Die
Fragen, die das ▪
Sexualitätsdispositiv im ▪
Vergleich zum Allianzdispositiv aufwirft, konzentrieren sich stärker auf das Innere
des Menschen und greifen dabei auf die zum Teil bis auf die ▪
mönchische Askese zurückgehende, in jedem Falle christliche "Bußpraxis, die Gewissenerforschung und geistliche
Seelenführung" (ebd.
S.107) zurück, die Charakter und Gegenstand der Befragung
zusehends veränderten.
Die sexuellen Handlungen
durften, wie noch in älteren Beichtspiegeln bis ins 17.
Jahrhundert hinein dokumentiert ist, nicht mehr beim Namen
genannt werden. Sie hatten mit ihren Fragen das sexuelle Verhalten bis in die Details bespitzelt und der christlichen "Geständnispflicht" (Foucault
1983, S. 26) unterworfen. Die in den Beichtspiegeln geradezu
inquisitorisch aufgeworfenen Fragen
zum Geschlechtsverkehr wie z. B. nach der "Stellung der Partner
zueinander, (den) Haltungen, die man eingenommen hatte, die
Gesten und Berührungen, der genaue Augenblick der Lust" (ebd.,
S. 24) waren auf eine "vollständige und spitzfindige Beschreibung
des sexuellen Aktes in seinem Vollzug" (ebd.)
aus gewesen. Solche Fragen, die die Art und Weise sexueller
Handlungen betrafen, wurden nun ausgespart und diskret vermieden.
An ihre Stelle
traten "minutiöse Regeln der Selbstprüfung" (ebd.,
S.25), die den nicht mit der jeweiligen sexuellen Handlung direkt
in Verbindung stehenden "Einflüsterungen des Fleisches" (ebd.)
immer mehr Bedeutung gaben, wie "Gedanken, Begehren, wollüstige
Vorstellungen, Ergötzungen, verschlungene Regungen der Seele und
des Körpers" (ebd.),
die bis ins Detail in der Beichte vorgetragen werden mussten.
Der
neue "Imperativ" (ebd.,
S.26) verlangte, wie Foucault weiter ausführt, "nicht nur die
gesetzwidrigen Handlungen zu beichten, sondern aus seinem
Begehren, aus seinem ganzen Begehren einen Diskurs zu machen.
Nichts soll mehr der Formulierung entgehen, auch wenn die Worte,
derer sie sich bedient, sorgfältig neutralisiert werden müssen."
(ebd.)
Daneben gab es
aber auch ein anderes Sprechen über Sexualität, hinter
vorgehaltener Hand oder auch in der pornographischen Literatur
der Zeit, die in "»unziemliche(n)«
frevlerischen Diskursen [...] rücksichtlos, voller Spott für die
neuen Schamhaftigkeiten, den Sex beim Namen" (ebd.,
S.24) nannten. In den Augen Foucaults war der Kampf dagegen, den
Kirche und staatliche Obrigkeiten führten, ein "Mittel, den Sex
moralisch akzeptierbar und technisch nützlich zu machen." (ebd.,
S.27)
Wer sich, z. B. mit pornografischen Gedichten, an der
Zensur vorbeischmuggelte und in der Öffentlichkeit hervortat,
dem konnte wie dem Libertin •
Claude
Le Petit (1638-1662) im Frankreich »Ludwigs
XIV. (1638-1715) passieren, dass an ihm ihm wegen dieser
gotteslästerlichen "Beleidigung der göttlichen Majestät" ein
blutiges Exempel zur Abschreckung vollzogen wurde. Mit seinem •"Sonett
aufs Ficken" (»Sonnet
foutatif) spottete er eben nicht nur über die Autoritäten,
sondern machte sich über deren hehrste Grundsätze lustig und das in
einer Zeit, in der sich diese gerade anschickten, die Sexualität soweit zu "verhöflichen", dass
sie sich diskret und orientiert an der christlichen Sexualmoral einer sublimierenden Sprache bedienten.
