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Schreibstrategien

Strategien und Strategietypen

Schreibstrategien nach Keseling (2004)


Für den Linguisten Gisbert Keseling (2004, S. 169) steht die Konzeptbildung, also die Frage, wie zusammenhängende Texte beim Schreiben entstehen, im Zentrum seiner Überlegungen zu Schreibstrategien. Von grundlegendem Interesse sind für ihn dabei die folgenden Fragen: "Mit Hilfe welcher Strategien produzieren Schreiber einen zusammenhängenden Text oder Textteil? Bilden sie dabei so etwas wie ein Konzept, machen sie sich also einen Plan, in dem sie unter anderem festlegen, was ihr Text ungefähr enthalten soll und welche Aktivitäten dabei voraussichtlich auszuführen sind, und wenn ja, wie lässt sich dieses Konzept beschreiben? Wie ist bei den untersuchten Schreibprozessen das Verhältnis von Vorabplanung und Planung während der Schreibphase?" (ebd., S.139) Im Gegensatz zu →Ortner (2000), der die Schreibgewohnheiten und Schreibreflexionen von Schriftstellern untersucht, hat Keseling dies bei Wissenschaftlern getan. Während jener also Schreibstrategien beim Scheiben fiktionaler Texte im Fokus hat, sind es bei diesem Schreibstrategien beim Schreiben wissenschaftlicher Texte.
Für Keseling vollziehen sich bei der Konzeptbildung, ähnlich wie bei Molitor-Lübbert 1985-2002 mit ihrer Unterscheidung von →Bottom-up- und →Top-down-Schreiben, Planungs- und Reflexionsprozesse beim, während oder nach dem Schreiben. Sie geben die Leitmerkmale vor, die drei verschiedene Formen der Konzeptbildung fundieren:

Konzepte sind in diesem Zusammenhang Vorstellungen über die Gesamtgestalt des Textes, der geschrieben werden soll. Ganz allgemein ist darunter "das Bild von einem geschlossenen Ganzen" (ebd., S.104) zu verstehen, eine Vorstellung darüber, wie der Text als Ganzes aussehen könnte. Ortner (2000, S.159, zit. n. ebd.) spricht in diesem Zusammenhang in Anlehnung an die Gestaltpsychologie von der "Vorgestalten" als ein mentalen Konstrukten, die erst beim Schreiben selbst zu einer den Autor befriedigenden guten Textgestalt entwickelt werden. Während Ortner offenbar davon ausgeht, dass "Vorgestalten" nie die gute Textgestalt repräsentieren können, weil sie keine Geschlossenheit erlangen können, geht Keseling (2004, S.106) davon aus, dass es gute und schlechte Vorgestalten gibt. So bezeichnet er Vorgestalten als gut, "wenn das Bild, das sich der Autor von dem zu schreibenden Text gemacht hat, eine gute Vorgestalt repräsentiert, wenn der Autor sich also einen Text vorstellt, der gut gestaltet ist und in etwa ausdrückt, was der Autor darzustellen beabsichtigt und der in der vorgesehen Zeit schreibbar ist." Schlecht seien hingegen Vorgestalten mindestens eine der vorgestellten Eigenschaften fehle. Dabei müsse man aber auch berücksichtigen, dass es eine "breite Übergangszone mit Vorgestalten" gebe, "die in einiger Hinsicht gut und in anderer Hinsicht eher schlecht sind usw." (ebd.)
Wenn man gute wie schlechte Vorgestalten annimmt, dann ist natürlich auch die Folgerung nicht von der Hand zu weisen, dass auch Vorgestalten denkbar sind, die besser sind als die Textgestalt am Ende des Schreibprozesses, "da nur gedachte Gestalten noch frei sind von den nicht beabsichtigten, in der Regel aber unvermeidbaren Unregelmäßigkeiten der realisierten Gestalt." (ebd.) Aber natürlich ist, wie er weiter betont, auch der umgekehrte Fall denkbar, dass aus schlechten Vorgestalten im weiteren Schreibprozess gute Gestalten werden können.
Die Überlegungen Keselings sind für schreibdidaktische Überlegungen im Zusammenhang mit schulischen Schreibformen/Schreibaufgaben von hoher Relevanz. Denn Vorauskonzeptbildung mit klar strukturierten und bis in die Form festgelegten Gliederungsformen und  Gliederungskonzeptionen wird insbesondere beim →erörternden Schreiben nach herrschender Schulmeinung als einer der Schüssel für die Bewältigung entsprechender Schreibaufgaben angesehen. Auch wenn belastbare quantitative Daten aus dem Deutschunterricht fehlen, ist wohl davon auszugehen, dass eine Vorabplanung in Form einer (vorläufigen) Arbeitsgliederung oder auch als →Stoffordnungen mit der →Mind-Map-Methode u. ä. viele Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt, "die einzelnen Themenaspekte in ihren Zusammenhängen, Wechselbeziehungen und in ihrer Abfolge einander zuzuordnen" (Rückriem/Stary/Franck 1977, S, 250, zit. n. Keseling 2004, S.141)
Zugleich muss man aber auch berücksichtigen, dass das Gliedern "manchen Schülern nicht liegt und dass sie es vorziehen, ihr Konzept erst während des Schreibens zu entwickeln. Lehrer, die in solchen Fällen darauf bestehen, dass Gliederungen vorab gemacht werden, bürden den Schülern unnötige Schwierigkeiten auf." (Keseling 2004, S.307) So empfiehlt sich, wie Keseling (2004, S.307) unter schreibdidaktischem Aspekt weiter vorschlägt, gerade beim Umgang mit der Arbeitsgliederung ein unterschiedliches Umgehen mit den so genannten →Vorab-Planern und den →Im-Nachhinein-Planern.

