Leni wirkt auf Josef K.
vom ersten Augenblick an anziehend. Sind es zunächst nur die "großen
schwarzen Augen" (HL 69) des vermeintlich neuen "Stubenmädchens", (´so
der Onkel, HL 69), die im Guckfenster der Türe erscheinen und die K.
wenig später im "puppenförmig gerundete(n) Gesicht" des "jungen
Mädchens" mit seinen "bleichen Wangen", dem runden Kinn und den
ebenso gestalten Kinn und Stirnrändern um die "ein wenig hervorgewälzten
Augen" (HL 70), kommt K., sobald er vor ihr steht, aus dem Staunen über
ihre Erscheindung kaum heraus (HL 70) und hat wenig später "nur noch
Augen für die Pflegerin“ (HL 75), statt sich an der Unterredung des
Onkels mit dem Advokaten und dem zufällig anwesenden
Kanzleidirektor über seinen Prozess aktiv zu beteiligen. Leni selbst
bemerkt das Interesse von K. von Anfang an und mustert K. ihrerseits
genau (HL 70). Dabei ist davon auszugehen, dass ihr darum geht, zu
prüfen, ob der mögliche neue Klient des Advokaten in ihr "Beuteschema"
passt.
Er tut es und so
lockt ihn Leni K. mit dem "Tellervorfall“ (HL 75) aus dem Zimmer des Advokaten,
wo eigentlich gerade seine Prozesssache verhandelt wird, um ihn, kaum
dass sie sich das erste Mal begegnet sind, zu verführen. Über die Motive
ihres Tuns lässt sich letzten Endes nur mutmaßen, da sie sich selbst nur
wenig darüber äußert und auch der personale Erzähler sich darüber
weitgehend ausschweigt. In jedem Fall oszilliert ihr Tun zwischen den
beiden Polen sexueller Triebbefriedigung aus einer dominanten Position
heraus und ihrer Rolle als Helferin des Angeklagten, die sie im Auftrag
des Advokaten erfüllt. Dabei lässt sich ihr konkretes von diesen beiden
Polen geprägtes Verhalten nicht vollständig aus dem Text erklären. Die
Eitelkeit, die sie sich selbst bescheinigt (HL 76), als sie gegenüber K.
moniert, dass sie den Eindruck habe, ihm nicht zu gefallen (HL 76)
dürfte dabei wohl eher als Kokettieren mit K. statt als ernst gemeinte
Selbstcharakterisierung zu lesen sein. Es hält sie jedenfalls nicht
davon ab, selbst weiter die Initiative zu ergreifen, sich in einer
aufreizenden Art und Weise auf seinem Schoß von Josef K. "einrichtet",
"als sei es ihr einzig richtiger Platz!" (HL 77), wie K. selbst in
Gedanken verwundert registriert ("diese kleine Pflegerin, die ein
unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint", HL 77). Ehe sie
ihre sexuellen Handlungen fortsetzt, will sie freilich von Josef K.
wissen, ob seine sie offenbar unzufrieden machende Passivität, damit
zusammenhängt, dass er eine Geliebte hat. Eine von K. mitgeführte und
Leni präsentierte Fotografie von Elsa, einer Frau, die in einem
Weinlokal beschäftigt ist (HL 21) und die er hin und wieder
(wahrscheinlich über Nacht) besucht (HL 178), sie aber in seine
Prozessangelegenheiten nicht einweiht (HL 78), veranlasst Leni, in
Konkurrenz zu der von ihr als "unbeholfen und roh" (HL 77) abgewerteten
Frau zu treten, und K. aufzufordern, sie einfach gegen Elsa
einzutauschen (HL 78). Für einen Moment scheint es, als wolle K. sich
gegen das angebotene Tauschgeschäft aussprechen mit dem Hinweis, dass
Elsa weder etwas über den Prozess wisse und ihn, wenn es anders wäre,
auch nicht wie Leni zur Nachgiebigkeit gegenüber dem Gericht drängen
würde (HL 78), als das Gespräch und die sexuell schon aufgeladene
Situation - Leni sitzt ja weiterhin auf K.s Schoß - durch das Bekenntnis
Lenis, sie habe einen körperlichen Fehler, das besagte
"Verbindungshäutchen" zwischen dem Mittel- und Ringfinger ihrer rechten
Hand (HL 78), die von Leni beabsichtigte Richtung nimmt.
