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Zu den Kapiteln
33. Es geht auf Reisen
34. Abschied vom
Vaterland 36. Es geht langsam
weiters 37. Ein nagelneues
Quartier 38. Ein unerwarteter
Besuch 39. Was weiters
41. Hin und her,
her und hin
42. Noch mehr
dergleichen Zeug
43. Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig!
44. Reise nach Berlin
45. 's giebt ander
Wetter!
46. So bin
ich denn wirklich Soldat
47. Nun geht der Tanz
an
48. Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin
49. Nun geht's bald
weiters
50. Behüte Gott Berlin! - Wir sehen einander nicht mehr
51. Marschroute bis
Pirna 52. Muth und Unmuth
53. Das Lager zu Pirna
54.
Einnahme des Sächsischen Lagers u.s.f.
55. Die Schlacht bey Lowositz´56. Das heißt - wo nicht mit Ehren gefochten
57. Heim!
Heim! Nichts als Heim!
58. O
des geliebten süssen Vaterlands!
Ulrich
Bräker (1735- 1798) war ein Schweizer Schriftsteller aus der
Nähe von »Wattwil,
der ehemaligen Grafschaft »Toggenburg
(zu Bräkers Lebenszeit zur »Fürstabtei
St. Gallen gehörend). In seiner »Lebensgeschichte und
Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg" (1788)
beschreibt er unter anderem, wie er als zwangsgepresster
preußischer Soldat am »Siebenjährigen
Krieg (1756-1763) teilnimmt und während der »Schlacht
bei Lobowitz am 1. Oktober 1756 desertiert und wieder in
seine Toggenburger Heimat zurückkehrt.
[S.145] Es war im Herbste, als ich eines Tags meinem Vater eine
hübsche Buche im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von
Schwellbrunn, ein Rechen- und Gabelmacher, war uns auch dabey
behüflich, und kaufte uns nachwerts das schönste davon ab. Unter
allerhand Gesprächen kam's auch auf mich: »Ey, ey, Hans«! sagte
Laurenz, »du hast da einen ganzen Haufen Buben. Was willst auch mit
allen anfangen? Hast doch kein Gut, und kann keiner kein Handwerk.
Schad', daß du nicht die größten in die Welt 'nausschickst. Da
könnten sie ihr Glück gewiß machen. Siehst's ja an des Hans Joggelis
seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst' gefunden; sind
noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze Herren
neumontirt, mit goldbordirten Hüten heim, sich zu zeigen, und wurden
um kein Geld mehr hie zu Land bleiben«. »Ha«! sagte mein Vater:
»Aber meine Buben sind dazu viel zu läppisch und ungeschickt; des
Hans Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen,
schreiben, singen und geigen. Meine sind pur lauter Narren in
Vergleichung; sie stehen wo man's stellt, und thun's Maul auf«.
»Behüte Gott«! versetzte Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie
wären gwiß wohl zu brauchen; sonderlich der grosse da ist wohl
gewachsen, kann ja auch lesen und schreiben, und ist sicher kein
Stockfisch – seh's ihm wohl an. Potz [S.145] Wetter! wenn der recht
getummelt wird, das gäb' ein Kerl. Würdst die Augen aufsperren!
Hans, ich will dir Mann dafür seyn, daß er nach Jahr und Tag
heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd, daß es dir
ein Ehr' und Freud' seyn soll«. Während diesem Gespräch sperrt' ich
Maul und Augen auf, guckte dem Vater ins Gesicht; und er mir, und
sprach: »Was meinst, Uli«? Aber eh' ich antworten konnte, fuhr
Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch so jung wär', und's Maul
voll hübsche Zähn hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit allen
seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten. Ich
bin auch in der Welt 'rum gekommen. Ha! da giebts Globte Länder, und
Geld z'verdienen wie Dreck. Weiß was ich da gesehen hab'. Aber ich
war halt ein liederlicher Narr; und nun ist's zu späth, wenn man dem
Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. O, ich möchte noch brieggen
darob! Aber, was ist zu machen«? »Alles gut«, fiel itzt mein Vater
ein; »aber da müßt' er Empfehlungsschreiben, oder sonst jemand
haben, der ihm in den Teich hülfe. Ich wollte freylich gern alle
meine Kinder versorgt wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber«
– »Aber, was aber«? unterbrach ihn Laurenz. »Da laß mich dafür
sorgen; es soll dich nicht einen Heller kosten, Hans! und Bürg will
ich dir seyn, dein Bub soll versorgt werden, daß er ein Mann, daß er
ein Herr giebt. Ich kenne weit und breit angesehene Leuth' genug,
die solche Bursch' glücklich machen können; und da will ich dem Uli
gwiß den beßten aussuchen, daß er mir's sein Lebtag danken [S.146]
soll« – Mein Vater traute gegen seine Gewohnheit dießmal sehr
geschwind; denn er war diesem Laurenz sonst gut. Und von mir kam's –
einige Liebesscrupel ausgenommen, von denen wir bald reden werden –
wohl gar nicht in die Frage. So bald es einmal von des Aetis Seite
wirklich hieß: »Wie, Uli, hätt'st Lust«? hieß es von meiner: »Ja«!
Mein Vater mochte um so viel zufriedener seyn, da er mich dergestalt
vollends von Aennchen entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's
gar nicht recht. Aber, man weiß es schon; wenn der Näbishans einmal
einen Entschluß gefaßt, hätten ihn Himmel und Erde nicht mehr davon
abwendig gemacht. Es ward also Tag und Stund abgeredt, wo ich mit
Laurenz verreisen sollte, ohne weiter einem Menschen ein Wort davon
zu sagen: Denn es mache nur unnöthigen Lerm, sagte mein Führer.
[S.147] Gute Nacht, Welt! Ich geh ins Tyrol. So hieß es bey mir.
Denn, einstheils wenigstens, war ich lauter Freude; meynte der
Himmel hange voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' ich Siegel und
Brief in der Fiecke, mein Glück sey schon gemacht. Anderstheils aber
giengs mir freylich entsetzlich nahe – nicht eben das Vaterland,
aber das Land zu meiden wo mein Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich
mein Aennchen nur mitnehmen, dacht' ich wohl hunderttausendmal. Aber
dann [S.147] wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr' sind doch auch bald vorbey. Und wie wird's dann mein Schätzgen freuen, wenn ich mit Ehr'
und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren – oder es zu mir in
ein Gelobt Land abholen kann. Also, auf den 27. Herbstmonath, Samstag Abends, ward's abgeredt, den
Weg in Gottes Namen unter die Füsse zu nehmen. »Wir wollen bey Nacht
und Nebel fort«, sagte Laurenz; »es giebt sonst ein gar zu
wunderfitzig Gelüg; und an einem Werktag hab' ich nicht Zeit. Mach
dich also reisfertig. Einen guten Rock, damit ist's gethan«. Samstag
Morgens macht' ich also alles zurecht. Nun giengs an den Abschied.
Mutter und Schwestern vergossen häufige Thränen, und fiengen schon
um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich! zu
sagen. Mein Vater aber, ebenfalls voll Wehmuth, gab mir, nebst
etlichen Batzen, folgendes auf den Weg: »Uli«! sprach er zu mir, »du
gehst fort, Uli! Ich weiß nicht wohin, und du weißt's eben so wenig.
Aber Laurenz ist ein gereister Mann, und ich trau' ihm die
Redlichkeit zu, er werd' irgendwo ein gutes Nest kennen, wo er dich
absetzen kann. Du von deiner Seite halt dich nur redlich und brav,
so wird's, will's Gott! nicht übel fehlen. Itzt bist du noch wie ein
ungebacknes Brödtlin: Gieb Achtung, und laß dich weisen; du bist
gelehrig. Uebrigens weist' du, Ich hab' dir das Ding nie mit keinem
Wort weder gerathen noch mißrathen. Es war Laurenzens Einfall, und
dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit ziemlich
schwerem Herzen. Denn, am End konnt' ich [S.148] dir noch wie bisher Brodt geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer
Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich
nicht minder freuen, wenn du itzt Speis', und Lohn dazu, auf eine
leichtere Art verdienen, oder gar dein Glück machen kannst. Was mir
am meisten Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn.
Und doch, glaub' mir's, du gehst in eine verführerische Welt hinaus,
wo's Hallunken und Schurken genug giebt, die auf die Unschuld
solcher Buben lauern. Ich bitt' dich, trau doch keinem Gesicht, bis
du's kennst; und laß dich zu nichts bereden, was dich nicht recht
dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel; und vergiß nie, daß, wenn
ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein beßrer Vater im Himmel
in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du denkest und thust. Du
weist ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, inn- und auswendig. Sinn'
ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen Leuten, die Gott
liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph, David. Und wie
hingegen jenen nichtsnutzen gottlosen Buben, wie unglücklich sie
worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner zeitlichen und
ewigen Wohlfarth willen, vergiß deines Gottes nicht. Wo der Himmel
über dir steht, ist er stets bey dir. Ich kann weiter nichts als
dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen; und das will ich thun,
unabläßig« – – So giengs noch eine kurze Weile fort. Mein Herz ward
weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als: »Ja,
Vater, ja«! und in meinem Innwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater,
ja«! Endlich, nach [S.149] einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in
Gottes Namen, geh«! und ich: »Ja, ich will gehen«! und: »Liebe,
liebe Mutter! thu doch nicht so; es wird mir nicht gänzlich fehlen.
Behüt' Euch Gott! lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' Euch Gott alle,
liebe Geschwisterte! Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will
ihren guten Ermahnungen auch folgen in der weit'sten weiten Ferne«.
Dann gab mir jedes die Hand. Die Zähren rollten ihnen über die
feuerrothen Backen. Ich mußte fast ersticken. Drauf gab mir die
Mutter den Reisbündel, und gieng dann beyseite. Mein Vater geleitete
mich noch ein Stück Wegs. Es war schon Abenddämmerung. In der
Schomatten begegnete mir Caspar Müller. Der gab mir ein artiges
Reisgeldlin, und Gottes Geleit auf die Strasse.
[S. 154] Es war ein Sonntag. Wir kehrten beym Hecht ein, und blieben
da den ganzen Tag über. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen
jungen Tockenburger – oder Appenzeller gesehen hätten, der in die
Fremde gieng – und doch nicht wußte wohin, und noch viel minder
recht warum. An allen Tischen hört' ich da viel von Wohlleben und
lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu Trinken vor. Ich war
des Weins nicht gewohnt, und darum bald aufgeräumt, und recht guter
Dingen.
Wir machten uns erst bey anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein
fuchsrother Herisauer, und, [S.154] wie Laurenz, ein Müller, war unser
Gefährte. Es gieng auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Orte
kamen wir bey einem Schopf vorbey, wo etliche Mädel beym Licht
Flachs schwungen: »Laßt mich e'nmal«, sagt ich, »ich muß die Dinger
sehn, ob keine meinem Schatz gleiche«? Damit setzt' ich mich unter
sie hin, und spaßte ein wenig mit ihnen. Aber eben, da war wenig zu
vergleichen. Indessen musterten mich meine Führer fort; sagten, ich
werde derley Zeug noch genug bekommen, und machten allerley
schmutzige Anmerkungen, daß ich roth bis über die Ohren ward. Dann
kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. Hier überfiel mich
mit Eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war (des Marschierens und
Trinkens nicht e'nmal zu gedenken) das erstemal in meinem Leben, daß
ich zwo Nächte nach einander nicht geschlafen hatte. Allein die
Kerls wollten nichts vom Rasten hören, preßirten gewaltig auf
Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur: Ich könnte
nun einmal keinen Schritt weiter! ein Pferd. Das gefiel mir nicht
unfein. Unterwegs gieng's an ein Predigen, wie ich mich in
Schaffhausen verhalten, hübsch grad strecken, frisch antworten
sollte, u.d.gl. Dann flismeten* sie zwey mit einander (doch mit Fleiß
so, daß ich's hören mußte) von galanten Herren, die sie kennten,
deren Diener es so gut hätten, als die Größten im Tockenburg.
»Sonderlich« sagte Laurenz, »kenn' ich einen Deutschländer der sich
dort incognito aufhält, gar ein vornehmer Herr von Adel, der
allerley Bediente braucht, wo's der geringste besser hat als ein
Landammann«. »Ach«! [S.155] sagt' ich, »wenn ich nur nicht zu
ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden«! – – »Nur gradzu
geredt, wie's kömmt« sagten sie; »so habens dergleichen vornehme
Leuth' am liebsten«.
* flismeten: halblaut
reden
[S.156] Wir kamen noch bey guter Zeit in Schaffhausen an, und
kehrten beym Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war
ich halb lahm, und stuhnd da wie ein Hosendämpfer. Da gieng's von
Seite meiner Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da
ich nicht begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir
die Stiege hinaufkamen, hiessen sie mich ein wenig auf der Laube
warten, traten in die Stube, und riefen mich dann nach wenigen
Minuten auch hinein. Da sah ich einen grossen hübschen Mann der mich
freundlich anlächelte. Sofort hieß man mich die Schuh' ausziehn,
stellte mich an eine Saul unter ein Maaß, und betrachtete mich vom
Kopf bis zun Füssen. Dann redten sie etwas Heimliches mit einander;
und hier stieg mir armen Bürschgen der erste Verdacht auf, die zwey
Kerls möchtens nicht am Beßten mit mir meynen; und dieser Argwohn
verstärkte sich, als ich deutlich die Worte vernahm: »Hier wird
nichts draus, wir müssen also weiter gehn«. »Heut setz' ich keinen
Fuß mehr aus diesem Haus«, sagt' ich zu mir selber; »ich hab' noch
Geld«! Meine Führer giengen hinaus. [S.156] Ich saß am Tische. Der Herr spatzierte das Zimmer auf und ab, und guckte mich unterweilen an.
