|
X-Links
Kap. 33 -
58 (Lese- und Rechercheversion)
33. Es geht auf
Reisen
34. Abschied vom Vaterland
36. Es geht langsam weiters
37. Ein nagelneues Quartier
38.
Ein unerwarteter Besuch
39.
Was weiters
41. Hin und her, her und hin
42.
Noch mehr dergleichen Zeug
43.
Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig!
44.
Reise nach Berlin
45.
's giebt ander Wetter!
46.
So bin ich denn wirklich Soldat
47.
Nun geht der Tanz an
48.
Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin
49.
Nun geht's bald weiters
50.
Behüte Gott Berlin! - Wir sehen einander nicht mehr
51.
Marschroute bis Pirna
52.
Muth und Unmuth
53.
Das Lager zu Pirna
54.
Einnahme des Sächsischen Lagers u.s.f.
55.
Die Schlacht bey Lowositz
56. Das heißt -
wo nicht mit Ehren gefochten
57.
Heim! Heim! Nichts als Heim!
58.
O des geliebten süssen Vaterlands!
Ulrich
Bräker (1735- 1798) war ein Schweizer Schriftsteller aus der
Nähe von »Wattwil,
der ehemaligen Grafschaft »Toggenburg
(zu Bräkers Lebenszeit zur »Fürstabtei
St. Gallen gehörend). In seiner »Lebensgeschichte und
Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg" (1788)
beschreibt er unter anderem, wie er als zwangsgepresster preußischer
Soldat am »Siebenjährigen
Krieg (1756-1763) teilnimmt und während der »Schlacht
bei Lobowitz am 1. Oktober 1756 desertiert und wieder in seine
Toggenburger Heimat zurückkehrt.
36. Es geht langsam weiters
[S. 154] Es war ein Sonntag. Wir kehrten beym Hecht ein, und blieben
da den ganzen Tag über. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen
jungen Tockenburger – oder Appenzeller gesehen hätten, der in die
Fremde gieng – und doch nicht wußte wohin, und noch viel minder
recht warum. An allen Tischen hört' ich da viel von Wohlleben und
lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu Trinken vor. Ich war
des Weins nicht gewohnt, und darum bald aufgeräumt, und recht guter
Dingen.
Wir machten uns erst bey anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein
fuchsrother Herisauer, und, [S.154] wie Laurenz, ein Müller, war unser
Gefährte. Es gieng auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Orte
kamen wir bey einem Schopf vorbey, wo etliche Mädel beym Licht
Flachs schwungen: »Laßt mich e'nmal«, sagt ich, »ich muß die Dinger
sehn, ob keine meinem Schatz gleiche«? Damit setzt' ich mich unter
sie hin, und spaßte ein wenig mit ihnen. Aber eben, da war wenig zu
vergleichen. Indessen musterten mich meine Führer fort; sagten, ich
werde derley Zeug noch genug bekommen, und machten allerley
schmutzige Anmerkungen, daß ich roth bis über die Ohren ward. Dann
kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. Hier überfiel mich
mit Eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war (des Marschierens und
Trinkens nicht e'nmal zu gedenken) das erstemal in meinem Leben, daß
ich zwo Nächte nach einander nicht geschlafen hatte. Allein die
Kerls wollten nichts vom Rasten hören, preßirten gewaltig auf
Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur: Ich könnte
nun einmal keinen Schritt weiter! ein Pferd. Das gefiel mir nicht
unfein. Unterwegs gieng's an ein Predigen, wie ich mich in
Schaffhausen verhalten, hübsch grad strecken, frisch antworten
sollte, u.d.gl. Dann flismeten* sie zwey mit einander (doch mit Fleiß
so, daß ich's hören mußte) von galanten Herren, die sie kennten,
deren Diener es so gut hätten, als die Größten im Tockenburg.
»Sonderlich« sagte Laurenz, »kenn' ich einen Deutschländer der sich
dort incognito aufhält, gar ein vornehmer Herr von Adel, der
allerley Bediente braucht, wo's der geringste besser hat als ein
Landammann«. »Ach«! [S.155] sagt' ich, »wenn ich nur nicht zu
ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden«! – – »Nur gradzu
geredt, wie's kömmt« sagten sie; »so habens dergleichen vornehme
Leuth' am liebsten«.
* flismeten: halblaut
reden
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.154-156,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026
|
Arbeitsanregungen:
- Wie reagieren die Menschen im Wirtshaus „zum Hecht“ auf Ulrich
Bräker und in welche Stimmung gerät er dort während des Sonntags?
- Was macht Bräker, als die Gruppe in der Nacht an einem Schopf in
Flohweil vorbeikommt, und warum bringen seine Begleiter ihn kurz
darauf zum Erröten?
- Warum erleidet Bräker in Nünforn plötzlich eine „entsetzliche
Mattigkeit“ und wie helfen ihm seine Begleiter weiter, als er keinen
Schritt mehr gehen kann?
- Welche geheimen Informationen lassen die beiden Begleiter Bräker
absichtlich mithören („flismeten“), um ihm einen Dienst bei einem
vornehmen Herrn schmackhaft zu machen?
Komplexere Arbeitsanregungen:
- Bräker bemerkt im Rückblick selbst, dass er „in die Fremde gieng
– und doch nicht wußte wohin, und noch viel minder recht warum.“
Analysiere, wie seine Begleiter (Laurenz und der „fuchsrothe
Herisauer“) diesen Zustand der Orientierungslosigkeit systematisch
ausnutzen. Welche Rolle spielen dabei der Alkohol („des Weins nicht
gewohnt“) und der gezielte Schlafentzug („zwo Nächte nach einander
nicht geschlafen“)?
- Untersuchen Sie das Gespräch über den „Deutschländer“, der sich
angeblich incognito in Schaffhausen aufhält. Mit welchen
rhetorischen Kniffen und Kontrasten (z. B. der Vergleich mit dem
Status eines „Landammanns“) wecken die Führer gezielt Ulis Ehrgeiz,
und wie entkräften sie geschickt seine tief sitzenden
Minderwertigkeitskomplexe („zu ungeschickt [...], mit solchen Herren
zu reden“)?
- Als Bräker beim Flachsschwingen mit den Mädchen scherzt, sucht
er insgeheim nach einer Ähnlichkeit zu seinem „Schatz“ (Aennchen).
Wie reagieren seine Führer auf diesen letzten emotionalen
Bezugspunkt zu seiner Heimat, und welche tiefere Absicht steckt
hinter ihren „schmutzigen Anmerkungen“ und dem Drängen zum
Weitermarschieren?
|