[S.211] Endlich den 22. Sept. ward Allarm geschlagen, und erhielten
wir Ordre aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung; in
etlichen Minuten ein stundenweites Lager – wie die allergrößte Stadt
– zerstört, aufgepackt, und Allons, Marsch! Itzt zogen wir ins Thal
hinab, schlugen bey Pirna eine Schiffbrücke, und formierten oberhalb
dem Städchen, dem Sächsischen Lager en Front, eine Gasse, wie zum
Spißruthenlaufen, deren eines End bis zum Pirnaer-Thor gieng, und
durch welche nun die ganze Sächsische Armee zu vieren hoch
spatzieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und – man kann sich's
einbilden – die ganze lange Strasse [S.211] durch Schimpf- und
Stichelreden genug anhören mußten. Einiche giengen traurig, mit
gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, und noch andre mit
einem Lächeln, das den Preußischen Spottvögeln gern' nichts schuldig
bleiben wollte. Weiter wußten ich, und so viele Tausend andre,
nichts von den Umständen der eigentlichen Uebergabe dieses grossen
Heers. – An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs
fort, und schlugen jetzt unser Lager bey Liljenstein auf. – Den 23.
mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. – Den 24. machten wir
einen Contremarsch, und kamen bey Nacht und Nebel an Ort und Stelle
hin, daß der Henker nicht wußte wo wir waren. – Den 25. früh gieng's
schon wieder fort, 4. Meilen bis Außig. Hier schlugen wir ein Lager,
blieben da bis auf den 29. und mußten alle Tag auf Fourage aus. Bey
diesen Anlässen wurden wir oft von den Kaiserlichen Panduren
attaquirt, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel
auf uns los, so daß mancher todt auf der Stelle blieb, und noch
mehrere blessiert wurden. Wenn dann aber unsre Artilleristen nur
etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, so flog der Feind über
Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt; ich
wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' ich oft: Poh! wenn's nur
denweg hergeht, ist's so übel nicht. – Den 30. marschierten wir
wieder den ganzen Tag, und kamen erst des Nachts auf einem Berg an,
den ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein
Blinder. Inzwischen bekamen wir Ordre, hier kein Gezelt
aufzuschlagen, [S.212] auch kein Gewehr niederzulegen, sondern immer
mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Nähe sey.
Endlich sahen und hörten wir mit anbrechendem Tag unten im Thal
gewaltig blitzen und feuern. – In dieser bangen Nacht desertirten
viele; neben andern auch Bruder Bachmann. Für mich wollt' es sich
noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt hätte.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.209-211,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026