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Schreibschwierigkeiten und Schreibblockaden

Typen von Schreibstörungen


Schreiben ist ein vielschichtiger Prozess, bei dem vielfältige kognitive Operationen und psychomotorische Fähigkeiten ins Spiel kommen. So ist es zunächst einmal auch nichts Außergewöhnliches, wenn man beim Schreiben eines Textes irgendwann oder auch mehrfach ins Stocken gerät. Etwas Besonderes ist es also nicht, wenn man Schreibschwierigkeiten hat.
Wer als Schreiber/-in keine Möglichkeiten mehr sieht, wie er sich aus einer solchen Blockade befreien kann, erlebt Schreiben als einen quälenden Prozess. Zugleich neigen schreibblockierte Autoren immer wieder dazu, "die Ursachen ihrer Störung überwiegend in persönlichem Versagen oder Unfähigkeit zu sehen, die anderen Zusammenhänge aber zu übersehen." (Keseling 2004, S.69)
Für Gisbert Keseling (2004) sind Schreibstörungen wie bei →Mike Rose (1984/2009) ebenfalls kognitive Störungen, die meist auf ineffektive Schreibstrategien zurückzuführen sind. Um sie zu beheben, müssten ineffektive durch effektivere Schreibstrategien ersetzt werden. Dabei sieht er allerdings auch, dass "die psychische Komponente, wie immer sie im Einzelnen beschafften sein könnte, bei den meisten Schreibstörungen eine nicht zu unterschätzende Rolle (spielt)", auch wenn sie "so gut wie nie deren alleinige Ursache" darstellt. (Keseling 2004, S.45)

Kognitive Schreibstörungen incl. Schreibblockaden bestehen nach Ansicht von Keseling (2004) "aus mindestens vier voneinander unterscheidbaren Teilen (...): Den bobachtbaren Symptomen, einem häufig schwer definierbaren Gefühl von Unbehagen, Unzufriedenheit, Ärger oder Frust und den damit meistens verbundenen negativen Gedanken (...), einem neuralgischen Punkt, oder einer Schwierigkeit, bei der der Abbruch etc. erfolgt und dem Fehlverhalten, mit Unterlassungen auf der einen Seite und ineffektiven Aktivitäten auf der anderen Seite." (ebd., S.62)

Schreibstörungen lassen sich nach Keseling in 2 Hauptgruppen einteilen, denen sich insgesamt fünf verschiedene Blockadetypen zuordnen lassen, die aber auch als Mischtypen auftreten können. Zur Verdeutlichung werden die Blockadetypen hier noch einmal mit ihrem wesentlichen Merkmal bezeichnet:

Störungen beim Planen

Störungen beim Formulieren

Konzeptbildungsprobleme beim frühzeitigen Starten

  • Der schreibblockierte Frühstarter

Unstimmige Konzepte, die mit spätem Starten verbunden sind

  • Der schreibblockierte Spätstarter

Probleme beim Zusammenfassen

  • Der schreibblockierte Zusammenfasser

Probleme mit dem inneren Adressaten

  • Der schreibblockierte Überkritische
 

Der nicht verfügbare Adressat

  • Der schreibblockierte anerkennungsabhängige Schreiber

Konzeptbildungsprobleme beim frühzeitigen Starten

Wer frühzeitig mit dem Schreiben loslegt, verlässt sich im Allgemeinen darauf, dass ihm die wichtigsten Einfälle noch beim Formulieren kommen. Viele von ihnen erleben das Schreiben  auch "äußerst lustvoll" und erhalten in der Schule für ihre Aufsätze durchaus gute Noten. (vgl. Keseling 2004, S. 60) Frühstarter, die dazu neigen, bei einer Schreibaufgabe nicht lange zu warten, sondern einfach loszulegen, müssen mit diesem Vorgehen nicht unbedingt Probleme bekommen. So gibt es durchaus Schreiberinnen und Schreiber, denen die besten Ideen beim Schreiben selbst einfallen. Schwierig wird eine solche Vorgehensweise freilich dann, wenn es dem Schreiber/der Schreiberin dabei nicht gelingt, den Text so zu strukturieren, dass ein roter Faden sichtbar ist. Genauso zum Problem kann es werden, wenn man mit großem Elan und in besonderem Maße inspiriert, mit dem Schreiben beginnt, dann aber ins Stocken gerät. Dies kann offenbar ganz unterschiedliche Gründe haben: Unzufriedenheit mit dem geschriebenen Text, Minderwertigkeitsgefühle, negative Gedanken oder auch schlechte Noten. (vgl. ebd.)  Meistens ist es dann keine besonders gute Idee einfach darauf zu warten, bis man wieder ähnlich inspiriert weiterschreiben kann.
Kommt es zu solchen Schreibstörungen beim Planen, dann besteht im Allgemeinen ein "Kausalzusammenhang" zwischen "dem anfänglichen →Drauflosschreiben mit offenem Konzept" und "einer danach auftretenden Unzufriedenheit mit dem Geschriebenen" (ebd., S.61), das nicht nur die negativen Gedanken nach sich ziehen kann, sondern auch den vollständigen Abbruch der Schreibtätigkeit.

