Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Kurzgeschichte

Überblick


Die Kurzgeschichte ist eine epische Kleinform, die in Deutschland erst nach dem 2. Weltkrieg eine bedeutende Rolle spielt. Die amerikanische short story, die schon längst eine populäre Textsorte im angelsächsischen Raum geworden war, stellte dabei für die deutschsprachige Entwicklung einen wichtigen Bezugspunkt dar, ohne freilich zu einer bloß deutschsprachigen Variante des amerikanischen Vorbilds und Textmusters zu werden.
Hierzulande knüpft die Entwicklung an die lange im Bereich von Kurzprosa dominierenden Formen der Novelle und der Anekdote an. So orientiert sich der Gattungsbegriff Kurzgeschichte auch an diesen und grenzt sich von ihnen ab. Dabei tragen auch die für Kurzgeschichten zur Publikation gewählten Printmedien Zeitungen und Zeitschriften dazu bei, dass sich im Gegensatz zu den anderen Formen der Kurzprosa das Verhältnis von Autor und Leser veränderte. Sie ging einher mit einer eigen- und neuartigen Art und anderen Gegenständen des in den Kurzgeschichten erzählten fiktionalen Geschehens.

Merkmale der deutschsprachigen Kurzgeschichte

Als wichtigste Merkmale der Kurzgeschichte im deutschsprachigen Raum haben sich dabei herauskristallisiert:

  • der geringe Umfang

  • eine gedrängte und bündig wirkende Komposition

  • der Verzicht auf Illusionierung und Rahmen

  • der offene Schluss

  • die Typisierung von Personen

  • die Neutralisierung der Umgebung

  • die Ausarbeitung von Details, die metonymisch auf das Ganze verweisen

  • die Reduktion des Geschehens/der Handlung auf einen Augenblick inmitten anderer Alltagsgegebenheiten

  • eine unerwartete Wendung der Geschichte
    (vgl. Metzler-Literatur-Lexikon, 1990, S.257)

Was das Wesen der Kurzgeschichte ausmacht, hat Wilhelm Helmich (1961, S.977) dargestellt als Gestaltung eines Krisenaugenblicks "eines Lebens ins äußerster Kürze so, dass dadurch ein Blick in das Ganze des Lebens getan und die Geschichte für den Leser bedeutsam wird. Der Inhalt ist ein Augenblick äußerer und innerer Gefährdung für den Menschen, der entweder durch ein Ereignis vernichtet wird oder zu dem Ereignis eine innere Haltung einnimmt uns es damit seinem Lebensgang und -sinn einfügt. Das Schicksal oder der Charakter des Menschen kann hervortreten. Die Motive sind wie die Personen und die Umwelt nicht Typen oder typisch gezeichnet. Die Menschen sind Menschen des Alltags, die keine Entwicklung durchmachen, sondern in Grenzsituationen geraten, aber zugleich Muster, die für viele andere stehen."

Eine Definition

Es gibt verschiedene Definitionen, die den Begriff der Kurzgeschichte fassen. Hans -Dieter Gelfert (1993, S.41) hat den Begriff folgendermaßen definiert: "Die Kurzgeschichte ist eine epische Prosaform, die aus kurzer Erzählerdistanz ein singuläres Ereignis bzw. eine singuläre Situation als fingierte Realität darstellt und durch Pointierung oder Fokussierung darin die »wahre Wirklichkeit« freilegt, ohne auf ein allgemeines Wertsystem außerhalb des Erzählten Bezug zu nehmen."
Ungeachtet solcher Definitionen und mehr oder weniger normativen Gattungskonzepte, welche die Textsorte Kurzgeschichte an bestimmten Merkmalen festmachen, gibt es natürlich eine große Vielfalt von Zwischen- und Mischformen.

Von den Kurzgeschichten zu den Kürzestgeschichten

In der unmittelbaren Nachkriegszeit erlebte die Kurzgeschichte in Deutschland ihre stärkste Verbreitung und Rezeption. Doch schon in den darauf folgenden Jahrzehnten ebbte der Kurzgeschichtenboom wieder ab. Und so schien die Kurzgeschichte, von der »Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) in der Wochenzeitung Die Zeit vom 3. Mai 1968 sagte, sie habe "die Kurzgeschichte gründlich satt" (zit. n. Bellmann 2005, S.191) schon bald nicht mehr en vogue. Allerdings war man da in der literarischen Öffentlichkeit auch geteilter Meinung. Und so zeigt die Kurzgeschichte bis heute eine erstaunliche Vitalität und die Prognosen vom Ende dieser literarischen Gattung haben sich angesichts immer wieder neuer Erzählbeispiele und, im Zeichen des Internets, wieder hinzugewonnenen Publikationsmöglichkeiten für ihre Autoren nicht erfüllt.

Neben der "klassischen Kurzgeschichte" haben sich schon seit Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch deutlich kürzere Formen fiktionaler Prosa etabliert, die zum Experimentierfeld zahlreicher namhafter Autoren wurden. Kürzestgeschichten, wie diese Art der Minimalprosa oft genannt wird, sind "zumeist fiktionale Erzählprosatexte, in denen gegenüber der Kurzgeschichte eine noch höhergradige Komprimierung und erzählerische Reduktion vorliegt, die also das Ergebnis einer zunehmenden Verknappung der Kurzgeschichte darstellen." (Bellmann 2005, S.193)
Beispiele dafür sind u. a. Peter Bichsels San Salvador oder Die Tochter, Kurt Martis Neapel sehen, Angela Stachowas Ich bin ein Kumpel oder auch später Jens Ludwigs Geschichten Jetzt ist Friede, Ab in die Zone oder One fits all.

Kurzprosa: Oberbegriff für alles oder für nicht per Genre definierte Texte

Im Zusammenhang mit der Kurzgeschichte taucht auch häufig der Begriff Kurzprosa auf.

  • Meistens umfasst der Begriff solche kurzen Prosatexte, die sich keinem definierten Genre (z. B. Aphorismus, Anekdote, Kurzgeschichte) zuordnen lassen. Das sind meistens Texte von Autoren, die auf der Suche nach Neuem, neuartige Erzählformen konzipieren und ausprobieren. Es gibt aber auch Texte, die an Tradition und Muster des Aphorismus anschließen und sich dabei zwischen fiktionalem Erzählen und nichtfiktionalen Darstellen bewegen. Sie sprengen mit ihren narrativen und essayistischen Erweiterungen den Rahmen des Aphorismus und erweitern ihn damit.
  • Seltener wird der Begriff Kurzprosa auch einfach als Oberbegriff verwendet, der sämtliche Formen der Kurzprosa einschließlich der Kurzgeschichte umfasst.
    (vgl. ebd., 194)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.07.2016

      
  Center-Map ] Fabel ] Kurzgeschichte ] Gleichnis ] Parabel ]  

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de