Neben mir schnarchte ein grosser Bengel auf der Bank, der
wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu
erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube
gieng, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirthsjungfer zu fragen:
Wer denn wohl dieser Bursche seyn möchte: »Ein Lumpenkerl«, sagte
sie: »Erst Heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und
schon sauft sich der H. blindstern voll, und macht e'n Gestank,
Puh«! – »Ha«! sagt' ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so
ein Bedienter könnt' ich auch werden«. Dieß hört' er, wandte sich
gegen mir, und sprach: »Hätt'st du zu so was Lust«? »Nachdem es
ist«, antwortet' ich. »Alle Tag 9. Batzen«, fuhr er fort, »und
Kleider, so viel du nöthig hast«. »Und was dafür thun«? versetzt'
ich. Er. Mich bedienen. Ich. Ja! wenn ich's könnte. Er. Will dich's
schon lehren. Pursch du gefällst mir. Wir wollen's vierzehn Tag
probiren. Ich. Es bleibt dabey. – Damit war der Markt richtig. Ich
mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir Essen und Trinken
vorsetzen, und that allerley gutmüthige Fragen an mich. Unterdessen
waren meine Gefärthen (wie ich nachwerts erfuhr) zu ein Paar andern
preussischen Werboffizieren gegangen (es befanden sich damals 5.
dergleichen auf einmal in Schaffhausen) und machten bey ihrer
Zurückkonft grosse Augen, als sie mich so drauf loszechen sahen.
»Was ist das«? sagte Laurenz: »Geschwind, komm! Itzt haben wir dir
einen Herrn gefunden«. – »Ich hab' [S.157] schon einen«, antwortet ich.
Und Er: »Wie, was? Ohne Umständ« – – und wollten schon Gewalt
brauchen. »Das geht nicht an, ihr Leute«! sagte mein Herr: »Der
Bursch' soll bey mir bleiben«! »Das soll er nicht«, versetzte
Laurenz: »Er ist uns von seinen Eltern anvertraut«. »Lyrum! Larum«!
erwiederte der Herr: »Er hat nun einmal zu mir gedungen, und damit
auf und Holla«! Nach einem ziemlich heftigen Wortwechsel giengen sie
miteinander in ein Nebencabinet, wo Laurenz und der Herisauer, wie
ich im Verfolg hörte, sich mit 3. Dukaten abspeisen liessen, von
denen eine meinem Vater werden sollte – – der er aber nie ansichtig
ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur mit einem Wort von
mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf zwanzig Louisd'or
für mich gefordert haben. Den folgenden Tag ließ mein Herr einen
Schneider kommen, und mir das Maaß von einer Montirung nehmen. Alle
andern Beythaten folgten in Kurzem. Da stand ich nun gestiefelt und
gespornt, nagelfunkelneu vom Scheitel bis an die Sohlen: Ein
hübscher bordirter Hut, samtene Halsbinde, ein grüner Frack, weiß
tücherne Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwey Paar Schuhen;
alles so nett angepaßt – – Sackerlot! Da bildet' ich mir kein kaltes
Kraut ein. Und mein Herr reitzte mich noch dazu, nur ein wenig stolz
zu thun: »Ollrich«! sagte er: »Wenn du die Stadt auf und ab gehst,
mußt du hübsch gravitätisch marschieren – – den Kopf recht in die
Höhe, den Hut ein wenig aufs eine Ohr«. Mit eigner Hand gürtete er
mir einen Ballast [S.158] an die Seite. Als ich so das erstemal über
die Strasse gieng, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre.
Auch rückte alles den Hut vor mir. Die Leuth' im Haus begegneten mir
wie einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch meublirte
Zimmer, und ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster
alle Stunden des Tags das frohe Gewimmel der durch's Schiffthor aus-
und eingehnden Menschen, Pferdten, Wagen, Kutschen und Chaisen; und,
was mir nicht wenig schmeichelte – man sah und bemerkte auch mich.
Mein Herr, der mir bald so gut war als ob ich sein eigener Sohn
wäre, lehrte mich frisiren; frisierte mich Anfangs selbst, und
flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. Ich hatte nichts zu thun, als
ihn bey Tisch zu serviren, seine Kleider auszuklopfen, mit ihm
spatzieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn, u.d.gl. Ha! Das war
ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' ich vollends allein
wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag gieng ich bald durch alle
Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn aussert Lichtensteig hatt
ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein grösser Wasser als die
Thur. Ich spatzierte also bald alle Abend am den Rhein hinaus, und
konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich den
Sturz bey Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und
blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber
so furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein
klein winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen
kehrt' ich ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen gieng's[S.159]
auf den Bonenberg, der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich
den Schiffleuthen, und fuhr bald selbst mit Plaisir hin und her.
[S.160] So stuhnd's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel
durch meine wackern Begleiter, das Gerücht in mein Heimath kam, man
hätte mich aufs Meer verkauft; und namentlich sollte dieß ein Mann
ausgesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmieden, und den
Rhein hinunterführen gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern
zum Exempel vor, daß sie fein bey Haus bleiben, und sich nicht in
die böse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort
hievon; weil aber die Mutter so grämlich that, ihm Vorwürf' über
Vorwürfe machte, und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er
sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren, und sich selbst nach dem
Grund oder Ungrund dieser Mähre zu erkundigen. Also, an einem Abend,
welche Freude für uns beyde, als mein innigstgeliebter Vater so ganz
unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, im meine Kammer
trat; Er mir erzählte, was ihn hergeführt, und Ich ihm, wie
glücklich ich sey; ihm meinen Kasten zeigte, die scharmanten Kleider
darin, alles Stück vor Stück bis auf die Hemderknöpflin; dann ihn
meinem guten Herrn vorstellte, der ihn freundlich bewillkommte,
und [S.160] beßtens zu traktiren befahl, u.s.f.u.f. – Nun aber traf's
sich, daß man gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof
tanzte, und mein Herr, als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten,
sich solches auch schmecken ließ – so wie mein Vater und ich, am
Tischgen in einem Winkel der grossen Gaststube, unsern Braten. Ganz
unversehns kam er auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch Eins mit
den jungen Leuthen da tanzen«. Vergebens entschuldigt' ich mich, und
bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da
half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor, und gab mir die
Köchin im Haus, ein artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der
Schweiß tropfte mir von der Stirn, vor Schaam, daß ich in Gegenwart
meines Vaters tanzen sollte. Das Mädchen inzwischen riß mich so
vertummelt herum, daß ich in Kurzem sinnlos von einer Wand zu der
andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward.
Mein lieber Aeti redte zwar bey dieser ganzen Scene kein Wort; aber
von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmütigen Blick, der mir
durch die Seele gieng. Wir legten uns doch noch zeitig genug zu
Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu
machen, wie wohl ich mich befinde: was ich vor einen gütigen Herrn
habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne, u.s.f. Er gab mir
nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja – So – es ist gut – und
schlief ein – ziemlich unruhig, und ich nicht minder. Des Morgens
nahm er Abschied, so bald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm
die Reiskosten,[161] gab ihm noch einen Thaler auf den Weg, und
versicherte ihn hoch und theuer, ich sollt' es gewiß gut bey ihm
haben und wohl versorgt seyn, wenn ich mich nur weiter treu und
redlich betragen würde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder
Muth und Zutrauen faßte, dankte höflich, und empfahl mich auf's
Beßte. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies. Auf der
Strasse sprachen wir so herzlich mit einander, als seit jener
Krankheit in meiner Jugend sonst nie geschehn. Er gab mir
vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern
und deine Heimath nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf
gute Wege leiten, welche freylich weder ich noch du jetzt voraussehn«.
Beym Abschied zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen
kaum ein: Behüte, behüte Gott! herstammeln, und dachte nur immer:
Ach! könnt' ich doch mein gegenwärtiges Glück, ungetrennt von meinem
guten Aeti geniessen, jeden Bissen mit ihm theilen, u.d. gl.
[S.162] Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne
mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie
und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern
von den Preußischen Werboffizieren sein Bedienter mit dem Schelmen
davon gieng, und ihm über 80. fl. enttrug, sagte mein [S.162] Herr zu
mir: »Willst du mir's auch e'nmal so machen, Ollrich«? Ich versetzte
lachend: Wenn er mir so was zutraue, soll er mich lieber fortjagen.
Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir
den ganzen Winter durch die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer
ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Tours machte. Hinwieder
ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch
freundlich und gütig darnach. Nur zu viel konnt' ich spatziren und
müßig gehn; und fuhr ich, besonders im Herbst, oft über Rhein auf
Feurthalen (denn die alte Brücke war kurz vorher eingefallen, und
die neue mit H. Grubenmann in unserm Gasthof accordirt worden) in
die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volk Trauben – essen, bis ans
Halszäpflin. Einmal bey einer solchen Ueberfahrt, sagte mir jemand:
»Nun, wie geht's Ulrich? Weißt du auch, daß dein Herr ein
Preußischer Offizier ist«? Ich. »Ja! meinetwegen, er ist ein
herzguter Herr.« »Ja, ja«! sagte jener: »Wart' nur, bis d'enmal in
Preussen bist; da mußt Soldat seyn, und dir den Buckel braun und
blau gerben lassen. Um tausend Thaler möcht' ich nicht in deiner
Haut stecken«. Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte
bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; gieng dann geschwind
nach Hause, und erzählte meinem Herrn alles harklein, worauf
derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so einem jeden
Narrn und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, ein Preußischer
Offizier bin ich – und was ist's denn? – von Geburth ein Pohlnischer
Edelmann; und, damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß
ich' [S..163] Johann Markoni. Bisher nanntest du mich Herr Lieutenant!
Aber eben dieser Grobiane wegen, sollst du mich könftig Ihr Gnaden!
schelten. Uebrigens sey nur getrost und guten Muths, dir soll's, bey
Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du anderst ein wackrer Bursche
bleibst. Soldat solltest werden? Nein! bey meiner Seel' nicht! Ich
konnt' dich ja haben; um ein Paar schlichtige Louisd'or wollten
deine beyden saubern Landsleuth' dich verkaufen. Aber du warst mir
dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen an, und
ich behielt dir was besseres vor«. Nun, dacht' ich, bin ich Leibs
und Guts sicher – Ha! der gute Herr! – Er hätt mich können haben –
Die Schurken! – Ja wohl, mich verkaufen? – Der Henker lohn's ihnen!
– Aber komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde
stopfen. Ja wohl! – Was für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni
seyn, und dabey so gut! Kurz, ich glaubte von nun an ihm alles, wie
ein Evangelium.
[S.166] Da wir uns einstweilig in Rothweil im Gasthof zum Armbrust
niederliessen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen wo er wäre, damit
wenn seine Wachtmeisters Rekruten machten, man ihm solche
nachschicken könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das
Geschenk meiner Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühls, und – ich
sprang hoch auf! eines von Aennchen beygebogen: Dieses letztre
offen; denn es sollte ein Zürchgulden zum Grüßchen drinn stecken,
und der war fort. Was schierte mich das? Die süssen Fuchswörtlin in
dem Briefgen entschädigten mich reichlich. Meiner unverschobnen
ausführlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht
gedenken. Die an Aennchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. –
Dießmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rothweil, giengen wieder nach
dem lieben Schaffhausen zurück, und machten dann von Zeit zu Zeit
kleine Tours auf Diessenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u.s.f.
Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. [S.166] Schon als
Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich
nur die Schellen ihrer Thiere hörte. Itzt machte ich noch nähere
Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine
Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt
aber keine Antwort. Ich wußte nicht wo es fehlte? Das drittemal bat
ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er
guckte das Päckgen an, runzelte die Stirn, und wollte weder Ja noch
Nein sagen. Ich gab ihm einen Batzen. »So, so« sprach jetzt mein
Herr Landsmann: »Das Ding soll richtig bestellt werden«. Und
wirklich bekam ich nun bald ordentliche Empfangscheine. Meine ältern
Brief und schweren Sachen hingegen waren natürlich nach Holland
geschwommen. In Schaffhausen lagen damals fünf preußische
Werboffiziers in verschiedenen Wirthshäusern. Alle Tag traktirte
einer die andern. So kam's auch je den fünften Tag an uns. Das
kostete jedesmal einen Louisd'or; dafür gab's denn freylich
Burgunder und Champanier gnug zu trinken. Aber bald hernach wurde
ihnen ihr Handwerk niedergelegt; wie die Sag' gieng, weil ein junger
Schaffhauser, der in Preussen seine Jahre ausgedient, keinen
Abschied kriegen konnte. Und kurz, sie mußten alle fort, und neue
Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht;
drey einzige Erzschurken ausgenommen, die sich Verbrechen wegen auf
flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rothweil.
Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen Kerl,
einen [S.167] Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude
machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm Pohlnisch parlen
konnte. Sonst war's in Rothweil ein lustig Leben. Besonders giengen
wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirth,
und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im
Hornung 1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg
nahmen wir zu Haßlach im Kinzinger-Thal unser Schlafquartier. In
derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch
ganz Europa verspürte. Ich aber empfand nichts davon; denn ich hatte
mich Tags vorher auf einem Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber
sah' ich alle Gassen voll Schorsteine; und im nächsten Wald war die
Strasse mit umgeworfenen Bäumen in die Kreutz und Queer so verhackt,
daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. – In Straßburg mußt' ich Maul
und Augen aufsperren; denn da sah' ich: 1.) Die erste grosse Stadt.