Der schreibblockierte Frühstarter

  • kann gewöhnlich ohne Probleme schriftlich formulieren

  • ist nur solange schreibmotiviert, solange ihm im Schreibfluss die Formulierungen leicht von der Hand gehen

  • überprüft und überarbeitet, solange ihm immer wieder Neues einfällt, das Geschriebene kaum

  • liest beim Auftreten einer Störung seines Schreibflusses seinen Text oder einzelne Passagen, um damit wieder auf neue Ideen zu kommen; ändert aber Mängel, die ihm auffallen in der Regel nicht

  • bevorzugt auch nach Feststellung von Mängeln das Weiterschreiben anstelle des Überarbeitens

  • kann logische Brüche, die in seinen Texten vergleichsweise häufig vorkommen nicht oder erst sehr spät erkennen

(vgl. Keseling (2004) nach Girgensohn/Sennewald 2012, S.47)

Das Fehlverhalten, das Frühstarter zeigen, liegt oft darin, dass sie trotz der auftretenden Symptome und Unzufriedenheitsgefühlen einfach weiterschreiben und dabei kein konsistentes und kohärentes Schreikonzept entwickeln. Dabei gibt es durchaus auch die Möglichkeit, "eine sogenannte Struktur auch während des Schreibens" auszubilden. So kann man eine solche Struktur auch dadurch allmählich herausbilden, das man, "oft verbunden mit konzeptuellen Änderungen und Schreiben mehrerer Textfassungen", ein Konzept entwickelt. (Keseling 2004, S.62) Frühstarter, die von ihrer Schreibeuphorie bis zum Auftreten von Schreibschwierigkeiten davongetragen werden, sollten daher Schreiberfahrungen machen, die ihnen zeigen, "dass es Produktionsphasen gibt und geben muss, in denen es langsam vorangeht und bei denen die vorübergehende Unzufriedenheit dazugehört." (ebd., S.68) Dabei ist eine solche "normale" Unzufriedenheit eben noch längst keine Schreibblockade, sondern das Anerkennen einer von Frühstarten oft "lange verleugnete Erfahrung (...), dass Schreiben eine schwere und häufig auch frustrierende Arbeit ist." (ebd., S.69)
Frühstartern wird als Gegenstrategie empfohlen, vor dem Beginn des Schreibens Gliederungen zu erstellen und während des Schreibens immer wieder Planungspausen einzulegen, um selbst Feingliederungen für einzelne Kapitel bzw. Abschnitte zu erstellen. Einige Schreiber können indessen mit solchen Gliederungen wenig anfangen. In solchen Fällen sollten sie zum Sprechen über den Text angehalten werden, bei dem sie sich noch nicht wie bei Gliederungen auf eine bestimmte Reihenfolge der Punkte festlegen müssen. (vgl. ebd., S.66f., 69) Dies lässt sich kooperativen Schreibprozessen wie z. B. Schreibkonferenzen u. ä. mit dem charakteristischen Peer-Feedback besonders gut organisieren.

