[S.175] Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren,
wie er deren viele hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe
ihm Geld bringen, aber wohl, daß er noch mehr bey ihm hohlen möchte;
denn mein Herr konnte keinem Menschen nichts abschlagen. Indessen
wollt' er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen
Schulden wieder einzutreiben; dazu aber taugt' ich in Grundsboden
nicht: Die Kerls gaben mir gute Wort'; und ich gieng zufrieden nach
Haus. Aber länger mocht' eine solche Wirthschaft nicht dauern. Dazu
kam, daß Markoni am End das Aergste befürchten mußte, wenn er
bedachte, wie wenig Bursche er für so viel Geldverzehrens seinem
König geliefert hatte; denn der Grosse Friedrich, wußt' er wohl, war
zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum
mich, unsern Wirth, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn,
ob wir ihm nicht noch ein Paar Kerls ins Garn bringen könnten? Aber
alles vergebens. Auch die beyden Wachtmeisters Hevel und Krüger,
langten um die [S.175] gleiche Zeit, ebenfalls mit lären Händen wieder
zu Rothweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisfertig machen.
Vorher aber gab's noch ein Paar lustige Tägel. Hevel war ein
Virtuos' auf der Cithar, Krüger eine gute Violine; beyde feine
Herren, so lang sie auf der Werbung lagen, beym Regiment aber magere
Korporals. Ein dritter endlich, Labrot, ein grosser handvester Kerl,
ließ ebenfalls jetzt seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als
Werber geschoren trug. Diese drey Bursche belustigten noch zu guter
Letze ganz Rothweil mit ihren Sprüngen. Es war eben Faßnacht, wo die
sogenannte Narrenzunft (ein ordentliches Institut in dieser Stadt,
bey welchem über zweyhundert Personen von allen Ständen
eingeschrieben sind) ohnehin ihre Gauckeleyen machte, die meinen
Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu
räumen. Jetzt giengs an ein Abschiednehmen. Mariane flocht mir einen
zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, den sie mir mit
Thränen gab, und den ich eben so wenig mit trockenem Aug' abnehmen
konnte. – Und nun Ade! Rothweil, liebes friedsames Städtchen! liebe,
tolerante katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so
tausendswohl bey euern vertrauten brüderlichen Zechen! – Ade! ihr
wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirthshaus so
gern' von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren
Eseln heimreiten sah! Wie treflich schmeckten mir oft Milch und Eyer
in euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen
Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende [S.176] Lerchen aus der
Luft schoß, die mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so
oft mein Herr mirs vergönnte, in euern topfebnen Wäldern, an des
Neckars reitzenden Ufern, auf und nieder zu schlentern, wo ich ihm
Hasen ausspähen sollte – aber lieber die Vögel behorchte, und das
Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! – Nochmal also Ade!
Rothweil, werthes, theures Nestgen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich
hab' seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal grösser, und
zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner
Kleinheit, und mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn und
zwanzigmal lieber als sie! Adie, Marianchen! Tausend Dank für deine
innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Adie! Sebastian
Zipfel, lieber guter Armbrustwirth! und deine zarte Mühle
desgleichen! Lebt alle alle wohl!
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.175-177,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026