2.) Die erste Festung. 3.) Die erste Garnison. 4.) Am dortigen
Münster das erste Kirchengebäud', bey dessen Anblick ich nicht
lächeln mußte wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht
Tag' zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch dießmal gastfrey, und
zahlte mir gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie
Heu, wär' ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst
indessen hielt nicht viel besser Haus. Bey unsrer Rückkehr hatten
wir zu Rothweil alle Tag Ball, bald in diesem bald in jenem
Wirthshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen,
in dem unsrigen an. Der beschenkte s.[168] alle Bräute, und trillerte
dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dieß jetzt ein ganzes
Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Aennchen treu
zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort; gleichwohl aber macht' ich
mir auch kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu
schäckern; wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten.
Mein Herr, der war nun vollends gar ein Liebhaber des schönen
Geschlechts bis zum Entsetzen, und im Nothfall jede Köchin ihm gut
genug. Mich bewahre Gott dafür! dacht' ich oft, so ein armes bisher
ehrliches Mädchen zu besudeln, und dann Heut oder Morgens
wegzureisen, und es sitzen zu lassen. Eine von den beyden Köchinnen
im Wirthshause, Mariane, dauerte mich innig. Sie liebte mich heftig,
gab und that mir, was sie mir in den Augen ansah. Ich hingegen
bezeigte mich immer schnurrig; sie ließ sich's aber nicht anfechten,
und blieb gegen mich stets dieselbe. Schön war sie nicht, aber
herzlich gut. Die andere Köchin, Hanne, machte mir schon mehr
Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, vermuthlich darum,
eine zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie meine Aufwart
williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren worden.
Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stuhnd. Ich merkte, daß
sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schliech. Damit that sie mir
einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß:
Zweytens stand nun mein Herr nicht mehr so frühe als gewöhnlich auf;
also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. [S.169]
Bisweilen kam er schon gestiefelt und gesporrnt auf meine Kammer,
und traf mich noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen; denn er
merkte, daß ich wußte, wo die Katz im Stroh lag. Nichts desto
weniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, oft vor seinen
eignen Sünden mit grossem Ernst. »Ollrich«! hieß es da: »Hörst, mußt
dich mit den Mädels nicht zu weit einlassen; du könnt'st die schwere
Noth kriegen«! Uebrigens hatt' ich's in allen Dingen bey und mit
ihm, wie von Anfang; viel Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist
einen Patron wie die liebe Stunde, zwey einige Mal ausgenommen;
einmal da ich den Schlüssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der
Stell' finden konnte, das andremal da ich einen Spiegel sollte
zerbrochen haben. Beydemal war ich unschuldig. Aber das hätt' mir
wenig geholfen; sondern nur durch demüthiges Schweigen entgieng ich
der zumal des Schlüssels wegen schon über mir gezogenen Fuchtel.
Derley Geschichtgen, kurz alles was mir Süsses oder Sauers
wiederfuhr, (meine Liebesmücken ausgenommen) schrieb ich dann
fleißig nach Haus, und predigte bey solchen Anlässen meinen
Geschwistern ganze Litaneyen voll: Wie sie Vater, Mutter und andern
Fürgesetzten ja nie wiederbefzgen, sondern, auch wo sie Unrecht zu
leiden vermeynen, sich fein hübsch gewöhnen sollten das Maul zu
halten, damit sie's nicht von fremden Leuthen erst zu späth lernen
müssen. Alle meine Briefe ließ ich meinen Herrn lesen; nicht selten
klopfte er mir während der Lektur auf die Schulter: Bravo, Bravo!
sagte er dann, verpittschierte sie mit [S.170] seinem Siegel, und hielt
mich hinwieder in Ansehung aller an mich eingehnden Depeschen
portfrey.
[S.171] Mir ist so wohl beym Zurückdenken an diese glücklichen Tage
– Heute noch schreib' ich mit so viel innigem Vergnügen davon – bin
jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich – so geneigt
mich über alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum that
und ließ. Freylich vor dir nicht, Allwissender! aber vor Menschen
doch darf ich's sagen: Damals war ich ein guter Bursch' ohne Falsch
– vielleicht für die arge Welt nur gar zu redlich. Harmlos und
unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, Heut' wie Gestern, und
Morgens wie Heute. Nur kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir
jemals anderst als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb ich
meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für mich
sorgen; der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. Man
glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer der mich bisweilen
anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann
möcht' ich Gottes vergessen. Aber, nein! (beruhigte ich mich bald
wieder) das werd' ich nie: War Er's nicht, der mir, durch Mittel die
nur seine Weisheit zum Beßten lenken konnte, zu meinem jetzigen
erwünschten Loos half? Mein erster Schritt in die Welt gerieth unter
seiner [S.171] leitenden Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden
nicht noch besser gelingen? Auf irgend einem Fleck der Erde werd'
ich vollends mein Glück bau'n. Dann hohl' ich Aennchen, meine Eltern
und Geschwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohlstands
theilhaft. Aber, durch welche Wege? – Dieß fragt' ich mich nie; und
hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht schwer gewesen, drauf zu
antworten – denn damals war mir Alles leicht. Zudem kam mein Herr
tagtäglich mit allerley Exempeln von Bauern die zu Herren worden,
und andern Fortunaskindern angestochen (der Herren die zu Bettlern
werden, that er keine Meldung) und versprach selber, an meinem
fernern Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten u.d. gl. Was
hätt' ich weiter befürchten sollen – oder vielmehr, was nicht alles
hoffen dürfen? Von einem Herrn, wie Markoni – einem so grossen
Herrn, dacht' ich Esel – dem zweyt- oder drittnächsten vielleicht
auf den König, der Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben
hat, so viel er will. Aus seiner jetzigen Güte zu schliessen, was
wird er erst für mich in der Zukonft thun? Oder warum sollt' er auf
mich groben ungeschliffenen Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn
er nicht grosse Dinge mit mir im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht,
gleich andern Rekruten, geradezu nach Berlin transportiren lassen,
wenn er je im Sinn hätte, mich zum Soldaten zu machen, wie mirs
ehemals ein Paar böse Mäuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in
Ewigkeit nicht geschehn, darauf will ich leben und sterben. So
dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen [S.172] je Zeit zu denken
hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Die Tracktament konnt' ich nach
meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's per se an guten
Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd beföderten die Dauung; denn ohne
das hätt's mir freylich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald
hie bald da, alle Edelleuth' in der Runde. Ich mußte überall mit;
und es that mir freylich in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er
ordentlich Hoffarth mit mir trieb. Sonst waren solche Ausritte zu
diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel eben wenig nutz.
Dann kostete ihn das Tarocspiel mit Pfaffen und Layen auch schöne
Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine
Stück zerreissen, und dem Vulkan zum Opfer bringen – aber Morgens
drauf ihm schon wieder neue hohlen. Ein andermal hatt' er auch eine
ziemliche Summ' verloren, und kam Abends um neun Uhr, mit einem
tüchtigen Räuschgen ganz verdrüßlich nach Haus. »Ollrich«! sagte er,
»geh, schaff mir Spielleuth', es koste was es will«. »Ja Ihr
Gnaden«! antwortet' ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's
schon so späth, und stockfinster«, »Fort Racker«! fuhr er fort,
»oder« – und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich
packen, stolperte nun im Dunkeln durch alle Strassen, und spitzte
die Ohren, ob ich nirgends keine Geige höre? Als ich endlich zu
oberst im Städtgen an die Mühler- und Beckenherberg kam, merkt' ich,
daß es da etwas Herumspringens absetzen wollte; schliech mich
hinauf, und ließ einen Spielmann hinausrufen. Die Bursch' in [S.173]
der Stube schmeckten den Braten; ein Paar von ihnen kamen ihm auf
dem Fuß nach – und Husch! mit Fäusten über mich her. Dem Wirth hatt'
ich's zu danken, daß sie mich nicht fast zutodgeschlagen. Der
Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt: Sie wollten bald
aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort halten könnte?
Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den
Worten in's Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer Viertelstund'
werden sie da seyn«! – Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' noch die
alten versaust hätten, verführten mich zu diesem Wagestück. Aber nun
stand ich vollends Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus
Uebel Aerger gemacht? Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich
seinetwegen gelitten – um per Avanzo sein Mitleid rege zu machen,
wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leuthe kamen, eh'
wir's uns versahen. Unser Wirth hatte inzwischen etliche lustige
Brüder und ein Paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandirte Markoni
Essen und Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den
Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte einen Menuet und
einen Pohlnischen. Bald aber fieng er auf seinem Stuhl an zu
schnarchen; dann erwacht' er wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's
so hundsf**«! – Ich mußt' ihn also zu Bett' bringen. Im Augenblick
schlief er ein wie ein Stock. Das war uns übrigen recht gekocht. Wir
machten uns lustig wie die Vögel im Hanfe – alles so durcheinander,
Herren und Dienstboten. Es währte bis Morgens um vier Uhr. Mein Herr
erwachte um Fünfe: [S.174] Seine ersten Worte waren: »Ollrich! Sein
Tage trau' er keinem Menschen nicht; 's ist alles falsch wie'n
Teufel. Wenn der Cujon von R*** kömmt, so sag' er, ich sey nicht zu
Hause«.
[S.175] Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren,
wie er deren viele hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe
ihm Geld bringen, aber wohl, daß er noch mehr bey ihm hohlen möchte;
denn mein Herr konnte keinem Menschen nichts abschlagen. Indessen
wollt' er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen
Schulden wieder einzutreiben; dazu aber taugt' ich in Grundsboden
nicht: Die Kerls gaben mir gute Wort'; und ich gieng zufrieden nach
Haus. Aber länger mocht' eine solche Wirthschaft nicht dauern. Dazu
kam, daß Markoni am End das Aergste befürchten mußte, wenn er
bedachte, wie wenig Bursche er für so viel Geldverzehrens seinem
König geliefert hatte; denn der Grosse Friedrich, wußt' er wohl, war
zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum
mich, unsern Wirth, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn,
ob wir ihm nicht noch ein Paar Kerls ins Garn bringen könnten? Aber
alles vergebens. Auch die beyden Wachtmeisters Hevel und Krüger,
langten um die [S.175] gleiche Zeit, ebenfalls mit lären Händen wieder
zu Rothweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisfertig machen.
Vorher aber gab's noch ein Paar lustige Tägel. Hevel war ein
Virtuos' auf der Cithar, Krüger eine gute Violine; beyde feine
Herren, so lang sie auf der Werbung lagen, beym Regiment aber magere
Korporals. Ein dritter endlich, Labrot, ein grosser handvester Kerl,
ließ ebenfalls jetzt seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als
Werber geschoren trug. Diese drey Bursche belustigten noch zu guter
Letze ganz Rothweil mit ihren Sprüngen. Es war eben Faßnacht, wo die
sogenannte Narrenzunft (ein ordentliches Institut in dieser Stadt,
bey welchem über zweyhundert Personen von allen Ständen
eingeschrieben sind) ohnehin ihre Gauckeleyen machte, die meinen
Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu
räumen. Jetzt giengs an ein Abschiednehmen. Mariane flocht mir einen
zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, den sie mir mit
Thränen gab, und den ich eben so wenig mit trockenem Aug' abnehmen
konnte. – Und nun Ade! Rothweil, liebes friedsames Städtchen! liebe,
tolerante katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so
tausendswohl bey euern vertrauten brüderlichen Zechen! – Ade! ihr
wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirthshaus so
gern' von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren
Eseln heimreiten sah! Wie treflich schmeckten mir oft Milch und Eyer
in euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen
Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende [S.176] Lerchen aus der
Luft schoß, die mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so
oft mein Herr mirs vergönnte, in euern topfebnen Wäldern, an des
Neckars reitzenden Ufern, auf und nieder zu schlentern, wo ich ihm
Hasen ausspähen sollte – aber lieber die Vögel behorchte, und das
Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! – Nochmal also Ade!
Rothweil, werthes, theures Nestgen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich
hab' seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal grösser, und
zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner
Kleinheit, und mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn und
zwanzigmal lieber als sie! Adie, Marianchen! Tausend Dank für deine
innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Adie! Sebastian
Zipfel, lieber guter Armbrustwirth! und deine zarte Mühle
desgleichen! Lebt alle alle wohl!
[S.177] Den 15. Merz 1756. reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den
letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Uebergewehr, von Rothweil
ab. Marianchen nähete mir den Strauß auf'n Hut, und schluchzte; ich
drückte ihr einen Neunbätzner in die Hand, und konnt's auch kaum vor
Wehmuth. Denn so entschlossen ich zu dieser Reis' war, und so wenig
Arges ich vermuthete, fiel's mir doch ungewohnt [S.177] schwer auf die
Brust, ohne daß ich eigentlich wußte warum? War's Rothweil, oder
Marianchen, oder daß ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die
immer weitere Entfernung vom Vaterland und Aennchen – ich hatte
allen zu Hause mein letztes Lebewohl geschrieben – oder ich denke
wohl, ein Bißchen von allem? Markoni gab mir 20 fl. auf den Weg; was
ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schiessen. Dann klopfte
er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich mein Sohn, mein lieber,
lieber Ollrich! auf allen deinen Wegen. In Berlin sehn wir uns bald
wieder«. Dieß sprach er auch sehr wehmüthig; denn er hatte gewiß ein
weiches Herz. Unsre erste Tagreise gieng 7. Stunden weit, bis ins
Städgen Ebingen, meist über schlechte Wege durch Koth und Schnee.
Die zweyte bis auf Obermarkt 9. St. Auf der erstgenannten Station
logirten wir beym Rehe; auf der zweyten weiß ich selbst nicht mehr,
was es vor ein Thier war. An beyden Orten gabs nur kalte Küche, und
ein Gesöff ohne Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder 9. St.
