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Schreibstrategien

Schreiben in einem Zug

Pensée parlée - Nicht-Zerleger


Das Schreiben in einem Zug ist nach Ortner (2000, S. 360ff.) von einer Reihe von Merkmalen gekennzeichnet, von denen einige hier aufgegriffen werden. Es ist "eine Strategie und wie alle Strategien eine List, um Zugang zu möglichst großen Wissensräumen und eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung in ihnen zu zu bekommen." (ebd., S.367)
In der Schreibdidaktik erfreut sich das "Einfach-Drauflosschreiben", Ortner (ebd., S.374) nennt es in diesem Zusammenhang auch "Sofortschreiben" (ebd.) "in reiner oder gepanschter Form" großer Beliebtheit: Es hat wohl wegen seiner "Nutzung der freien - schweifenden - Assoziation als entscheidende Ressource" (ebd.,S.375, Hervorh. d. Verf.)  "einen Appeal von Befreiung und ist daher", wie Ortner (2000, S. 374) ironisch formuliert, "für Befreiungstheologen auf Didaktiklehrstühlen und in Klassenzimmern attraktiv." (ebd.) Neben diesen eher ideologisch zu nennenden Gründen für die Attraktivität des Schreibens in einem Zug sieht Ortner aber auch entwicklungsbezogene Gründe für diese Schreibstrategie. Denn Kinder schrieben lange wie nach dem von den Surrealisten propagierten →automatischen Schreiben und entwickelten erst zwischen dem neunten und dreizehnten Lebensjahr eine Strategieänderung von additiv-linearen zu analytisch-integrativen Verfahren. (vgl. auch Ludwig 1994, S.20) So wundert es nicht, dass das Schreiben in einem Zug auch als Übungsform in der Schule "in ganz reiner Form" nur selten zum Einsatz kommt, zumal es, wie auch Ortner konzediert, "oft nicht sinnvoll (ist), auf den guten Stern der leitenden Perspektive, auf diese Hauptressource der Strukturierung, zu verzichten."  (ebd., S.378) Diese kennzeichnet das →Text-zu-einer-Idee-Schreiben, das immer noch große Ähnlichkeit mit dem Schreiben in einem Zug hat, nur seinem Hauptcharakteristikum nach eben nicht mehr als lupenreines Spontanschreiben oder Aus-dem-Bauch-Schreiben angesehen werden kann.
Das Schreiben in einem Zug eignet sich vor allem, wenn man beim Schreiben Schwierigkeiten mit dem Formulieren hat, die sich bis zu ernsthaften →Schreibstörungen oder Schreibblockaden entwickeln. Mit kleineren Übungen des Freewritings kann man sich die Vorteile dieser Schreibstrategie zunutze machen. (vgl. Pospiech 2000, S.44) (→Andere Schreibstrategien ausprobieren)
In der Schule kann es dazu "als Vorlaufphase für themenbezogenes Schreiben nützlich sein" (Keseling 2004,S.161 unter Verweis auf Hornung 1995, 2002).

Der schnelle und nur wenig Zeit dauernde Schreibprozess wird beim Schreiben in einem Zug von der Motorik der Schreibhandlung rhythmisiert. Dabei zielt die Schreibhandlung nicht auf ein bestimmtes Ergebnis oder ein bestimmtes Muster, sondern endet in einer Ad hoc-Gestaltung, die auf einer kontinuierlichen und schnellen Textproduktion beruht.
Das Schreiben in einem Zug bildet so ein additives Nebeneinander ab, bei dem sich Produktionslogik und Präsentationslogik decken. Am Ende ergibt sich daraus eine Textstruktur als Ergebnis und eine Abbildung des Schreibprozesses selbst.
Die Konzeptbildung erfolgt beim Schreiben in einem Zug während des Schreibens selbst. Schreiberinnen und Schreiber, die ohne vorher entwickeltes Konzept loslegen, sind Frühstarter, die den Schreibprozess unter Umständen als "äußerst lustvoll" erleben. (vgl. Keseling 2004, S. 60). So lange der "Flow" anhält, gerät ein Schreiber daher nicht unbedingt in Schreibschwierigkeiten. Bricht der Ideenfluss allerdings ab, können sich ernsthafte →Konzeptbildungsprobleme ergeben, die u. U. den weiteren Fortgang des Schreibens blockieren.