Probleme beim Zusammenfassen

Immer wieder treten auch Schreibstörungen auf, die mit dem Zusammenfassen von Texten zu tun haben. In der Schule betrifft dies sämtliche Formen der Textwiedergabe (Inhaltswiedergabe, Inhaltszusammenfassung). (→Operator Zusammenfassen) Und an der Universität melden sich angesichts der Defizite, die Studierende beim Zusammenfassen wissenschaftlicher Texte haben, Stimmen mit der Forderung zu Wort, dass das Zusammenfassen fremder Texte gar nicht oft genug geübt werden und möglichst in allen Unterrichtsfächern geübt werden solle. (vgl. Keseling 2004, S.308)

SchreiberInnen, die Probleme beim Zusammenfassen von Texten haben, zeigen im Allgemeinen einen "zu großen Respekt vor dem Wortlaut des fremden Textes" und offenbaren "zu geringe(s) Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, fremde Texte zu rezipieren und zu verstehen." (Keseling 2006, S.211, zit. n. Girgensohn/Sennewald 2012, S.47) Unter diesen Voraussetzungen kann man mit Textzusammenfassungen bestenfalls, einen Text überzeugend paraphrasieren, neigt aber beim Zusammenfassen dazu, viel zu viel wörtlich oder sinngemäß zu exzerpieren. Wenn es dann zur Schreibblockade kommt, gehen ihr "in der Regel eine Kette von nicht geglückten Teilhandlungen voraus" (Keseling 2004, S.31). Das beginnt oft schon bei dem Versuch, den Text zu erfassen. Statt sich z.B. in Form des kursorischen Lesens um das Erfassen größerer Textzusammenhänge zu bemühen, wird schon beim ersten Lektüredurchgang das intensive Lesen praktiziert, bei dem man sich an Details festlesen kann. Und nicht nur das: Der dadurch erheblich verlangsamte Texterfassungsprozess wird dazu noch aufgrund von Ängsten und Unsicherheiten, aber auch aufgrund von falschen Annahmen über die bestmögliche Organisation des Texterfassungsprozesses noch zusätzlich langsamer gemacht mit allen Folgen wie Zeitdruck und ähnlichem. Denn statt den Text mehrfach zu lesen - man glaubt dann allen Ernstes dies sei die eigentliche Zeitverschwendung! - werden schon beim ersten Lesen eines Primärtextes, aus Angst, Wesentliches zu übersehen, viel zu viel und dazu noch ganze Sätze oder längere Textpassagen angestrichen oder markiert. Oft setzt sich dies fort  in einem Verfahren, bei dem Schreiberinnen und Schreiber sich beim Lesen eine Unmenge von Notizen machen und eine besonders große Anzahl von Textstellen wörtlich oder sinngemäß exzerpieren. Oft gelingt es diesen Schreibern dann nicht mehr, ihre Zitatensammlung zu einem kohärenten Text zusammenzufügen. (vgl. ebd., S.96ff.)

Der schreibblockierte Zusammenfasser

  • nimmt den Sinn des jeweils rezipierten Textes nicht zur Kenntnis

  • zerlegt den Sinn des Textes in viele verschiedene "Einzelsinne"

  • verliert den Sinn des rezipierten Textes damit aus den Augen 

(vgl. Keseling (2004) nach Girgensohn/Sennewald 2012, S.47f.

Als Gegenstrategie muss zunächst das Leseverhalten geändert werden. Dabei muss ein zu solchen Schreibstörungen neigende Schreiber, durch eigene Erfahrungen das Vertrauen gewinnen, dass er auch bei gezieltem und selektivem Lesen noch immer das Wesentliche eines Textes erfassen kann. Zugleich soll er/sie merken, dass die Texterfassung dann auch noch schneller als mit dem vorher gezeigten Fehlverhalten von statten geht, das im Kern darin besteht, "dass sich die Aufmerksamkeit der AutorInnen zu sehr und zu lange auf den gerade gelesenen Text richtet und das dadurch die Zusammenfassung bzw. die Bildung von Essentials oder die Bildung eines Konzepts für den eigenen Text versäumt oder beeinträchtigt wird." (Keseling 2004, S.101). Wenn also der Primärtext zu sehr im Vordergrund steht, muss man Wege gehen, um dies zu vermeiden. So kann man sich angewöhnen, die erste Textzusammenfassung  den währenddessen gänzlich beiseite gelegten Primärtext zu schreiben. In teilweise kooperativen Schreibprozessen kooperativen Schreibprozessen wie z. B. Schreibkonferenzen u. ä. kann man anderen Schreibgruppenmitglieder in einem konversationellen Verfahren sagen, wie man den Text verstanden hat. Wer zuviel herausschreibt, sollte einfach einmal versuchen, die Zitate wegzulassen und sich allein auf den Gedankengang des Primärtextes konzentrieren und die wörtlichen oder singgemäßen Zitate erst in einem zweiten Arbeitsgang hinzufügen. Erst denken, dann schreiben ist hier wohl die Devise, um den Fokus auf die eigene Planung des Schreibens und die →Vorab-Konzeptbildung zu legen. (vgl. ebd., S.99f.)

