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Nicht-lineare Reihenfolge beim Erzählen

Vorausdeutung

Prolepse


FAChbereich Deutsch
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▪  Leitfragen zur Analyse der Zeitgestaltung in einer Erzählung

Vorausdeutungen: Ein Stück Zukunft in die Erzählgegenwart hereinholen

Die Zeitgestaltung beim Erzählen kann so gestaltet werden, dass ein Geschehen deutlich abweichend von einem "natürlichen", einfachen zeitlichen Nacheinander erzählt wird. Dies nennt man eine ▪ nicht-lineare Reihenfolge. Zusammen mit ihrem Gegensatz der ▪ linearen Reihenfolge nennt man dies auch Anachronie.

Werden, ausgehend von einem bestimmten Zeitpunkt im chronologischen Zeitablauf der erzählten Geschichte Vorgänge, Ereignisse oder Geschehen, das relativ dazu in der Zukunft liegt, erzählt, ehe die Geschichte sich quasi an dieser Stelle befindet, spricht man von einer Vorausdeutung. (vgl. Lämmert 1955, 101f.)

Oft wird dies auch als Vorgriff, in der Erzähltheorie von »Gérard Genette (1930-2018) (1972, dt. 1994/1998) Prolepse genannt.

Der Zeitrahmen der "Basiserzählung" (Genette, 2. Aufl. 1998, S.46) wird dabei von der letzten Szene begrenzt, die keinen vorausdeutenden Charakter hat.

Grundsätzlich kann man beide Hauptformen anachronischen Erzählens, die  Vorausdeutungen ebenso wie die ▪ Rückwendungen, nach den Kriterien der Reichweite und des Umfangs unterscheiden (vgl. Genette, 2. Aufl. 1998, S.31ff.):

  • Mit der Reichweite bezeichnet man den "zeitliche(n) Abstand zwischen der Zeit, auf die sich der Einschub bezieht, und dem gegenwärtigen Augenblick der Geschichte" (Martínez/Scheffel 1999/2016, S.37).

    • Gehört das in der Vorausdeutung (Prolepse) dargestellte Geschehen zu dem in der Haupthandlung bzw. "Basiserzählung" (Genette, 2. Aufl. 1998, S.46) erzählten Zeitabschnitt, handelt es sich um eine interne Prolepse. (vgl. ebd.)

    • Gehört es nicht zu diesem erzählten Zeitabschnitt, handelt es sich um eine externe Prolepse, die meistens eine "Epilogfunktion" besitzen "und (dazu) dienen, diesen oder jenen Handlungsstrang zu Ende zu führen"  (vgl. ebd.)

  • Mit dem Umfang bezeichnet man "die im Rahmen des entsprechenden Einschubs erfasste, mehr oder weniger lange Dauer der Geschichte" (Martínez/Scheffel 1999/2016, S.37)

Unbestimmte Verweise und die Darstellung allgemeiner Folgen sind keine Prolepsen

Nicht alles, was wie eine Prolepse aussieht, ist auch eine. So stellen unbestimmte Verweise und die Darstellung allgemeiner Folgen von Ereignissen keine Prolepsen dar, die erzählen, was später in der fiktiven Welt der Geschichte sich auch tatsächlich ereignet. Sprachlich deuten Formeln wie "hin und wieder passiert es" oder "im Allgemeinen folgt auf ein solches Unglück ein anderes" lediglich Hypothesen oder Vermutungen über zukünftige Ereignisse. Das Gleiche gilt auch für Wünsche, Traumvorstellungen oder Fantasien von Figuren, weil sie in der Erzählgegenwart stattfinden und darin ebenfalls nur Annahmen sind. Zukunftsungewisse Vorausdeutungen, wie sie für bestimmte Gattungen üblich sind, wenn z. B. WahrsagerInnen, Hexen oder Zauberer die Zukunft voraussagen, bilden dabei eine Ausnahme. (vgl. LiGo - Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe online, abgerufen am: 18.08.19)

Der reale Leser ist an die Reihenfolge des Erzählten nicht gebunden

Ob der reale Leser, der einen Text in seiner eigenen Zeit liest bzw. "konsumiert",  der "Sukzessionsordnung" (ebd., S.21) folgt oder diese mit "einer sprunghaften, repititiven oder selektiven Lektüre außer Kraft" setzt (ebd.), ist dabei eine andere Frage.

