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Schreibschwierigkeiten und Schreibblockaden

Überblick


Schreiben ist ein vielschichtiger Prozess, bei dem vielfältige kognitive Operationen und psychomotorische Fähigkeiten ins Spiel kommen. So ist es zunächst einmal auch nichts Außergewöhnliches, wenn man beim Schreiben eines Textes irgendwann oder auch mehrfach ins Stocken gerät. Etwas Besonderes ist es also nicht, wenn man Schreibschwierigkeiten hat.
Es gehört freilich zur allgemeinen →Schreibkompetenz, dass man im Rahmen der erforderlichen →Zielsetzungskompetenz Gefühle kontrollieren und kanalisieren kann. So sollte es einem gelingen, störende Emotionen wie Unlustgefühle zu bearbeiten und ggf. zurückzudrängen, wenn das erforderlich ist. Aber das ist eben nicht immer so einfach und gelingt eben nicht jedem und schon gar nicht auf gleiche Art und Weise.
Problematisch wird es für die Betroffenen allerdings, wenn der Schreibfluss gänzlich verlorengeht, man es überhaupt nicht schafft, mit dem Schreiben anzufangen und das Schreiben eine Psychodynamik schafft, die einen ängstigt und blockiert. Man spricht In einem solchen Fall nach Rose (1984/2009, S. 4ff., zit. n. Girgensohn/Sennewald 2012, S.119) von Schreibblockaden, wenn man über einen längeren Zeitraum nicht mit dem Schreiben beginnen oder es fortsetzen kann, ohne dass man mit geeigneten Gegenstrategien damit umgehen kann. Das macht die Schreibkompetenz im Umgang mit Schreibschwierigkeiten aus. Wer als Schreiber/-in keine Möglichkeiten mehr sieht, wie er sich aus einer solchen Blockade befreien kann, erlebt Schreiben als einen quälenden Prozess. Zugleich neigen schreibblockierte Autoren immer wieder dazu, "die Ursachen ihrer Störung überwiegend in persönlichem Versagen oder Unfähigkeit zu sehen, die anderen Zusammenhänge aber zu übersehen." (Keseling 2004, S.69)

Schreiben ist auf zahlreichen Gebieten anfällig für Störungen. Wenn es mit dem Schreiben nicht so recht klappt, werden gerne Alltagstheorien zur Schreibentwicklung herangezogen. Mit Äußerungen wie "Man kann es oder kann es eben nicht" (= Genie-Hypothese) wird dabei nicht selten die Unfähigkeit kaschiert, mit dem Schreiben anzufangen oder einen begonnenen Schreibprozess fortzuführen. Sicherlich können solche Schreibblockaden auch auf psychische und/oder emotionale Störungen hinweisen, die oft erst mit psychotherapeutischer Beratung überwunden werden können. Trotzdem gibt es auch Schreibblockaden, die weder dadurch, noch durch mangelnde Schreibfähigkeiten im engeren Sinne oder einfach zu geringe Schreibmotivation zu erklären sind.
Ihre Ursachen können auch in kognitiven Störungen liefen, die während des Schreibprozesses auftreten. Dabei lassen sich auf der Grundlage der empirischen Forschungen von Mike Rose (1984/2009, S. 4ff., zit. n. Girgensohn/Sennewald 2012, S.43f.) sechs verschiedene Ursachen von Schreibblockaden unterscheiden.

