[S. 189] Die zweyte Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem
Paradeplatz stellen, wo ich unvermuthet drey meiner Landleuthe,
Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter
gleichem Regimente (Itzenblitz) die beyden erstern vollends unter
der nämlichen Compagnie (Lüderitz) befanden. Da sollt' ich vor allen
Dingen, unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase (Mengke
mit Namen) marschieren lernen. Den Kerl nun mocht' ich vor den Tod
nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füsse klopfte, schoß mir
das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage
nichts begreifen können. Dieß bemerkte einst Hevel, der mit seinen
Leuthen auf dem gleichen Platze manövrirte, tauschte mich gegen
einen andern aus, und nahm mich unter sein Plouton. Das war mir eine
Herzensfreude. [S.189] Itz capiert' ich in einer Stund' mehr als sonst
in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo
Markoni wohne, aber, bat er um Gottswillen, ich soll ihn nicht
verrathen. Des folgenden Tags, sobald das Exercitium vorbey war,
flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und
murmelte immer vor mir her: Ja, ja, Markoni! wart' nur, ich will dir
deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine verfluchte Verrätherey
so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich
schon, daß du hier nur Lieutenant, und nirgends ihr Gnaden bist! –
Bey geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eben
eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; ein kleines,
magres, fuchsrothes Bürschgen öffnete mir die Thüre, und führte mich
eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er mich
erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach zu
mir mit einem so holden Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen
Grimm entwafnete, und mir die Thränen in die Augen trieb: »Ollrich!
mein Ollrich! mach mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's
noch, und wirst mir's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen
Umständen handeln. Gieb dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem
Herrn«. – »Ja, Ihr Gnaden« – – »Nichts Gnaden«! sagte er: »Beym
Regiment heißt es nur: ›Herr Lieutenant‹! Itzt klagt' ich ihm, nach
aller Ausführlichkeit, meine gegenwärtige grosse Noth.« Er bezeugte
mir sein ganzes Mittleid. »Aber«, fuhr er fort: »Hast ja noch
allerley Sachen, die du versilbern kannst; wie z.E. die [S.190] Flinte
von mir, die Reisemütze die dir Lieutenant Hofmann in Offenburg
verehrt, u.d. gl. Bring sie nur mir, ich zahl dir dafür, so viel sie
je werth sind. Dann könnt'st du dich, wie andre Rekrutten, um
Gehaltserhöhung beym Major« – »Potz Wetter«! fiel ich ein: »Nein den
sah' ich einmal, und nimmermehr«! Drauf erzählt' ich ihm, wie dieser
Sir mir begegnet habe. »Ha«! versetzte er: »Die Lümmels meinen, man
könn' auf Werbung von Luft leben, und Kerle im Strick fangen«. »Ja«!
sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir wenigstens in
Rothweil auch einen Nothpfenning erspart haben«. »Alles hat seine
Zeit, Ollrich«! erwiederte er: »Halt' dich nur brav! Wenn einmal die
Exercitien vorbey sind, kannst du wohl was verdienen. Und wer weiß –
vielleicht gehts bald ins Feld, und dann« – – Weiter sagte er
nichts; ich merkte aber wohl, was er damit wollte, und gieng
vergnügt, als ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach
etlichen Tagen trug ich Flinte, Ballast, und die sammtene Mütze
wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafür; aber von
Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft ich auch
meinen Tressenhut, den grünen Frack, u.s.f.u.f. und ließ mir nichts
mangeln, so lang ich was anzugreifen hatte. Schärer war eben so arm
als ich: Allein er bekam ein Paar Groschen Zulage, und doppelte
Portion Brodt; der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihm, als auf
mir. Indessen waren wir Herzensbrüder; so lang einer etwas zu
brechen hatte, konnte der andere mitbeissen. Bachmann hingegen, der
ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl, und
harmonierte [S.191] nie recht mit uns; und doch schien immer die Stunde
ein Tag lang, wo wir nicht beysammen seyn konnten. G. mußten wir in
den H...häusern suchen wenn wir ihn haben wollten; er kam bald
hernach ins Lazareth. Ich und Schärer waren auch darinn völlig
gleichgesinnt, daß uns das Berliner-Weibsvolk eckelhaft und
abscheulich vorkam; und wollt' ich für ihn so gut wie für mich einen
Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt. Sondern sobald
das Exerziren vorbey war, flogen wir miteinander in Schottmanns
Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzer-Bier,
schmauchten ein Pfeifgen, und trillerten ein Schweitzerlied. Immer
horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu.
Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen,
ihnen den Kuhreihen zu singen: Meist bestand der Spielerlohn bloß in
einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit
noch weniger vorlieb.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.189-192,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026