Diesen Tag fieng ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen;
schon hatt' ich Schwielen an den Füssen, und war mir's sonst
sterbensübel. Im Städtgen Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf
einen Bauernwagen, da denn das gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks,
zumal bey mir, seine gewohnte herzbrechende Wirkung that. Als wir
unweit Ulm abstiegen, ward's mir schwarz und blau vor den Augen. Ich
sank zu Boden: »Um Gottes Barmherzigkeit willen«, sagt' ich: »Weiter
kann ich nicht; lieber laßt mich auf der Gasse liegen«. [S.178] Ein
barmherziger Samariter lud mich endlich auf seine nackte Mähre, auf
der ich mich vollends bis ins Städtgen so lahm ritt, daß ich weder
mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm logirten wir beym Adler, und
hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine Cameraden besorgten da ihre
alten Herzensangelegenheiten; Ich legte mich lieber auf die faule
Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug, der mir sehr wohl
gefiel. Das Weibsvolk gieng ganz weiß bis auf die Füsse. Den fünften
Tag marschierten wir bis auf Gengen 7. St. Den sechsten auf
Nördlingen, wieder 7. St. und hielten da den zweyten Rasttag. Hevel
hatte dort beym Wilden Mann ein liebs Lisel. Sie spielte artig die
Cithar; Er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich von diesem und so vielen
andern Orten wo wir durchkamen eben nichts zu erzählen. Meist erst
Nachts langten wir müd und schläfrig an, und Morgens früh mußten wir
wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen und beobachten können?
Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an Ort und Stell'
wäre; mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange Reis'
antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal verdeutet, ein lustiger
Polacke, ein Mann wie ein Baum, ein Paar Beine wie zwo Säulen, und
lief wie ein Elephant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt.
Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füsse; und bald alle
sechs Tage mußte man uns flicken oder versolen. Am achten Tag
gieng's nach Gonzenhausen 8. St. Gegen Mittag sahen wir Hevels
Lisgen über ein Feld dahertrippeln: Das arme Ding rannte ihm durch
andre Wege bis hieher nach, [S.179] und wollte sich nicht abweisen
lassen, ihn wenigstens bis auf unsre Station zu begleiten. Den
neunten auf Schwabach 8. St. Den zehnten über Nürnberg bis
Bayersdorf 9. St. Den eilften bis Tropach 10. St. Den zwölften über
Bareuth bis Bernig 7. St. Den dreyzehnten bis Hof 8. St. Den
vierzehnten bis Schletz 7. St. Hier hielten wir wieder einmal
Rasttag, und es war hohe Zeit. Von Gonzenhausen an hatten wir in
keinen Bethen gelegen, sondern, wenn's gut gieng, auf elendem Stroh.
Und überhaupt, obschon wir viel Denari verzehrten, war's ein
miserabel Leben; meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege.
Krüger und Labrot fluchten und pestirten den ganzen Tag; Hevel
hingegen war ein feiner sittlicher Mann, der uns immer Geduld und
Muth einsprach. Den sechszehnten gieng's bis Cistritz 12. St. Darauf
wieder ein Rasttag. Den achtzehnten bis Weissenfeld 7. St. Den
neunzehnten über die Elbe bis auf Halle. Als wir den breiten Strohm
paßirt hatten, bezeugten die Sergeanten grosse Freude; denn nun
betraten wir Brandenburger-Boden. Zu Halle logirten wir bey Hevels
Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts desto minder den ganzen
Abend mit uns spielte und haselirte, so daß ich glaube, sein Bruder
Sergeant war frömmer als er. Inzwischen war mein Geld alle; Hevel
mußte mir noch 10. fl. herschiessen. Den zwanzigsten bis vier und
zwanzigsten gieng's über Zerbst, Dessau, Görz, Ustermark, Spandau.
Charlottenburg u.s.f. auf Berlin 44. St. An den drey letztern Orten
zumal wimmelte es von Militair aller Gattungen und Farben, daß ich
mich nicht satt [S.180] gucken konnte, die Thürme von Berlin zeigte man
uns schon eh' wir nach Spandau kamen. Ich dachte, wir hätten's in
einer Stunde erreicht; wie erstaunt' ich darum, als es hieß, wir
gelangten erst Morgens hin. Und nun, wie war ich so herzlich froh,
als wir endlich die grosse herrliche Stadt erreicht. Wir giengen zum
Spandauer-Thor ein, dann durch die melancholisch angenehme
Lindenstrasse, und noch ein Paar Gassen durch. Da, dacht' ich
Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg. Da wirst
du dir dein Glück bauen. Dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins
Tockenburg; der muß dir dann deine Eltern und Aennchen
zurückbringen; da werden sie die Augen aufsperren u.s.f. Nun bat ich
meinen Führer, sie sollten mich zu meinem Herrn führen. »Ey«!
erwiederte mir Krüger, »wir wissen ja nur nicht, ob er schon
angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt«! »Der
Henker«! sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier«? Ueber diese
Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht'
ich: Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.
[S.181] Es war den 8. Aprill da wir zu Berlin einmarschierten, und
ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwerts
erfuhr, schon acht Tage vor uns dort angelangt war – als Labrot
(denn die andern[181] verloren sich nach und nach von mir, ohne daß
ich wußte wo sie hinkamen) mich in die Krausenstrasse in
Friedrichsstadt transportirte, mir ein Quartier anwies, und mich
dann kurz mit den Worten verließ: »Da, Mußier! bleib' Er, bis auf
fernere Ordre«! Der Henker! dacht' ich, was soll das? Ist ja nicht
einmal ein Wirthshaus. Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian
Zittemann, und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon
zwey andre Martissöhne befanden. Nun gieng's an ein Wundern und
Ausfragen: Wer ich sey, woher ich komme, u.d. gl. Noch konnt' ich
ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz: Ich komme
aus der Schweitz, und sey Sr. Excellenz, des Herrn Lieutenant
Markonis, Laquai: Die Sergeanten hätten mich hieher gewiesen; ich
möchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen
sey, und wo er wohne. Hier fiengen die Kerls ein Gelächter an, daß
ich hätte wainen mögen; und keiner wollte das geringste von einer
solchen Excellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke
Erbsekost auf. Ich aß mit wenigem Appetit davon. Wir waren kaum
fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch
bald ansah, daß er mehr als Gemeiner seyn müsse. Es war ein
Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über
den Tisch ausspreitete, ein Sechsgroschenstück dazu legte, und
sagte: »Das ist vor dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein
Commißbrodt bringen«. »Was? vor mich«, versetzt ich: »Von wem,
wozu«? »Ey! Deine Montirung und Traktament, Bursche! Was gilt's da
Fragens? Bist ja ein [S.182] Recrute«. »Wie, was? Rekrute«? erwiedert'
ich: »Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein! in
meinem Leben nicht. Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich
gedungen, und anderst nicht. Da wird mir kein Mensch anders sagen
können«! »Und ich sag' dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir
dafür. Da hilft itzt alles nichts«. Ich. Ach! wenn nur mein Herr
Markoni da wäre. Er. Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen.
Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener seyn, als seines
Lieutenants. – Damit gieng er weg. »Um Gottes willen, Herr Zittemann«!
fuhr ich fort: »Was soll das werden«? »Nichts, Herr«! antwortete
dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, Soldat, und
wir folglich alle Brüder sind; und daß Ihm alles Widersetzen nichts
hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brodt nach der Hauptwache
führt, kreutzweis schließt, und Ihn fuchtelt daß ihm die Rippen
krachen, bis Er content ist«! Ich. Das wär' beym Sacker!
unverschämt, gottlos! Er. Glaub' Er mir's auf mein Wort, anderst
ist's nicht, und geht's nicht, Ich. So will ich's dem Herr König
klagen. – Hier lachten alle hoch auf. – Er. Da kömmt Er sein Tage
nicht hin. Ich. Oder, wo muß ich mich sonst denn melden? Er. Bey
unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles alles umsonst. Ich.
Nun so will ich's doch probieren, ob's – ob's so gelte? – Die
Bursche lachten wieder; ich aber entschloß mich wirklich, Morgens
zum Major zu gehn, und meinem treulosen Herrn nachzufragen. Sobald
also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen.
Potz Most! das dünkte mich [S.183] ein königlicher Pallast – und der
Major der König selbst zu seyn, so majestätisch kam er mir vor; ein
gewaltig grosser Mann, mit einem Heldengesicht und ein Paar feurigen
Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major!
Ich bin .... Herrn Lieutenant Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü
... für das bi ... bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei
... weiters für ni ... ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn
selbst fra ... gen. I ... Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Itzt
sagen's da, ich müsse So ... o ... oldat sey ... ey ... eyn, ich
wolle o ... der wolle nicht«. – »So«! unterbrach er mich: »So ist er
das saubre Bürschgen! Sein feiner Herr, der hat uns gewirthschaftet,
daß es eine Lust ist; und Er wird wohl auch Seinen Theil gezogen
haben. Und kurz, itzt soll Er dem König dienen; da ist's aus und
vorbey«. – Ich. Aber, Herr Major' – Er. Kein Wort, Kerl! oder die
Schwernoth! Ich. Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch Handgeld!
Au! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! – Er. Den wird Er sobald
nicht zu sehen kriegen; und Handgeld hat Er mehr gekost't als zehn
andre. Sein Lieutenant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin
oben an. Eine Kapitulation hingegen, die soll Er haben. – Ich. Aber
– – Er. Fort, Er ist ja ein Zwerg, daß – – Ich. Ich bi ... bi ...
bitte. – – Er. Canaille! scheer' Er sich zum Teufel. – Damit zog er
die Fuchtel – Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem
Quartier hin, das ich vor Angst und Noth kaum finden konnte. Da
klagt' ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute
Mann sprach mir Muth[S.184] ein: »Geduld, mein Sohn! Noch wird schon
alles besser gehn. Itzt' mußt' dich leiden; viel hundert brave
Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche thun. Denn, gesetzt
auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich doch
unter sein Regiment abgeben, so bald es hieß': Ins Feld, Marsch!
Aber wirklich einstweilig würd' er kaum einen Bedienten zu nähren im
Stand seyn, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt, und
dafür so wenig Kerls eingschickt haben soll, wie ich unsern Oberst
und Major schon oft drüber lamentiren gehört; und wird man ihn gewiß
nicht mehr so geschwind zu derley Geschäften brauchen«. So tröstete
mich Zittemann; und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein besserer
Trost übrig blieb. Nur dacht' ich dabey: Die Grössern richten solche
Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.
[S.185] Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Commisbrodt,
nebst Unter- und Uebergewehr, u.s.f. und fragte: Ob ich mich nun
eines Bessern bedacht? »Warum nicht«? antwortete Zittemann für mich:
»Er ist der beßte Bursch' von der Welt«. Itzt führte man mich in die
Montirungskammer, und paßte mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an;
gab mir einen Hut, Halsbinde, Strümpfe u.s.f. Dann mußt' ich mit
noch etwa[185] zwanzig andern Recrutten zum Herrn Oberst Latorf. Man
führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche
zerlöcherte Fahnen herbey, und befahl jedem einen Zipfel anzufassen.
Ein Adjutant, oder wer er war, las' und einen ganzen Sack voll
Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die
mehrern nachmurmelten; Ich regte mein Maul nicht – dachte dafür was
ich gern wollte – ich glaube an Aennchen; schwung dann die Fahne
über unsre Köpfe, und entließ uns. Hierauf gieng ich in eine
Garküche, und ließ mir ein Mittagessen, nebst einem Krug Bier,
geben. Dafür mußt' ich 2. Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen
sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich auf vier Tage
wirthschaften – und sie reichten doch blos für zweene hin. Bey
dieser Ueberrechnung fieng ich gegen meine Kameraden schrecklich zu
lamentiren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen:
»Es wird dich schon lehren. Itzt thut es nichts; hast ja noch
allerley zu verkaufen! Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann
bist du gar itzt doppelt armirt; das läßt sich alles versilbern.
Dann kriegen solch junge Bursche oft noch eine Tracktaments-Zulage,
und kannst dich deswegen nur beym Obrist melden«. »Oh oh! Da geh'
ich mein Tage nicht mehr hin«, sagt' ich. »Potz Velten«! antwortete
Cran: »Du mußt 'mal des Donnerns gewohnt werden, sey's itzt ein
wenig früher oder späther. Und dann des Menage wegen, nur fein
aufmerksam zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drey, vier
bis fünf mit einander an; kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirrn u.d. gl.
und kochen selbst. Des Morgens um e'n[186] Dreyer Fusel und e'n
Stück Commisbrodt: Mittags hohlen sie in der Garküche um e'n andern
Dreyer Suppe, und nehmen wieder e'n Stück Commis: Des Abends um zwey
Pfenning Kovent oder Dünnbier, und abermals Commis.« »Aber, das ist
beym Strehl ein verdammtes Leben«, versetzt ich; und Er: Ja! So
kommt man aus, und anderst nicht. Ein Soldat muß das lernen; denn es
braucht noch viel andre Waar: Kreide, Puder, Schuhwar, Oehl,
Schmiergel, Seife, und was der hundert Siebensachen mehr sind. –
Ich. Und das muß einer alles aus den 6. Groschen bezahlen? Er. Ja!
und noch viel mehr; wie z.B. den Lohn für die Wasche, für das
Gewehrputzen u.s.f. wenn er solche Dinge nicht selber kann. – Damit
giengen wir in unser Quartier; und ich machte alles zurecht, so gut
ich konnte und mochte.