Die Diskursivisierung des Sexes, "das permanente Sprechen über
sexuelle Intimitäten, Praktiken und Ausschweifungen" schlug sich
ab Mitte des 18. Jahrhunderts eben auch in "einer regelrechten
Überflutung des europäischen Buchmarkts mit
erotisch-pornografischen Lesestoffen" (Haug
2016, S.1) aller Art nieder, ob als Bekenntnisliteratur oder
Mätressen- und Klosterromane oder als belehrende Werke der
medizinischen und volksaufklärerischen Ratgeberliteratur, die
sich über Eheführung und Sexualhygiene ausließen oder als
medizinische Fachliteratur sexuelle Abnormitäten beschrieben.
Das
•
Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen
führte dazu, dass•
körperliche Vorgänge
zunehmend verborgen wurden und zwang die bis dahin in der
Öffentlichkeit durchaus noch praktizierte •
Nacktheit auf den Rückzug.
Die Maßnahmen und mentalen Änderungen, die dazu
beitrugen, "verbannten die Sexualität in die Verschwiegenheit des
Alkovens und die Dunkelkammern des Bewusstseins" (Goulemot
1999, S.371). Allerdings lebte man wohl trotz dieser neuen
verinnerlichten Regeln des Sexualitätsdispositvs "nicht enthaltsamer als zuvor, sondern
tat nun heimlich, was zuvor vor aller Augen getan wurde." (ebd.
1999, S.372)
Wie man auch
immer diese Entwicklung sehen mag, der
neue Imperativ, "alles
über seinen (!) Sex [zu] sagen" (Gehring
2014b, S.88) bot jedenfalls auch "Anreize, von der Lust zu
reden" und wirkte damit "weniger als ein Unterdrückungs-, denn
als ein Stimulationssystem" (ebd.).
So müsse, wie
Gehring (ebd.)
weiter ausführt, in der Beichte mit ihrer Kombination aus einer
spitzfindigen Sprache der Offenheit einerseits und Diskretion
andererseits detailliert über die Sünden des Fleisches
gesprochen werden, oder wie es
Foucault (1986, S.31) darstellt: "Unter dem Deckmantel einer
gründlich gesäuberten Sprache, die sich hütet, ihn beim Namen zu
nennen, wird der Sex von einem Diskurs in Beschlag genommen, der
ihm keinen Augenblick Ruhe oder Verborgenheit gönnt". Über
Sexualität reden bedeutet danach, "wie von einer Sache" zu
sprechen, "die man
zum größtmöglichen Nutzen aller regeln und optimal funktionieren
lassen muss."
(ebd., S.30)
So hat also,
historisch gesehen, die christliche Bußpraxis auch ihren Anteil
daran, dass sich die Aufmerksamkeit von der rechtlichen
Beziehung zwischen Personen auf den Körper, die Vorstellungen,
Empfindungen und geheimen Wünsche des Einzelnen verschob.
Seit dem 18.
und 19. Jahrhundert wurde Sexualität zunehmend öffentlich
thematisiert und wissenschaftlich untersucht. An die Stelle der
religiösen Frage nach der Sünde trat die Sorge um die sexuelle
Natur des Menschen. Foucault bezeichnet diese Entwicklung als
das "In-den-Diskurs-Setzen" (mise en discours) des Sexes
bzw. als "Diskursivisierung des Sexes" (Foucault
1983, S. 26) durch die Medizin, Psychiatrie,
Pädagogik, Biologie, Politik und andere Bereiche, die immer mehr
Wissen über sexuelles Verhalten produzierten und verbreiteten.
Sie wurden dadurch mit den von
ihnen geprägten Diskursen über Sexualität auch Teil der im 19. Jahrhundert
stattfindenden "diskursiven Explosion" (Foucault
1983, S. 23) um den Sex herum werden und der "Vielheit von
Diskursen über den Sex". (ebd.,
S. 38) (vgl.
Gehring 2014b, S.88)
Das •
Sexualleben wurde dadurch aber auch zum Gegenstand der
Kontrolle des Wohlfahrtsstaats und der "Polizei des Sexes"
(Foucault
1983, S. 31), der es nicht darum geht, den Sex mit strikten
Verboten. sondern "durch nützliche und öffentliche Diskurse zu
regeln." (ebd.)
