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Einzelne Dispositive

Panoptisches Dispositiv – Panoptismus

« Diskursanalytisches Modell Einzelne Begriffe und Konzepte (Foucault) Dispositiv

 
Fachbereich Deutsch
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Aus dem Werkzeugkasten der Diskursanalyse

teachSam-YouTube-Playlist: Michel Foucault und die Macht
In 2 Minuten erklärt: Jeremy Bentham und das Panoptikum (YouTube 2:53)

Das so genannte "panoptische Dispositiv" (Foucault 1976, S.251-292) bzw. das Konzept des Panoptismus hat »Michel Foucault (1926-1984) in seinem Werk »"Überwachen und Strafen" (dt. 1976) entwickelt. in dem er sich mit der Entwicklung der modernen Strafsysteme im Europa des frühen 18. Jahrhunderts, vornehmlich in Frankreich und England beschäftigt.

Das Dispositiv beruht darauf, dass die Individuen, ohne dass dies ihnen sichtbar und daher in irgendeiner Weise sinnlich oder anderswie zugänglich ist, permanent überwacht werden, sich aber dennoch ständig überwacht fühlen. (vgl. Bublitz 2014, S.275) Diese ständige "Antizipation und Imagination der Beobachter" führt zu einer dauernden "Selbstdisziplinierung der Individuen" (ebd.). Der allumfassende Blick, den die panoptische Anlage gewährt, wird dabei "zur inneren Haltung der beobachteten Individuen". (Bublitz  2014b, S.391. Kindle Edition)

Die historische Dimension des Panopticons

Historisch betrachtet entsteht der Panoptismus, dessen Machtmodell auf einem Modell der sozialen Kontrolle ohne Kontrolleure beruht, an der Wende zum 19. Jahrhundert. Im Jahr 1787 entwarf der utilitaristische Sozialphilosoph »Jeremy Bentham (1748-1832) 1787 unter dem Titel »Panopticon« eine Architektur für das ideale Gefängnis, der aber niemals vollständig umgesetzt.


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Die Bezeichnung, die Bentham seinem Reformgefängnis gab, leitet sich von panoptos ab, das in der »Mythologie der »griechischen Antike das Epitethon für »Argos (lt. Argus) war, einem riesigen Ungeheuer mit unzähligen Augen am ganzen Leib, mit dem es in alle Richtungen schauen konnte, zumal immer nur ein Augenpaar zu einer gegebenen Zeit schlief. In der Redensart »"mit Argusaugen wachen", die an dessen ihm von Hera, der Gattin des Zeus, übertragenen Aufgabe anknüpft, Io, die Geliebte von Zeus lückenlos zu überwachen, ist die Anspielung auf diesen Zusammenhang in Bedeutungen wie etwas unaufhörlich und unermüdlich zu beobachten oder  etwas nicht aus den Augen zu lassen bis heute immer noch sprachlich verfügbar.


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Der architektonische Entwurf von Bentham folgt mit seiner Ringarchitektur dem "Prinzip eines allseitigen Sichtbarmachens bzw. Gesehenwerdens" (Wolf 2014, S.280) Statt die Inhaftierten wie früher in dunklen Kellern und Verliesen gemeinsam wegzusperren, sollen sie ihre Strafe in gut einsehbaren, voneinander isolierten Zellen absitzen, die kreisförmig angeordnet sind. Genau in der Mitte befindet sich ein Turm, von dem aus Wächter die nun mit Durchbrüchen in den Gefängnismauern nach innen und nach außen "hellen" Zellen mit ihren Insassen sehen, beobachten und kontrollieren konnten. Demgegenüber sind die Wächter im Zentralturm von den Inhaftierten aus nicht zu sehen, da diese mit Jalousien und anderem verdunkelt sind. Die Folge: Die Inhaftierten können nicht erkennen, ob sie gerade überwacht werden und wer dies tut. Dies wiederum führt zu einem Verhalten, das die jederzeit mögliche Überwachung in das ganze Verhalten einbezieht.


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Das Panopticon und seine Wirkungsweise dient Foucault für seine Beschreibung der modernen Disziplinargesellschaft. Es ist mit den Worten Foucaults "die Maschinerie einer sich verheimlichenden Macht« (Foucault 1976, S.261)

Das Panopticon ist für Foucault also nicht nur eine optische und architektonische Vorrichtung, sondern eine "politische Technologie, die sich in jede – gesellschaftliche – Funktion integrieren lässt und insofern abgelöst werden kann von jeder spezifischen Verwendung und institutionellen Einbindung. (Bublitz  2014b, S.391f. Kindle Edition) Das panoptische Machtmodell ist in den Augen Foucaults ein »verallgemeinerungsfähiges Funktionsmodell« (Foucault 1976, S.263).

