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Leni

Überblick

Franz Kafka: Der Prozess - Erzählstrukturen - Figurengestaltung - Die Frauen

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur
Literarische Gattungen Autorinnen und Autoren  Franz Kafka Überblick Biografischer Überblick Brief an den Vater Parabeln Der Prozess (Roman) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990) Handlungsverlauf   Erzählstrukturen Überblick ErzählperspektiveDarbietungs-/Darstellungsformen Figurengestaltung Überblick Josef K. Gericht und Gerichtswesen Die Frauen  ÜberblickFräulein Bürstner Frau des Gerichtsdieners  • Das Mädchen in den Kanzleien [ Leni Überblick Strukturierte TexterfassungLenis Verhältnis zu Josef K. Leni - "ein kleines schmutziges Ding"? (Interpretation) Bausteine ] Die drei MädchenHelene Elsa Frau Grubach Anna Fräulein Montag Erna Josef K.s Mutter • BausteineRaumgestaltungBausteineEinzelne InterpretationsaspekteTextauswahlBausteineLinks ins Internet   Das Schloss (Roman) Erzählungen Links ins Internet Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch
 

Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Max Brod)
Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)

Leni kommt als Figur in drei "Kapiteln" von • Franz Kafkas Roman •"Der Prozess" vor. In den beiden Kapiteln • "Der Onkel/Leni" und "Kaufmann Block / Kündigung des Advokaten" spielt sie als Nebenfigur des Romans eine wichtige Rolle, im Kapitel "Im Dom" taucht sie nur noch einmal am Rande auf.

Die in den Kategorien der älteren ErzähltheorieFranz K. Stanzels Konzept der ▪ Erzählsituationen), auf die sich die schulische Analyse und Interpretation erzählender Textevorwiegend stützt, als ganz überwiegend • personal zu bezeichnende • Erzählperspektive des Romans, bringt es mit sich, dass der "point of view“, von dem aus erzählt wird, im Inneren, im Bewussten und Unbewussten von Josef K. liegt. (vgl. Stanzel 91979., S. 43)

Dementsprechend erfolgt die • Figurencharakterisierung Lenis im Roman stets aus der personalen Erzählerperspektive von Josef K. entweder • implizit oder • explizit oder durch Leni selbst oder andere Figuren, und zwar ebenso entweder • implizit oder explizit.

Leni stellt wie alle anderen • Frauen in • Franz Kafkas Roman •"Der Prozess" im engeren Sinne keinen Charakter dar, sondern spielt wie diese eine ziemlich genau festgelegte Rolle als erotisch aufgeladene Typenfigur innerhalb männlich besetzter Ordnungen. (vgl. Alt 2008, S.397) Daher erhält auch sie auf Grund der von Kafkas Erzähler fast immer streng durchgehaltenen personalen Erzählperspektive ihre Kontur als Figur nur aus der Sicht und Wahrnehmung Josef K.s. Was in ihr vorgeht, wie ihr Leben jenseits der Wahrnehmung von K. bzw. dessen, was ihm darüber zugetragen wird, "funktioniert", bleibt dem Leser daher vorenthalten.


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Leni ist wie sämtliche • Frauen im Roman eine Nebenfigur der Handlung, sie ist • statisch und eindimensional konzipiert und macht daher auch keine Entwicklung im Laufe der Prozess-Handlung durch. Sie zählt mit Fräulein Bürstner und der Frau des Gerichtsdieners zu den wichtigsten Frauenfiguren des Romans. Alle drei gehören wie auch das Mädchen in den Kanzleien, die drei Mädchen beim Maler Titorelli und Helene als Geliebte des Staatsanwalts Hasterer und auch Fräulein Montag zu der Gruppe von Frauen, die jede auf ihre Weise der Gerichtswelt zugeordnet sind. Sie scheinen mehr als Josef K. über dessen Strukturen und Vorgehensweise im Bilde zu sein und eröffnen ihm - fast alle sind übrigens irgendwie "Türhüterinnen" (vgl. Reck 2008, S.209) - bestimmte Zugänge oder Einsichten in seinen Prozess.

