

  • Erörterung allgemeiner Probleme

  • Exkurse

 

Jochen Vogt (1990) weist unter Hinweis auf Stanzel auf die Besonderheiten hin:

»Im Zusammenspiel der typisch "personalen" Erzähltechniken - Stanzel nennt das "Zurücktreten des Erzählers ..., das Vorherrschen szenischer Gestaltung, des Dialogs, der erlebten Rede und der Bewusstseinsspiegelung, und nicht zuletzt die Fixierung des point of view der Darstellung im Bewusstsein der Romangestalt" (S. 42f.) - wird die Forderung einer möglichst intensiven Illusion von "Wirklichkeit" weitgehend erfüllt. Die angelsächsische Erzähltheorie hat diese Forderung unter das Schlagwort showing (im Gegensatz zu telling) gestellt. Der Verzicht auf Erzählereinmischungen sowie die Fixierung eines Blickpunktes (oder mehrerer Blickpunkte) im Figurenbewusstsein bewirkt für die Erzählung grundsätzlich eine Einschränkung des Wahrmehmungsfeldes (und damit des Erzählbaren) nach den Gesetzen subjektiv-psychologischer Perspektivik." (Jochen Vogt (1990), S.54)

Beispiele 1:
Fricke/Zymner 1993 haben in der Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) Drama Nathan der Weise  den Wechsel von telling und showing und seine Funktion herausgearbeitet und kommen zum Ergebnis:

"Nach einem kurzen Dialog-Einschub zwischen Nathan und Saladin wird die Erzählung berichtend und raffend, mit kurzen einmischenden Erzählerkommentaren ("Wie auch wahr!", "Wie nicht minder wahr!") wieder aufgenommen. Der Richter ist die erste Figur der Erzählung, der die direkte Rede zugestanden wird. Das dominante telling der ersten Hälfte der Erzählung wird somit abgelöst  durch ein neutral gestaltetes showing. Zuvor wird eine vorbereitende Motivation ihrer erzählerischen Gestaltung szenisch präsentiert. Saladin sagt nämlich: Mich verlangt zu hören,  Was du den Richter sagen lässest. Sprich!" [...] Der Wechsel von zeitraffendem Erzählerbericht zu zeitdeckender direkter Rede, der Wechsel im Erzähltempo entspricht einem erzähl- und gleichzeitig bühnentechnischen Kalkül. Der Zweck dieses Wechsels ist es vor allem, sowohl den epischen als auch den dramatischen Fiktionsrahmen punktuell zu durchbrechen. In der Richterrede kann Lessing nämlich seine sentenzartigen Appelle unterbringen, Appelle, die weder durch die Dramenfiktion noch durch die Erzählfiktion relativiert werden, weil sie durch ihre Allgemeinheit die ästhetische Distanz zu Zuschauer und Leser aufheben. »Es eifre ein jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!« (Verse 2041f.) - das ist so ein Appell, der als doppeltes Rollensprechen, als direkte Rede des Richters in der Erzählfiktion und als Ausruf Nathans im dramatischen Haupttext rampenüberschreitend Nathans früher geäußertem Wunsch entspricht: »Möcht auch doch / Die ganze Welt uns hören.«."

(Fricke/Zymner 1993,  S.271f.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

                   
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