Spätestens mit dem
"Naturschauspiel" dieser "hübsche(n) Kralle" (HL 78), wie K. fasziniert
ausruft, während er das "Verbindungshäutchen" immer wieder durch
Spreizen der entsprechenden Finger sichtbar macht, kommen mythologische
Bezüge ins Spiel, die den Übergang der nachfolgenden sexuellen
Handlungen in Riten von Aggression und Gewalt (vgl.
Alt
22008, S.400) verdeutlichen.
Mit ihrem "körperlichen
Fehler", den Leni stolz und mit der Absicht präsentiert, die rationale
Abwägung K.s im Vergleich der beiden Frauen miteinander zu
durchbrechen, lässt Leni zu einer Art »Sirenenfigur"
werden. Sirenen sind der griechischen Mythologie nach meist weibliche,
in Darstellungen mitunter sogar bärtige Fabelwesen, oft Mischwesen aus
Mensch und Vogel, später auch Mensch und Fisch, die durch ihren
betörenden Gesang die vorbeifahrenden Seeleute auf ihren Schiffen
anlocken, um sie zu töten. "Diese mythische Dimension verweist zurück
auf die archaische Bedeutungsstufe, die der Geschlechtsakt im Roman
markiert." (Alt
22008, S.400) Die Schwimmhäute Lenis
verweisen dabei auch auf mythische Wasser- und Sumpfwesen, an eine Geliebte
nach dem Muster der antiken »Hetäre, einer im allgemeinen hochgebildeten,
einflussreichen Freundin bedeutender Männer. Dieses hetärische Nacht-
und Mondgeschöpf, bezwinge, wie im Falle Lenis, den Mann durch die
Herrschaft des Triebes. Zugleich verweise es damit auch auf die
Strukturen einer matriarchalischen Ordnung. (vgl.
Alt
22008, S.400f.) Josef K. finde, so
Begley
(2008, S.287f.), "Animalisches,
Deformiertes, Abseitiges anziehend", wozu auch die Schwimmhäute an Lenis
Fingern gehörten, die sie mit der Tierwelt verbänden.
Als K. sie offenbar,
ohne es bewusst zu wollen, "flüchtig" (HL 78) küsst, wird damit die
animalische Begierde Lenis ganz plötzlich so enthemmt, dass selbst K.
"bestürzt" (HL 78) ist. Leni hingegen nimmt davon gänzlich in
sichtlicher Erregung ("mit offenem Mund") unberührt von K. Besitz, rückt
ihren Körper noch stärker auf K.s Schoß zurecht, nimmt seinen Kopf,
beugt sich über ihn und beißt und küsst seinen Hals, bis seine Haare.
Damit nimmt sie ihn schon in Besitz, ehe sie ihn schließlich "mit einem
kleinen Schrei" auf den Boden zu sich hinabzieht, um sich dort im
Geschlechtsakt endgültig von ihm Besitz zu nehmen. Es ist der Akt ihres
Triumphes über K., der Sieg über die Konkurrentin Elsa und die
körperliche und seelische vollständige Inbesitznahme des anderen, im
Bild der Sirenen, die sexuelle Vorwegnahme seines bevorstehenden Todes,
der K., dessen Verstand völlig ausgeschaltet zu sein scheint, nur über
den "bittere(n )aufreizenden Geruch wie von Pfeffer" (HL 78), den Leni
verströmt, sinnlich erfahren, aber nicht deuten kann.
Mit dem Hausschlüssel,
den Leni K. danach aushändigt, damit dieser jederzeit zu ihr kommen
kann, wird die weitere Beziehung der beiden von ihren Rollen als
Angeklagter bzw. als Helferin und Angestellte des Advokaten geprägt.
