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Franz Kafka: Der Prozess - Das Gericht

Das Gericht und das Gerichtswesen


Das Gericht in Franz Kafkas Roman "Der Prozess" hat zu vielen verschiedenen Deutungen Anlass gegeben. Dabei hat man immer wieder den Versuch unternommen, es auf reale Rechtsordnungen und -systeme in Gegenwart und Vergangenheit zu beziehen. So wurde das Gericht als anklagende und verurteilende Macht, die sich nirgendwo legitimiert und letzten Endes begründungslos handelt, als Teil einer Justizsatire gedeutet, die die im "Prozess" vorhandenen totalitären Züge des Gerichts und Rechtssystems als Elemente eines totalitaristischen Systems anprangert. Doch statt die erzählerischen Konstruktionen Kafkas "immer wieder auf die nominell existierenden Rechtsordnungen zu beziehen sollte man sie aus ihrer internen Systematik zu verstehen versuchen." (Alt 22008, S.390) Und auch wenn es naheliegend erscheint, weil es die Irritationen, in die "Der Prozess" den Leser versetzt, mit einer vergleichsweise einfachen Sinnkonstruktion mildert, sperrt sich dieser Interpretationsansatz gegen ein tieferes Verständnis des im "Prozess" erzählten Geschehens.

Hans Helmut Hiebel (2008, S.462f.) betont, dass sich "das zunächst als phantastisch erscheinende Gericht als Instanz (erweist), welche die Angst, das Schuldgefühl, den Mangel an Selbstgewissheit, die Ohnmacht, die Schwäche und die Leere aufdeckt."

Hans Helmut Hiebel (1976), für den - nach Leich (2003, S. 3) -  der Zusammenhang von innerer und äußerer Autorität und Abhängigkeit das grundlegende Prinzip der Darstellung Kafkas darstellt, sieht einen ständigen Wechsel von Innen und Außen bei dessen Ich- und Gesellschaftsdarstellung, der zu einem Zirkel führt. In diesem Zirkel korrespondieren die Bürokratie und die unbewussten Tendenzen des Ichs miteinander. "Recht werde zu Macht und verliere so seine moralische Gültigkeit, daher erscheinen diese im Werk als ununterscheidbar miteinander verwoben. Äußerer sozialer Druck spiegelt sich in den Innenwelten der Figuren wieder." (Leich 2003, S. 3)
Auf diese Weise stellt die Gerichtswelt stellt eine Projektion dar, "die allegorisch ins Externe extrapoliert wurde". (Hiebel 2008, S.463)
Die wechselseitige Durchdringung von äußerer und innerer Wirklichkeit ist es auch, was moderne Inszenierungen des Romans auf der Theaterbühne immer wieder herausarbeiten. Darin wird, wie in der »Inszenierung von »Moritz Peters (*1981) am »Grillo-Theater Essen im Jahr »2013/14, mit den Mitteln des Theaters gezeigt, "wie Josef K. die Logik der übermächtig scheinenden Institution zu seiner eigenen macht." (Fiedler 2013, S.16) Damit so fährt die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung fort, beleuchte die Inszenierung "den abstrakten Horror des Romans, der essentieller ist als der Schrecken der Gerichtsmaschinerie." So führe führe die Inszenierung "beiläufig vor, wie ein - vielleicht sogar der - Mensch - alle äußeren Zwänge und Strukturen akzeptiert, verinnerlicht und irgendwann sogar selbst durchsetzt." Und somit werde "der äußere Prozess [...] zur Chiffre für einen deutlich beunruhigenderen inneren, der in modernen Gesellschaften aktueller ist denn je. Zwänge müssen heute nicht mehr in Form brutaler Vorgesetzter, patriarchaler Ehemänner oder prügelnder Lehrer auftreten. Die gesellschaftliche Zurichtung erledigen wir schön selbst - und fühlen uns frei dabei."

"Ein weiterer Grund für die nachhaltige Wirkung des Process ist sicherlich, dass er sich auf die Zustände in totalitär regierten Staaten beziehen lässt. Man hat sogar von ›prophetischen‹ Vorwegnahmen des Stalinismus und Nationalsozialismus gesprochen. Das geht allerdings am Kern des Werks vorbei: Kafkas Gericht ist zwar undurchschaubar, verfährt aber keineswegs willkürlich und bleibt selbst gegenüber Regelverstößen eigentümlich passiv; ja, man kann sogar zeigen, dass alle seine Aktionen vom Angeklagten gleichsam provoziert werden." (Stach 2005)

"Unbestreitbar ist hingegen, dass Der Process Erfahrungen thematisiert, die sämtliche modernen Massengesellschaften prägen und die Kafka aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit wohl deutlicher vor Augen standen als anderen zeitgenössischen Autoren: Selbstentfremdung, Vernichtungsängste, Desorientierung, Anonymität und die aktenmäßige ›Erfassung‹ des Menschen. Vor allem Kafkas Verfahren, das jeweils Nächstliegende mit fotografischer Genauigkeit zu schildern, den Sinn des Ganzen jedoch völlig im Dunkeln zu lassen, spiegelt genau das Lebensgefühl in großen sozialen Systemen, in denen jeder ›informiert‹ ist, die jedoch jenseits des eigenen Funktionierens keinen ›Sinn‹ mehr vermitteln." (Stach 2005) Die besondere Aktualität dieser Aspekte wird mit dem NSA-ÜberwachungsskandalNSA = National Security Agency) und dem »Fall Mollath in besonderer Weise deutlich. Wurde im NSA-Überwachungsskandal das nahezu lückenlose Abhören der gesamten Telekommunikation weltweit bis hin zu zahlreichen Regierungschefs durch »Edward Snowden (*1983) aufgedeckt, so zeigte der Fall des sieben Jahre lang zwangsweise in einer psychiatrischen Einrichtung unschuldigerweise festgehaltenen »Gustl Ferdinand Mollath (*1956). Beides erinnerte etliche Kommentatoren der Ereignisse "an die verstörende Fiktion einer mächtigen, völlig unkontrollierbaren Gerichtsbarkeit, und ihr Opfer Josef K." (Fiedler 2013, S.16)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.02.2014

      
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Recherchieren Sie im Internet nach Inszenierungen des Prozess. (ab 2008 z. B. in »Hamburg, »Bochum, »Düsseldorf, »Erlangen, »Zürich, »Essen, »Freiburg, »Mannheim, »München, »Baden-Baden, »Karlsruhe, »Hannover, »Konstanz, »Oldenburg)

  2. Arbeiten Sie die Inszenierungskonzepte heraus und vergleichen Sie ausgewählte Inszenierungen miteinander. Ziehen Sie dazu auch Trailer-Videos auf einschlägigen Videosharing-Plattformen heran.

  3. Präsentieren Sie Ihre Ergebnisse.
     

 
      
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