Wer im Panopticon als Individuum die Macht ausübt, ist im Grund genommen egal, weil der Regelmechanismus des Sozialen und die soziale Kontrolle darüber gart nicht mehr von einem handelnden Individuum ausgeht, sondern von "vielschichtigen und ungreifbaren Machtprozeduren", die gerade deshalb funktionieren, weil sie entpersönlicht bzw. entindividualisiert sind. Wie Menschen im Bereich des Sozialen Teil des sozialen Gefüges werden, wie mit anderen Worten ihre soziale Integration vonstatten geht, ist im Rahmen der Machttechnologie des Panopticons an eine ›Apparatur‹ delegiert, die unabhängig von Machthabern und -ausübenden agiert und wirkt. Auf diese Weise wird sie "eine omnipräsente und objektivierte Macht, die, der Sichtbarkeit entzogen, sich schließlich von institutionellen Kontrollmechanismen verabschiedet." (ebd.,S.392)

Als »Maschinerie einer sich verheimlichenden Macht« (Foucault 1976, S. 261) hat sie aber dennoch jederzeit Zugriff bis in die letzten Winkel unseres sozialen Lebens und schafft ihre eigene Ordnung der Dinge, einschließlich allem, was wir gewöhnlich als ureigenes Terrain unserer persönlichen Identität betrachen.

Das dahinter stehende Machtmodell garantiert "Regel- und Normenkonformität auf der Grundlage einer entindivualisierten, abstrakten Beobachtungsapparatur." (Bublitz 2014, S.276) Als Form der Disziplinierung weist das Panopticon weit "über den Bannkreis des ›modernen Gefängnisses‹ hinaus und wird im militärischen, pädagogischen und medizinischen Bereich ebenso wirksam wie etwa in den Fabriken zur Zeit der Industrialisierung." (Wolf 2014, S.280)

Durch die ständige "Antizipation und Imagination der Beobachter" (vgl. Bublitz 2014, S.275) arbeiten alle, die unter der Wirkung eines Panopticons stehen, seien es Häftlinge, Soldaten in ihren Kasernen oder die Arbeiterinnen und Arbeiter bei der »Fließbandfertigung in einer Fabrik an ihrer dauernden "Selbstdisziplinierung´" als Individuen mit. (ebd.) Aber auch in andere Bereiche der modernen Gesellschaft  wirkt das panoptischen Dispositiv hinein. Das gilt z. B. auch für das • Disziplinarpositiv in der Schule, das durch verschiedene Praktiken, z. B. aber auch durch die räumliche Anordnung von Tischen und Stühlen im Klassenzimmer während des so genannten Frontalunterrichts dafür sorgen soll, dass sich Schülerinnen und Schüler überwacht fühlen, und das nicht nur, wenn bei Klassenarbeiten und Klausuren Klassenräume durch das Auseinanderschieben der Schulbänke zu einer Art Panopticon werden.

Paradoxerweise produziert aber ausgerechnet das Panopticon, mit dem sich Macht "entindividualisiert", auf der anderen Seite "ein Wissen vom Menschen als Individuum". Es löst nämlich "amorphe Massen oder unkontrollierbare Vielheiten" so auf, dass auch  Schülerinnen und Schüler im Normalfall nicht mehr voneinander abschreiben, Arbeiter nicht mehr in einen organisierten kollektiven Ausstand treten und sich Geisteskranke nicht mehr als Gruppe erregen können. (vgl. Wolf 2014, S.281 unter Bezugnahme auf Foucault 1973/74/2005, S.115f.) Die der panoptischen Macht Unterworfenen werden, die ihre Beobachtung internalisieren und sich so-als-ob sie beobachtet würden verhalten, werden also durch diese Individualisierung vereinzelt und werden als Individuen vollständig sichtbar gemacht. (vgl. Sich 2018 , S.81)

Panoptimus als Grundlage der modernen Disziplinarmacht und Disziplinargesellschaft

Der Panoptismus entwickelt sich zur Grundlage für die »Formierung einer Disziplinargesellschaft« (Foucault 1976, S. 269), die "die Disziplinierung zum grundlegenden Mechanismus der modernen Gesellschaft" gemacht hat. (Bublitz  2014b, S.391 Kindle Edition) Wer will, kann darin eine "»gigantische Apparatur der Dressur und Abrichtung von Individuen« (Kneer 1996, 253)." (zit. n. ebd.)

Historisch gesehen löst sich die panoptische Disziplin, die in Ausnahmezuständen wie z. B. den Pestepidemien bis ins 18. Jahrhundert von den Gesellschaften, in denen sie wütete, mit rigorosen Ordnungsmaßen in den Städten (Aufgliederung in Parzellen, detaillierte Erfassung von Daten etc.) und einer lückenlosen Überwachung praktiziert wurde, von solchen Ausnahmesituationen.