Die erste Woche indessen hatt' ich noch
Vacanz; gieng in der Stadt herum auf alle Exercierplätze; sah, wie
die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon
zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher
Zittemann, mir bey Haus die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl
lernen«! sagte er: »Aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an.« »Da
geht's dir wie e'n Blitz«! Indessen war er so gut, mir wirklich
alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur
anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte, u.s.f. Nach
Crans Rath verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein
hölzernes Kästgen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets
im Exercieren, las' im Hallischen Gesangbuch, oder betete. Dann
spatziert' ich etwa an die Spree, und [S.187] sah' da hundert
Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaaren
beschäftigen: Oder auf die Zimmerplätze; da steckte wieder alles
voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Casernen u.s.f.
Da fand' ich überall auch dergleichen, die hunderterley
Handthierungen trieben – von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam
ich auf die Hauptwache, so gab's da deren die spielten, soffen und
haselierten; andre welche ruhig ihr Pfeigen schmauchten und
discurirten; etwa auch einer der in einem erbaulichen Buch las',
und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereyen
gieng's eben so her. Kurz in Berlin hat's unter dem Militair – wie,
denk' ich freylich, in grossen Staaten überall – Leuthe aus allen
vier Welttheilen, von allen Nationen und Religionen, von allen
Characktern, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein
Stücklein Brodt gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen –
wenn ich nur erst recht exerciren könnte – Etwa an der Spree? – Doch
nein! da lermt's gar zu stark – Aber z.E. auf einem Zimmerplatz, da
ich mich so ziemlich auf die Art verstuhnd. So war ich wieder fix
und fertig, neue Plane zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern
so schändlich gescheitert hatte. Giebt's doch hier (damit schläferte
ich mich immer ein) selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leuthe,
die ihre hübschen Kapitalien haben, Wirthschaft, Kaufmannschaft
treiben, u.s.f. Aber dann erwog ich nicht, daß man vor Zeiten ganz
andere Handgelder gekriegt als heut zu Tag; daß dergleichen Bursche
bisweilen ein Namhaftes mochten erheurathet[188] haben, u.d. gl.
Besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling gut
hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten – Ich
hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen
wisse. – Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand' ich auch da
noch einen elenden Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so
schont das Bley jenen Glückskindern so wenig, als dir armen Hudler!
– Also – bist du so gut wie sie.
[S. 189] Die zweyte Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem
Paradeplatz stellen, wo ich unvermuthet drey meiner Landleuthe,
Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter
gleichem Regimente (Itzenblitz) die beyden erstern vollends unter
der nämlichen Compagnie (Lüderitz) befanden. Da sollt' ich vor allen
Dingen, unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase (Mengke
mit Namen) marschieren lernen. Den Kerl nun mocht' ich vor den Tod
nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füsse klopfte, schoß mir
das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage
nichts begreifen können. Dieß bemerkte einst Hevel, der mit seinen
Leuthen auf dem gleichen Platze manövrirte, tauschte mich gegen
einen andern aus, und nahm mich unter sein Plouton. Das war mir eine
Herzensfreude. [S.189] Itz capiert' ich in einer Stund' mehr als sonst
in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo
Markoni wohne, aber, bat er um Gottswillen, ich soll ihn nicht
verrathen. Des folgenden Tags, sobald das Exercitium vorbey war,
flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und
murmelte immer vor mir her: Ja, ja, Markoni! wart' nur, ich will dir
deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine verfluchte Verrätherey
so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich
schon, daß du hier nur Lieutenant, und nirgends ihr Gnaden bist! –
Bey geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eben
eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; ein kleines,
magres, fuchsrothes Bürschgen öffnete mir die Thüre, und führte mich
eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er mich
erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach zu
mir mit einem so holden Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen
Grimm entwafnete, und mir die Thränen in die Augen trieb: »Ollrich!
mein Ollrich! mach mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's
noch, und wirst mir's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen
Umständen handeln. Gieb dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem
Herrn«. – »Ja, Ihr Gnaden« – – »Nichts Gnaden«! sagte er: »Beym
Regiment heißt es nur: ›Herr Lieutenant‹! Itzt klagt' ich ihm, nach
aller Ausführlichkeit, meine gegenwärtige grosse Noth.« Er bezeugte
mir sein ganzes Mittleid. »Aber«, fuhr er fort: »Hast ja noch
allerley Sachen, die du versilbern kannst; wie z.E. die [S.190] Flinte
von mir, die Reisemütze die dir Lieutenant Hofmann in Offenburg
verehrt, u.d. gl. Bring sie nur mir, ich zahl dir dafür, so viel sie
je werth sind. Dann könnt'st du dich, wie andre Rekrutten, um
Gehaltserhöhung beym Major« – »Potz Wetter«! fiel ich ein: »Nein den
sah' ich einmal, und nimmermehr«! Drauf erzählt' ich ihm, wie dieser
Sir mir begegnet habe. »Ha«! versetzte er: »Die Lümmels meinen, man
könn' auf Werbung von Luft leben, und Kerle im Strick fangen«. »Ja«!
sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir wenigstens in
Rothweil auch einen Nothpfenning erspart haben«. »Alles hat seine
Zeit, Ollrich«! erwiederte er: »Halt' dich nur brav! Wenn einmal die
Exercitien vorbey sind, kannst du wohl was verdienen. Und wer weiß –
vielleicht gehts bald ins Feld, und dann« – – Weiter sagte er
nichts; ich merkte aber wohl, was er damit wollte, und gieng
vergnügt, als ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach
etlichen Tagen trug ich Flinte, Ballast, und die sammtene Mütze
wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafür; aber von
Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft ich auch
meinen Tressenhut, den grünen Frack, u.s.f.u.f. und ließ mir nichts
mangeln, so lang ich was anzugreifen hatte. Schärer war eben so arm
als ich: Allein er bekam ein Paar Groschen Zulage, und doppelte
Portion Brodt; der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihm, als auf
mir. Indessen waren wir Herzensbrüder; so lang einer etwas zu
brechen hatte, konnte der andere mitbeissen. Bachmann hingegen, der
ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl, und
harmonierte [S.191] nie recht mit uns; und doch schien immer die Stunde
ein Tag lang, wo wir nicht beysammen seyn konnten. G. mußten wir in
den H...häusern suchen wenn wir ihn haben wollten; er kam bald
hernach ins Lazareth. Ich und Schärer waren auch darinn völlig
gleichgesinnt, daß uns das Berliner-Weibsvolk eckelhaft und
abscheulich vorkam; und wollt' ich für ihn so gut wie für mich einen
Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt. Sondern sobald
das Exerziren vorbey war, flogen wir miteinander in Schottmanns
Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzer-Bier,
schmauchten ein Pfeifgen, und trillerten ein Schweitzerlied. Immer
horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu.
Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen,
ihnen den Kuhreihen zu singen: Meist bestand der Spielerlohn bloß in
einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit
noch weniger vorlieb.
[S.192] Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und
doch bin ich bey weitem nie ganz darinn herumgekommen. Wir drey
Schweitzer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise;
aber bald gebrach's uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von
Strapazzen so marode, das wir uns lieber der Länge nach
hinlegten.
Die Stadt Berlin – doch viele sagen, sie bestehe aus sieben Städten
– Aber unser einem hat man nur drey genennt: Berlin, Neustadt und
Friedrichsstadt. Alle drey sind in der Bauart verschieden. In Berlin
– oder Cöl, sagt man auch – sind die Häuser hoch, wie in den
Reichsstädten, aber die Gassen nicht so breit, wie in Neu- und
Friedrichsstadt, wo hingegen die Häuser niedriger aber egaler
gebauen sind; denn da sehen auch die kleinsten derselben, oft von
sehr armen Leuthen bewohnt, doch wenigstens sauber und nett aus. An
vielen Orten giebt es ungeheuer grosse läre Plätze, die theils zum
Exerciren und zur Parade, theils zu gar nichts gebraucht werden;
ferners Aecker, Gärten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. –
Vorzüglich oft giengen wir auf die lange Brücke, auf deren Mitte ein
alter Markgraf von Brandenburg, zu Pferd in Lebensgrösse, von Erzt
gegossen steht, und etliche Enackssöhne mit krausen Haaren zu seinen
Füssen gefesselt sitzen – dann der Spree nach, aufs Weidendamm, wo's
gar lustig ist – dann ins Lazareth, zu G*. und B*. – um dort
das
traurigste Specktakel unter der Sonne zu sehn, wo einem, der nicht
gar ein Unsinniger ist, die Lust zu Ausschweifungen bald vergehen muß: In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, wo Beth an Beht
gereihet steht,
in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine
eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten: Hier ein
Dutzend, die
unter den Händen der Feldscheerer ein erbärmliches
Zettergeschrey erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken
krümmen, wie ein halb zertretener Wurm; [S. 193]
viele mit an- und weggefaulten Gliedern, u.s.f. Meist mochten wir's da nur wenige
Minuten aushalten, und giengen dann wieder an Gottes Luft, setzten
uns auf einen Rasenplatz; und da führte unsre Einbildungskraft uns
fast immer, unwillkührlich, in unser Schweitzerland zurück, und
erzählten wir einander unsre Lebensart bey Hause; wie wohl's uns
war, wie frey wir gewesen, was es hingegen hier vor ein verwünschtes
Leben sey, u.d.gl. Dann machten wir Plane zu unsrer Entledigung.
Bald hatten wir Hofnung, daß uns heut oder morgens einer derselben
gelingen möchte; bald hingegen sahen wir vor jedem einen
unübersteiglichen Berg; und noch am meisten schreckte uns die
Vorstellung der Folgen eines allenfalls fehlschlagenden Versuches. Bald alle Wochen hörten wir nämlich
neue ängstigende Geschichten von
eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie noch so viele List
gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleuthe, oder gar in
Weibsbilder verkleidt, in Tonen und Fässer versteckt, u.d.gl.
dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch
200. Mann, achtmal die lange Gasse auf und ab
Spißruthen laufen
ließ, bis sie athemlos hinsanken – und des folgenden Tags aufs neue
dran mußten; die Kleider ihnen vom zerhackten Rücken
heruntergerissen, und wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis
Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich einander zitternd und todtblaß an, und flüsterten
einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren«! Was hiernächst
auch auf dem Exerzierplatz vorgieng, [S.194] gab uns zu ähnlichen
Betrachtungen Anlaß. Auch da war des
Fluchens und Karbatschens von
prügelsüchtigen Jünkerlins, und hinwieder des Lamentierens der
Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten
auf der Stelle, und tummelten uns wacker. Aber es that uns nicht
minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so
unbarmherzig behandelt, und uns selber so, Jahr ein Jahr aus,
coujoniert zu sehn; oft ganzer fünf Stunden lang in unsrer Montur
eingeschnürt wie geschraubt stehn, in die Kreutz und Querre
pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe
machen zu müssen; und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit
einem furiosen Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stuhnd, und
alle Augenblick wie unter Kabisköpfe drein zu hauen drohete.
Bey
einem solchen Traktament mußte auch der starknervigste Kerl halb
lahm, und der geduldigste rasend werden. Und kamen wir dann
todmüde
ins Quartier, so giengs schon wieder über Hals und Kopf,
unsre
Wäsche zurecht zu machen, und jedes Fleckgen auszumustern; denn bis
auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr,
Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte
spiegelblank geputzt seyn. Zeigte sich an einem dieser Stücke die
geringste Unthat, oder
stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so
war, wenn er auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe
Tracht Prügel. Das währte so den ganzen May und Juni fort.
Selbst
den Sonntag hatten wir nicht frey; denn da mußten wir auf das
properste Kirchenparade machen. Also blieben [S.195] uns zu jenen
Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten
kurz und gut zu nichts Zeit übrig – als zum Hungerleiden. – Wahr
ist's, unsre Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste
Ordre, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten
den Henker davon, und dachten halt, das sey sonst so Kriegsmanier.
Alte Soldaten vermutheten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. –
Indessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und
was uns nicht
an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun
mußten
wir mit Brodt und Wasser (oder Covent, das nicht viel besser als
Wasser ist) vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg,
zu Wolfram und Meevis ins Quartier kommen, von denen der erstre ein
Zimmermann, der andre ein Schuster war, und beyde einen guten
Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich Anfangs ebenfalls Menage.
Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppen und Fleisch, mit Erdapfeln
und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwey Dreyer: Abends und
zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern einen
Ochsenpfoten, einen Häring, oder ein Dreyerkäsgen. Nun aber konnt'
ich's nicht mehr mit ihnen halten;
zu verkaufen hatt' ich nichts
mehr, und mein Sold gieng meist für Wäsche, Puder, Schuhwar, Kreide,
Schmirgel, Oel und anderes Plunderzeug auf.
Jetzt fieng ich erst
recht an Trübsal zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht
von Herzensgrund meine Noth klagen. Des Tags gieng ich umher wie der
Schatten an der Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte
wainend [S.196] in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bitteres
Elend: »Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen
Leuthen daheim, wie armselig es um mich stehe – meinen Eltern,
meinen Geschwisterten – meinem Aennchen sag's, wie ich schmachte –
wie treu ich ihr bin – daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du
schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach!
könnt' ich ein Vöglein seyn, und dir nach in meine Heimath fliegen!
Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich wollte
mein Glück bauen, und baute mein Elend! Was nützt mir dieser
herrliche Ort, worinn ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die
Meinigen hier hätte, und so ein schön Häusgen, wie dort grad
gegenüber steht – und nicht Soldat seyn müßte, dann wär's hier gut
wohnen; dann wollt' ich arbeiten, handeln, wirthschaften, und ewig
mein Vaterland meiden! – Doch nein! Denn auch so müßt' ich den
Jammer so vieler Elenden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes,
liebes Tockenburg! Du wirst mir immer vorzüglich werth bleiben! –
Aber, Ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder –
verliere so gar den Trost, von Zeit zu Zeit an die Lieben zu
schreiben, die in dir wohnen! Denn jedermann erzählt mir von der
Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile
fortzubringen, worinn ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer
weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie
ich nicht aus Vorsatz oder Lüderlichkeit dies Sklavenleben gewählt,
sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen
sollte – [S.197]
Doch, nein! desertiren will ich nicht. Lieber sterben,
als Spießruthe laufen. Und dann kann sich's ja auch ändern.
Sechs
Jahre sind noch – wohl auszuhalten. Freylich eine lange, lange Zeit;
wenn's zumal wahr seyn sollte, daß auch dann kein Abscheid zu hoffen
wäre! – Doch, was? Kein Abscheid?
Hab' ich doch eine, und zwar mir
aufgedrungene Capitulation? –
Ha! Dann müßten sie mich eher tödten!
Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Kutsche nachrennen,
mich anhängen bis er mir sein Ohr verlieht. Da wollt' ich ihm alles
sagen, was der Brief ausweist. Und
der gerechte Friedrich wird nicht
gegen mich allein ungerecht seyn«, u.s.f. – Das waren damals so
meine Selbstgespräche.
[S.198] In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen wo wir
konnten; klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte
mehr Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab
jetzt, wie so viele andre, den letzten Dreyer um Genevre, meinen
Kummer zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bey mir im
Quartier, und mit mir in gleichen Umständen war, machte es eben so.
Aber wenn der seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der
Abenddämmerung vor's Haus hin, fluchte und haselirte da mutterseels
allein; schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den König,
wünschte Berlin und allen Brandenburgern tausend [S.198] Millionen Schwernoth auf den Hals, und fand (wie der arme Teufel, so oft er
wieder nüchtern ward, behauptete) in diesem unvernünftigen Rasen
seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram und Meewis warnten ihn
oft; denn sonst war er noch vor Kurzem ein recht guter umgänglicher
Bursche: »Kerl«! sagten sie dann zu ihm, »gewiß wirst du noch ins
Tollhaus wandern«. Dieses war nicht weit von uns. Oft sah' ich dort
einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkgen sitzen, und fragte
einst Meevis, wer er wäre? Denn ich hatte ihn nie bey der Compagnie
gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger«, antwortete Meewis;
»darum hat man ihn hier versorgt, wo er Anfangs brüllte wie ein
ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er so geschlacht
wie ein Lamm seyn«. Diese Beschreibung machte mich lüstern, den
Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. Anfangs gieng
ich nur so wie verstohlen bey ihm hin und wieder, sah mit
wehmüthigem Vergnügen, wie er seinen Blick bald zum Himmel
gerichtet, bald auf den Boden geheftet, melancholisch da saß,
bisweilen aber ganz vor sich sanft lächelte, und übrigens meiner
nicht zu achten schien. Schon aus der Physiognomie war mir ein
solcher Erdensohn in seiner Lage recht heilig. Endlich wagt' ich es,
mich zu ihm hinzusetzen. Er sah mich starr und ernst an, und
schwatzte zuerst lange meist unverständiges Zeug, das ich doch gerne
hörte, weil mitunter immer etwas höchst vernünftiges zum Vorschein
kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, so viel ich
merken mochte, daß er von [S.199] gutem Haus, und nur durch Verdruß in
diese Umstände gekommen seyn mußte, jetzt aber von Nachreu und
Heimweh' erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm so durch Umwege auch
meine Gemüthsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen was
er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann
schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben:
»Brüderchen«! sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses,
einst zu mir: »Brüderchen, halt du still! Deine Schuld ist's sicher,
daß du leidest, und was du leidest also gewiß mehr oder minder wohl
verdiente Züchtigung. Durch Zappeln machst du's wahrlich nur ärger.
Es wird schon noch anders, und immer anders kommen. Der König allein
ist König; seine Generals, Obersten, Majoren sind selber seine
Bedienten – und wir, ach! wir – so hingeworfene verkaufte Hunde –
zum Abschmieren im Frieden, zum Todstechen und Todschiessen im Krieg
bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht kömmst du nahe an
eine Thüre; geht sie dir auf – so thu' was du willst. Aber halt
still, Brüderchen! – nur nichts erfrettet oder erzwungen – sonst
ist's mit einmal aus«! Dergleichen, und noch viel anderes Aehnliches
sagte er öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir
nicht so gut predigen, und mich zugleich so gut trösten können wie
er.
Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von
Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekrutten wurden auch unter
eins gesteckt. Da gieng's nun alle Tag vor die Thore zum Manövriren; [S.200]
links und rechts avanziren, attaquiren, retiriren, ploutons und
divisionsweise schargiren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte.
Endlich gedieh es zur Generalrevüe; und da gieng's zu und her, daß
dieß ganze Büchelgen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben;
und wenn ich's wollte, so könnt ich's nicht. Erstlich wegen der
schweren Menge aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier grossentheils
zum erstenmal sah. Zweytens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll
von dem entsetzlichen Lerm der knallenden Büchsen, der Trommeln und
Feldmusick, des Rufens der Commandeurs u.s.f. daß ich oft hätte
bersten mögen. Drittens war mir das Exercitz seit einiger Zeit so
widerlich geworden, daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all
die Corps zu Fuß und zu Pferde für Millionszeug machten. Freylich
kam mich hernach manchmal grosser Reuen an, daß ich diese Dinge
nicht besser in Obacht genommen: Denn allen meinen Freunden, und
allen Leuthen hier zu Lande wünscht' ich, daß sie solches nur einen
Tag sehen möchten; es würde ihnen zu hundert und aber hundert
vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dieß Wenige. Da
waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuthen bedeckt; viele tausend
Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwey grosse Armeen
in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das
grobe Geschütz auf einander los. Sie avanziren, kommen zum Feuer,
und machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten
Nachbar nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: [S.201] Dort
versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander
in die Flanke, da blokiren sie Batterien, dort formiren sie ein
doppeltes Kreutz. Hier marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort
hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengten etliche Schwadrons
Husaren von allen Farben auf einander los, daß Staubwolken über Roß
und Mann emporwallen. Hier überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde,
unter deren ich zu manövriren die Ehre hatte, bricht Zelten ab, und
flieht. – Doch noch einmal: Ich müßte ein Narr seyn, wenn ich
glaubte, hier eine Preußische Generalrevüe beschrieben zu haben. Ich
hoffe also, man nimmt mit diesem Wenigen vorlieb – oder, vielmehr,
verzeiht's mir, um der Freude willen, mein Gewäsch nicht länger
anzuhören.
[S.202] Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons,
ins Feld! Schon im Heumonath marschierten etliche Regimenter von
Berlin ab, und kamen hinwieder andre aus Preussen und Pommern an.
Jetzt mußten sich alle Beurlaubten stellen, und in der grossen Stadt
wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich,
wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am
Gatter. Einiche sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue
Rekrutten [S.202] doch nicht mit, sondern würden unter ein
Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir himmelangst gemacht; aber
ich glaubte es nicht. Indessen bot ich allen meinen Leibs- und
Seelenkräften auf, mich bey allen Manövers als einen fertigen
dapfern Soldaten zu zeigen (denn einige bey der Compagnie, die älter
waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben). Und nun den 21. Aug.
erst Abends späth, kam die gewünschte Ordre, uns auf Morgen
marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie gieng es da her mit Putzen
und Packen! Einmal wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, hätt'
ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Becker zwey geborgte Brodte zu
bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr
ans Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistgen zurück; und wenn
es der Becker nicht abgefodert hat, hab ich heutigen Tages noch
einen Creditor in Berlin – auch etliche Debitoren für ein Paar
Batzen – und geht's ungefehr so wettauf. – Denn 22. Aug. Morgens um
3. Uhr ward Allarm geschlagen; und mit Anbruch des Tages stuhnd
unser Regiment (Isenblitz, ein herrlicher Name! Sonst nannten's die
Soldaten im Scherz auch Donner und Blitz, wegen unsers Obristen
gewaltiger Schärfe) in der Krausenstrasse schon Parade. Jede seiner
zwölf Compagnien war 150. Mann stark. Die in Berlin nächst um uns
einquartierte Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat,
Winterfeld, Meyring, und Kalstein; dann vier Prinzenregimenter:
Prinz von Preussen, Prinz Ferdinand, Prinz Carl, und Prinz von
Würtenberg, die alle theils vor, theils nach uns [S.203]
abmarschierten, nachwerts aber im Feld meist wieder zu uns gestossen
sind. Itzt wurde Marsch geschlagen; Thränen von Bürgern,
Soldatenweibern, H ... u.d. gl. flossen zu Haufen. Auch die
Kriegsleuthe selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und
Kinder zurückliessen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmuth und
Kummers; die Fremden hingegen jauchzten heimlich vor Freuden, und
riefen: Endlich Gottlob ist unsre Erlösung da! Jeder war bebündelt
wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt; dann die
Patrontasche über die Schulter mit einem fünf Zoll langen Riemen;
über die andre Achsel den Dornister, mit Wäsche u.s.f. bepackt; item
der Habersack, mit Brodt und andrer Fourage gestopft. Hiernächst
mußte jeder noch ein Stück Feldgeräth tragen; Flasche, Kessel,
Hacken, oder so was; alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte,
auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal übereinander
kreutzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte,
unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge gepreßte
Montur, und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal däuchte,
ich geh' auf glühenden Kohlen, und wenn ich meiner Brust ein wenig
Luft machte, ein Dampf herauskam wie von einem siedenden Kessel. Oft
hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib, und verschmachtete
bald vor Durst. [S.204]
[S.205] So marschierten wir den ersten Tag (22. Aug.) zum Köppeniker Thor aus, und machten noch 4. Stunden bis zum Städchen
Köppenik, wo wir zu 30–50. zu Burgern eingequartirt waren, die uns
vor einen Groschen traktiren mußten. Potz Plunder, wie giengs da
her! Ha! da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele grosse
hungrige Kerls! Immer hieß es da: Schaff her, Canaille! was d' im
hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh
gefüllt; da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich eine
curiose Wirthschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher
auf guter Mannszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten.
– Den zweyten Tag (23.) giengs 10. St. bis auf Fürstenwald; da gab's
schon Marode, die sich auf Wagen mußten packen lassen; das auch kein
Wunder war, da wir diesen ganzen Tag nur ein einzig Mal haltmachen,
und stehnden Fusses etwas Erfrischung zu uns nehmen durften. An
letztgedachtem Orte gieng es wie an dem erstern; nur daß hier die
meisten lieber soffen als frassen, und viele sich gar halb todt
hinlegten. Den dritten Tag (24.) giengs 6. St. bis Jacobsdorf, wo
wir nun (25. 26. u. 27.) drey Rasttage hielten, aber desto schlimmer
handthiert, und die armen Bauern bis aufs Blut ausgesogen wurden.
Den siebenten Tag (28.) marschierten wir bis Mühlrosen 4. St. Den
achten (29.) bis[205] Guben, 14. St. Den neunten (30.) hielten wir
dort Rasttag. Den zehnten (31.) bis Forste 6. St. Den eilften (l.
Sept.) bis Spremberg 6. St. Den zwölften (2.) bis Hayerswerde 6. St.
und da wieder Rasttag. Den vierzehnten (4.) bis Camenz, dem letzten
Oertchen, wo wir einquartirt wurden. Denn von da an campirten wir im
Felde, und machten Märsche und Contremärsche, daß ich selbst nicht
weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bey dunkeler Nacht geschah.
Nur so viel erinnr' ich mich noch, daß wir am fünfzehnten (5.) 4.
St. marschiert und bey Bilzem ein Lager aufgeschlagen, worinn wir
zwey Tage (6. u. 7.) Rasttag hielten; dann den achtzehnten (8.)
wieder 6. St. machten, uns bey Stolp lagerten, und dort einen Tag
(9.) blieben; endlich am zwanzigsten Tag (10.) noch 4. St. bis Pirna
zurücklegten, wo noch etliche Regimenter zu uns stiessen, und nun
ein weites fast unübersehbares Lager aufgeschlagen, und das über
Pirna gelegene Schloß Königstein dieß- und Lilienstein jenseits der
Elbe besetzt wurden. Denn in der Nähe dieses letztern befand sich
die Sächsische Armee. Wir konnten gerade übers Thal in ihr Lager
hinübersehn; und unter uns im Thal an der Elbe lag Pirna, das jetzt
ebenfalls von unserm Volke besetzt ward. [S.206]
[S.207] Bis hieher hat der Herr geholfen! Diese Worte waren der
erste Text unsers Feldpredigers bey Pirna. O ja! dacht' ich: Das hat
er, und wird ferner helfen – und zwar hoffentlich mir in mein
Vaterland – denn was gehen mich eure Kriege an?
Mittlerweile gieng's – wie's bey einer marschierenden Armee zu gehen
pflegt – bunt übereck und kraus, daß ich alles zu beschreiben nicht
im Stand, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre.
Unser Major Lüderiz (denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl
besonders Achtung) mag mir oft meinen Unmuth aus dem Gesicht gelesen
haben. Dann drohete er mir mit dem Finger: »Nimm dich in Acht,
Kerl«! Schärern hingegen klopfte er bey den nämlichen Anlässen auf
die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Mine einen braven
Bursch; denn der war immer lustig und wohlgemuths, und sang bald
seine Mäurerlieder, bald den Kühreih'n, obschon er im Herzen dachte
wie ich, aber es besser verbergen konnte. Ein andermal freylich faßt'
ich dann wieder Muth, und
dachte: Gott wird alles wohl machen!
