Die seit Ende
der 1990er Jahre von »Reiner
Keller (geb. 1962) konzipierte •
Wissenssoziologische
Diskursanalyse (WDA) verbindet Elemente der von »Michel
Foucault (1926-1984) dargestellten •
Diskursperspektive mit der »sozialkonstruktivistischen
»neueren
Wissenssoziologie von »Peter
L. Berger (1929-2017) und »Thomas
Luckmann (1927-2016) und den soziologisch-pragmatischen
Traditionen des »Symbolischen
Interaktionismus. (vgl.
Keller 2015)
Wie Foucault
geht die WDA auch von der • "Sozialität
des Wissens" (Knoblauch
32014, S.14) aus, was bedeutet, dass unsere
"Vorstellungen über das So und So Sein der Welt (Wissen) sozial
konstruiert und gesellschaftlich folgenreich institutionalisiert
werden." (Keller
2013, S.434). Diese sozial konstruierten, kollektiven
Wissensvorräte bestimmen also a priori, d. h. bevor wir uns
aufgrund eigenen Erkennens und Handelns in Beziehung zur Welt
setzen, eigene Erfahrungen machen und Schlüsse daraus ziehen
können, über die Art und Weise, wie wir dies tun (»sozio-historisches
Apriori). (vgl.
ebd.)
Die WDA "zielt
auf die Analyse der diskursiven Konstruktion höchst
folgenreicher Realitäten" (Keller
2019, S. 40) und richtet ihr Forschungsinteresse daher auf
"die Strukturierungen, Prozesse und Machteffekte
gesellschaftlicher Wissensverhältnisse und Wissenspolitiken in
spezifischen oder allgemeinen gesellschaftlichen Arenen." (Keller
2015).
Sie versteht unter Diskursen "strukturierte und
strukturierende Aussagepraktiken in
institutionell-organisatorischen Settings und Arenen, welche die
gesellschaftliche Wirklichkeit von Phänomenen konstituieren." (ebd.)
Zugleich stellt sie sich in die Tradition der "von Foucault
anvisierte(n) Untersuchung gesellschaftlicher
Macht-Wissen-Regime". (ebd.)
Deren Analyse und Diagnostizierung mit allen ihren
Implikationen, Machtwirkungen und (historischen) Wandlungen ist
auch das zentrale Anliegen der WDA. (vgl.
Keller
2019, S.58)
Diskurse stellen damit für die WDA "analytisch abgrenzbare und
strukturierte Ensembles von Praktiken der Zeichennutzung und der
Hervorbringung, Behauptung und Legitimierung von Wissen
(Deutungen)" (Keller
2013, S.434) dar, die aber nicht quasi von selbst
Aussagenzusammenhänge herstellen können, sondern bei der
Strukturbildung auf das diskursive Handeln von
sozialen Akteuren
angewiesen sind, das diese Strukturierungen kollektiv und
kumulativ vornehmen. (vgl.
Keller 2013, S.434)
Diskurse sind
für die WDA im Anschluss an Foucault "durch Regeln strukturierte
serielle Praktiken des Zeichengebrauchs in sozialen Arenen, die
kleinere oder umfassendere • symbolische Universen konstituieren."
(Keller
2019, S. 44)
"Sie werden",
fährt Keller an gleicher Stelle fort
-
"in und durch
die Praktiken sozialer Akteure verwirklicht", und
-
"stabilisieren spezifische Wissensansprüche oder
-
"tragen zur
Verflüssigung, Auflösung und Ersetzung institutionalisierter
Deutungen und scheinbarer Unverfügbarkeiten bei."
Diskurse
bestehen demzufolge "aus mehreren ›Schichten‹ oder Dimensionen:
den materialen Grundlagen bzw. Trägern ihres Vollzugs, den
genutzten Zeichenformen und -gattungen sowie den musterförmig
prozessierten Inhalten." (ebd., S. 51)
Diskurse sorgen
dafür, dass bestimmte Themen Anlässe zur gesellschaftlichen
Interpretation und zu gesellschaftlichem Handeln werden können.
Wenn sie als gerechtfertig angesehen werden und sich
institutionell etabliert haben, legen sie die Sagbarkeitsfelder
fest und bestimmen darüber, was in einer bestimmten Diskursarena
über etwas gesagt werden kann und was nicht. Dabei verfolgen sie
das Ziel die von ihnen erzeugten und gerechtfertigten Sinnformen
"über die Zeit hinweg zu stabilisieren und dadurch einen
bindenden Horizont von Deutungen, Werten und Handlungen bzw.
Handlungsfähigkeiten in sozialen Kollektiven aufrechtzuerhalten
(bzw. zu etablieren)." (ebd.,
S. 45)
Wo Diskurse
miteinander konkurrieren oder miteinander in Konflikt stehen,
werden die Diskursfelder
zu "soziale(n) Arenen", in denen
ihr Streit ausgetragen wird. Dabei können sich auch spezifische
Diskurskoalitionen,
deren Mitglieder strategisch gemeinsam daran arbeiten, die
Oberhand zu gewinnen. Mit besseren Argumenten muss dies aber
nichts zu tun haben.
Kommt es zu
einem diskursiven Wandel,
dann müssen gewöhnlich mehrere diskursrelevante Ereignisse
zusammen kommen. Oft kommt es dabei irgendwann zu "einer Art
Kipppunkt von quantitativen zu qualitativen Effekten." (ebd.,
S. 46)
Die
Konstitution von Bedeutung vollzieht sich nach Auffassung der
WDA "im verkörperten menschlichen Bewusstsein" (Keller
2019, S. 40), das das sinnliche Erleben in begriffliche
Erfahrung transformiert. Wem oder was wir auch beim Handeln,
Fühlen, Sprechen oder Denken Bedeutung zuschreiben, ist in
unserem Bewusstsein verkörpert. Dies betrifft auch Bedeutungen,
die wir Interaktionen geben, sozialen Situationen oder Elementen
der Wirklichkeit um uns herum zuschreiben. (vgl.
ebd.)
Dabei sind diese individuell verkörperten Bewusstseinsinhalte
kein "Akt einsamer produktiver Kreativität" (ebd.,
S.41). Stattdessen verlaufen die dabei ablaufenden mentalen
Prozesse nach Ansicht der WDA auf der Basis "gesellschaftliche(r)
Deutungsschemata in einem grundlegenden Typisierungsprozess" (ebd.),
damit der einzelne Mensch "die fortlaufende Ereignishaftigkeit
der Welt" (ebd.)
in eine hinreichend stabile Ordnung bringen kann, die sein
Überleben gewährleistet oder zu gewährleisten verspricht. Dabei
greifen wir bei dieser Typisierung auch auf körperliche Routinen
und Habitualisierungen als Automatismen zurück, die uns längst
in Fleisch und Blut übergegangen sind, aber dennoch als
"sedimentierte, automatisierte Typisierungen" (ebd.)
bezeichnet werden können.
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Wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA)
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und Sprecher •
Praktiken als Skripte für
Handlungsausführungen •
Dispositive als Formen der
Vermittlung zwischen Diskursen und Handlungsfeldern
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Vorgehen
in der Praxis
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