Sie befreit sich von der Koppelung an eine bestimmte Institution und  "›entsperrt‹ sich" damit. In gewisser Weise "lockert sich" die zuvor von außen erzwungene panoptische Disziplin "zu geschmeidigen Kontrollverfahren [...] und fließt so in die feinsten Kapillaren der Gesellschaft." (Wolf 2014, S.281) Dadurch erlangt sie als • Disziplinarmacht eine Wirkung, die bis tief ins Alltagsleben reicht, indem sie sich auf dem Weg der Internalisierung in die Individuen einschreibt. Die Disziplinarmacht sorgt auf diese Weise dafür, dass das Individuum zu einem sich selbst disziplinierenden "Kräftekörper" (Bublitz 2014, S.276) in einer "Normalisierungsgesellschaft", in der das Leben aller am Ende in ein "statistisch-mathematisch(s) Raster" fällt. (ebd.)

Die Disziplinarmacht macht das Individuum zwar sichtbar und schafft damit Wissen über es, zugleich" definiert sie es aber auch "präzise, da sie seine spezifische und individuelle Abweichung von eben dieser Norm detailgenau protokolliert" (Sich 2018 , S.83)

Mit den Worten Foucaults gesagt :»Einerseits zwingt die • Normalisierungsmacht zur Homogenität, andererseits wirkt sie individualisierend, da sie Abstände mißt, Niveaus bestimmt, Besonderheiten fixiert und die Unterschiede nutzbringend aufeinander abstimmt. Die Macht der Norm hat innerhalb eines Systems der formellen Gleichheit so leichtes Spiel, da sie in die Homogenität, welche die Regel ist, als nützlichen Imperativ und als präzises Meßergebnis die gesamte Abstufung der individuellen Unterschiede einbringen kann« (Foucault 1976/1994, S.237, zit. n. Sich 2018, S.83).

Die Normalisierungsmacht, die unterschiedliche "Verfahren der Skalierung in soziale Wirklichkeiten einführt" (Bublitz 2014, S.275) und damit für die "Homogenität des Bevölkerungskörpers" (ebd.) nach dem statistischen Muster »Gaus'scher Normalverteilung sorgt, passt den Einzelnen genau in ihr Raster ein. In dem von ihren "künstlich eingefügte(n) Zäsuren" (ebd.) erzeugten "Feld der Normalität" (ebd.) lassen sich mehr oder weniger deutliche Abweichungen vom Normalen identifizieren. Dadurch bringt sie, steng genommen, Individualität überhaupt erst hervor, denn "der Ort, den der Einzelne im Netz des Sozialen einnimmt, ergibt sich aus der Summe seiner exakt bemessenen Devianzen (seinem abweichenden Verhalten)." (ebd.)

In seinem Spätwerk hat Foucault die Bedeutung des Panoptikons und die Vorstellung von Macht, wonach das menschliche Subjekt der Macht gänzlich unterworfen ist, im • Konzept der Gouvernementalität teilweise revidiert bzw. zumindest relativiert.

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Aus dem Werkzeugkasten der Diskursanalyse (Foucault)

Allianzdispositiv der Souveränitätsmacht

Alltags- und bildungssprachlicher Diskursbegriff

Akteure

Analyse von Dispositiven

Archäologische Methode zur Analyse der Wissensordnungen (Episteme)

Archäologisches Vorgehen

Archiv

Aussage(n)

Aussagensystem

Ausschlussmechanismen

Autor

Biopolitik

Biomacht

Diskursbegriff

Diskursexterne Ausschlussprozeduren

Diskursive Praktiken

Diskursiver Wandel

Diskursive Ereignisse

Diskursive Formation

Diskursspezifisches Wissen

Diskurs über Geschlechterbinarität

Dispositiv

Dispositivanalyse

Dispositive der Macht

Dispositiv vom "guten" Amerikaner

Disziplinarmacht und Disziplinargesellschaft

Einzeltextanalyse

Episteme

Genealogie
Gesagtes und Ungesagtes

Gesetzesmacht

Gouvernementalität

Grunddimensionen des diskursiven Regelsystems

Hermeneutischer Zirkel

Horizontverschmelzung

Juridisch-diskursive Machtkonzepte

Klassifikationen

Kontrollgesellschaft

Materialität von Aussagen

Macht-Wissens-Komplexe

Macht und Herrschaft

Medialiät der Diskurse

Normalisierungsmacht

Oberfläche

Polymorphe Techniken der Macht

Praxen

Produktive Seite der Macht

Repressionshypothese

richtiges/falsches Bewusstsein

Sagbarkeitsregeln

Schicht des konstitutiven historischen Wissens

Schwelle der Epistomologisierung

Souveränitätsmacht

Wissen und Ideologie

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

  

 
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