[S.192] Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und
doch bin ich bey weitem nie ganz darinn herumgekommen. Wir drey
Schweitzer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise;
aber bald gebrach's uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von
Strapazzen so marode, das wir uns lieber der Länge nach
hinlegten.

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Die Stadt Berlin – doch viele sagen, sie bestehe aus sieben Städten
– Aber unser einem hat man nur drey genennt: Berlin, Neustadt und
Friedrichsstadt. Alle drey sind in der Bauart verschieden.
In Berlin
– oder Cöl, sagt man auch – sind die Häuser hoch, wie in den
Reichsstädten, aber die Gassen nicht so breit, wie in Neu- und
Friedrichsstadt, wo hingegen die Häuser niedriger aber egaler
gebauen sind; denn da sehen auch die kleinsten derselben, oft von
sehr armen Leuthen bewohnt, doch wenigstens sauber und nett aus. An
vielen Orten giebt es ungeheuer grosse läre Plätze, die theils zum
Exerciren und zur Parade, theils zu gar nichts gebraucht werden;
ferners Aecker, Gärten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. –
Vorzüglich oft giengen wir auf die lange Brücke, auf deren Mitte ein
alter Markgraf von Brandenburg, zu Pferd in Lebensgrösse, von Erzt
gegossen steht, und etliche Enackssöhne mit krausen Haaren zu seinen
Füssen gefesselt sitzen – dann der Spree nach, aufs Weidendamm, wo's
gar lustig ist – dann ins Lazareth, zu G*. und B*. – um dort
das
traurigste Specktakel unter der Sonne zu sehn, wo einem, der nicht
gar ein Unsinniger ist, die Lust zu Ausschweifungen bald vergehen muß:

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In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, wo Beth an Beht
gereihet steht,
in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine
eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten: Hier ein
Dutzend, die
unter den Händen der Feldscheerer ein erbärmliches
Zettergeschrey erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken
krümmen, wie ein halb zertretener Wurm; [S. 193]
viele mit an- und weggefaulten Gliedern, u.s.f.
Meist mochten wir's da nur wenige
Minuten aushalten, und giengen dann wieder an Gottes Luft, setzten
uns auf einen Rasenplatz; und da führte unsre Einbildungskraft uns
fast immer, unwillkührlich, in unser Schweitzerland zurück, und
erzählten wir einander unsre Lebensart bey Hause; wie wohl's uns
war, wie frey wir gewesen, was es hingegen hier vor ein verwünschtes
Leben sey, u.d.gl. Dann machten wir Plane zu unsrer Entledigung.
Bald hatten wir Hofnung, daß uns heut oder morgens einer derselben
gelingen möchte; bald hingegen sahen wir vor jedem einen
unübersteiglichen Berg; und noch am meisten schreckte uns die
Vorstellung der Folgen eines allenfalls fehlschlagenden Versuches.

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Bald alle Wochen hörten wir nämlich
neue ängstigende Geschichten von
eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie noch so viele List
gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleuthe, oder gar in
Weibsbilder verkleidt, in Tonen und Fässer versteckt, u.d.gl.
dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch
200. Mann, achtmal die lange Gasse auf und ab
Spißruthen laufen
ließ, bis sie athemlos hinsanken – und des folgenden Tags aufs neue
dran mußten; die Kleider ihnen vom zerhackten Rücken
heruntergerissen, und wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis
Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich einander zitternd und todtblaß an, und flüsterten
einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren«! Was hiernächst
auch auf dem Exerzierplatz vorgieng, [S.194] gab uns zu ähnlichen
Betrachtungen Anlaß.

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Auch da war des
Fluchens und Karbatschens von
prügelsüchtigen Jünkerlins, und hinwieder des Lamentierens der
Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten
auf der Stelle, und tummelten uns wacker. Aber es that uns nicht
minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so
unbarmherzig behandelt, und uns selber so, Jahr ein Jahr aus,
coujoniert zu sehn; oft ganzer fünf Stunden lang in unsrer Montur
eingeschnürt wie geschraubt stehn, in die Kreutz und Querre
pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe
machen zu müssen; und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit
einem furiosen Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stuhnd, und
alle Augenblick wie unter Kabisköpfe drein zu hauen drohete.

