[S.162] Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne
mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie
und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern
von den Preußischen Werboffizieren sein Bedienter mit dem Schelmen
davon gieng, und ihm über 80. fl. enttrug, sagte mein [S.162] Herr zu
mir: »Willst du mir's auch e'nmal so machen, Ollrich«? Ich versetzte
lachend: Wenn er mir so was zutraue, soll er mich lieber fortjagen.
Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir
den ganzen Winter durch die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer
ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Tours machte. Hinwieder
ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch
freundlich und gütig darnach. Nur zu viel konnt' ich spatziren und
müßig gehn; und fuhr ich, besonders im Herbst, oft über Rhein auf
Feurthalen (denn die alte Brücke war kurz vorher eingefallen, und
die neue mit H. Grubenmann in unserm Gasthof accordirt worden) in
die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volk Trauben – essen, bis ans
Halszäpflin. Einmal bey einer solchen Ueberfahrt, sagte mir jemand:
»Nun, wie geht's Ulrich? Weißt du auch, daß dein Herr ein
Preußischer Offizier ist«? Ich. »Ja! meinetwegen, er ist ein
herzguter Herr.« »Ja, ja«! sagte jener: »Wart' nur, bis d'enmal in
Preussen bist; da mußt Soldat seyn, und dir den Buckel braun und
blau gerben lassen. Um tausend Thaler möcht' ich nicht in deiner
Haut stecken«. Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte
bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; gieng dann geschwind
nach Hause, und erzählte meinem Herrn alles harklein, worauf
derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so einem jeden
Narrn und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, ein Preußischer
Offizier bin ich – und was ist's denn? – von Geburth ein Pohlnischer
Edelmann; und, damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß
ich' [S..163] Johann Markoni. Bisher nanntest du mich Herr Lieutenant!
Aber eben dieser Grobiane wegen, sollst du mich könftig Ihr Gnaden!
schelten. Uebrigens sey nur getrost und guten Muths, dir soll's, bey
Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du anderst ein wackrer Bursche
bleibst. Soldat solltest werden? Nein! bey meiner Seel' nicht! Ich
konnt' dich ja haben; um ein Paar schlichtige Louisd'or wollten
deine beyden saubern Landsleuth' dich verkaufen. Aber du warst mir
dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen an, und
ich behielt dir was besseres vor«. Nun, dacht' ich, bin ich Leibs
und Guts sicher – Ha! der gute Herr! – Er hätt mich können haben –
Die Schurken! – Ja wohl, mich verkaufen? – Der Henker lohn's ihnen!
– Aber komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde
stopfen. Ja wohl! – Was für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni
seyn, und dabey so gut! Kurz, ich glaubte von nun an ihm alles, wie
ein Evangelium.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.162-164,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026