[S.218] Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf
diese linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preussen bey
mir vorbey: »Komm', komm', Bruder«! sagten sie: »Viktoria«! Ich
rispostirte kein Wort, that nur ein wenig blessirt, und gieng immer
noch allgemach fort, freylich mit Furcht und Zittern. Sobald ich
mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen
mochte, verdoppelte- verdrey- vier- fünf- sechsfachte ich meine
Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von
Weitem – zum letzten Mal in meinem Leben – morden und todtschlagen;
strich dann in vollem Galopp ein Gehölze vorbey, das voll todter
Husaren, Panduren und Pferde lag; rannte Eines Rennens gerade dem
Fluß nach herunter, und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits
desselben kamen so eben auch etliche Kaiserliche Soldaten
angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen
hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum
drittenmal auf mich [S.218] an, ungeachtet ich immer das Gewehr
streckte, und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch
brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf
sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie
ich nachwerts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr H ...
dacht' ich, hättet ihr euer Courage bey Lowositz gezeigt! Als ich
nun zu ihnen kam, und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das
Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwerts schon wieder
zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatronirt hatte, verlor
sich bald darauf, und nahm das Füsil mit sich. Nun so sey's! Alsdann
führten sie mich ins nächste Dorf, Scheniseck (es mochte eine starke
Stunde unter Lowositz seyn). Hier war eine Fahrt über das Wasser,
aber ein einziger Kahn zum Transporte. Da gab's ein
Zettermordiogeschrey von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte
zuerst in dem Teich seyn, aus Furcht vor den Preussen; denn alles
glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von
den letzten, der mitten unter eine Schaar von Weibern hineinsprang.
Wo nicht der Fährmann etliche derselben hinausgeworfen, hätten wir
alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine
Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu,
und diese rothen Schnurrbärte begegneten mir auf's manierlichste;
gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstuhnden,
noch Toback und Branntwein, und Geleit bis auf Leutmeritz, glaub'
ich, wo ich, unter lauter Stockböhmen übernachtete, und freylich
nicht wußte ob ich [S.219] da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte –
aber – und dieß war das Beßte – von dem Tumult des Tags noch einen
so vertaumelten Kopf hatte, daß dieser Kapitalpunkt mir am
allermindesten betrug. Morgens darauf (2. Okt.) gieng ich mit einem
Transport ins Kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich
bey 200. andrer Preußischer Deserteurs an, von denen so zu reden
jeder seinen eigenen Weg, und sein Tempo in Obacht genommen hatte;
neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beyde hoch auf
vor Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freyheit zu sehn! Da
gieng's an ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus
hinterm Ofen sässen. Einzig hieß es bisweilen: Ach! wäre nur auch
der Schärer von Weil bey uns! Wo mag der doch geblieben seyn? Wir
hatten die Erlaubniß, alles im Lager zu besichtigen. Offiziers und
Soldaten stuhnden dann bey Haufen um uns her, denen wir mehr
erzählen sollten, als uns bekannt war. Etliche indessen wußten Winds
genug zu machen, und, ihren dießmaligen Wirthen zu schmeicheln, zur
Verkleinerung der Preussen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's denn
auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler, und der kleinste
Zwerge rühmte sich, wer weiß wie manchen Brandenburger – auf seiner
eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte man
uns zu etwa 50. Mann Gefangener von der Preussischen Cavallerie; ein
erbärmlich Specktackel! Da war kaum einer von Wunden oder Beulen lär
ausgegangen; etliche über's ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins
Genick, andre über die Ohren, über die Schultern,[S.220] die Schenkel u.s.f. Da war alles ein Aechzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese
armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen
zu seyn; und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager
übernachten, und bekamen jeder seinen Duckaten Reisgeld. Dann
schickte man uns mit einem Cavallerietransport, es waren unser an
die 200., auf ein Böhmisches Dorf, wo wir, nach einem kurzen
Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgiengen. Dort vertheilten wir
uns, und bekamen Pässe, je zu 6. 10. bis 12. hoch welche einen Weg
giengen; denn wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von
Schweitzern, Schwaben, Saxen, Bayern, Tyrolern, Welschen, Franzosen,
Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser 6. zusammen bis
Regenspurg. In Prag selber war indessen ebenfalls ein Zittern und
Beben vor den Preussen, ohne seinesgleichen. Man hatte dort den
Ausgang der Schlacht bey Lowositz bereits vernommen, und glaubte nun
den Sieger schon vor den Thoren zu sehn. Auch da stuhnden ganze
Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen sollten, was
der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese neugierigen
Haasen; andre hingegen hatten noch ihre Freude daran, sie dapfer zu
schrecken, und sagten ihnen: Der Feind werde späthstens in vier
Tagen anlangen, und sey ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele
die Händ' überm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar
heulend im Koth herum.[S.221]
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.213-218,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026