Immer wieder trifft Leni bei den den wiederholten Unterredungen K.s mit dem Advokaten K.,
die sich über mehrere Monate mit längeren Phasen, in denen der Advokat
sehr zum Verdruss von K. überhaupt keinen Gesprächstermin ansetzt (HL
S.80), hinziehen und und tauscht mit ihm zärtliche Gesten aus ("ließ im
Geheimen ihre Hand von K. erfassen“, der ihre Hand drückt und "Leni
wagte es manchmal K.s Haare sanft zu streicheln“ HL 88)
Eine Wendung ihrer
Beziehung zueinander tritt aber ein, als K. dem Advokaten die Vertretung
in seinen Prozessangelegenheiten entziehen will. Leni wird beim
Eintreffen von K. offenbar „in flagranti“ bei sexuellen Handlungen mit
dem Kaufmann Block überrascht ("im Hemd davonlief", HL 121) und zur Rede
gestellt. Sie rechtfertigt dies aber gegenüber K. als bedeutungslos und
allein davon motiviert, einem bedeutenden Kunden des Advokaten zu
Gefallen zu sein ("Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, weil er
eine große Kundschaft des Advokaten ist“, HL 123). Mit ihrer sexuellen
Offerte, K. könne die kommende Nacht mit ihr verbringen (HL 123) will
sie K. besänftigen und dazu noch als seine Helferin über Dinge
unterrichten, die sie über seinen Prozess in Erfahrung gebracht hat. Als
sie spürt, dass es ihr dennoch nicht gelingt, K. von dessen Eifersucht,
die er allerdings bestreitet (HL132), zu befreien, hält sie ihm vor,
dass er eben nicht hinreichend anerkenne, was seine Freunde, gemeint ist
wohl vor allem, was sie, für K. getan habe bzw. tue. (HL 131) Auch wenn
sie ihm gerne helfe, so erwarte sie doch, dass er sie lieb habe. (HL
131) Wie schon
oben ausgeführt, dürfte dies wohl kaum als Wunsch nach liebender
Zuwendung zu lesen sein, auch wenn K.s. lakonischer, aber nicht
ausgesprochener Gedanke ("Nun ja, ich habe sie lieb.", HL131) von
seiner Seite aus betrachtet in gewisser Hinsicht auf eine emotionale
Beziehung hindeutet. Die Tatsache freilich, dass K. wenig später,
nachdem die Kündigung des Advokaten heraus ist er Lenis wutentbrannte
Reaktion darauf über sich hat ergehen lassen ("Leni wollte gleich auf K.
losfahren" HL 132 "noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief sie
dann hinter K." HL 138) sich durch die Kündigung "nicht nur vom
Advokaten, sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien" will (HL
132) zeigt, dass es K.s "Geheimnis" keine Bedeutung für sein Handeln
besitzt.
Leni will zwar nach dem
Gespräch K.s mit dem Advokaten K. mit ein paar Zärtlichkeiten noch
genauere Informationen entlocken, wird aber von K. zurückgewiesen ("Sie störte ihn von nun ab,
indem sie sich über die Sessellehne vorbeugte oder mit den Händen,
allerdings sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und über seine
Wangen strich" .(HL 138) Als K. dies dadurch unterbindet, dass er ihre
Hand festhält, die sie ihm "nach einigem Widerstreben" auch überlässt
(HL 138) spürt sie, dass ihr bisherige Wirkung auf K. erloschen ist. Als
der Druck seiner Hand so stark wird, dass er ihr Schmerzen bereitet (HL
140), muss sie sich letztlich davon befreien. ("Lass mich." HL 140)
Bei der nachfolgenden
Vorführung des Kaufmanns Block, dessen zur Schau gestellte Demütigung K.
noch einmal bewegen soll, seine Kündigung zurückzuziehen, spielt Leni
die ihr zugedachte Rolle als Aufseherin und helfende Fürsprecherin für
den im "Dienstmädchenzimmer" (HL 132) unter Haftbedingungen (HL 141)
einquartierten Kaufmann Block. Sie kann aber, genauso wenig wie der
Advokat, damit K. umstimmen.
Später nimmt Leni noch
einmal, allerdings nur noch telephonisch Kontakt mit K. auf, als dieser
sich auf den Weg zum Dom machen will, um im Auftrag der Bank einem
italienischen Geschäftsfreund das Kunstdenkmal zu zeigen (HL 143). Über
die Motive des Anrufes schweigt sich der Erzähler aus. Leni erkundigt
sich in einer Art "Smalltalk" unverbindlich, wie es K. geht und was er
im Dom suche und fällt dann mit ihrer Behauptung" "Sie hetzen dich" (HL
148) quasi mit der Tür ins Haus. K. blockt daraufhin sofort das
Gespräch, weil er darin den Ausdruck von Bedauern und Mitleid sieht,
auch wenn er sich eingesteht, dass Leni damit recht hat. ("Ja, sie
hetzen mich.", HL 148)