[S.207] Bis hieher hat der Herr geholfen! Diese Worte waren der
erste Text unsers Feldpredigers bey Pirna. O ja! dacht' ich: Das hat
er, und wird ferner helfen – und zwar hoffentlich mir in mein
Vaterland – denn was gehen mich eure Kriege an?
Mittlerweile gieng's – wie's bey einer marschierenden Armee zu gehen
pflegt – bunt übereck und kraus, daß ich alles zu beschreiben nicht
im Stand, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre.
Unser Major Lüderiz (denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl
besonders Achtung) mag mir oft meinen Unmuth aus dem Gesicht gelesen
haben. Dann drohete er mir mit dem Finger: »Nimm dich in Acht,
Kerl«! Schärern hingegen klopfte er bey den nämlichen Anlässen auf
die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Mine einen braven
Bursch; denn der war immer lustig und wohlgemuths, und sang bald
seine Mäurerlieder, bald den Kühreih'n, obschon er im Herzen dachte
wie ich, aber es besser verbergen konnte. Ein andermal freylich faßt'
ich dann wieder Muth, und
dachte: Gott wird alles wohl machen!
Wenn
ich vollends Markoni – der doch keine geringe Schuld an meinem
Unglück war – auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir
immer, ich sehe meinen Vater oder meinen beßten Freund; wenn er mir
zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich
schüttelte – [ S.207] mir mit liebreicher Wehmuth gleichsam in die Seele
'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser
kommen«! zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe
aus meinem thränenschimmernden Aug' lesen wollte. O!
ich wünsche dem
Mann, wo er immer todt oder lebendig seyn mag, noch auf den heutigen
Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht
gekommen. – Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Ordre
erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern
Soldaten immer ein Gerede: »Heute giebt's was! Heut setzt's gewiß
was ab«! Dann schwitzten wir Jungen freylich an allen Fingern, wenn
wir irgend bey einem Gebüsch oder Gehölz' vorbeymarschierten, und
uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die
Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, so
bald man wieder ins Freye kam, sich rechts und links um,
wie er am
schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Küraßiers, Dragoner und Soldaten zu beyden Seiten.

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Als wir einst die
halbe Nacht durch marschierten,
versuchte Bachmann den Reißaus zu
nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum; aber am Morgen war
er wieder hart bey uns, und kam noch eben recht mit der Ausflucht
weg: Er habe beym Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns
verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen,
alle Tag' deutlicher ein – und doch
hatten wir fest im Sinn, keine
Bataille abzuwarten, es koste auch was es wolle. [S. 208]
(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im
Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.207-209,
zeno.org)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.08.2026