[S.145] Es war im Herbste, als ich eines Tags meinem Vater eine
hübsche Buche im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von
Schwellbrunn, ein Rechen- und Gabelmacher, war uns auch dabey
behüflich, und kaufte uns nachwerts das schönste davon ab. Unter
allerhand Gesprächen kam's auch auf mich: »Ey, ey, Hans«! sagte
Laurenz, »du hast da einen ganzen Haufen Buben. Was willst auch mit
allen anfangen? Hast doch kein Gut, und kann keiner kein Handwerk.
Schad', daß du nicht die größten in die Welt 'nausschickst. Da
könnten sie ihr Glück gewiß machen. Siehst's ja an des Hans Joggelis
seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst' gefunden; sind
noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze Herren
neumontirt, mit goldbordirten Hüten heim, sich zu zeigen, und wurden
um kein Geld mehr hie zu Land bleiben«. »Ha«! sagte mein Vater:
»Aber meine Buben sind dazu viel zu läppisch und ungeschickt; des
Hans Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen,
schreiben, singen und geigen. Meine sind pur lauter Narren in
Vergleichung; sie stehen wo man's stellt, und thun's Maul auf«.
»Behüte Gott«! versetzte Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie
wären gwiß wohl zu brauchen; sonderlich der grosse da ist wohl
gewachsen, kann ja auch lesen und schreiben, und ist sicher kein
Stockfisch – seh's ihm wohl an. Potz [S.145] Wetter! wenn der recht
getummelt wird, das gäb' ein Kerl. Würdst die Augen aufsperren!
Hans, ich will dir Mann dafür seyn, daß er nach Jahr und Tag
heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd, daß es dir
ein Ehr' und Freud' seyn soll«. Während diesem Gespräch sperrt' ich
Maul und Augen auf, guckte dem Vater ins Gesicht; und er mir, und
sprach: »Was meinst, Uli«? Aber eh' ich antworten konnte, fuhr
Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch so jung wär', und's Maul
voll hübsche Zähn hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit allen
seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten. Ich
bin auch in der Welt 'rum gekommen. Ha! da giebts Globte Länder, und
Geld z'verdienen wie Dreck. Weiß was ich da gesehen hab'. Aber ich
war halt ein liederlicher Narr; und nun ist's zu späth, wenn man dem
Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. O, ich möchte noch brieggen
darob! Aber, was ist zu machen«? »Alles gut«, fiel itzt mein Vater
ein; »aber da müßt' er Empfehlungsschreiben, oder sonst jemand
haben, der ihm in den Teich hülfe. Ich wollte freylich gern alle
meine Kinder versorgt wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber«
– »Aber, was aber«? unterbrach ihn Laurenz. »Da laß mich dafür
sorgen; es soll dich nicht einen Heller kosten, Hans! und Bürg will
ich dir seyn, dein Bub soll versorgt werden, daß er ein Mann, daß er
ein Herr giebt. Ich kenne weit und breit angesehene Leuth' genug,
die solche Bursch' glücklich machen können; und da will ich dem Uli
gwiß den beßten aussuchen, daß er mir's sein Lebtag danken [S.146]
soll« – Mein Vater traute gegen seine Gewohnheit dießmal sehr
geschwind; denn er war diesem Laurenz sonst gut. Und von mir kam's –
einige Liebesscrupel ausgenommen, von denen wir bald reden werden –
wohl gar nicht in die Frage. So bald es einmal von des Aetis Seite
wirklich hieß: »Wie, Uli, hätt'st Lust«? hieß es von meiner: »Ja«!
Mein Vater mochte um so viel zufriedener seyn, da er mich dergestalt
vollends von Aennchen entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's
gar nicht recht. Aber, man weiß es schon; wenn der Näbishans einmal
einen Entschluß gefaßt, hätten ihn Himmel und Erde nicht mehr davon
abwendig gemacht. Es ward also Tag und Stund abgeredt, wo ich mit
Laurenz verreisen sollte, ohne weiter einem Menschen ein Wort davon
zu sagen: Denn es mache nur unnöthigen Lerm, sagte mein Führer.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S. 145-147,
zeno.org )
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026