  • Zu starre, unangemessene und falsche Anwendung von Regeln während des Schreibprozesses
    sprachliche, formale oder prozessbezogene Schreibanweisungen werden ohne Anpassungen an eigene Schreiberfahrungen und -strategien befolgt; so ist nicht verwunderlich, wenn ein Schreiber, der dazu neigt, seine Ausführungen immer in Form knapper Hauptsätze zu machen, schon beim ersten Textentwurf die stilistische Aufforderung variabler Satzlängen umsetzen will, beim Schreiben ins Stocken gerät

  • Nicht haltbare Alltagshypothesen über das Schreiben stehen dem Anfangen oder Fortsetzen des Schreibens im Wege
    z. B. das Warten auf den das Schreiben inspirierenden Moment

  • Zu frühzeitige Überarbeitung des Textes im Schreibprozess
    Der Text wird in einem meist sequenziell verlaufenden Überarbeitungsprozess fortlaufend den unterschiedlichsten Revisionshandlungen in den verschiedenen Revisionsklassen (Nachträge, Korrekturen, Verbesserungen, Umsetzungen, Neufassungen) unterzogen; dies kann zur Folge haben, dass der Überblick über das Textganze und unter Umständen der rote Faden verloren geht.

  • Geeignete Planungs- und Argumentationsstrategien fehlen oder werden vorhandene werden nicht flexibel genug gehandhabt
    Bestimmte Schreibaufgaben lassen sich ohne das dafür nötige deklarative und prozedurale Wissen nicht lösen; wer z. B. nicht weiß, was das Wesentliche eines Textinhaltes ausmachen kann und wie man es "ermittelt", wird an schulischen Schreibaufgaben zur Inhaltsangabe mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern

  • Widersprüchliche Regeln, Vorannahmen und Planungsstrategien werden befolgt
    Ein schematisches Befolgen stilistischer Regeln kann z. B. für das wissenschaftspropädeutische Schreiben in der Schule dazu führen, dass der Schreibfluss immer wieder stockt. Das kann passieren, wenn ein Schreiber die Aufforderung, sowohl "Ich-Formen" als auch das Passiv zu vermeiden, gleichzeitig umsetzen will. Wenn ein Schreiber in einem solchen Fall nicht über die gebotene →Formulierungskompetenz verfügt, die ihm einen flexiblen Umgang mit den stilistischen Vorgaben ermöglicht, steht er vor größeren Problemen.

  • Unzutreffende Beurteilung des eigenen Schreibens mit unpassenden oder falsch verstandenen Kriterien
    Bisher gemachte Schreiberfahrungen, internalisierte Beurteilungen der Texte durch Dritte im positiven wie negativen Sinne können zu unangemessenen Ansprüchen an das eigene Schreiben führen und damit den Schreibprozess blockieren.

Auch Rose sieht, zumindest in seinen späteren Schriften, dass beim Schreiben im Allgemeinen und bei Schreibblockaden nicht nur kognitive Prozesse im Spiel sind, sondern dass stets emotionale und soziale Aspekte dabei von Bedeutung sind. Dabei können seiner Auffassung nach auch Dominanzen auftreten. So werden Unlustgefühle, Schreibängste u. U. auch das Ergebnis des Schreibprozesses negativ beeinflussen, "z. B. durch einen nervösen oder langweiligen Stil, die Unfähigkeit, etwas zu Papier zu bringen oder Prokrastinationsverhalten (Aufschubverhalten) in extremem Maße." (Girgensohn/Sennewald 2012, S.45) Dabei können, wie Girgensohn/Sennewald im Anschluss an Rose betonen, solche Reaktionen genauso gut persönlichkeitsbedingt sein wie von der Schreibsituation (Umgebung, Schreibaufgabe, Thema) abhängen.

Für Gisbert Keseling (2004) sind Schreibstörungen ebenfalls kognitive Störungen, die meist auf ineffektive Schreibstrategien zurückzuführen sind. Dabei betont er, dass Schreibschwierigkeiten und Schreibblockaden zweierlei sei und erstere meistens den Ausgangspunkt der letzteren darstellen. (vgl. ebd. S.19) Die Untersuchungen und Erfahrungen, die Keseling mit Studierenden im Zusammenhang mit Semester- oder Abschlussarbeiten machte, lässt ihn von fünf  unterschiedlichen →Typen von Schreibblockaden ausgehen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

                 
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