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Epische Texte

Was ist eine Erzählung?


Eine Erzählung ist eine erzählte Geschichte mit einer Ereignisfolge. So jedenfalls notiert im Kern Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur (1969) unter dem Stichwort Erzählung: " allg. Darstellung des Verlaufs von wirklichen oder erdachten Geschehnissen; nicht genauer zu bestimmende Form der Epik: 1. im weiteren Sinne Sammelbegriff für alle epischen Gattungen, 2. im engeren Sinne e. Gattung, die sich durch geringeren Umfang und Breite von Epos, Roman, Saga, durch weniger kunstvollen und tektonisch straffen Aufbau von der Novelle, durch Vermeidung des Unwirklichen von Sage und Märchen unterscheidet und somit alle weniger gattungshaft ausgeprägten Formen der Erzählung umfasst, gekennzeichnet durch dezentriertes, lockeres, gelegentlich verweilendes und entspannendes Entfalten des Erzählstoffes. Sie erscheint meist in Prosa, doch auch in Versen (Vers-E., z. B. des Rokoko, bes. WIELANDS) und bildet Sonderformen als Rahmen-E. und chronikalische E." Die Erzählung lässt sich dieser Auffassung nach mehr oder weniger gut, mit Hilfe der Kriterien Länge, Aufbau, Fiktionalität und durch ihre besondere Art der Gestaltung der Fabel von anderen epischen Kleinformen abheben. Wenn nicht steht Erzählung als Oberbegriff für sämtliche erzählenden Textsorten.

Eine Erzählung ist, was ein Erzähler erzählt. So oder so ähnlich sind gewöhnlich Definitionen im deutschen Sprachraum gefasst, die das, was eine Erzählung ausmacht, auf einen Erzähler beziehen.
Diese Auffassung hat eine lange Tradition und bestimmt auch die gängige, seit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) übliche normative Gattungstrias, die Einteilung in die drei Literaturgattungen Epik, Dramatik und Lyrik. Und das Epische ist dann auch das eigentlich Erzählende, das eigentliche Narrative (engl. to narrate = erzählen, berichten, schildern). Lyrik und Dramatik haben im Allgemeinen keinen Erzähler, ergo: Ein Theaterstück ist, so will es auch die Erzähltheorie von F. K. Stanzel (2001), eben keine Erzählung. Aber auch das ist heute nicht mehr unumstritten.

 

Der Ansatz der neueren Erzähltheorie

In der neueren Erzähltheorie ist man von der herkömmlichen Gattungstrias und dem darin verorteten Begriff der Erzählung abgerückt. Ausgangspunkt ist dabei die Überlegung, dass auch das Drama wie die Erzählung eine Geschichte (Fabel, histoire, story) darstellt. Friedrich Schillers (1759-1805) Drama "Maria Stuart" ist eine dramatische Gestaltung einer bestimmten Phase der Geschichte von und um die schottische Königin Maria Stuart als Gefangene ihrer Gegenspielerin Elisabeth I. von England. Und wenn man die Stoffgeschichte dieses Dramas heranzieht, wird schnell ersichtlich, dass in den unterschiedlichen Gestaltungen der Fabel auf ganz verschiedene Aspekte der Geschichte fokussiert wird. Nicht nur, dass dabei bestimmte Ereignisfolgen herausgegriffen werden, sondern auch die Akzentuierung der Charaktere fällt dabei ganz unterschiedlich aus.
Die Konsequenz aus dieser Gleichsetzung von Erzählung mit Geschichte (Fabel) ist freilich dann, dass "(...) auch Darstellungen dieser Geschichte in anderen Medien Erzählungen (sind). Im englischsprachigen Raum ist es daher nicht nur üblich, Roman und Film als narrative Gattungen zu analysieren, sondern auch Dramen, Cartoons, Ballette und Pantomimik. In den letzten Jahren wird sogar darüber debattiert, inwieweit Musik, Malerei und Lyrik sich narrativ verstehen lassen und narratologischer Perspektive zugänglich sind." (Fludernik 2006, S.13)

Nach Monika Fludernik (2006, S. 15) lässt sich der Begriff der Erzählung wie folgt definieren:
"Ein Erzählung (engl. narrative, frz. récit) ist eine Darstellung in einem sprachlichen und/oder visuellen Medium, in deren Zentrum eine oder mehrere Erzählfiguren anthropomorpher Prägung stehen, die in zeitlicher und räumlicher Hinsicht existenziell verankert sind und (zumeist) zielgerichtete Handlungen ausführen (Handlungs- oder Plotstruktur.) Wenn es sich um eine Erzählung im herkömmlichen Sinn handelt, fungiert ein Erzähler als Vermittler im verbalen Medium der Darstellung. Der Erzähltext gestaltet die erzählte Welt auf der Darstellungs- bzw. (Text-)Ebene kreativ und individualistisch um, was insbesondere durch die (Um-)Ordnung der zeitlichen Abfolge in der Präsentation und durch die Auswahl der Fokalisierung (Perspektive) geschieht. Texte, die von den Lesern als Erzählungen gelesen (bzw. im Drama und Film: erlebt) werden, sind automatisch narrative Texte; sie dokumentieren dadurch ihre Narrativität (engl. narrativity, frz. narrativité)." (Fludernik 2006, S.13)

Wesentliche konstitutive Aspekte der Erzählung stellt das nachfolgende Mind Map dar


 

Vergrößerte Ansicht des Mind Maps

                                
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