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Bräker: Als zwangsgepresster preußischer Soldat im Siebenjährigen Krieg (1756-63)

52. Muth und Unmuth

Frühe Neuzeit (ca. 1350-1800) « « Soldatenleben « - Quellen 1650-1850

 
GESCHICHTE
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Kap. 33 - 58 (Lese- und Rechercheversion)
33. Es geht auf Reisen 34. Abschied vom Vaterland 36. Es geht langsam weiters 37. Ein nagelneues Quartier 38. Ein unerwarteter Besuch 39. Was weiters 41. Hin und her, her und hin 42. Noch mehr dergleichen Zeug 43. Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig! 44. Reise nach Berlin 45. 's giebt ander Wetter! 46. So bin ich denn wirklich Soldat 47. Nun geht der Tanz an 48. Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin 49. Nun geht's bald weiters 50. Behüte Gott Berlin! - Wir sehen einander nicht mehr 51. Marschroute bis Pirna 52. Muth und Unmuth 53. Das Lager zu Pirna 54. Einnahme des Sächsischen Lagers u.s.f. 55. Die Schlacht bey Lowositz 56. Das heißt - wo nicht mit Ehren gefochten 57. Heim! Heim! Nichts als Heim! 58. O des geliebten süssen Vaterlands!

Ulrich Bräker (1735- 1798) war ein Schweizer Schriftsteller aus der Nähe von »Wattwil, der ehemaligen Grafschaft »Toggenburg (zu Bräkers Lebenszeit zur »Fürstabtei St. Gallen gehörend). In seiner »Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg" (1788) beschreibt er unter anderem, wie er als zwangsgepresster preußischer Soldat am »Siebenjährigen Krieg (1756-1763)  teilnimmt und während der »Schlacht bei Lobowitz am 1. Oktober 1756 desertiert und wieder in seine Toggenburger Heimat zurückkehrt.

52. Muth und Unmuth

[S.207] Bis hieher hat der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bey Pirna. O ja! dacht' ich: Das hat er, und wird ferner helfen – und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland – denn was gehen mich eure Kriege an?

Mittlerweile gieng's – wie's bey einer marschierenden Armee zu gehen pflegt – bunt übereck und kraus, daß ich alles zu beschreiben nicht im Stand, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. Unser Major Lüderiz (denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders Achtung) mag mir oft meinen Unmuth aus dem Gesicht gelesen haben. Dann drohete er mir mit dem Finger: »Nimm dich in Acht, Kerl«! Schärern hingegen klopfte er bey den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Mine einen braven Bursch; denn der war immer lustig und wohlgemuths, und sang bald seine Mäurerlieder, bald den Kühreih'n, obschon er im Herzen dachte wie ich, aber es besser verbergen konnte. Ein andermal freylich faßt' ich dann wieder Muth, und dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni – der doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war – auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen beßten Freund; wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich schüttelte – [ S.207] mir mit liebreicher Wehmuth gleichsam in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser kommen«! zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe aus meinem thränenschimmernden Aug' lesen wollte. O! ich wünsche dem Mann, wo er immer todt oder lebendig seyn mag, noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht gekommen. – Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Ordre erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten immer ein Gerede: »Heute giebt's was! Heut setzt's gewiß was ab«! Dann schwitzten wir Jungen freylich an allen Fingern, wenn wir irgend bey einem Gebüsch oder Gehölz' vorbeymarschierten, und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, so bald man wieder ins Freye kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Küraßiers, Dragoner und Soldaten zu beyden Seiten.


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Als wir einst die halbe Nacht durch marschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum; aber am Morgen war er wieder hart bey uns, und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg: Er habe beym Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein – und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste auch was es wolle. [S. 208]

(aus: Leben und Schriften Ulrich Bräkers, des Armen Mannes im Tockenburg. Bd. 1–3, Band 1, Basel 1945, S.207-209, zeno.org)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Wie unterschied sich das Verhalten von Ulrich Bräker auf den Märschen von dem seines Kameraden Schärer, und wie reagierte ihr Major Lüderiz jeweils darauf?
  2. Obwohl der Werber Markoni eine „keine geringe Schuld“ an Bräkers Unglück hatte, empfindet Bräker tiefe Zuneigung für ihn. Wie verhält sich Markoni ihm gegenüber auf den Märschen und welche Wirkung hat das auf Bräker?
  3. Welcher tägliche Befehl ("gemessene Ordre") versetzte die jungen Rekruten in ständige Angst, besonders wenn sie an Gebüschen oder Wäldern vorbeimarschierten, und woran dachten sie in diesen Momenten?
  4. Bräkers Landsmann Bachmann versuchte in einer Nacht zu desertieren. Warum schlug sein Fluchtversuch fehl und mit welcher Ausrede konnte er sich am nächsten Morgen vor einer Bestrafung retten?

Komplexere Arbeitsanregungen:

  1. Obwohl Bräker den Werber Markoni explizit als Mitverantwortlichen für sein bitteres Unglück benennt, beschreibt er die Begegnungen mit ihm als zutiefst trostreich und vergleicht ihn sogar mit seinem eigenen Vater. – Wie lässt sich diese psychologische Ambivalenz – das Schwanken zwischen der Verurteilung des Betrügers und der Sehnsucht nach seiner Zuneigung – aus Bräkers Situation als isolierter Rekrut heraus erklären? Welche emotionalen Bedürfnisse werden hier sichtbar?
  2. In den Textausschnitten prallen zwei Welten aufeinander: Die ästhetische Ordnung (saubere Stadtteile Berlins, spiegelblank geputzte weiße Uniformen, die „properste Kirchenparade“) und die rohe, brutale Realität (grausame Spießrutenstrafen, das Massensterben im Lazarett und das Chaos der Schlacht).– Inwiefern spiegelt dieser drastische Kontrast das absolutistische Herrschafts- und Militärsystem Friedrichs des Großen wider? Welche Funktion hatte die extreme äußere Disziplinierung und Normierung für einen Staat, der wie Preußen massiv auf Zwangsrekrutierte und Söldner angewiesen war?
 

 
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