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Sexualitätsdispositiv

Das Allianzdispositiv der Souveränitätsmacht

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Fachbereich Deutsch
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Aus dem Werkzeugkasten der Diskursanalyse

Macht hat, wie »Michel Foucaults (1926-1984) sie versteht, nicht per se etwas mit Unterdrückung zu tun, wie er am Beispiel des Diskurses über die Sexualität und an dem ▪ Sexualitätsdispositiv in verschiedenen Zeiten zeigt.

In seiner vielzitierten • Realdefinition hat Foucault den Begriff des Dispositivs wie folgt bestimmt.

Ein Dispositiv ist danach

»[...] ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes" umfasst. Und: "Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann.« (Foucault 1978, S.119f., Hervorh. d. Verf.)

Die Unterscheidung von Gesagtem und Ungesagtem, die beide ein bestimmtes Dispositiv konstituieren, bedeutet hier, dass es bestimmte Regelungen in diesem Ensemble gibt, die in mehr oder weniger klar explizierter Form vorliegen (z. B. Gesetze oder Verordnungen) und Regelungen, denen wir folgen, ohne dass ihr Vorhandensein letzten Endes ausgesprochen werden muss, weil wir sie internalisiert haben.

Historisch gesehen entwickelt sich das ▪ Sexualitätsdispositiv der bürgerlichen Moderne "auf dem Boden" des von Foucault (1983, S.105) "Allianzdispositiv" genannten Ensembles zu Regulierung des Sexuellen. Mit diesem verbanden sich die die vielfältigen monarchischen Gesellschaften des Mittelalters mit Hilfe von Recht und Gesetz zu "taktischen Allianzen" (ebd., S.88), die von oben eine neue Ordnung einführte, die dazu dienen sollte, die "streitbare(n) Mächte, die an unmittelbare oder mittelbare Grundherrschaft, an Waffenbesitz, an Knechtschaft, an Bande von Oberhoheit und Vasallentreue geknüpft waren." (ebd.)

Mit der Setzung des Rechts ist die ▪ Souveränitätsmacht (ebd., S.91) entstanden, wie sie Foucault später in seiner historischen Rekonstruktion von Machttypen von der • Gesetzesmacht der modernen Gesellschaften mit ihren beiden Komponenten • Disziplinarmacht und • Normalisierungsmacht abhebt.

Die ältere Souveränitätsmacht besteht vor allem darin, dass der Souverän, das Recht besitzt »zu töten« (Foucault 1976, S. 283). Ihre Strategien zur • Sozialdisziplinierung (Disziplinarstrategien) sind repressiv und beruhen auf einer eindeutigen Asymmetrie zwischen dem Inhaber der Macht und denen, die diese Macht unterworfen sind. 

Mit verschiedenen Maßnahmen entstand, unter dem Blickwinkel des historisch-soziologischen ▪ Konzepts der Sozialdisziplinierung in der Frühen Neuzeit (ca.1350-1800) und der frühneuzeitlichen Staatsentwicklung im Absolutismus betrachtet, nach und nach ein gesellschaftlicher Konsens über das Wertesystem und die "Spielregeln gesellschaftlichen Verhaltens" (Schulze 1987, S.268). Dieser resultierte in einem "gemeinsame(n) Welt- und Menschenbild, und schuf "sich neue Einheiten sozialer und disziplinierter Verbundenheit." (ebd., S.287)

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Souveränitätsmacht ▪ von der neuen Machttechnologie ergänzt. Diese löste die Souveränitätsmacht aber nicht einfach ab, sondern wurde in diese integriert, überlagerte manches und passte sich der alten Macht an.

Die traditionelle Souveränitätsmacht schuf sich mit dem Allianzdispositiv, wie Foucault (1983, S.88f.) sagt, auch einen "Code" des "Juridisch-Politischen" der den Menschen "mittels Untersagungs- und Sanktionierungsmechanismen" (Foucault 1983, S.105) vorschrieb, wie die Sexualbeziehungen in der ständischen Gesellschaft zu gestalten waren.

Das Allianzdispositiv zur Regulierung der Sexualität bestand dabei aus einem für jedes Dispositiv geltenden heterogenen Ensemble: "einem System des Heiratens, der Festlegung und Entwicklung der Verwandtschaften, der Übermittlung der Namen und Güter", die mit "stabilisierenden Zwangsmechanismen" (ebd.) und sowie bestimmten ▪ Macht-Wissens-Komplexen zusammenhängen, die "spezifische Strategien zur Vereinheitlichung heterogener Elemente darstellen" (Bublitz 2014, S.275) und durch ihre "machtstrategische(n) Verknüpfungen von Diskursen und Praktiken" (Fink-Eitel 1989, S.80) am Ende zu den genannten "Dispositiven der Macht" (Bublitz 2014. S.275) werden.

