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Lessing: Nathan der Weise

Erzähltechnische Mittel

III,7: Die Ringparabel


Die wichtigsten erzähltechnischen Mittel, die Lessing bei der Gestaltung der Die Ringparabel (III,7) einsetzt, sind: 

 Fricke/Zymner (1993,  S.271f.) betonen, dass die Erzählung nach einem kurzen Dialog-Einschub zwischen Nathan und Saladin berichtend und raffend werde und mit kurzen einmischenden Erzählerkommentaren ("Wie auch wahr!", "Wie nicht minder wahr!") wieder aufgenommen werde. Dabei sei der Richter die erste Figur der Erzählung, der die direkte Rede zugestanden werde. "Das dominante telling der ersten Hälfte der Erzählung wird somit abgelöst  durch ein neutral gestaltetes showing. Zuvor wird eine vorbereitende Motivation ihrer erzählerischen Gestaltung szenisch präsentiert. Saladin sagt nämlich: »Mich verlangt zu hören,  Was du den Richter sagen lässest. Sprich!« [...] Der Wechsel von zeitraffendem Erzählerbericht zu zeitdeckender direkter Rede, der Wechsel im Erzähltempo entspricht einem erzähl- und gleichzeitig bühnentechnischen Kalkül." Der Zweck dieses Wechsels sei es vor allem, sowohl den epischen als auch den dramatischen Fiktionsrahmen punktuell zu durchbrechen. In der Richterrede könne Lessing nämlich seine sentenzartigen Appelle unterbringen, Appelle, die weder durch die Dramenfiktion noch durch die Erzählfiktion relativiert würden, weil sie durch ihre Allgemeinheit die ästhetische Distanz zu Zuschauer und Leser aufhöben. "»Es eifre ein jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!« (Verse 2041f.) - das ist so ein Appell, der als doppeltes Rollensprechen, als direkte Rede des Richters in der Erzählfiktion und als Ausruf Nathans im dramatischen Haupttext rampenüberschreitend Nathans früher geäußertem Wunsch entspricht: »Möcht auch doch / Die ganze Welt uns hören.«
Zugleich signalisiert Saladins Aufforderung, Nathan möge nun die Worte des Richters mitteilen, dramenintern eine Wendung in der Beziehung zwischen Nathan und Saladin (und damit eine implizite Figurencharakterisierung beider). Diese Wendung wird schon vorher angedeutet, wenn Nathan nach dem Zwischendialog zu Saladin sagt: »Lass' auf unsre Ring / Uns wieder kommen.« (Vers 1992) Die anfängliche zurückhaltende Skepsis auf beiden Seiten, so deutet die Formulierung »unsre Ring« an, weicht hier einvernehmlicher Freundlichkeit."

  • Zeitgestaltung

    • story und plot verlaufen unter dem Aspekt der Abfolge der Handlungselemente parallel

    • erzählte Zeit: unbestimmter, wahrscheinlich Jahrhunderte umfassender Zeitraum, Erzählzeit: wenige Minuten

    • iterative Raffung: »So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn« (Aspekt: einmalige Darstellung eines sich mehrfach wiederholenden Vorgangs, V 1929

    • durative Raffung: »Was Wunder, / dass ihn der Mann im Osten darum nie / vom Finger ließ«, V 1917

    • Sprungraffung: »So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn« (Aspekt: Aufreihung von Vorgängen und Gegebenheiten in Richtung der erzählten Zeit in zeitausgreifender Form wie "Ich kam, sah und siegte (veni, vidi, vici), V 1929

    • zeitdeckendes Erzählen bei direkter Rede des Richters

    • Zeitformen des Erzählens

      • episches Präteritum bis »Allein / Es kam zum Sterben «, V 1940

      • historisches Präsens: »...und der gute Vater / Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn ..«, V 1941, dadurch Annäherung auch an zeitdeckendes Erzählen
         

  • Figurengestaltung

    • begrenztes Figurenarsenal

    • explizite Figurencharakterisierung durch die Erzählinstanz (Nathan)

    • Figurenkonstellation / Figurenkonzeption 

      • handelnde Figuren:
        »Mann im Osten«, V 1911 - »Vater« der drei Söhne, V 1930- seine drei Söhne, der Künstler, V 1945, der Richter, V 1994

      • technische Figuren:
        Figuren oder Figurenskizzen, die nur punktuell am Rande der Erzählung aus erzähltechnischen Gründen auftauchen
        »So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn« (iterative Raffung), V 1929: soll Anfang einer langen Reihe von Erben signalisieren; »aus lieber Hand« (Metonymie), V 1913: soll erklären, warum die Familie in den Besitz des Rings gelangt ist

 (vgl. Fricke/Zymner 1993, S. 267-270)

     


   Arbeitsanregungen:

  1. Fassen Sie die die verschiedenen Funktionen des Wechsels vom telling zum showing in Form einer übersichtlichen Diagrammdarstellung zusammen.

  2. Inwiefern stellt der Wechsel einen Wendepunkt in der Kommunikation zwischen Nathan und Saladin während ihres Gesprächs dar?
     

     
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