So dienten
Bevölkerungsstatistiken mit der Analyse von
"Geburtenrate, Sterblichkeit, Lebensdauer, Fruchtbarkeit,
Gesundheitszustand, Krankheitshäufigkeit, Ernährungsweise und
Wohnverhältnisse" (ebd.)
zur Regulierung der Bevölkerungszahl. Man erkannte, dass ihre Grundfragen,
die im
Kontext von ökonomischen Zwängen mal mit Geburtensteigerung, mal
mit Geburtensenkung zusammenhingen, "nicht nur von der Kopfzahl
und der Tugend der Bürger, nicht nur von nicht nur von den Regeln
ihrer Heirat und Familienorganisation abhängen, sondern von der Art und Weise,
wie ein jeder von seinem Sex Gebrauch macht." (ebd.,
S.32).
Dementsprechend wird,
was Foucault die "Einpflanzung von Perversionen" (ebd.,
S.41) nennt,
wie
Gehring (2014b, S.88) weiter ausführt, der "»falsche« Sex
[...] zum Delikt – und
auch vor Gericht muss nun mit neuer Gründlichkeit über den Sex
geredet werden. Der Täter muss gestehen. Das Normale und das
Anormale wird aufgezeichnet [...] Eine Fülle von neuen
Sexualitäten wird aufgetan, biographisch erschlossen – denn man
vermutet, dass sie mit der Geburt beginnen – und klassifiziert:
Sexualitäten des Kindes, des Homosexuellen, des Gerontophilen,
des Fetischisten etc. [...] " (vgl.
Foucault
1983, S. 51)
Die Sexualität
nimmt nach Ansicht Foucaults mit der "Einpflanzung vielfältiger
Perversionen" keine "hämische Rache" an der Macht, sondern diese
fungiert als "Instrument-Effekt" (ebd.,
S. 52), mit dessen Hilfe sich die "Beziehungen der Macht zum Sex
und zur Lust" durch Prozesse zur Isolierung, Intensivierung und
Verfestigung der peripheren Sexualität" (ebd.)
weiter verästeln und damit über die weitere Vermessung der
Körper das sexuelle Verhalten weiter durchdringen.
So unterdrückt
auch in diesem Falle die moderne Macht die Sexualität nicht mehr,
wie das Allianzdispositiv, allein durch Verbote. Sie bringt Menschen vielmehr
dazu, über ihr Begehren zu sprechen, macht Sexualität zu einem
Bestandteil ihrer Identität und erzeugt immer neue sexuelle
Kategorien.
Insofern
schließt die •
polymorphe Macht bei Foucault die Sexualität in den modernen
Gesellschaften ab dem 19. Jahrhundert nicht aus, sondern
"verkörpert" sich im Menschen.
Das gelingt ihr dadurch, dass sie
nicht versucht, ihr "auszuweichen", sondern "mit Hilfe von
Spiralen, in denen Macht und Lust sich verstärken, ihre
Varietäten ans Licht (zieht)" (ebd.,
S. 51), und zugleich ohne Blockaden "Orte
maximaler Sättigung (schafft)" (ebd.),
die im Rahmen "neue(r) Regeln" (ebd.,
S. 51) "das Spiel der Mächte und Lüste [...] organisieren" (ebd.,
S. 50f.).
Macht und Lust
verstärken sich dabei gegenseitig: Die Untersuchung und die
Kontrolle der Sexualität steigern zugleich die Aufmerksamkeit
und das Interesse an ihr.
[
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Sexualitätsdispositiv
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Überblick
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der Souveränitätsmacht
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Diskursivisierung des Sexes ◄
▪ Das
Sexualitätsdispositiv als Funktion einer polymorphen Macht
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Dispositivanalysen (Beispiele) ]