(1. Oktobr. 1756.)
[S.213] Früh Morgens mußten wir uns rangiren, und durch ein enges
Thälchen gegen dem grossen Thal hinuntermarschieren.
Vor dem dicken
Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine hinunterkamen, und zur grossen Armee stiessen, rückten wir in
drey Treffen weiter vor, und erblickten von Ferne durch den Nebel,
wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene,
oberhalb
dem Böhmischen Städtchen Lowositz. Es war Kaiserliche Kavallerie;
denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bey
gedachtem Städchen verschanzt hatte. Um 6. Uhr gieng schon
das
Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den
Kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu
unserm Regiment (das im mittlern Treffen stuhnd) durchschnurrten.
Bisher hatt' ich immer noch [S.213] Hofnung, vor einer Bataille zu
entwischen;
jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr weder vor noch
hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken.
Wir rückten
inzwischen immer vorwärts.
Da fiel mir vollends aller Muth in die
Hosen; in den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und
eine ähnliche Angst, ja Todesblässe, las' man bald auf allen
Gesichtern, selbst deren, die sonst noch so viel' Herzhaftigkeit
gleichsneten. Die
gelärten Branzfläschgen (wie jeder Soldat eines
hat) flogen untern den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen
ihren kleinen Vorrath bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute
braucht es Courage, und Morgens vielleicht keinen Fusel mehr! Itzt
avanzierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen
abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob
unsern Köpfen weg – fuhren bald vor bald hinter uns in die Erde, daß
Stein und Rasen hoch in die Luft sprang – bald mitten ein, und
spickten uns die Leuthe aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhälme
wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Cavallerie, die
allerhand Bewegungen machte; sich bald in die Länge ausdehnte, bald
in einem halben Mond, dann in ein Drey- und Viereck sich wieder
zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an; wir machten Lücke,
und liessen sie vor, auf die feindliche losgalloppieren. Das war ein
Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie nun einhieben! Allein
kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reuterey, von der
Oestereichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen
verfolgt [S.214] zurücke.

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Da hätte man das Specktackel sehen sollen:
Pferde die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihr Gedärm der
Erde nachschleppten. Inzwischen stuhnden wir noch immer im
feindlichen Kanonenfeuer bis gegen 11. Uhr, ohne daß unser linke
Flügel mit dem kleinen Gewehr zusammentraf, obschon es bereits auf
dem rechten sehr hitzig zugieng. Viele meinten, wir müßten noch auf
die Kaiserlichen Schanzen sturmlaufen. Mir war's schon nicht mehr so
bange, wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beyden
Seiten neben mir wegraffeten, und der Wallplatz bereits mit Todten
und Verwundeten übersäet war – als mit Eins ungefehr um 12. Uhr die
Ordre kam, unser Regiment, nebst zwey andern (ich glaube Bevern und
Kalkstein,) müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem
Lager zu, und alle Gefahr sey vorbey. Wir eilten darum mit muntern
Schritten die gähen Weinberge hinauf, brachen unsre Hüte voll schöne
rothe Trauben, assen vor uns her nach Herzenslust; und mir, und
denen welche neben mir stuhnden, kam nichts arges in Sinn, obgleich
wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch in Feuer und Rauch
stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelerm hörten, und
nicht
entscheiden konnten auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile
trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen
Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchgieng, der auf der andern
Seite wieder hinunterführte. Sobald nun unsre Avantgarde den
erwähnten Gipfel erreicht hatte, gleng ein
entsetzlicher
Musketenhagel an; und nun [S.215] merkten wir erst wo der Haas im Stroh
lag. Etliche Tausend Kaiserliche Panduren waren nämlich auf der
andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken
zu fallen; dieß muß unsern Anführern verrathen worden seyn, und wir
mußten ihnen darum zuvorkommen: Nur etliche Minuten späther, so
hätten sie uns die Höhe abgewonnen, und wir wahrscheinlich den
Kürzern gezogen.
Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe
man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsre
Vordertruppen litten stark, allein die hintern drangen ebenfalls
über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten.
Da mußten wir über Hügel von Todten und Verwundeten hinstolpern.
Alsdann gieng's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge
hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die
Ebene.
Unsre geborne Preussen und Brandenburger packten die Panduren
wie Furien.
Ich selber war in Jast und Hitze wie vertaumelt, und,
mir weder Furcht noch Schrecken bewußt, schoß ich Eines Schiessens
fast alle meine 60. Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war,
und ich sie am Riemen nachschleppen mußte; indessen glaub' ich
nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles gieng in die
freye Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz
postirten sich die Panduren wieder, und pülferten tapfer in die
Weinberge hinauf,
daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß.
Preussen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer
von diesen letztern noch regte, wurde er mit der [S.216] Kolbe vor den
Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestossen. Und
nun gieng in der Ebene das Gefecht von neuem an.
Aber wer wird das
beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausgieng;
wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen
wollen; wo
das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusick,
das Rufen so vieler Commandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten,
das Zetter- und Mordiogeheul so vieler tausend elenden,
zerquetschten, halbtodten Opfer dieses Tages alle Sinnen betäubte!
Um diese Zeit – es mochte etwa 3. Uhr seyn – da Lowositz schon im
Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen
wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann
auf das Städtgen selber losgieng – um diese Zeit war ich freylich
nicht der Vorderste sondern unter dem Nachtrapp noch etwas im
Weinberg droben, von denen indessen mancher, wie gesagt, weit
behender als ich von einer Mauer über die andere hinuntersprang, um
seinen Brüdern zu Hülf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht
stand, und auf die Ebene wie in ein finsteres Donner- und
Hagelwetter hineinsah –
in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit,
oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu
retten. Ich sah mich deswegen nach allen Seiten um. Vor mir war
alles Feuer, Rauch und Dampf; hinter mir noch viele nachkommende auf
die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwey Hauptarmeen in
voller Schlachtordnung. [S.217] Zur Linken endlich sah ich Weinberge,
Büsche, Wäldchen, nur hie und da einzelne Menschen, Preussen,
Panduren, Husaren, und von diesen mehr Todte und Verwundete als
Lebende.
Da, da, auf diese Seite, dacht' ich; sonst ist's pur
lautere Unmöglichkeit!
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.211-213,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026