Unstimmige Konzepte, die mit spätem Starten verbunden sind

Ganz anders als bei den schreibblockierten Frühstartern verhält es sich bei den Spätstartern, die es einfach nicht schaffen, mit dem eigentlichen Schreiben zu beginnen. Wenn sie es schließlich tun, geraten sie meistens unter einen enormen Stress und Zeitdruck. Schreibblockierte diesen Typs überlegen, recherchieren und arbeiten ihr Material besonders gründlich durch, wissen aber meistens nicht so recht, wohin sie ihr Weg eigentlich führen soll. Es gelingt ihnen daher meistens nicht, sich eine allgemeine Schreibaufgabe mit der Formulierung von konkreten Schreibzielen anzueignen. Es fehlt ihnen schlicht "ein stimmiges Konzept, eine Struktur, an der sie sich orientieren können." (Girgensohn/Sennewald 2012, S.48)
Für Schreibblockaden dieser Art lassen sich im Anschluss an Keseling drei Varianten ausmachen:

Der schreibblockierte Spätstarter

  • kommt in der Regel nur sehr langsam voran

  • "verzettelt" sich in zahlreichen Gliederungen und Konzepten

  • kann das Thema nicht eingrenzen und will möglichst "alles" unterbringen

Probleme mit dem inneren Adressaten

Auch wenn man beim Schreiben nicht immer einen konkreten Adressaten für den abzufassenden Text hat, haben viele Schreiber doch eine innere Vorstellung von ihren möglichen künftigen Lesern. Die Verinnerlichung einer solchen, nicht unbedingt an konkrete Personen gebundenen Vorstellung, kann man auch als den inneren Adressaten bezeichnen. Wenn das Bild, das man sich von diesem inneren Adressaten macht, zum inneren Zensor wird, kann der Schreibfluss zum Stocken kommen. Als innere Stimme kann er sich dann zu Wort melden und seine anhaltende Unzufriedenheit mit dem äußern, was man gerade niederschreibt. Wer so überkritisch mit sich umgeht, traut sich bald keinen Satz mehr zu.

Der schreibblockierte Überkritische

  • fängt meistens erst spät mit dem Schreiben an

  • unterbricht sein Schreiben immer wieder mit Pausen

  • lässt keinen Schreibfluss aufkommen

  • vergleicht sich oft mit angeblich erfolgreicheren Schreibern

  • überarbeitet seinen Text immer wieder beim Schreiben und hemmt damit den eigenen Schreibfluss (→Texte überarbeiten)

  • hat im Kopf, was er schreiben will, findet aber keine Formulierungen, die ihn zufriedenstellen

  • erlebt das Schreiben meistens als quälend und hat daran keine Freude

Der nicht verfügbare Adressat

Schreibblockaden können sich auch bei Schreibern einstellen, die eigentlich flüssig schreiben können, wenn sie annehmen, dass sich niemand für ihr Schreiben wirklich interessiert. Ohne verfügbaren inneren oder äußeren Adressaten kommen sie beim Schreiben nicht voran. Allein und auf sich gestellt können sie sich kaum durchringen, etwas zu formulieren. Sie benötigen sehr viel mehr als andere die unmittelbare Rückmeldung (Feedback), brauchen Lob und Anerkennung, um mit dem Scheiben beginnen und es fortsetzen zu können. Am besten gelingt ihnen das, wenn sie sich im Rahmen kooperativ angelegter Schreibprozesse mit anderen über ihr Schreiben austauschen können. Die Ursache für solche Schreibblockaden können darin liegen, dass die Schreiber/-innen von ihren Eltern und ihrem näheren und weiteren sozialen Umfeld wenig Anerkennung für Leistungen erhalten haben und sich daher ohne Lob und Anerkennung wenig zutrauen bzw. sich auch kaum motivieren können.

Der schreibblockierte anerkennungsabhängige Schreiber

  • startet im Allgemeinen spät mit dem Schreiben

  • kann in kooperativen Schreibprozessen (z. B. Schreibgruppen jeder Art, Schreibkonferenzen) gut schreiben, kommt aber alleine nicht zurecht

(vgl. Keseling (2004) nach Girgensohn/Sennewald 2012, S.47f.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

                 
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