Formen der Vorausdeutung (Prolepse)

Bei der Vorausdeutung wird auf ein Ereignis, das erst später stattfindet als zu dem Zeitpunkt, an dem sich das erzählte Geschehen gerade befindet, vorgegriffen. Oder, so definiert Genette (2. Aufl. 1998, S.25) die Prolepse als "jedes narrative Manöver, das darin besteht, ein späteres Ereignis im voraus zu erzählen oder zu evozieren".

 
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Im Vergleich zu ihrer "umgekehrten Figur", der ▪ Rückwendung (Analepse) scheint die Vorausdeutung in der abendländischen Erzähltradition hingegen viel seltener vorzukommen, auch wenn z. B. die »antiken Epen wie die »Ilias, die »Odyssee oder auch die »Aeneis "mit einer Art anzipierter Zusammenfassung beginnen." (ebd., S.45)

Die wichtigsten Formen der Vorausdeutungen in einem erzählenden Text lassen sich in drei Gruppen unterscheiden:

Von diesen drei Typen sind die zukunftsgewisse und die zukunftsungewisse die beiden Vorausdeutungen, denen bei einer Erzähltextanalyse gewöhnlich die Hauptaufmerksamkeit geschenkt wird.

Zukunftsgewisse Vorausdeutungen

Zukunftsgewiss werden Vorausdeutungen dann genannt, wenn ein allwissender Erzähler (auktorialer bzw. heterodiegetischer Erzähler) ein sicher eintretendes Ereignis ankündigt, indem er drauf vorgreift.
Damit ein Erzähler in Bezug auf die Erzählung zukunftsgewiss vorwegnehmen kann, was sich unter Beibehaltung einer chronologischen Sukzession beim Erzählen erst später ereignet, muss er außerhalb des zeitlichen Rahmens der erzählten Welt Überblick und Wissen über die ganze Geschichte haben.

Allerdings ist auch ein auktorialer bzw. heterodiegetischer Erzähler nicht darauf festgelegt, nur solche Vorausdeutungen zu machen, die sich an einem späteren Zeitpunkt der Erzählung auch tatsächlich erfüllen. Es kann nämlich auch sein, dass er den Leser bewusst in einer Ungewissheit über den weiteren Verlauf der Geschichte halten will und mit unterschiedlichen Vorausdeutungen nur bestimmte Dinge andeuten will, ohne dabei dafür wirklich einzustehen.

Zukunftsungewisse Vorausdeutungen

Zukunftsungewiss werden Vorausdeutungen dann genannt, wenn ein der Erzähler sich auf den Wahrnehmungshorizont einer Figur der erzählten Geschichte beschränkt und/ oder sich Figuren  über ein aus ihrer Sicht später mögliches Ereignis äußern.

So sind Vorausdeutungen eines personalen Erzählers oder homodiegetischen Erzählers, weil sie allein an deren Wahrnehmungsperspektive gebunden sind, insofern immer "subjektiv" keinen Gültigkeitsanspruch auf ihr späteres Eintreten in der erzählten Geschichte erheben können.

"So gesehen", betonen Martínez/Scheffel (1999/2016, S.40), ist der 'natürliche' Ort dieser Form der Vorausdeutung die Rede oder das Denken von Figuren, d. h. zu diesem Typ der Anachronie zählen Prophezeiungen von problematischer Gewissheit, scheinbar zukunftsweisenden Träume und alle möglichen Arten von Wünschen oder Ängsten, die sich auf die Zukunft beziehen."

Dabei ist es aber durchaus auch möglich, dass in der erzählten Welt wie sie z. B. im mittelalterlichen Heldenlied oder in Feenmärchen gestaltet sind, "eigentlich" zukunftsungewisse Vorausdeutungen als zukunftsgewisse Vorausdeutungen verstanden werden. (vgl. ebd.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 30.08.2019

 
 

 
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