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Leni

Lenis Verhältnis zu Josef K.

Franz Kafka: Der Prozess - Erzählstrukturen - Figurengestaltung - Die Frauen

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur
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Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Max Brod)
Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)

Leni wirkt auf Josef K. vom ersten Augenblick an anziehend. Sind es zunächst nur die "großen schwarzen Augen" (HL 69) des vermeintlich neuen "Stubenmädchens", (´so der Onkel, HL 69), die im Guckfenster der Türe erscheinen und die K. wenig später im "puppenförmig gerundete(n) Gesicht" des "jungen Mädchens" mit seinen "bleichen Wangen", dem  runden Kinn und den ebenso gestalten Kinn und Stirnrändern um die "ein wenig hervorgewälzten Augen" (HL 70), kommt K., sobald er vor ihr steht, aus dem Staunen über ihre Erscheindung kaum heraus (HL 70) und hat wenig später "nur noch Augen für die Pflegerin“ (HL 75), statt sich an der Unterredung des Onkels mit dem Advokaten  und dem zufällig anwesenden Kanzleidirektor über seinen Prozess aktiv zu beteiligen. Leni selbst bemerkt das Interesse von K. von Anfang an und mustert K. ihrerseits genau (HL 70). Dabei ist davon auszugehen, dass ihr darum geht, zu prüfen, ob der mögliche neue Klient des Advokaten in ihr "Beuteschema" passt.

Er tut es und so lockt ihn Leni K. mit dem "Tellervorfall“ (HL 75) aus dem Zimmer des Advokaten, wo eigentlich gerade seine Prozesssache verhandelt wird, um ihn, kaum dass sie sich das erste Mal begegnet sind, zu verführen. Über die Motive ihres Tuns lässt sich letzten Endes nur mutmaßen, da sie sich selbst nur wenig darüber äußert und auch der personale Erzähler sich darüber weitgehend ausschweigt. In jedem Fall oszilliert ihr Tun zwischen den beiden Polen sexueller Triebbefriedigung aus einer dominanten Position heraus und ihrer Rolle als Helferin des Angeklagten, die sie im Auftrag des Advokaten erfüllt. Dabei lässt sich ihr konkretes von diesen beiden Polen geprägtes Verhalten nicht vollständig aus dem Text erklären. Die Eitelkeit, die sie sich selbst bescheinigt (HL 76), als sie gegenüber K. moniert, dass sie den Eindruck habe, ihm nicht zu gefallen (HL 76) dürfte dabei wohl eher als Kokettieren mit K. statt als ernst gemeinte Selbstcharakterisierung zu lesen sein. Es hält sie jedenfalls nicht davon ab, selbst weiter die Initiative zu ergreifen, sich in einer aufreizenden Art und Weise auf seinem Schoß von Josef K. "einrichtet", "als sei es ihr einzig richtiger Platz!" (HL 77), wie K. selbst in Gedanken verwundert registriert ("diese kleine Pflegerin, die ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint", HL 77). Ehe sie ihre sexuellen Handlungen fortsetzt, will sie freilich von Josef K. wissen, ob seine sie offenbar unzufrieden machende Passivität, damit zusammenhängt, dass er eine Geliebte hat. Eine von K. mitgeführte und Leni präsentierte Fotografie von Elsa, einer Frau, die in einem Weinlokal beschäftigt ist (HL 21) und die er hin und wieder (wahrscheinlich über Nacht) besucht (HL 178), sie aber in seine Prozessangelegenheiten nicht einweiht (HL 78), veranlasst Leni, in Konkurrenz zu der von ihr als "unbeholfen und roh" (HL 77) abgewerteten Frau zu treten, und K. aufzufordern, sie einfach gegen Elsa einzutauschen (HL 78). Für einen Moment scheint es, als wolle K. sich gegen das angebotene Tauschgeschäft aussprechen mit dem Hinweis, dass Elsa weder etwas über den Prozess wisse und ihn, wenn es anders wäre, auch nicht wie Leni zur Nachgiebigkeit gegenüber dem Gericht drängen würde (HL 78), als das Gespräch und die sexuell schon aufgeladene Situation - Leni sitzt ja weiterhin auf K.s Schoß - durch das Bekenntnis Lenis, sie habe einen körperlichen Fehler, das besagte "Verbindungshäutchen" zwischen dem Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand (HL 78), die von Leni beabsichtigte Richtung nimmt.