Vergleicht man das ältere Allianzdispositiv mit dem modernen Sexualitätsdispositiv, so lässt sich vereinfacht sagen:  Beide Dispositive regeln das sexuelle Verhalten auf unterschiedliche, in der Praxis freilich sich vielfach miteinander verbindende Art und Weise. Während das Allianzdispositiv die sexuellen Beziehungen vornehmlich über das Recht und das Gesetz ordnet, untersucht das Sexualitätsdispositiv die Wurzeln der Sexualität des Menschen und formt die Menschen anhand ihres Begehrens.

Das Allianzdispositiv befasst sich mit Fragen der äußeren gesellschaftlichen Ordnung wie:

  • Wer darf mit wem eine Beziehung eingehen?

  • Wer darf wen heiraten?

  • Welche Beziehungen sind erlaubt oder verboten?

  • Wer gehört zu welcher Familie?
    Wer erbt Namen, Besitz und gesellschaftlichen Status?

  • Welche Kinder gelten als legitime Nachkommen?

Das ▪ Sexualitätsdispositiv, "das sich ebenfalls zwischen die Sexualpartner schaltet" (Foucault 1983, S.105), stellt hingegen Fragen, die vom sexuellen Begehren des Subjekts ausgehen und sich stärker auf das Innere des Menschen konzentrieren. Sie greifen dabei zurück auf die christliche "Bußpraxis, die Gewissenerforschung und geistliche Seelenführung" (ebd. S.107), die Charakter und Gegenstand der Befragung zusehends verändert. Mit ihm verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der rechtlichen Beziehung zwischen Personen auf den Körper, die Vorstellungen, Empfindungen und geheimen Wünsche des Einzelnen.

Gefragt wird

wie z. B.

  • Was für ein sexuelles Subjekt bist du?

  • Was begehrst du?

  • Welche Lust empfindest du?

  • Ist dein Verhalten normal oder auffällig?

  • Was sagt deine Sexualität über deine Persönlichkeit aus?

  • Ist dein Begehren gesund, krank oder behandlungsbedürftig?

Solche Fragen machen die Sexualität des einzelnen Menschen zu einem Untersuchungsgebiet der Medizin, Psychiatrie, Pädagogik und Psychologie, die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts daran machen, die Sexualität des Menschen wissenschaftlich zu "vermessen".

Das Allianzdispositiv der vormodernen Gesellschaften

  • "baut sich um ein Regelsystem auf, das das Erlaubte und das Verbotene, das Vorgeschriebene und das Ungehörige definiert;" (Foucault 1983, S.106)

  • soll "Spiel der Beziehungen [...] reproduzieren" (ebd.) und ihr Gesetz aufrechterhalten

  • setzt auf "das Band zwischen Partnern mit festgelegtem Status" (ebd.)

  • ist sehr an die ökonomischen Fragen gebunden, um "die es bei der Weitergabe oder beim Umlauf der Reichtümer" geht (ebd.)

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Aus dem Werkzeugkasten der Diskursanalyse (Foucault)

Allianzdispositiv der Souveränitätsmacht

Alltags- und bildungssprachlicher Diskursbegriff

Akteure

Analyse von Dispositiven

Archäologische Methode zur Analyse der Wissensordnungen (Episteme)

Archäologisches Vorgehen

Archiv

Aussage(n)

Aussagensystem

Ausschlussmechanismen

Autor

Biopolitik

Biomacht

Diskursbegriff

Diskursexterne Ausschlussprozeduren

Diskursive Praktiken

Diskursiver Wandel

Diskursive Ereignisse

Diskursive Formation

Diskursspezifisches Wissen

Diskurs über Geschlechterbinarität

Dispositiv

Dispositivanalyse

Dispositive der Macht

Dispositiv vom "guten" Amerikaner

Disziplinarmacht und Disziplinargesellschaft

Einzeltextanalyse

Episteme

Genealogie
Gesagtes und Ungesagtes

Gesetzesmacht

Gouvernementalität

Grunddimensionen des diskursiven Regelsystems

Hermeneutischer Zirkel

Horizontverschmelzung

Juridisch-diskursive Machtkonzepte

Klassifikationen

Kontrollgesellschaft

Materialität von Aussagen

Macht-Wissens-Komplexe

Macht und Herrschaft

Medialiät der Diskurse

Normalisierungsmacht

Oberfläche

Polymorphe Techniken der Macht

Praxen

Produktive Seite der Macht

Repressionshypothese

richtiges/falsches Bewusstsein

Sagbarkeitsregeln

Schicht des konstitutiven historischen Wissens

Schwelle der Epistomologisierung

Souveränitätsmacht

Wissen und Ideologie

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

  

 
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