Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Kurzgeschichte

Merkmale


Es gibt, wie im Übrigen bei nahezu allen anderen Literaturgattungen keine eindeutig und abgeschlossene Anzahl von Merkmalen oder Merkmalkombinationen, die für alle Texte, die gemeinhin zu den Kurzgeschichten gezählt werden gleichermaßen gelten. Insofern fungiert auch der Begriff Kurzgeschichte im klassifikatorischen Verfahren der normativen Gattungspoetik lediglich als Ordnungsprinzip, das sich nicht immer und in jedem einzelnen Fall reibungslos auf einen konkreten Text anwenden lässt. (vgl. Müller-Dyes 1996, S.327)

Allgemeine Strukturmerkmale

Dies gilt insbesondere dann, wenn man ihre Entwicklung über das erste Nachkriegsjahrzehnt von 1945 bis 1955 hinaus miteinbezieht. Bestenfalls in dieser besonderen Phase der Entwicklung dieser literarischen Form in Deutschland gab es wohl bei vielen Kurzgeschichten "immer wiederkehrende Merkmale". (Baurmann 1986, S.197) Als solche Merkmale, die dabei meistens zu finden waren, hat Baurmann (1986, ebd.) festgehalten:

  • ein oder zwei Hauptfiguren in einer konfliktreichen Situation, auf die sie reagieren müssen

  • eine besondere Situation aus dem Alltag einer alltäglichen Person

  • ein Geschehen, das für die Figur(en) eine besondere Bedeutung besitzt (Schrecken, tiefgreifender Zweifel, lebensverändernder Eingriff oder Schock, der die Figur(en) meistens ratlos macht

  • vom erzählten Geschehen deutlich distanzierter Erzähler

  • offener Schluss oder zumindest ein Ende ohne Lösung, ohne Deutung oder ohne Erklärung des erzählten Geschehens

  • Alltagssprache

 

Sprachlich-stilistische Gestaltung

Die sprachlich-stilistische Gestaltung vieler Kurzgeschichten spiegelt in gewisser Weise die gattungstypische Kürze der Textsorte wider. Dazu gehören häufig Merkmale, wie:

Beispiel:
In der Kurzgeschichte "Brief aus Amerika" von Johannes Bobrowski, deren Anfang wir hier wiedergeben, ist ein besonders gutes Beispiel, an dem man die Merkmale von Kurzgeschichten herausarbeiten kann. Dies gilt für thematische Aspekte, Erzähltechniken und sprachlich-stilistische Gestaltung gleichermaßen. Erzählt wird darin, wie eine alte Frau, die allein in ihrem Haus lebt, aus einem Brief ihres nach Amerika ausgewanderten Sohnes erfährt und damit umgeht, dass dieser sie wohl nie mehr besuchen wird.

Brenn mich, brenn mich, brenn mich, singt die alte Frau und dreht sich dabei, hübsch langsam und bedächtig, und jetzt schleudert sie die Holzpantinen von den Füßen, da fliegen sie im Bogen bis an den Zaun, und sie dreht sich nun noch schneller unter dem Apfelbäumchen. Brenn mich, liebe Sonne, singt sie dazu. Sie hat die Ärmel ihrer Bluse hinaufgeschoben und schwenkt die bloßen Arme, und von den Ästen des Bäumchens fallen kleine, dünne Schatten herab, es ist heller Mittag, und die alte Frau dreht sich mit kleinen Schritten. Brenn mich, brenn mich, brenn mich.
Im Haus auf dem Tisch liegt ein Brief. Aus Amerika. Da steht zu lesen:
Meine liebe Mutter. Teile dir mit, dass wir nicht zu Dir reisen werden. Es sind nur ein paar Tage, sag ich zu meiner Frau, dann sind wir dort, und es sind ein paar Tage, sage ich, Alice, dann sind wir wieder zurück. Und es heißt: ehre Vater und Mutter, und wenn der Vater auch gestorben ist, das Grab ist da, und die Mutter ist alt, sage ich, und wenn wir jetzt nicht fahren, fahren wir niemals. Und meine Frau sagt: hör mir zu, John, sie sagt John zu mir, dort ist es schön, das hast du mir erzählt, aber das war früher. Der Mensch ist jung oder alt, sagt sie, und der junge Mensch weiß nicht, wie es sein wird, wenn er alt ist, und der alte Mensch weiß nicht, wie es in der Jugend war. Du bist hier etwas geworden, und du bist nicht mehr dort. Das sagt meine Frau. Sie hat Recht. Du weißt, ihr Vater hat uns das Geschäft überschrieben, es geht gut. Du kannst deine Mutter herkommen lassen, sagt sie. Aber Du hast ja geschrieben, Mutter, dass Du nicht kommen kannst, weil einer schon dort bleiben muss, weil alle von uns weg sind.
Der Brief ist noch länger. Er kommt aus Amerika. Und wo er zu Ende ist, steht: Dein Sohn Jons.
Es ist heller Mittag, und es ist schön. Das Haus ist weiß. An der Seite steht ein Stall. Auch der Stall ist weiß. Und hier ist der Garten. Ein Stückchen den Berg hinunter steht schon das nächste Gehöft, und dann kommt das Dorf, am Fluss entlang, und die Chaussee biegt heran und geht vorbei und noch einmal auf den Fluss zu und wieder zurück in den Wald. Es ist schön. Und es ist heller Mittag. Unter dem Apfelbäumchen dreht sich die alte Frau. Sie schwenkt die bloßen Arme. Liebe Sonne, brenn mich, brenn mich. [...]

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.07.2016

      
  Center-Map ] Fabel ] Kurzgeschichte ] Gleichnis ] Parabel ]  

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de