Wenn
ich vollends Markoni – der doch keine geringe Schuld an meinem
Unglück war – auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir
immer, ich sehe meinen Vater oder meinen beßten Freund; wenn er mir
zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich
schüttelte – [ S.207] mir mit liebreicher Wehmuth gleichsam in die Seele
'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser
kommen«! zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe
aus meinem thränenschimmernden Aug' lesen wollte. O!
ich wünsche dem
Mann, wo er immer todt oder lebendig seyn mag, noch auf den heutigen
Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht
gekommen. – Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Ordre
erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern
Soldaten immer ein Gerede: »Heute giebt's was! Heut setzt's gewiß
was ab«! Dann schwitzten wir Jungen freylich an allen Fingern, wenn
wir irgend bey einem Gebüsch oder Gehölz' vorbeymarschierten, und
uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die
Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, so
bald man wieder ins Freye kam, sich rechts und links um,
wie er am
schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Küraßiers, Dragoner und Soldaten zu beyden Seiten. Als wir einst die
halbe Nacht durch marschierten,
versuchte Bachmann den Reißaus zu
nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum; aber am Morgen war
er wieder hart bey uns, und kam noch eben recht mit der Ausflucht
weg: Er habe beym Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns
verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen,
alle Tag' deutlicher ein – und doch
hatten wir fest im Sinn, keine
Bataille abzuwarten, es koste auch was es wolle. [S. 208]
[S.209] Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen
Königstein und Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden
Sächsischen bey Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Die
kann man in der Helden-Staats- und Lebensgeschichte des Grossen
Friedrichs suchen. Ich schreibe nur, was ich gesehen, was
allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst angieng.
Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker am
allerwenigsten, und kümmerten uns auch nicht viel darum. Mein und so
vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim,
ins Vaterland! gerichtet. Von 11–22. Sept. sassen wir in unserm Lager ganz stille; und wer
gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl seyn. Denn da
gieng's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's
Marquetenter und
Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch,
nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte,
oder vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brodt, aller Gattung Baum- und Erdfrüchte, u.s.f.
Die Wachten
ausgenommen, mochte jeder machen was ihm beliebte: Kegeln, Spielen,
in und ausser dem Lager spatzieren gehn, u.s.f. Nur wenige hockten müssig in ihren Zelten: Der eine beschäftigte sich mit Gewehrputzen,
der andre mit Waschen; der dritte kochte, der vierte[S.209] flickte
Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste schnifelte was von Holz und
verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte seine 6. Mann und einen
Uebercompleten. Unter diesen sieben war immer einer gefreyt; dieser
mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs übrigen gieng einer auf
die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant herbeyholen, einer
gieng nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte den
Seckelmeister, alle zusammen aber Eine Haushaltung, Ein Tisch und
Ein Beth aus.
Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack,
was er – versteht sich in Feindes Land – erhaschen konnte: Mähl,
Rüben, Erdbirrn, Hühner, Enten, u.d. gl. und wer nichts aufzutreiben
vermochte, ward von den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öftern begegnete.
Was das vor ein Mordiogeschrey gab, wenn's durch
ein Dorf gieng, von Weibern, Kindern, Gänsen, Spanferkeln u.s.f. Da mußte alles mit was sich tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und
eingepackt. Da brach man in alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf
alle Bäume los, und riß die Aeste mit den Früchten ab. Der Hände
sind viel, hieß es da; was einer nicht kann, mag der ander.
Da
durfte keine Seel' Mux machen, wenn's nur der Offizier erlaubte,
oder auch bloß halb erlaubte. Da that jeder sein Devoir zum
Ueberfluß. Wir drey Schweitzer, Schärer, Bachmann und ich (es gab
unsrer Landsleuthe beym Regiment noch mehr, wir kannten sie aber
nicht) kamen zwar keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf
die Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander ausser das Lager
bis auf die Vorposten, besonders auf [S.210] einen gewissen Bühel, wo
wir eine weite zierliche Aussicht über das Sächsische und unser
ganzes Lager, und durchs Thal hinab bis auf Dresden hatten.
Da
hielten wir unsern Kriegsrath:
Was wir machen, wo hinaus, welchen
Weg wir nehmen, wo wir uns wieder treffen sollten? Aber zur
Hauptsache, zum hinaus fanden wir alle Löcher verstopft.
Zudem wären Schärer und ich lieber einmal an einer schönen Nacht allein, ohne
Bachmann davon geschlichen; denn wir trauten ihm nie ganz, und sahen dabey
alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen, hörten
Spißruthenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen mehr
gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.
[S.211] Endlich den 22. Sept. ward Allarm geschlagen, und erhielten
wir Ordre aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung; in
etlichen Minuten ein stundenweites Lager – wie die allergrößte Stadt
– zerstört, aufgepackt, und Allons, Marsch! Itzt zogen wir ins Thal
hinab, schlugen bey Pirna eine Schiffbrücke, und formierten oberhalb
dem Städchen, dem Sächsischen Lager en Front, eine Gasse, wie zum
Spißruthenlaufen, deren eines End bis zum Pirnaer-Thor gieng, und
durch welche nun die ganze Sächsische Armee zu vieren hoch
spatzieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und – man kann sich's
einbilden – die ganze lange Strasse [S.211] durch Schimpf- und
Stichelreden genug anhören mußten. Einiche giengen traurig, mit
gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, und noch andre mit
einem Lächeln, das den Preußischen Spottvögeln gern' nichts schuldig
bleiben wollte. Weiter wußten ich, und so viele Tausend andre,
nichts von den Umständen der eigentlichen Uebergabe dieses grossen
Heers. – An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs
fort, und schlugen jetzt unser Lager bey Liljenstein auf. – Den 23.
mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. – Den 24. machten wir
einen Contremarsch, und kamen bey Nacht und Nebel an Ort und Stelle
hin, daß der Henker nicht wußte wo wir waren. – Den 25. früh gieng's
schon wieder fort, 4. Meilen bis Außig. Hier schlugen wir ein Lager,
blieben da bis auf den 29. und mußten alle Tag auf Fourage aus. Bey
diesen Anlässen wurden wir oft von den Kaiserlichen Panduren
attaquirt, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel
auf uns los, so daß mancher todt auf der Stelle blieb, und noch
mehrere blessiert wurden. Wenn dann aber unsre Artilleristen nur
etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, so flog der Feind über
Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt; ich
wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' ich oft: Poh! wenn's nur
denweg hergeht, ist's so übel nicht. – Den 30. marschierten wir
wieder den ganzen Tag, und kamen erst des Nachts auf einem Berg an,
den ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein
Blinder. Inzwischen bekamen wir Ordre, hier kein Gezelt
aufzuschlagen, [S.212] auch kein Gewehr niederzulegen, sondern immer
mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Nähe sey.
Endlich sahen und hörten wir mit anbrechendem Tag unten im Thal
gewaltig blitzen und feuern. – In dieser bangen Nacht desertirten
viele; neben andern auch Bruder Bachmann. Für mich wollt' es sich
noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt hätte.
(1. Oktobr. 1756.)
[S.213] Früh Morgens mußten wir uns rangiren, und durch ein enges
Thälchen gegen dem grossen Thal hinuntermarschieren.
Vor dem dicken
Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine hinunterkamen, und zur grossen Armee stiessen, rückten wir in
drey Treffen weiter vor, und erblickten von Ferne durch den Nebel,
wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene,
oberhalb
dem Böhmischen Städtchen Lowositz. Es war Kaiserliche Kavallerie;
denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bey
gedachtem Städchen verschanzt hatte. Um 6. Uhr gieng schon
das
Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den
Kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu
unserm Regiment (das im mittlern Treffen stuhnd) durchschnurrten.
Bisher hatt' ich immer noch [S.213] Hofnung, vor einer Bataille zu
entwischen;
jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr weder vor noch
hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken.
Wir rückten
inzwischen immer vorwärts.
Da fiel mir vollends aller Muth in die
Hosen; in den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und
eine ähnliche Angst, ja Todesblässe, las' man bald auf allen
Gesichtern, selbst deren, die sonst noch so viel' Herzhaftigkeit
gleichsneten. Die
gelärten Branzfläschgen (wie jeder Soldat eines
hat) flogen untern den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen
ihren kleinen Vorrath bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute
braucht es Courage, und Morgens vielleicht keinen Fusel mehr! Itzt
avanzierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen
abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob
unsern Köpfen weg – fuhren bald vor bald hinter uns in die Erde, daß
Stein und Rasen hoch in die Luft sprang – bald mitten ein, und
spickten uns die Leuthe aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhälme
wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Cavallerie, die
allerhand Bewegungen machte; sich bald in die Länge ausdehnte, bald
in einem halben Mond, dann in ein Drey- und Viereck sich wieder
zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an; wir machten Lücke,
und liessen sie vor, auf die feindliche losgalloppieren. Das war ein
Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie nun einhieben! Allein
kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reuterey, von der
Oestereichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen
verfolgt [S.214] zurücke. Da hätte man das Specktackel sehen sollen:
Pferde die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihr Gedärm der
Erde nachschleppten. Inzwischen stuhnden wir noch immer im
feindlichen Kanonenfeuer bis gegen 11. Uhr, ohne daß unser linke
Flügel mit dem kleinen Gewehr zusammentraf, obschon es bereits auf
dem rechten sehr hitzig zugieng. Viele meinten, wir müßten noch auf
die Kaiserlichen Schanzen sturmlaufen. Mir war's schon nicht mehr so
bange, wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beyden
Seiten neben mir wegraffeten, und der Wallplatz bereits mit Todten
und Verwundeten übersäet war – als mit Eins ungefehr um 12. Uhr die
Ordre kam, unser Regiment, nebst zwey andern (ich glaube Bevern und
Kalkstein,) müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem
Lager zu, und alle Gefahr sey vorbey. Wir eilten darum mit muntern
Schritten die gähen Weinberge hinauf, brachen unsre Hüte voll schöne
rothe Trauben, assen vor uns her nach Herzenslust; und mir, und
denen welche neben mir stuhnden, kam nichts arges in Sinn, obgleich
wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch in Feuer und Rauch
stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelerm hörten, und
nicht
entscheiden konnten auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile
trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen
Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchgieng, der auf der andern
Seite wieder hinunterführte. Sobald nun unsre Avantgarde den
erwähnten Gipfel erreicht hatte, gleng ein
entsetzlicher
Musketenhagel an; und nun [S.215] merkten wir erst wo der Haas im Stroh
lag. Etliche Tausend Kaiserliche Panduren waren nämlich auf der
andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken
zu fallen; dieß muß unsern Anführern verrathen worden seyn, und wir
mußten ihnen darum zuvorkommen: Nur etliche Minuten späther, so
hätten sie uns die Höhe abgewonnen, und wir wahrscheinlich den
Kürzern gezogen.
Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe
man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsre
Vordertruppen litten stark, allein die hintern drangen ebenfalls
über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten.
Da mußten wir über Hügel von Todten und Verwundeten hinstolpern.
Alsdann gieng's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge
hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die
Ebene.
Unsre geborne Preussen und Brandenburger packten die Panduren
wie Furien.
Ich selber war in Jast und Hitze wie vertaumelt, und,
mir weder Furcht noch Schrecken bewußt, schoß ich Eines Schiessens
fast alle meine 60. Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war,
und ich sie am Riemen nachschleppen mußte; indessen glaub' ich
nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles gieng in die
freye Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz
postirten sich die Panduren wieder, und pülferten tapfer in die
Weinberge hinauf,
daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß.
Preussen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer
von diesen letztern noch regte, wurde er mit der [S.216] Kolbe vor den
Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestossen. Und
nun gieng in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das
beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausgieng;
wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen
wollen; wo
das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusick,
das Rufen so vieler Commandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten,
das Zetter- und Mordiogeheul so vieler tausend elenden,
zerquetschten, halbtodten Opfer dieses Tages alle Sinnen betäubte!
Um diese Zeit – es mochte etwa 3. Uhr seyn – da Lowositz schon im
Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen
wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann
auf das Städtgen selber losgieng – um diese Zeit war ich freylich
nicht der Vorderste sondern unter dem Nachtrapp noch etwas im
Weinberg droben, von denen indessen mancher, wie gesagt, weit
behender als ich von einer Mauer über die andere hinuntersprang, um
seinen Brüdern zu Hülf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht
stand, und auf die Ebene wie in ein finsteres Donner- und
Hagelwetter hineinsah –
in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit,
oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu
retten. Ich sah mich deswegen nach allen Seiten um. Vor mir war
alles Feuer, Rauch und Dampf; hinter mir noch viele nachkommende auf
die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwey Hauptarmeen in
voller Schlachtordnung. [S.217] Zur Linken endlich sah ich Weinberge,
Büsche, Wäldchen, nur hie und da einzelne Menschen, Preussen,
Panduren, Husaren, und von diesen mehr Todte und Verwundete als
Lebende.
Da, da, auf diese Seite, dacht' ich; sonst ist's pur
lautere Unmöglichkeit!
