teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


Bräker: Als zwangsgepresster preußischer Soldat im Siebenjährigen Krieg (1756-63)

34. Abschied vom Vaterland

Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) « « Soldatenleben « - Quellen 1650-1850

 
GESCHICHTE
Grundbegriffe der Geschichte Europäische Geschichte Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450) Reformation und Glaubenskriege (1517-1648) Zeitalter der Entdeckungen (1415-1531) Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650-1789) Beginn des bürgerlichen Zeitalters Aspekte und RahmenthemenÜberblick Verschiedene Aspekte Rahmenthemen Einzelne sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte Überblick Bevölkerungsentwicklung Landleben Stadtleben Familienleben Frauenleben KinderlebenLeben der AltenBerufslebenSexuallebenLeben des Adels Soldatenleben Überblick Einzelne AspekteQuellen 1350 - 1648 1650 - 1850 Fleming: Von der Teutschen Werbung (1726) [ Bräker: Im Siebenjährigen Krieg (1756-63)   Didaktische und methodische Aspekte Überblick Anwerbung von preußischen Soldaten in der Schweizer Eidgenossenschaft im 18. Jh. Kap. 33 - 58 (Lese- und Rechercheversion) 33.Kap. 34.Kap.: Abschied vom Vaterland  • 36.Kap. 37.Kap. 38.Kap. 39.Kap.41.Kap.42.Kap. 43.Kap.44.Kap.45.Kap. 46.Kap. 47.Kap. 48.Kap.49.Kap.50.Kap.51.Kap. 52 .Kap. 53.Kap.54.Kap.55.Kap.56.Kap.57.Kap.58.Kap. ] Bausteine Fragen und Antworten (KI)   Studentenleben KlosterlebenRäuberleben Mode und Kleidung Reisen Kranke und Gesunde Lesen Deutsche Geschichte
 

 

X-Links
Kap. 33 - 58 (Lese- und Rechercheversion)
33. Es geht auf Reisen 34. Abschied vom Vaterland 36. Es geht langsam weiters 37. Ein nagelneues Quartier 38. Ein unerwarteter Besuch 39. Was weiters 41. Hin und her, her und hin 42. Noch mehr dergleichen Zeug 43. Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig! 44. Reise nach Berlin 45. 's giebt ander Wetter! 46. So bin ich denn wirklich Soldat 47. Nun geht der Tanz an 48. Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin 49. Nun geht's bald weiters 50. Behüte Gott Berlin! - Wir sehen einander nicht mehr 51. Marschroute bis Pirna 52. Muth und Unmuth 53. Das Lager zu Pirna 54. Einnahme des Sächsischen Lagers u.s.f. 55. Die Schlacht bey Lowositz 56. Das heißt - wo nicht mit Ehren gefochten 57. Heim! Heim! Nichts als Heim! 58. O des geliebten süssen Vaterlands!

▪  Kap. 33 - 58 (Lese- und Rechercheversion)

Ulrich Bräker (1735- 1798) war ein Schweizer Schriftsteller aus der Nähe von »Wattwil, der ehemaligen Grafschaft »Toggenburg (zu Bräkers Lebenszeit zur »Fürstabtei St. Gallen gehörend). In seiner »Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg" (1788) beschreibt er unter anderem, wie er als zwangsgepresster preußischer Soldat am »Siebenjährigen Krieg (1756-1763)  teilnimmt und während der »Schlacht bei Lobowitz am 1. Oktober 1756 desertiert und wieder in seine Toggenburger Heimat zurückkehrt.

34. Abschied vom Vaterland

[S.147] Gute Nacht, Welt! Ich geh ins Tyrol. So hieß es bey mir. Denn, einstheils wenigstens, war ich lauter Freude; meynte der Himmel hange voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' ich Siegel und Brief in der Fiecke, mein Glück sey schon gemacht. Anderstheils aber giengs mir freylich entsetzlich nahe – nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden wo mein Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Aennchen nur mitnehmen, dacht' ich wohl hunderttausendmal. Aber dann [S.147] wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr' sind doch auch bald vorbey. Und wie wird's dann mein Schätzgen freuen, wenn ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren – oder es zu mir in ein Gelobt Land abholen kann.

Für größere (740px) und große Ansicht (1000px)
bitte an*klicken*tippen!

