[S.166] Da wir uns einstweilig in Rothweil im Gasthof zum Armbrust
niederliessen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen wo er wäre, damit
wenn seine Wachtmeisters Rekruten machten, man ihm solche
nachschicken könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das
Geschenk meiner Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühls, und – ich
sprang hoch auf! eines von Aennchen beygebogen: Dieses letztre
offen; denn es sollte ein Zürchgulden zum Grüßchen drinn stecken,
und der war fort. Was schierte mich das? Die süssen Fuchswörtlin in
dem Briefgen entschädigten mich reichlich. Meiner unverschobnen
ausführlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht
gedenken. Die an Aennchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. –
Dießmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rothweil, giengen wieder nach
dem lieben Schaffhausen zurück, und machten dann von Zeit zu Zeit
kleine Tours auf Diessenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u.s.f.
Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. [S.166] Schon als
Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich
nur die Schellen ihrer Thiere hörte. Itzt machte ich noch nähere
Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine
Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt
aber keine Antwort. Ich wußte nicht wo es fehlte? Das drittemal bat
ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er
guckte das Päckgen an, runzelte die Stirn, und wollte weder Ja noch
Nein sagen. Ich gab ihm einen Batzen. »So, so« sprach jetzt mein
Herr Landsmann: »Das Ding soll richtig bestellt werden«. Und
wirklich bekam ich nun bald ordentliche Empfangscheine. Meine ältern
Brief und schweren Sachen hingegen waren natürlich nach Holland
geschwommen. In Schaffhausen lagen damals fünf preußische
Werboffiziers in verschiedenen Wirthshäusern. Alle Tag traktirte
einer die andern. So kam's auch je den fünften Tag an uns. Das
kostete jedesmal einen Louisd'or; dafür gab's denn freylich
Burgunder und Champanier gnug zu trinken. Aber bald hernach wurde
ihnen ihr Handwerk niedergelegt; wie die Sag' gieng, weil ein junger
Schaffhauser, der in Preussen seine Jahre ausgedient, keinen
Abschied kriegen konnte. Und kurz, sie mußten alle fort, und neue
Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht;
drey einzige Erzschurken ausgenommen, die sich Verbrechen wegen auf
flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rothweil.
Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen Kerl,
einen [S.167] Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude
machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm Pohlnisch parlen
konnte. Sonst war's in Rothweil ein lustig Leben. Besonders giengen
wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirth,
und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im
Hornung 1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg
nahmen wir zu Haßlach im Kinzinger-Thal unser Schlafquartier. In
derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch
ganz Europa verspürte. Ich aber empfand nichts davon; denn ich hatte
mich Tags vorher auf einem Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber
sah' ich alle Gassen voll Schorsteine; und im nächsten Wald war die
Strasse mit umgeworfenen Bäumen in die Kreutz und Queer so verhackt,
daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. – In Straßburg mußt' ich Maul
und Augen aufsperren; denn da sah' ich: 1.) Die erste grosse Stadt.
2.) Die erste Festung. 3.) Die erste Garnison. 4.) Am dortigen
Münster das erste Kirchengebäud', bey dessen Anblick ich nicht
lächeln mußte wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht
Tag' zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch dießmal gastfrey, und
zahlte mir gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie
Heu, wär' ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst
indessen hielt nicht viel besser Haus. Bey unsrer Rückkehr hatten
wir zu Rothweil alle Tag Ball, bald in diesem bald in jenem
Wirthshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen,
in dem unsrigen an. Der beschenkte s.[168] alle Bräute, und trillerte
dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dieß jetzt ein ganzes
Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Aennchen treu
zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort; gleichwohl aber macht' ich
mir auch kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu
schäckern; wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten.
Mein Herr, der war nun vollends gar ein Liebhaber des schönen
Geschlechts bis zum Entsetzen, und im Nothfall jede Köchin ihm gut
genug. Mich bewahre Gott dafür! dacht' ich oft, so ein armes bisher
ehrliches Mädchen zu besudeln, und dann Heut oder Morgens
wegzureisen, und es sitzen zu lassen. Eine von den beyden Köchinnen
im Wirthshause, Mariane, dauerte mich innig. Sie liebte mich heftig,
gab und that mir, was sie mir in den Augen ansah. Ich hingegen
bezeigte mich immer schnurrig; sie ließ sich's aber nicht anfechten,
und blieb gegen mich stets dieselbe. Schön war sie nicht, aber
herzlich gut. Die andere Köchin, Hanne, machte mir schon mehr
Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, vermuthlich darum,
eine zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie meine Aufwart
williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren worden.
Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stuhnd. Ich merkte, daß
sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schliech. Damit that sie mir
einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß:
Zweytens stand nun mein Herr nicht mehr so frühe als gewöhnlich auf;
also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. [S.169]
Bisweilen kam er schon gestiefelt und gesporrnt auf meine Kammer,
und traf mich noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen; denn er
merkte, daß ich wußte, wo die Katz im Stroh lag. Nichts desto
weniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, oft vor seinen
eignen Sünden mit grossem Ernst. »Ollrich«! hieß es da: »Hörst, mußt
dich mit den Mädels nicht zu weit einlassen; du könnt'st die schwere
Noth kriegen«! Uebrigens hatt' ich's in allen Dingen bey und mit
ihm, wie von Anfang; viel Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist
einen Patron wie die liebe Stunde, zwey einige Mal ausgenommen;
einmal da ich den Schlüssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der
Stell' finden konnte, das andremal da ich einen Spiegel sollte
zerbrochen haben. Beydemal war ich unschuldig. Aber das hätt' mir
wenig geholfen; sondern nur durch demüthiges Schweigen entgieng ich
der zumal des Schlüssels wegen schon über mir gezogenen Fuchtel.
Derley Geschichtgen, kurz alles was mir Süsses oder Sauers
wiederfuhr, (meine Liebesmücken ausgenommen) schrieb ich dann
fleißig nach Haus, und predigte bey solchen Anlässen meinen
Geschwistern ganze Litaneyen voll: Wie sie Vater, Mutter und andern
Fürgesetzten ja nie wiederbefzgen, sondern, auch wo sie Unrecht zu
leiden vermeynen, sich fein hübsch gewöhnen sollten das Maul zu
halten, damit sie's nicht von fremden Leuthen erst zu späth lernen
müssen. Alle meine Briefe ließ ich meinen Herrn lesen; nicht selten
klopfte er mir während der Lektur auf die Schulter: Bravo, Bravo!
sagte er dann, verpittschierte sie mit [S.170] seinem Siegel, und hielt
mich hinwieder in Ansehung aller an mich eingehnden Depeschen
portfrey.
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.166-171,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026