Spätestens mit dem "Naturschauspiel" dieser "hübsche(n) Kralle" (HL 78), wie K. fasziniert ausruft, während er das "Verbindungshäutchen" immer wieder durch Spreizen der entsprechenden Finger sichtbar macht, kommen mythologische Bezüge ins Spiel, die den Übergang der nachfolgenden sexuellen Handlungen in Riten von Aggression und Gewalt (vgl. Alt 22008, S.400) verdeutlichen.

Mit ihrem "körperlichen Fehler", den Leni stolz und mit der Absicht präsentiert, die rationale Abwägung K.s  im Vergleich der beiden Frauen miteinander zu durchbrechen, lässt Leni zu einer Art »Sirenenfigur"  werden. Sirenen sind der griechischen Mythologie nach meist weibliche, in Darstellungen mitunter sogar bärtige Fabelwesen, oft Mischwesen aus Mensch und Vogel, später auch Mensch und Fisch, die durch ihren betörenden Gesang die vorbeifahrenden Seeleute auf ihren Schiffen anlocken, um sie zu töten. "Diese mythische Dimension verweist zurück auf die archaische Bedeutungsstufe, die der Geschlechtsakt im Roman markiert." (Alt 22008, S.400)  Die Schwimmhäute Lenis verweisen dabei auch auf mythische Wasser- und Sumpfwesen, an eine Geliebte nach dem Muster der antiken »Hetäre, einer im allgemeinen hochgebildeten, einflussreichen Freundin bedeutender Männer. Dieses hetärische Nacht- und Mondgeschöpf, bezwinge, wie im Falle Lenis, den Mann durch die Herrschaft des Triebes. Zugleich verweise es damit auch auf die Strukturen einer matriarchalischen Ordnung. (vgl. Alt 22008, S.400f.)  Josef K. finde, so Begley (2008, S.287f.), "Animalisches, Deformiertes, Abseitiges anziehend", wozu auch die Schwimmhäute an Lenis Fingern gehörten, die sie mit der Tierwelt verbänden.

Als K. sie offenbar, ohne es bewusst zu wollen, "flüchtig" (HL 78) küsst, wird damit die animalische Begierde Lenis ganz plötzlich so enthemmt, dass selbst K. "bestürzt" (HL 78) ist. Leni hingegen nimmt davon gänzlich in sichtlicher Erregung ("mit offenem Mund") unberührt von K. Besitz, rückt ihren Körper noch stärker auf K.s Schoß zurecht, nimmt seinen Kopf, beugt sich über ihn und beißt und küsst seinen Hals, bis seine Haare. Damit nimmt sie ihn schon in Besitz, ehe sie ihn schließlich "mit einem kleinen Schrei" auf den Boden zu sich hinabzieht, um sich dort im Geschlechtsakt endgültig von ihm Besitz zu nehmen. Es ist der Akt ihres Triumphes über K., der Sieg über die Konkurrentin Elsa und die körperliche und seelische vollständige Inbesitznahme des anderen, im Bild der Sirenen, die sexuelle Vorwegnahme seines bevorstehenden Todes, der K., dessen Verstand völlig ausgeschaltet zu sein scheint, nur über den "bittere(n )aufreizenden Geruch wie von Pfeffer" (HL 78), den Leni verströmt, sinnlich erfahren, aber nicht deuten kann.

Mit dem Hausschlüssel, den Leni K. danach aushändigt, damit dieser jederzeit zu ihr kommen kann, wird die weitere Beziehung der beiden von ihren Rollen als Angeklagter bzw. als Helferin und Angestellte des Advokaten geprägt. Immer wieder trifft Leni bei den den wiederholten Unterredungen K.s mit dem Advokaten K., die sich über mehrere Monate mit längeren Phasen, in denen der Advokat sehr zum Verdruss von K. überhaupt keinen Gesprächstermin ansetzt (HL S.80), hinziehen und und tauscht mit ihm zärtliche Gesten aus ("ließ im Geheimen ihre Hand von K. erfassen“, der ihre Hand drückt und "Leni wagte es manchmal K.s Haare sanft zu streicheln“ HL 88)

