[S.160] So stuhnd's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel
durch meine wackern Begleiter, das Gerücht in mein Heimath kam, man
hätte mich aufs Meer verkauft; und namentlich sollte dieß ein Mann
ausgesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmieden, und den
Rhein hinunterführen gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern
zum Exempel vor, daß sie fein bey Haus bleiben, und sich nicht in
die böse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort
hievon; weil aber die Mutter so grämlich that, ihm Vorwürf' über
Vorwürfe machte, und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er
sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren, und sich selbst nach dem
Grund oder Ungrund dieser Mähre zu erkundigen. Also, an einem Abend,
welche Freude für uns beyde, als mein innigstgeliebter Vater so ganz
unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, im meine Kammer
trat; Er mir erzählte, was ihn hergeführt, und Ich ihm, wie
glücklich ich sey; ihm meinen Kasten zeigte, die scharmanten Kleider
darin, alles Stück vor Stück bis auf die Hemderknöpflin; dann ihn
meinem guten Herrn vorstellte, der ihn freundlich bewillkommte,
und [S.160] beßtens zu traktiren befahl, u.s.f.u.f. – Nun aber traf's
sich, daß man gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof
tanzte, und mein Herr, als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten,
sich solches auch schmecken ließ – so wie mein Vater und ich, am
Tischgen in einem Winkel der grossen Gaststube, unsern Braten. Ganz
unversehns kam er auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch Eins mit
den jungen Leuthen da tanzen«. Vergebens entschuldigt' ich mich, und
bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da
half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor, und gab mir die
Köchin im Haus, ein artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der
Schweiß tropfte mir von der Stirn, vor Schaam, daß ich in Gegenwart
meines Vaters tanzen sollte. Das Mädchen inzwischen riß mich so
vertummelt herum, daß ich in Kurzem sinnlos von einer Wand zu der
andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward.
Mein lieber Aeti redte zwar bey dieser ganzen Scene kein Wort; aber
von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmütigen Blick, der mir
durch die Seele gieng. Wir legten uns doch noch zeitig genug zu
Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu
machen, wie wohl ich mich befinde: was ich vor einen gütigen Herrn
habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne, u.s.f. Er gab mir
nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja – So – es ist gut – und
schlief ein – ziemlich unruhig, und ich nicht minder. Des Morgens
nahm er Abschied, so bald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm
die Reiskosten,[161] gab ihm noch einen Thaler auf den Weg, und
versicherte ihn hoch und theuer, ich sollt' es gewiß gut bey ihm
haben und wohl versorgt seyn, wenn ich mich nur weiter treu und
redlich betragen würde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder
Muth und Zutrauen faßte, dankte höflich, und empfahl mich auf's
Beßte. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies. Auf der
Strasse sprachen wir so herzlich mit einander, als seit jener
Krankheit in meiner Jugend sonst nie geschehn. Er gab mir
vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern
und deine Heimath nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf
gute Wege leiten, welche freylich weder ich noch du jetzt voraussehn«.
Beym Abschied zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen
kaum ein: Behüte, behüte Gott! herstammeln, und dachte nur immer:
Ach! könnt' ich doch mein gegenwärtiges Glück, ungetrennt von meinem
guten Aeti geniessen, jeden Bissen mit ihm theilen, u.d. gl.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.160-162,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026