Leni, die offenbar unverheiratet, lebt ohne ihre Familie allein im Haus des Advokaten Huld. Nach Darstellung des personalen Erzählers ist sie ein "junges Mädchen" mit "dunklen, ein wenig hervorgewälzten Augen" (HL 70) und "reiche(m) dunkle(n), fast gedrehten(n) Haar“ (HL 77) und einer attraktiven Figur "(schöne(r) Wuchs ihres Körpers" HL 140) Sie hat nach eigenen Worten einen "körperlichen Fehler" (HL 78), ein "Verbindungshäutchen" zwischen dem Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand (HL 78).

Leni ist oder war u. U.  früher, vor dessen Krankheit, die "Geliebte des Advokaten" - so behauptet es jedenfalls der Onkel (HL 79) und ist seit der Advokat bettlägerig krank daniederliegt, Pflegerin, Haushälterin und Angestellte des Advokaten Huld.

Sie reguliert bis zu einem gewissen Maß, wer wann und wie lange zu dem Advokaten vorgelassen wird, sofern sie nicht entsprechende Anweisungen von im befolgt. Offenbar im Einvernehmen mit dem Advokaten Huld, den sie "duzt" (HL 140) und dem sie immer noch zärtliche Gesten zuteil werden lässt, um bestimmte Ziele zu erreichen ("strich tief seinem Gesicht geneigt, über sein langes weißes Haar", HL 140), kann sie bestimmte Klienten des Advokaten ins Haus einladen und beherbergen (z. B. Kaufmann Block) und da sie die Schlüssel zum  Haus verwaltet, kann sie diesen auch auch an Josef K. weitergeben, damit dieser, nachdem sie ihn verführt hat (HL 78), jederzeit zu ihr kommen kann („»Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst«, waren ihre letzten Worte, und ein zielloser Kuss traf ihn noch im Weggehen auf den Rücken.“ HL 78). Angesichts der promisken Sexualität, die Leni nach Auskunft und mit Duldung des Advokaten mit etlichen Angeklagten auslebt ("Es ist eine Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr übrigens längst verziehen habe (…) diese Sonderbarkeit besteht darin, dass Leni die meisten Angeklagten schön findet. Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings auch von allen geliebt zu werden;“, HL 133), ist davon auszugehen, dass die Schlüsselüberlassung an bestimmte Angeklagte für sie ein gängiges Mittel darstellt, bestimmte Angeklagte an sich und damit mit ihren Prozessangelegenheiten auch an den Advokaten zu binden, zumal dessen Art und Weise, seine Klienten zu vertreten offenbar immer wieder dazu führt, dass seine Klienten abspringen und ihm, so wie dies ja auch Josef K. schließlich tut, die Vertretung entziehen. ("Wie viele Parteien sind in ähnlichen Stadien der Prozesse ähnlich wie Sie vor mir gestanden und haben ähnlich gesprochen.", HL 135)

Als Türöffnerin bzw. Türhüterin im Haus des Advokaten verschafft sie über diesen den Angeklagten, die sich von Huld vertreten lassen, einen Zugang zum Gericht und dem Gerichtswesen, der ihnen als Einzelpersonen verwehrt ist. Mehr noch: Wie die meisten anderen Frauen, die in der Rolle als Türhüterinnen agieren. weiß auch Leni mehr als Josef K. über die Strukturen des Gerichts und geeignete Vorgehensweisen im Umgang ihm Bescheid und ermöglicht ihm damit bestimmte Zugänge oder Einsichten in den Fortgang seines Prozess. (vgl. Reck 2008, S.209) Sie kennt sich mit der Hierarchie im Gerichtswesen aus, kann zwischen Sein und Schein bei Strategien zu ihrer Überhöhung unterscheiden ("Das ist alles Erfindung", HL 76), weiß zumindest in Umrissen darüber Bescheid, wie es um den Prozess Josef K.s steht und inwiefern sein Verhalten darauf Einfluss hat ("Sie sind zu unnachgiebig, so habe ich es gehört.", HL 76). Zugleich rät sie ihm im Gestus einer Person, die genau weiß, wovon sie spricht, sich weiter ohne jede Aussicht auf Erfolg gegen das Gericht und seine Anklage zu wehren, und stattdessen "bei nächster Gelegenheit das Geständnis" (HL 77) abzulegen. Zugleich gibt sie sie ihm aber auch zu verstehen, dass er nicht allein aus eigener Kraft der Sache wirklich "entschlüpfen" (HL 77) könne, sondern in jedem Fall auf fremde Hilfe angewiesen sei. Dabei bietet sie sich selbst Josef K. als Helferin an. (HL 77) Worin diese Hilfe bestehen soll, lässt sie freilich offen. Abgesehen davon, dass sie K. ggf. in Zukunft Informationen über den weiteren Verlauf seines Prozesses, die sie in Erfahrung bringen könnte, zutragen könnte, könnte auch ihre unmittelbare Fürsprache für K. beim Advokaten gemeint sein, damit dieser sich weiterhin und ggf. sogar mit größerem Engagement seiner Sache annimmt.

Als Gegenleistung für diese Freundschaftsdienste ("Du nimmst das, was deine Freunde für dich tun, doch als gar zu selbstverständlich", HL 131) erwartet sie, dass K. sie "lieb hat" (HL 131). Was das allerdings bedeutet, ist keine echte emotionale Zuneigung, sondern K.s Bereitschaft, sich ihr und damit allem, was sie repräsentiert, weiterhin so zu unterwerfen, wie er es bei ihrer ersten Begegnung getan hat. Mit ihren Küssen und an animalische Begierden erinnernden Bissen zeigt Leni dabei ihren Charakter als "Triebwesen" (Delianidou 2005 S.77), dessen sexuelles Verlangen nur so lange anhält, bis es gestillt ist.

Man hat Leni deshalb auch als "Typus der vergewaltigenden Frau" (Tröndle 1989, S.31) bezeichnet, um damit zu verdeutlichen, dass sie erstens weder zu einer ernsthaften Liebesbeziehung in der Lage ist, noch daran überhaupt ein Interesse hat, und zweitens, ihre sexuellen Triebe nur dann befriedigen kann, wenn sie in Umkehrung der sonst eher üblichen Geschlechterverhältnisse im sexuellen Bereich unangefochten über die Männer dominieren kann, mit denen sie sich immer wieder einlässt. Sie folgt damit letzten Endes einfach dem Weg, den ihre Triebe und Neigungen vorgeben. (vgl. Frey S.97)

Bei ihr verbindet sich ihre promiske Sexualität mit der Funktion, die Angeklagten bei Laune zu halten, wenn sich in deren Prozessangelegenheiten nichts bewegt. Wie der Advokat erklärt liebe und verführe sie die Angeklagten aber nur wegen ihrer vermeintlichen "Schönheit" (HL 73) . Dass sich Leni, auch wenn Huld behauptet, dass selbst der kleine und dürre (HL 121) Kaufmann Brock, "dieser elende Wurm" (HL 134) mit seinem krummen Rücken (HL130), in ihren Augen noch das Bild eines schönen Angeklagten abgebe (HL134), ändert nichts an der Tatsache, dass Leni sich bewusst ist, dass sie sich dieses "bedauernswerte(n) Menschen" (HL122) eigentlich nur deshalb, natürlich auch sexuell (HL120f.) -  "ein wenig angenommen" (HL123) habe, weil er ein wichtiger, wohl im Sinne von finanziell einträglicher Klient des Advokaten Huld sei. (HL 123). Dennoch stürzt sie die Tatsache, dass sie sich auf diese Art und Weise auch prostituiert, nicht in einen Konflikt.

Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Max Brod)
Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.12.2023

 
 

 
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