Historisch
betrachtet entsteht der Panoptismus, dessen Machtmodell auf
einem Modell der sozialen Kontrolle ohne Kontrolleure
beruht, an der Wende zum 19. Jahrhundert. Im Jahr 1787 entwarf
der utilitaristische Sozialphilosoph »Jeremy
Bentham (1748-1832) 1787 unter dem Titel »Panopticon« eine
Architektur für das ideale Gefängnis, der aber niemals
vollständig umgesetzt.

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Die Bezeichnung, die Bentham seinem
Reformgefängnis gab, leitet sich von panoptos ab, das in
der »Mythologie
der »griechischen
Antike das Epitethon für »Argos
(lt. Argus) war, einem riesigen Ungeheuer mit unzähligen Augen
am ganzen Leib, mit dem es in alle Richtungen schauen konnte,
zumal immer nur ein Augenpaar zu einer gegebenen Zeit schlief.
In der Redensart »"mit
Argusaugen wachen", die an dessen ihm von
Hera, der Gattin des
Zeus, übertragenen Aufgabe anknüpft,
Io, die Geliebte von Zeus lückenlos zu überwachen, ist die
Anspielung auf diesen Zusammenhang in Bedeutungen wie etwas
unaufhörlich und unermüdlich zu beobachten oder etwas
nicht aus den Augen zu lassen bis heute immer noch sprachlich
verfügbar.

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Der
architektonische Entwurf von Bentham folgt mit seiner
Ringarchitektur dem "Prinzip eines allseitigen Sichtbarmachens
bzw. Gesehenwerdens" (Wolf
2014, S.280) Statt die Inhaftierten wie früher in dunklen
Kellern und Verliesen gemeinsam wegzusperren, sollen sie ihre
Strafe in gut einsehbaren, voneinander isolierten Zellen
absitzen, die kreisförmig angeordnet sind. Genau in der Mitte
befindet sich ein Turm, von dem aus Wächter die nun mit
Durchbrüchen in den Gefängnismauern nach innen und nach außen
"hellen" Zellen mit ihren Insassen sehen, beobachten und
kontrollieren konnten. Demgegenüber sind die Wächter im
Zentralturm von den Inhaftierten aus nicht zu sehen, da diese
mit Jalousien und anderem verdunkelt sind. Die Folge: Die
Inhaftierten können nicht erkennen, ob sie gerade überwacht
werden und wer dies tut. Dies wiederum führt zu einem Verhalten,
das die jederzeit mögliche Überwachung in das ganze Verhalten
einbezieht.