Also, auf den 27. Herbstmonath, Samstag Abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füsse zu nehmen. »Wir wollen bey Nacht und Nebel fort«, sagte Laurenz; »es giebt sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg; und an einem Werktag hab' ich nicht Zeit. Mach dich also reisfertig. Einen guten Rock, damit ist's gethan«. Samstag Morgens macht' ich also alles zurecht. Nun giengs an den Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Thränen, und fiengen schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich! zu sagen. Mein Vater aber, ebenfalls voll Wehmuth, gab mir, nebst etlichen Batzen, folgendes auf den Weg: »Uli«! sprach er zu mir, »du gehst fort, Uli! Ich weiß nicht wohin, und du weißt's eben so wenig. Aber Laurenz ist ein gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite halt dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel fehlen. Itzt bist du noch wie ein ungebacknes Brödtlin: Gieb Achtung, und laß dich weisen; du bist gelehrig. Uebrigens weist' du, Ich hab' dir das Ding nie mit keinem Wort weder gerathen noch mißrathen. Es war Laurenzens Einfall, und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit ziemlich schwerem Herzen. Denn, am End konnt' ich [S.148] dir noch wie bisher Brodt geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht minder freuen, wenn du itzt Speis', und Lohn dazu, auf eine leichtere Art verdienen, oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Und doch, glaub' mir's, du gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Hallunken und Schurken genug giebt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich, trau doch keinem Gesicht, bis du's kennst; und laß dich zu nichts bereden, was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel; und vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein beßrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du denkest und thust. Du weist ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, inn- und auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph, David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen gottlosen Buben, wie unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner zeitlichen und ewigen Wohlfarth willen, vergiß deines Gottes nicht. Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bey dir. Ich kann weiter nichts als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen; und das will ich thun, unabläßig« – – So giengs noch eine kurze Weile fort. Mein Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als: »Ja, Vater, ja«! und in meinem Innwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater, ja«! Endlich, nach [S.149] einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes Namen, geh«! und ich: »Ja, ich will gehen«! und: »Liebe, liebe Mutter! thu doch nicht so; es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' Euch Gott! lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' Euch Gott alle, liebe Geschwisterte! Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen auch folgen in der weit'sten weiten Ferne«. Dann gab mir jedes die Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerrothen Backen. Ich mußte fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisbündel, und gieng dann beyseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon Abenddämmerung. In der Schomatten begegnete mir Caspar Müller. Der gab mir ein artiges Reisgeldlin, und Gottes Geleit auf die Strasse.

(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S. 145-147, zeno.org )

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

   
   Arbeitsanregungen:.
  1. Welche positiven Hoffnungen und Zukunftspläne hat Ulrich Bräker ganz zu Beginn des Textes für die Zeit nach seiner Rückkehr?
  2. Warum schlägt Bräkers Begleiter Laurenz vor, heimlich „bei Nacht und Nebel“ aufzubrechen, und welche Kleidung empfiehlt er für die Reise?
  3. Vor welchen konkreten Gefahren in der „verführerischen Welt“ warnt der Vater seinen Sohn Uli während des Abschiedsgesprächs?
  4. Welche biblischen Vorbilder nennt der Vater, an denen sich Uli in der Ferne orientieren soll, und wie reagiert Uli emotional auf diese Worte?

Komplexere Arbeitsanregungen:

  1. Bräker schreibt einerseits, dass sein Glück bereits "gemacht" sei und der "Himmel voll Geigen" hänge. Gleichzeitig reflektiert er die Warnungen seines Vaters vor einer "verführerischen Welt" voller "Hallunken und Schurken". Inwiefern spiegelt dieser innere Kontrast die typische Situation eines jungen, bildungsfernen Auswanderers im 18. Jahrhundert wider, und welche erzählerische Funktion hat diese Vorahnung für den weiteren Verlauf seiner Lebensgeschichte?
  2. Der Vater hält eine lange, hochemotionale Abschiedsrede voller moralischer und religiöser Ratschläge. Gleichzeitig betont er jedoch: "Ich hab' dir das Ding nie mit keinem Wort weder gerathen noch mißrathen." Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären? Versucht der Vater hier, sich von der Verantwortung für das ungewisse Schicksal seines Sohnes freizusprechen, oder zeigt sich darin ein tieferer Konflikt zwischen väterlicher Fürsorge und wirtschaftlicher Ohnmacht?
  3. Der Vater beschwört biblische Vorbilder wie Daniel in Babel, Abraham, Joseph und David, die in der Fremde bestanden haben, und erinnert Ulrich daran, dass Gott "in alle Winkel der Welt sieht". Welche Funktion erfüllt diese tief verwurzelte, pietistisch geprägte Religiosität in dem Text? Ist sie für den Vater und Ulrich reiner Trost, ein Instrument der Disziplinierung oder dient sie als mentaler Schutzschild gegen die existenzielle Angst vor dem Unbekannten?
  4. Laurenz drängt darauf, "bey Nacht und Nebel“ aufzubrechen, um ein "wunderfitzig Gelüg" (neugieriges Gerede) im Dorf zu vermeiden. Dennoch begegnet Ulrich kurz nach dem Aufbruch dem Dorfbewohner Caspar Müller, der ihm spontan Reisgeld schenkt. Was verrät diese Dynamik über das soziale Gefüge und den Umgang mit sozialem Auf- oder Abstieg im damaligen Toggenburg? Warum durfte die Abreise einerseits kein öffentliches Spektakel sein, während sie im Privaten dennoch von der Gemeinschaft (finanziell) unterstützt wurde?
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und ZeitmanagementKreative ArbeitstechnikenTeamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche KommunikationVisualisierenPräsentationArbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 
 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz