[S.185] Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Commisbrodt,
nebst Unter- und Uebergewehr, u.s.f. und fragte: Ob ich mich nun
eines Bessern bedacht? »Warum nicht«? antwortete Zittemann für mich:
»Er ist der beßte Bursch' von der Welt«. Itzt führte man mich in die
Montirungskammer, und paßte mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an;
gab mir einen Hut, Halsbinde, Strümpfe u.s.f. Dann mußt' ich mit
noch etwa [185] zwanzig andern Recrutten zum Herrn Oberst Latorf. Man
führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche
zerlöcherte Fahnen herbey, und befahl jedem einen Zipfel anzufassen.
Ein Adjutant, oder wer er war,
las' und einen ganzen Sack voll
Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten; Ich regte mein Maul nicht – dachte dafür was
ich gern wollte – ich glaube an Aennchen; schwung dann die Fahne
über unsre Köpfe, und entließ uns.
Hierauf gieng ich in eine
Garküche, und ließ mir ein Mittagessen, nebst einem Krug Bier,
geben. Dafür mußt' ich 2. Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen
sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich auf vier Tage
wirthschaften – und sie reichten doch blos für zweene hin. Bey
dieser Ueberrechnung fieng ich gegen meine Kameraden schrecklich zu
lamentiren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen:
»Es wird dich schon lehren. Itzt thut es nichts;
hast ja noch allerley zu verkaufen! Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann
bist du gar itzt doppelt armirt; das läßt sich alles versilbern.
Dann kriegen solch junge Bursche oft noch eine Tracktaments-Zulage,
und kannst dich deswegen nur beym Obrist melden«. »Oh oh! Da geh'
ich mein Tage nicht mehr hin«, sagt' ich. »Potz Velten«! antwortete
Cran: »Du mußt 'mal des Donnerns gewohnt werden, sey's itzt ein
wenig früher oder späther. Und dann des Menage wegen, nur fein
aufmerksam zugesehn, wie's die andern machen.
Da heben's drey, vier
bis fünf mit einander an; kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirrn u.d. gl.
und kochen selbst. Des Morgens um e'n [186] Dreyer Fusel und e'n
Stück Commisbrodt: Mittags hohlen sie in der Garküche um e'n andern
Dreyer Suppe, und nehmen wieder e'n Stück Commis: Des Abends um zwey
Pfenning Kovent oder Dünnbier, und abermals Commis.« »Aber, das ist
beym Strehl ein verdammtes Leben«, versetzt ich; und Er: Ja! So
kommt man aus, und anderst nicht. Ein Soldat muß das lernen;
denn es
braucht noch viel andre Waar: Kreide, Puder, Schuhwar, Oehl,
Schmiergel, Seife, und was der hundert Siebensachen mehr sind. –
Ich. Und das muß einer alles aus den 6. Groschen bezahlen? Er. Ja!
und noch viel mehr; wie z.B. den Lohn für die Wasche, für das
Gewehrputzen u.s.f. wenn er solche Dinge nicht selber kann. – Damit giengen wir in unser Quartier; und ich machte alles zurecht, so gut
ich konnte und mochte.
Die erste Woche indessen hatt' ich noch
Vacanz; gieng in der Stadt herum auf alle Exercierplätze;
sah, wie
die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon
zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher Zittemann, mir bey Haus die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl
lernen«! sagte er: »Aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an.« »Da
geht's dir wie e'n Blitz«! Indessen war er so gut, mir wirklich
alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur
anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte, u.s.f. Nach
Crans Rath
verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein
hölzernes Kästgen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets
im Exercieren, las' im Hallischen Gesangbuch, oder betete. Dann
spatziert' ich etwa an die Spree, und [S.187] sah' da hundert
Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaaren
beschäftigen:
Oder auf die Zimmerplätze; da steckte wieder alles
voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Casernen u.s.f.
Da fand' ich überall auch dergleichen, die hunderterley
Handthierungen trieben – von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam
ich auf die Hauptwache, so gab's da deren die spielten, soffen und haselierten; andre welche ruhig ihr Pfeigen schmauchten und
discurirten; etwa auch einer der in einem erbaulichen Buch las',
und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereyen
gieng's eben so her. Kurz in Berlin hat's unter dem Militair – wie,
denk' ich freylich, in grossen Staaten überall – Leuthe aus allen
vier Welttheilen, von allen Nationen und Religionen, von allen
Characktern, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein
Stücklein Brodt gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen –
wenn ich nur erst recht exerciren könnte – Etwa an der Spree? – Doch
nein! da lermt's gar zu stark – Aber z.E.
auf einem Zimmerplatz, da
ich mich so ziemlich auf die Art verstuhnd. So war ich wieder fix
und fertig, neue Plane zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern
so schändlich gescheitert hatte.
Giebt's doch hier (damit schläferte
ich mich immer ein) selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leuthe,
die ihre hübschen Kapitalien haben, Wirthschaft, Kaufmannschaft
treiben, u.s.f. Aber dann erwog ich nicht, daß man vor Zeiten ganz
andere Handgelder gekriegt als heut zu Tag; daß dergleichen Bursche
bisweilen ein Namhaftes mochten erheurathet [188] haben, u.d. gl.
Besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling gut
hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten – Ich
hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen
wisse. – Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand' ich auch da
noch einen elenden Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so
schont das Bley jenen Glückskindern so wenig, als dir armen Hudler!
– Also – bist du so gut wie sie.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.185-189,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026