Ohne Vorüberlegungen und (Vor-)Strukturierungen geht das "Einfach-Drauflosschreiben" quasi in einem einspurigen Vorwärtsgang ohne Rekursivität voran. Dabei ist die Grundhaltung des Schreibens in einem Zug durchaus explorativ, d. h. es werden im Schreiben Zugänge zu vorhandenen Wissensbeständen gesucht. Im Schreiben sollen diese Wissensbestände aktiviert werden. Wie die Konzeptbildung während des Schreibens genau funktioniert, bedarf sicher noch weiterer Forschung. Wahrscheinlich scheint indessen zu sein, dass wohl auch diejenigen, die keine Vorabplanungen durchführen, vor dem Schreiben doch "eine grobe Linie" festlegen. Diese stellt eine Art "Suchverfahren" dar, das man beim Schreiben im Kopf hat und einem ermöglicht, "sich wichtige Informationen erst während des Schreibens zu beschaffen". (Keseling 2004, S.302 unter Verweis auf Wrobel 1995). Um diese Suchprozesse in Gang zu setzen und zu steuern, könnte sich ein Drauflosschreiber so genannter "Konzeptetiketten" (ebd. S.303) bedienen, die sich auf zu schreibende Textteile und den abzuhandelnden Gegenstand selbst beziehen. "Sie machen," so Keseling weiter, " diesen verfügbar, indem sie wichtige Eigenschaften oder Aspekte desselben festlegen."
Da das Schreiben und Denken beim Schreiben in einem Zug ähnlich wie beim Sprechen als identisch empfunden wird, bricht der Schreibprozess auch ab, sobald die Assoziationsprozesse ins Stocken geraten. So ergibt sich das Ende eines Textes "nicht so sehr aus text- oder wissensstrukturellen Notwendigkeiten als vielmehr aus der Erschöpfung der assoziativen Ressourcen." (Ortner 2000, S. 363)
Beim Schreiben in einem Zug wird neben dem allgemeinen Weltwissen, vor allem das so genannte synkretistische Wissen genutzt, ein gewissermaßen dumpfes intuitives Wissen, das im Zuge freier Assoziation erschlossen werden kann. "Das Schreiben im Stil der pensée parlée will eine Expedition ohne Kompass durch die Räume des Wissens sein, d. h. ohne leitende Idee, ohne Arbeitstitel oder Gliederung, ohne Zwischen- oder Vorgestalten. Es soll kein Pingpong geben, nur ein Vorwärtsschreiben ohne Unterbrechung. Das Geschriebene ist keine dialektische Ausarbeitung, sondern nur die Fahrspur dieser Bewegung. Und trotzdem wird die Sprache bei dieser Schreibverhaltensform als Medium für und als Motor 'hinter' dem Schreiben erlebt. Dieser Motor darf nicht ins Stottern kommen." (Ortner 2000, S. 362)
Das Schreiben in einem Zug bevorzugt das laterale gegenüber dem strukturierenden Denken. Es entnimmt "Wissen portionenweise und vorhandenen Strukturierungen folgend aus den Wissensnetzen (...), Portion für Portion nach dem Prinzip der (fast) freien Assoziation vorwärtsstrebend" (ebd., S.363). Dieses laterale Denken und Schreiben ist "linear-vorwärtsstrebend, nicht iterativ und nicht rekursiv, d. h.: 'nicht wiederholend und wieder aufnehmend'. Gesucht werden anschlussfähige Fortsetzungen - wobei vor allem das zuletzt Geschriebene zum Stimulus für die Suche wird. (Ganz anders ist es beim umstrukturierenden Denken. Da steuert nicht ein Element die Suche nach einer anschlussfähigen Einheit, sondern alle in Frage kommenden Elemente müssen verfügbar gemacht und kopräsent gehalten werden, damit eine sie einbeziehende und eine sie überdachende Struktur gefunden werden kann."
Wer einfach drauflosschreibt, möchte ein Flow-Erlebnis erreichen, will sich "Fort-Tragen-Lassen" von seiner intrinsischen Motivation, den Schreibprozess aufrechtzuerhalten. Beim Schreiben in einem Zug erscheint einem das eigene Tun glatt und flüssig, wenn es ohne Unterbrechungen stattfinden kann. Man konzentriert sich wie von selbst, vergisst die Zeit, geht bei gleichzeitigem Verlust von Reflexivität und Selbstbewusstheit vollständig im Schreiben auf, erlebt sich in einem Zustand der Bewusstseinsenthobenheit, sieht sich selbst in einer besonders ausgeprägten Weise selbstverwirklicht und hat dabei das Gefühl über ausreichend Können zur Bewältigung der Aufgabe zu verfügen. (vgl. ebd., S.368f.)
Die Aufmerksamkeit und Aktivität des Schreibers richtet sich bei dieser Schreibstrategie eigentlich nie auf das (Text-)Ganze, sondern nur auf den jeweils zur Ausführung gelangenden Textteil. Die eine Gesamtperspektive darstellende Idee wie beim "Einen-Text-zu-einer-Idee-Schreiben" gibt es also nicht.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

                 
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