Eine Wendung ihrer Beziehung zueinander tritt aber ein, als K. dem Advokaten die Vertretung in seinen Prozessangelegenheiten entziehen will. Leni wird beim Eintreffen von K. offenbar „in flagranti“ bei sexuellen Handlungen mit dem Kaufmann Block überrascht ("im Hemd davonlief", HL 121) und zur Rede gestellt. Sie rechtfertigt dies aber gegenüber K. als bedeutungslos und allein davon motiviert, einem bedeutenden Kunden des Advokaten zu Gefallen zu sein ("Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, weil er eine große Kundschaft des Advokaten ist“, HL 123). Mit ihrer sexuellen Offerte, K. könne die kommende Nacht mit ihr verbringen (HL 123) will sie K. besänftigen und dazu noch als seine Helferin über Dinge unterrichten, die sie über seinen Prozess in Erfahrung gebracht hat. Als sie spürt, dass es ihr dennoch nicht gelingt, K. von dessen Eifersucht, die er allerdings bestreitet (HL132), zu befreien, hält sie ihm vor, dass er eben nicht hinreichend anerkenne, was seine Freunde, gemeint ist wohl vor allem, was sie, für K. getan habe bzw. tue. (HL 131) Auch wenn sie ihm gerne helfe, so erwarte sie doch, dass er sie lieb habe. (HL 131) Wie schon oben ausgeführt, dürfte dies wohl kaum als Wunsch nach liebender Zuwendung zu lesen sein, auch wenn K.s. lakonischer, aber nicht ausgesprochener Gedanke  ("Nun ja, ich habe sie lieb.", HL131) von seiner Seite aus betrachtet in gewisser Hinsicht auf eine emotionale Beziehung hindeutet. Die Tatsache freilich, dass K. wenig später, nachdem die Kündigung des Advokaten heraus ist er Lenis wutentbrannte Reaktion darauf über sich hat ergehen lassen ("Leni wollte gleich auf K. losfahren" HL 132 "noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief sie dann hinter K." HL 138) sich durch die Kündigung "nicht nur vom Advokaten, sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien" will (HL 132) zeigt, dass es K.s "Geheimnis" keine Bedeutung für sein Handeln besitzt.

Leni will zwar nach dem Gespräch K.s mit dem Advokaten K. mit ein paar Zärtlichkeiten noch genauere Informationen entlocken, wird aber von K. zurückgewiesen ("Sie störte ihn von nun ab, indem sie sich über die Sessellehne vorbeugte oder mit den Händen, allerdings sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und über seine Wangen strich" .(HL 138) Als K. dies dadurch unterbindet, dass er ihre Hand festhält, die sie ihm "nach einigem Widerstreben" auch überlässt (HL 138) spürt sie, dass ihr bisherige Wirkung auf K. erloschen ist. Als der Druck seiner Hand so stark wird, dass er ihr Schmerzen bereitet (HL 140), muss sie sich letztlich davon befreien. ("Lass mich." HL 140)

Bei der nachfolgenden Vorführung des Kaufmanns Block, dessen zur Schau gestellte Demütigung K. noch einmal bewegen soll, seine Kündigung zurückzuziehen, spielt Leni die ihr zugedachte Rolle als Aufseherin und helfende Fürsprecherin für den im "Dienstmädchenzimmer" (HL 132) unter Haftbedingungen (HL 141) einquartierten Kaufmann Block. Sie kann aber, genauso wenig wie der Advokat, damit K. umstimmen.

Später nimmt Leni noch einmal, allerdings nur noch telephonisch Kontakt mit K. auf, als dieser sich auf den Weg zum Dom machen will, um im Auftrag der Bank einem italienischen Geschäftsfreund das Kunstdenkmal zu zeigen (HL 143). Über die Motive des Anrufes schweigt sich der Erzähler aus. Leni erkundigt sich in einer Art "Smalltalk" unverbindlich, wie es K. geht und was er im Dom suche und fällt dann mit ihrer Behauptung" "Sie hetzen dich" (HL 148) quasi mit der Tür ins Haus. K. blockt daraufhin sofort das Gespräch, weil er darin den Ausdruck von Bedauern und Mitleid sieht, auch wenn er sich eingesteht, dass Leni damit recht hat. ("Ja, sie hetzen mich.", HL 148)

Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Max Brod)
Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.12.2023

 
 

 
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