Die Vorab- und die Im-Nachhinein-Planung weisen nach Keseling (2004, S.169) folgende Merkmale auf. die jeweils inhaltlich und logisch zusammenhängen:

Vorabplanung
(Vorabkonzeptbildung)
Im-Nachhinein-Planung
(Konzeptbildung nach dem Schreiben)
  • relativ zügiges Schreiben

  • nur eine Version

  • nur ein Konzept

  • lineares Durchschreiben

  • Schreiben mit häufigen und längeren Unterbrechungen

  • mehrere Versionen

  • konzeptuelle Änderungen

  • stückweises Schreiben

Strategien und Stategietypen

Im Übrigen schlägt Keseling (2004, S.170) vor zwischen (Schreib-)Strategien und Strategietypen zu unterscheiden.

  • Strategien sind danach "die bei einem Autor feststellbaren Merkmalkombinationen (...) unabhängig davon, ob eine gleiche oder ähnliche Kombination auch noch beim Schreibverhalten anderer Autoren vorkommen oder nicht, und auch unabhängig davon, ob sich die jeweilige Merkmalkombination signifikant von den Kombinationen im Schreibverhalten anderer Autoren unterscheidet"

  • Strategietypen bilden dagegen statistisch nachweisbare große Gruppen von Autoren, "die gleiche oder ähnliche Merkmalkombinationen" aufweisen und die sich in Abgrenzung von anderen Strategietypen mit anderen Merkmalkombinationen "signifikant voneinander unterscheiden"

Zugleich will Keseling, dass sowohl Strategien und auch Strategietypen "nicht als Bündel von positiv oder negativ gekennzeichneten Merkmalen" beschrieben werden, sondern stets eine graduellle Ausprägung bestimmter Merkmale auf einer Skala von 0 bis 5 bestimmt, oder zumindest Extrempositionen und mittlere Positionen voneinander unterschieden werden. Strategien und Strategietypen werden damit keine starren Schemata, sondern ihre jeweilige Ausprägungen stehen unter dem Konstrukt der Prototypikalität.

Um die Schreibstrategie eines bestimmten Schreibers auch quantitativ bestimmen zu können und gegen jeden voreiligen Schematismus zumindest vorläufig offen zu halten, "ob das Schreibverhalten des jeweiligen Autors einem Strategietyp zuzuordnen ist oder nicht" (ebd., S.171) schlägt Keseling vor, "die Schreibstrategie eines jeden Autors (...) nach dem folgenden Schema" zu spezifizieren, bei dem die "jeweiligen Merkmalpaare als Extremwerte zu lesen sind, zwischen denen sich eine breite Übergangszone befindet":

  1. "Geplant schreiben - Ohne Plan drauflosschreiben

  2. Vor dem Schreiben planen - Danach planen

  3. Planen im Kopf - Planen auf dem Papier

  4. Eine Version - Mehrere Versionen

  5. Keine konzeptuellen Änderungen - Viele konzeptuelle Änderungen

  6. Vorn beginnen und hinten aufhören - Mal hier, mal dort schreiben

  7. Hohes Schreibtempo - Niedriges Schreibtempo

  8. Schon vor der Schreibphase im Kopf formulieren - Erst während der Schreibphase formulieren"

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

 
                 
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