[S.218] Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf
diese linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preussen bey
mir vorbey: »Komm', komm', Bruder«! sagten sie: »Viktoria«! Ich
rispostirte kein Wort, that nur ein wenig blessirt, und gieng immer
noch allgemach fort, freylich mit Furcht und Zittern. Sobald ich
mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen
mochte, verdoppelte- verdrey- vier- fünf- sechsfachte ich meine
Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von
Weitem – zum letzten Mal in meinem Leben – morden und todtschlagen;
strich dann in vollem Galopp ein Gehölze vorbey, das voll todter
Husaren, Panduren und Pferde lag; rannte Eines Rennens gerade dem
Fluß nach herunter, und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits
desselben kamen so eben auch etliche Kaiserliche Soldaten
angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen
hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum
drittenmal auf mich [S.218] an, ungeachtet ich immer das Gewehr
streckte, und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch
brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf
sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie
ich nachwerts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr H ...
dacht' ich, hättet ihr euer Courage bey Lowositz gezeigt! Als ich
nun zu ihnen kam, und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das
Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwerts schon wieder
zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatronirt hatte, verlor
sich bald darauf, und nahm das Füsil mit sich. Nun so sey's! Alsdann
führten sie mich ins nächste Dorf, Scheniseck (es mochte eine starke
Stunde unter Lowositz seyn). Hier war eine Fahrt über das Wasser,
aber ein einziger Kahn zum Transporte. Da gab's ein
Zettermordiogeschrey von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte
zuerst in dem Teich seyn, aus Furcht vor den Preussen; denn alles
glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von
den letzten, der mitten unter eine Schaar von Weibern hineinsprang.
Wo nicht der Fährmann etliche derselben hinausgeworfen, hätten wir
alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine
Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu,
und diese rothen Schnurrbärte begegneten mir auf's manierlichste;
gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstuhnden,
noch Toback und Branntwein, und Geleit bis auf Leutmeritz, glaub'
ich, wo ich, unter lauter Stockböhmen übernachtete, und freylich
nicht wußte ob ich [S.219] da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte –
aber – und dieß war das Beßte – von dem Tumult des Tags noch einen
so vertaumelten Kopf hatte, daß dieser Kapitalpunkt mir am
allermindesten betrug. Morgens darauf (2. Okt.) gieng ich mit einem
Transport ins Kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich
bey 200. andrer Preußischer Deserteurs an, von denen so zu reden
jeder seinen eigenen Weg, und sein Tempo in Obacht genommen hatte;
neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beyde hoch auf
vor Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freyheit zu sehn! Da
gieng's an ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus
hinterm Ofen sässen. Einzig hieß es bisweilen: Ach! wäre nur auch
der Schärer von Weil bey uns! Wo mag der doch geblieben seyn? Wir
hatten die Erlaubniß, alles im Lager zu besichtigen. Offiziers und
Soldaten stuhnden dann bey Haufen um uns her, denen wir mehr
erzählen sollten, als uns bekannt war. Etliche indessen wußten Winds
genug zu machen, und, ihren dießmaligen Wirthen zu schmeicheln, zur
Verkleinerung der Preussen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's denn
auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler, und der kleinste
Zwerge rühmte sich, wer weiß wie manchen Brandenburger – auf seiner
eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte man
uns zu etwa 50. Mann Gefangener von der Preussischen Cavallerie; ein
erbärmlich Specktackel! Da war kaum einer von Wunden oder Beulen lär
ausgegangen; etliche über's ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins
Genick, andre über die Ohren, über die Schultern,[S.220] die Schenkel u.s.f. Da war alles ein Aechzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese
armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen
zu seyn; und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager
übernachten, und bekamen jeder seinen Duckaten Reisgeld. Dann
schickte man uns mit einem Cavallerietransport, es waren unser an
die 200., auf ein Böhmisches Dorf, wo wir, nach einem kurzen
Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgiengen. Dort vertheilten wir
uns, und bekamen Pässe, je zu 6. 10. bis 12. hoch welche einen Weg
giengen; denn wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von
Schweitzern, Schwaben, Saxen, Bayern, Tyrolern, Welschen, Franzosen,
Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser 6. zusammen bis
Regenspurg. In Prag selber war indessen ebenfalls ein Zittern und
Beben vor den Preussen, ohne seinesgleichen. Man hatte dort den
Ausgang der Schlacht bey Lowositz bereits vernommen, und glaubte nun
den Sieger schon vor den Thoren zu sehn. Auch da stuhnden ganze
Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen sollten, was
der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese neugierigen
Haasen; andre hingegen hatten noch ihre Freude daran, sie dapfer zu
schrecken, und sagten ihnen: Der Feind werde späthstens in vier
Tagen anlangen, und sey ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele
die Händ' überm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar
heulend im Koth herum. [S.221]
[S.222] Den 5. Okt. traten wir nun unsre wirkliche Heimreise an. Es
war schon Abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es gieng bald
über eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht
über das ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne
vergüldete seine mit Blech bedeckten zahllosen Thurmspitzen zum
Entzücken. Wir stuhnden eine Weile dort still, unter allerhand
Gesprächen und mannigfaltigen Empfindungen dieses herrlichen
Anblicks zu geniessen. Einige bedauerten den prächtigen Ort, wenn er
sollte bombardiert werden; andre hätten mögen dabey seyn, wenigstens
währendem Plündern. Ich konnte mich kaum satt sehn; sonst aber war
mein einziges Sehnen wieder nach Haus, zu den Meinigen, zum Anneli.
Wir kamen noch bis auf Schibrack; den 6. bis Pilsen. Dort hatte der
Wirth eine Tochter, das schönste Mädchen, das ich in meinem Leben
gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit ihr hübsch thun, und fast
einzig ihr zu lieb hielten wir da Rasttag. Aber der Wirth verdeutete
ihm: Sein Kind sey keine Berlinerin! Den 8. bis 12. gieng's über
Stab, Lensch, Kätz, Kien u.s.f. auf Regenspurg, wo wir zum
zweytenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen von zwey
bis drey Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein Dukaten
Reisgeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich keinen
Heller in der Fiecke, und [S.222] ward also genöthigt auf den Dörfern
zu fechten. Da bekam ich oft beyde Taschen voll Brodt, aber nie
keinen Heller baar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld
übrig, gieng in die Schenke, und ließ sich's wohl schmecken; nur
etwa zu vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er auch mit.
Da mußten wir oft halbe Stunden dastehn, und den Herren alle
Hergangenheit erzählen; deß wurde besonders Bachmann meist
überdrüßig, sonderlich wo denn für die Geschichte einer ganzen
Schlacht, deren er nicht beygewohnt, nur ein Paar Pfenninge flogen.
Er gab immer für, daß er bey Lowositz auch dabey gewesen, und ich
mußt' ihm diese Lüge noch frisiren helfen; dafür hätt' er mir die
ganze Reis' über nur keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern
indessen gab's Suppen, oft auch Fleisch. Zu Regenspurg, oder
vielmehr im Bayerschen Hof vertheilten wir uns wieder. Bachmann und
ich erhielten dort einen Paß nach der Schweitz. Die andern, ein
Bayer, zween Schwaben und ein Franzose, von denen ich nichts weiter
zu sagen weiß, als daß sie alle vier rüstige Kerls, und uns Tölpeln
weit überlegen waren, nahmen jeder auch seine Strasse. Die unsrige
gieng den 14. bis 24. Okt. der kleinern Orte nicht zu gedenken, über
Ingolstadt, Donauwerth, Dillingen, Buxheim, Wangen, Hohentwiel,
Bregenz, Rheineck, Roschach (40 Meilen). Oberhalb Rheineck begegnete
mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren wir unter lauter muntern
Gesprächen über unsre glückliche Flucht, über unsre ältern und
neuern Schicksale und unsre Aussichten vor die Zukunft, [S.223] ganz
brüderlich gereist. Bachmann, dem, von vorigen Zeiten her, fast alle
Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte sich, sobald
wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er nun mit sich
trug. Ich war seiner ewigen Discurse von Hetzen und Treiben schon
längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in den
Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken
ordentliche Purzelsprünge, und behauptete, es wären, beym Himmel!
seine alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn
aus. Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen
Musick zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner, und stampfte
mit den Füssen. Das hätt' ich freylich sollen bleiben lassen. Er war
rasend, stand ganz schäumend mit aufgehaltener Flinte vor mich hin,
und setzte sie mir zähnknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den
Augenblick tödten wollte. Ich erschrack; Er war bewaffnet, ich
nicht; und auch dieß und seine Wuth ungerechnet, glaub' ich kaum,
daß ich dem ohnehin verzweifelt wilden, handfesten Kerl, der beynahe
zwey Zoll höher als ich war, hätte gewachsen seyn können. Doch, ich
weiß nicht ob aus Muth oder Furcht, stand ich ihm bockstill, und
guckte indessen auf alle Seite herum, ob ich niemand zu Hülf rufen
konnte? Aber – es war an einem einsamen Ort, auf einer Allmend – ich
sah' kein Mäusgen. »Sey kein Narr«! sagt' ich zu ihm: »Wirst wohl
auch Spaß verstehn«. Damit legte sich seine Wuth schon um ein
ziemliches. Wir giengen stillschweigend weiters, und ich war
froh, [S.224] als wir so unvermerkt ins Städtgen Rheineck traten. Jetzt
flattirte er mich wieder, eines Thalers wegen, den ich auf dem Weg
von ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dieß Lumpenstück Geld
hab' mir das Leben gerettet. Aber von diesem Augenblick an schwand
auch alles Vertrauen unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen,
oblgeich's der Anlässen viele gab; und mein Vater zahlte ihm den
Thaler willig, als er wenig Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus
kam. Wir kamen noch bis Roschach, und des folgenden Tags (25. Okt.)
auf Herisau; denn mein Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich
merkte wohl, daß er sich nicht recht nach Haus getraute, bis er sich
erkundigt hätte, wie, seiner vorigen Frevel wegen, der Wind blies.
[S.225] Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn so nahe
bey meiner Heimath, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu
erreichen. Also den 26. Okt. Morgens früh' nahm ich den Weg zum
letztenmal unter die Füsse, rannte wie ein Reh über Stock und
Stein', und die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern,
Geschwisterten, und meinem Liebchen, gieng mir einstweilig für Essen
und Trinken. Als ich nun dergestalt meinem geliebten Wattweil immer
näher und näher, und endlich auf die schöne Anhöhe kam, von welcher
ich seinen Kirchthurm ganz nahe unter [S.225] mir erblickte, bewegte
sich alles in mir, und grosse Thränen rollten haufenweis über meine
Wangen herab. O du erwünschter, gesegneter Ort! so hab' ich dich
wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen, dacht' ich so
ihm Heruntertrollen wohl hundertmal; und dankte dabey immer Gottes
Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren, wo nicht wunderbar doch
höchtsgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil, redte mich ein
alter Bekannter, Gämperle, an, der vor meinem Weggehn um meine
Liebesgeschichte gewußt hatte; und dessen erstes Wort war: »Je gelt!
deine Anne ist auch verplempert; dein Vetter Michel war so
glückselig, und sie hat schon ein Kind«. – Das fuhr mir ja durch
Mark und Bein; indessen ließ ich's den argen Unglückboten nicht
merken: »Eh' nun« sagt' ich, »hin ist hin«! Und in der That, zu
meinem größten Erstaunen faßt' ich mich sehr bald, und dachte
wirklich: »Nun freylich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht!
Aber, wenn's so seyn muß, so sey's, und hab' sie eben ihren Michel«!
Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend.
Als ich in die Stube trat, (Vater und Mutter waren nicht zu Hause)
merkt' ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwisterten mich
erkannte, und sie über dem ungewohnten Specktackel eines Preußischen
Soldaten nicht wenig erschracken, der so in seiner vollen Montirung,
den Dornister auf dem Rücken, mit 'runter gelaßnem Zottenhut und
einem tüchtigen Schnurrbart sie anredte. Die Kleinen zitterten; der
größte griff nach einer Heugabel, und – lief davon. Hinwieder
wollt' [S. 226] auch ich mich nicht zu erkennen geben, bis meine Eltern
da wären. Endlich kam die Mutter. Ich sprach sie um Nachtherberg an.
Sie hatte viele Bedenklichkeiten; der Mann sey nicht da, u.d.gl.
Länger konnt' ich mich nicht halten, ergriff ihre Hand, und sagte:
»Mutter, Mutter! kennst mich nicht mehr«? O da gieng's zuerst an ein
lermendes, von Zeit zu Zeit mit Thränen vermengtes Freudengeschrey
von Kleinen und Grossen, dann an ein Bewillkommen, Betasten und
Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine Tausendslust war. Jedes
sagte, was es gethan und gerathen, um mich wieder bey ihnen zu
haben. So wollte z.E. meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid
verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte
auch der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem
guten Mann rannten auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm,
willkomm, mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal
alle meine Zehne wieder beysammen habe. Obschon wir arm sind,
giebt's doch alleweil Arbeit und Brodt«. Jetzt brannte mein Herz
lichterloh, und fühlte tief die selige Wonne, so viele Menschen auf
einmal – und zwar die Meinigen – zu erfreuen. Dann erzählt' ich
ihnen noch denselben, und etlich folgende Abende haarklein meine
ganze Geschichte. Da war's mir wieder so ungewohnt herzlich wohl!
Nach ein Paar Tagen kam Bachmann, holte wie gesagt seinen Thaler,
und bestäthigte alle meine Aussagen. Sonntags frühe putzt' ich meine
Montur, wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle Bekannten
bewillkommten mich; die andern [S.227] gafften mich an wie einen
Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne that es,
und zwar ziemlich frech, ohne zu erröthen. Ich hinwieder dankte ihr
hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile
hernach, als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu
reden: Da machte sie freylich allerley kahle Entschuldigungen: Z.E.
Sie hab' mich auf immer verloren geglaubt, der Michel hab' sie
übertölpelt, u.d.gl. Dann wollte sie gar meine Kupplerinn abgeben.
Aber ich bedankte mich schönstens, und gieng.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.145-228,
zeno.org)
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026
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