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Bey
einem solchen Traktament mußte auch der starknervigste Kerl halb
lahm, und der geduldigste rasend werden. Und kamen wir dann
todmüde
ins Quartier, so giengs schon wieder über Hals und Kopf,
unsre
Wäsche zurecht zu machen, und jedes Fleckgen auszumustern; denn bis
auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr,
Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte
spiegelblank geputzt seyn. Zeigte sich an einem dieser Stücke die
geringste Unthat, oder
stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so
war, wenn er auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe
Tracht Prügel. Das währte so den ganzen May und Juni fort.
Selbst
den Sonntag hatten wir nicht frey; denn da mußten wir auf das
properste Kirchenparade machen. Also blieben [S.195] uns zu jenen
Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten
kurz und gut zu nichts Zeit übrig – als zum Hungerleiden. – Wahr
ist's, unsre Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste
Ordre, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten
den Henker davon, und dachten halt, das sey sonst so Kriegsmanier.
Alte Soldaten vermutheten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. –
Indessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und
was uns nicht
an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun
mußten
wir mit Brodt und Wasser (oder Covent, das nicht viel besser als
Wasser ist) vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg,
zu Wolfram und Meevis ins Quartier kommen, von denen der erstre ein
Zimmermann, der andre ein Schuster war, und beyde einen guten
Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich Anfangs ebenfalls Menage.
Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppen und Fleisch, mit Erdapfeln
und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwey Dreyer: Abends und
zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern einen
Ochsenpfoten, einen Häring, oder ein Dreyerkäsgen. Nun aber konnt'
ich's nicht mehr mit ihnen halten;
zu verkaufen hatt' ich nichts
mehr, und mein Sold gieng meist für Wäsche, Puder, Schuhwar, Kreide,
Schmirgel, Oel und anderes Plunderzeug auf.
Jetzt fieng ich erst
recht an Trübsal zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht
von Herzensgrund meine Noth klagen. Des Tags gieng ich umher wie der
Schatten an der Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte
wainend [S.196] in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bitteres
Elend: »Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen
Leuthen daheim, wie armselig es um mich stehe – meinen Eltern,
meinen Geschwisterten – meinem Aennchen sag's, wie ich schmachte –
wie treu ich ihr bin – daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du
schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach!
könnt' ich ein Vöglein seyn, und dir nach in meine Heimath fliegen!
Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich wollte
mein Glück bauen, und baute mein Elend! Was nützt mir dieser
herrliche Ort, worinn ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die
Meinigen hier hätte, und so ein schön Häusgen, wie dort grad
gegenüber steht – und nicht Soldat seyn müßte, dann wär's hier gut
wohnen; dann wollt' ich arbeiten, handeln, wirthschaften, und ewig
mein Vaterland meiden! – Doch nein! Denn auch so müßt' ich den
Jammer so vieler Elenden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes,
liebes Tockenburg! Du wirst mir immer vorzüglich werth bleiben! –
Aber, Ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder –
verliere so gar den Trost, von Zeit zu Zeit an die Lieben zu
schreiben, die in dir wohnen! Denn jedermann erzählt mir von der
Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile
fortzubringen, worinn ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer
weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie
ich nicht aus Vorsatz oder Lüderlichkeit dies Sklavenleben gewählt,
sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen
sollte – [S.197]
Doch, nein! desertiren will ich nicht. Lieber sterben,
als Spießruthe laufen. Und dann kann sich's ja auch ändern.
Sechs
Jahre sind noch – wohl auszuhalten. Freylich eine lange, lange Zeit;
wenn's zumal wahr seyn sollte, daß auch dann kein Abscheid zu hoffen
wäre! – Doch, was? Kein Abscheid?
Hab' ich doch eine, und zwar mir
aufgedrungene Capitulation? –
Ha! Dann müßten sie mich eher tödten!
Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Kutsche nachrennen,
mich anhängen bis er mir sein Ohr verlieht. Da wollt' ich ihm alles
sagen, was der Brief ausweist. Und
der gerechte Friedrich wird nicht
gegen mich allein ungerecht seyn«, u.s.f. – Das waren damals so
meine Selbstgespräche.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.192-198,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026