[S.171] Mir ist so wohl beym Zurückdenken an diese glücklichen Tage
– Heute noch schreib' ich mit so viel innigem Vergnügen davon – bin
jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich – so geneigt
mich über alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum that
und ließ. Freylich vor dir nicht, Allwissender! aber vor Menschen
doch darf ich's sagen: Damals war ich ein guter Bursch' ohne Falsch
– vielleicht für die arge Welt nur gar zu redlich. Harmlos und
unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, Heut' wie Gestern, und
Morgens wie Heute. Nur kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir
jemals anderst als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb ich
meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für mich
sorgen; der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. Man
glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer der mich bisweilen
anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann
möcht' ich Gottes vergessen. Aber, nein! (beruhigte ich mich bald
wieder) das werd' ich nie: War Er's nicht, der mir, durch Mittel die
nur seine Weisheit zum Beßten lenken konnte, zu meinem jetzigen
erwünschten Loos half? Mein erster Schritt in die Welt gerieth unter
seiner [S.171] leitenden Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden
nicht noch besser gelingen? Auf irgend einem Fleck der Erde werd'
ich vollends mein Glück bau'n. Dann hohl' ich Aennchen, meine Eltern
und Geschwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohlstands
theilhaft. Aber, durch welche Wege? – Dieß fragt' ich mich nie; und
hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht schwer gewesen, drauf zu
antworten – denn damals war mir Alles leicht. Zudem kam mein Herr
tagtäglich mit allerley Exempeln von Bauern die zu Herren worden,
und andern Fortunaskindern angestochen (der Herren die zu Bettlern
werden, that er keine Meldung) und versprach selber, an meinem
fernern Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten u.d. gl. Was
hätt' ich weiter befürchten sollen – oder vielmehr, was nicht alles
hoffen dürfen? Von einem Herrn, wie Markoni – einem so grossen
Herrn, dacht' ich Esel – dem zweyt- oder drittnächsten vielleicht
auf den König, der Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben
hat, so viel er will. Aus seiner jetzigen Güte zu schliessen, was
wird er erst für mich in der Zukonft thun? Oder warum sollt' er auf
mich groben ungeschliffenen Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn
er nicht grosse Dinge mit mir im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht,
gleich andern Rekruten, geradezu nach Berlin transportiren lassen,
wenn er je im Sinn hätte, mich zum Soldaten zu machen, wie mirs
ehemals ein Paar böse Mäuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in
Ewigkeit nicht geschehn, darauf will ich leben und sterben. So
dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen [S.172] je Zeit zu denken
hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Die Tracktament konnt' ich nach
meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's per se an guten
Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd beföderten die Dauung; denn ohne
das hätt's mir freylich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald
hie bald da, alle Edelleuth' in der Runde. Ich mußte überall mit;
und es that mir freylich in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er
ordentlich Hoffarth mit mir trieb. Sonst waren solche Ausritte zu
diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel eben wenig nutz.
Dann kostete ihn das Tarocspiel mit Pfaffen und Layen auch schöne
Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine
Stück zerreissen, und dem Vulkan zum Opfer bringen – aber Morgens
drauf ihm schon wieder neue hohlen. Ein andermal hatt' er auch eine
ziemliche Summ' verloren, und kam Abends um neun Uhr, mit einem
tüchtigen Räuschgen ganz verdrüßlich nach Haus. »Ollrich«! sagte er,
»geh, schaff mir Spielleuth', es koste was es will«. »Ja Ihr
Gnaden«! antwortet' ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's
schon so späth, und stockfinster«, »Fort Racker«! fuhr er fort,
»oder« – und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich
packen, stolperte nun im Dunkeln durch alle Strassen, und spitzte
die Ohren, ob ich nirgends keine Geige höre? Als ich endlich zu
oberst im Städtgen an die Mühler- und Beckenherberg kam, merkt' ich,
daß es da etwas Herumspringens absetzen wollte; schliech mich
hinauf, und ließ einen Spielmann hinausrufen. Die Bursch' in [S.173]
der Stube schmeckten den Braten; ein Paar von ihnen kamen ihm auf
dem Fuß nach – und Husch! mit Fäusten über mich her. Dem Wirth hatt'
ich's zu danken, daß sie mich nicht fast zutodgeschlagen. Der
Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt: Sie wollten bald
aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort halten könnte?
Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den
Worten in's Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer Viertelstund'
werden sie da seyn«! – Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' noch die
alten versaust hätten, verführten mich zu diesem Wagestück. Aber nun
stand ich vollends Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus
Uebel Aerger gemacht? Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich
seinetwegen gelitten – um per Avanzo sein Mitleid rege zu machen,
wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leuthe kamen, eh'
wir's uns versahen. Unser Wirth hatte inzwischen etliche lustige
Brüder und ein Paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandirte Markoni
Essen und Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den
Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte einen Menuet und
einen Pohlnischen. Bald aber fieng er auf seinem Stuhl an zu
schnarchen; dann erwacht' er wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's
so hundsf**«! – Ich mußt' ihn also zu Bett' bringen. Im Augenblick
schlief er ein wie ein Stock. Das war uns übrigen recht gekocht. Wir
machten uns lustig wie die Vögel im Hanfe – alles so durcheinander,
Herren und Dienstboten. Es währte bis Morgens um vier Uhr. Mein Herr
erwachte um Fünfe: [S.174] Seine ersten Worte waren: »Ollrich! Sein
Tage trau' er keinem Menschen nicht; 's ist alles falsch wie'n
Teufel. Wenn der Cujon von R*** kömmt, so sag' er, ich sey nicht zu
Hause«.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.171-175,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026