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Das Panopticon
und seine Wirkungsweise dient Foucault für seine Beschreibung
der modernen Disziplinargesellschaft. Es ist mit den Worten
Foucaults "die Maschinerie einer sich verheimlichenden Macht« (Foucault
1976, S.261)
Das Panopticon
ist für Foucault also nicht nur eine optische und
architektonische Vorrichtung, sondern eine "politische
Technologie, die sich in jede – gesellschaftliche – Funktion
integrieren lässt und insofern abgelöst werden kann von jeder
spezifischen Verwendung und institutionellen Einbindung. (Bublitz
2014b, S.391f. Kindle Edition) Das panoptische Machtmodell
ist in den Augen Foucaults ein »verallgemeinerungsfähiges
Funktionsmodell« (Foucault
1976, S.263).
Wer im
Panopticon als Individuum die Macht ausübt, ist im Grund
genommen egal, weil der Regelmechanismus des Sozialen und die
soziale Kontrolle darüber gart nicht mehr von einem handelnden
Individuum ausgeht, sondern von "vielschichtigen und
ungreifbaren Machtprozeduren", die gerade deshalb funktionieren,
weil sie entpersönlicht bzw. entindividualisiert sind. Wie
Menschen im Bereich des Sozialen Teil des sozialen Gefüges
werden, wie mit anderen Worten ihre soziale Integration
vonstatten geht, ist im Rahmen der Machttechnologie des
Panopticons an eine ›Apparatur‹ delegiert, die unabhängig von
Machthabern und -ausübenden agiert und wirkt. Auf diese Weise
wird sie "eine omnipräsente und objektivierte Macht, die, der
Sichtbarkeit entzogen, sich schließlich von institutionellen
Kontrollmechanismen verabschiedet." (ebd.,S.392)
Als
»Maschinerie einer sich verheimlichenden Macht« (Foucault
1976, S. 261) hat sie aber dennoch jederzeit Zugriff bis in
die letzten Winkel unseres sozialen Lebens und schafft ihre
eigene Ordnung der Dinge, einschließlich allem, was wir
gewöhnlich als ureigenes Terrain unserer persönlichen Identität
betrachen.
Das dahinter stehende
Machtmodell garantiert "Regel- und Normenkonformität auf
der Grundlage einer entindivualisierten, abstrakten
Beobachtungsapparatur." (Bublitz 2014, S.276)
Als Form der Disziplinierung weist das Panopticon weit "über den
Bannkreis des ›modernen Gefängnisses‹ hinaus und wird im
militärischen, pädagogischen und medizinischen Bereich ebenso
wirksam wie etwa in den Fabriken zur Zeit der
Industrialisierung." (Wolf
2014, S.280)
Durch die
ständige "Antizipation und Imagination der Beobachter" (vgl.
Bublitz 2014,
S.275) arbeiten alle, die unter der Wirkung eines Panopticons
stehen, seien es Häftlinge, Soldaten in ihren Kasernen oder die
Arbeiterinnen und Arbeiter bei der »Fließbandfertigung
in einer Fabrik an ihrer dauernden "Selbstdisziplinierung´" als
Individuen mit. (ebd.)
Aber auch in andere Bereiche der modernen Gesellschaft
wirkt das panoptischen Dispositiv hinein. Das gilt z. B. auch
für das • Disziplinarpositiv in
der Schule, das durch verschiedene Praktiken, z. B. aber auch durch
die räumliche Anordnung von Tischen und Stühlen im Klassenzimmer
während des so genannten Frontalunterrichts dafür sorgen soll,
dass sich Schülerinnen und Schüler überwacht fühlen, und das
nicht nur, wenn bei Klassenarbeiten und Klausuren Klassenräume
durch das Auseinanderschieben der Schulbänke zu einer Art
Panopticon werden.
Paradoxerweise
produziert aber ausgerechnet das Panopticon, mit dem sich Macht
"entindividualisiert", auf der anderen Seite "ein Wissen vom
Menschen als Individuum". Es löst nämlich "amorphe Massen oder
unkontrollierbare Vielheiten" so auf, dass auch
Schülerinnen und Schüler im Normalfall nicht mehr voneinander
abschreiben, Arbeiter nicht mehr in einen organisierten
kollektiven Ausstand treten und sich Geisteskranke nicht mehr
als Gruppe erregen können. (vgl.
Wolf
2014, S.281 unter Bezugnahme auf
Foucault 1973/74/2005, S.115f.) Die der panoptischen Macht
Unterworfenen werden, die ihre Beobachtung internalisieren und
sich so-als-ob sie beobachtet würden verhalten, werden also
durch diese Individualisierung vereinzelt und werden als
Individuen vollständig sichtbar gemacht. (vgl.
Sich
2018 , S.81)
Der Panoptismus
entwickelt sich zur Grundlage für die »Formierung einer
Disziplinargesellschaft« (Foucault
1976, S. 269), die "die Disziplinierung zum grundlegenden
Mechanismus der modernen Gesellschaft" gemacht hat. (Bublitz
2014b, S.391 Kindle Edition) Wer will, kann darin eine
"»gigantische Apparatur der Dressur und Abrichtung von
Individuen« (Kneer
1996, 253)." (zit.
n. ebd.)
Historisch
gesehen löst sich die panoptische Disziplin, die in
Ausnahmezuständen wie z. B. den Pestepidemien bis ins 18.
Jahrhundert von den Gesellschaften, in denen sie wütete, mit
rigorosen Ordnungsmaßen in den Städten (Aufgliederung in
Parzellen, detaillierte Erfassung von Daten etc.) und einer
lückenlosen Überwachung praktiziert wurde, von solchen
Ausnahmesituationen.
Sie befreit sich von der Koppelung an eine
bestimmte Institution und "›entsperrt‹ sich" damit. In
gewisser Weise "lockert sich" die zuvor von außen erzwungene
panoptische Disziplin "zu geschmeidigen Kontrollverfahren [...]
und fließt so in die feinsten Kapillaren der Gesellschaft." (Wolf
2014, S.281) Dadurch erlangt sie als •
Disziplinarmacht eine
Wirkung, die bis tief ins Alltagsleben reicht, indem sie sich
auf dem Weg der Internalisierung in die Individuen einschreibt.
Die Disziplinarmacht sorgt auf diese Weise dafür, dass das
Individuum zu einem sich selbst disziplinierenden "Kräftekörper"
(Bublitz 2014,
S.276) in einer "Normalisierungsgesellschaft", in der das Leben
aller am Ende in ein "statistisch-mathematisch(s) Raster" fällt. (ebd.)
Die
Disziplinarmacht macht das Individuum zwar sichtbar und schafft damit
Wissen über es, zugleich" definiert sie es aber auch "präzise, da sie seine spezifische und individuelle
Abweichung von eben dieser Norm detailgenau protokolliert" (Sich
2018 , S.83)
Mit den Worten
Foucaults gesagt :»Einerseits zwingt die •
Normalisierungsmacht zur Homogenität,
andererseits wirkt sie individualisierend, da sie Abstände mißt,
Niveaus bestimmt, Besonderheiten fixiert und die Unterschiede
nutzbringend aufeinander abstimmt. Die Macht der Norm hat
innerhalb eines Systems der formellen Gleichheit so leichtes
Spiel, da sie in die Homogenität, welche die Regel ist, als
nützlichen Imperativ und als präzises Meßergebnis die gesamte
Abstufung der individuellen Unterschiede einbringen kann« (Foucault
1976/1994, S.237, zit. n.
Sich
2018, S.83).
Die
Normalisierungsmacht, die unterschiedliche "Verfahren der
Skalierung in soziale Wirklichkeiten einführt" (Bublitz 2014,
S.275) und damit für die "Homogenität des Bevölkerungskörpers" (ebd.)
nach dem statistischen Muster »Gaus'scher Normalverteilung
sorgt, passt den Einzelnen genau in ihr Raster ein. In dem von
ihren "künstlich eingefügte(n) Zäsuren" (ebd.)
erzeugten "Feld der Normalität" (ebd.)
lassen sich mehr oder weniger deutliche Abweichungen vom
Normalen identifizieren. Dadurch bringt sie, steng genommen,
Individualität überhaupt erst hervor, denn "der
Ort, den der
Einzelne im Netz des Sozialen einnimmt, ergibt sich aus der
Summe seiner exakt bemessenen Devianzen (seinem abweichenden
Verhalten)." (ebd.)
In seinem
Spätwerk hat Foucault die Bedeutung des Panoptikons und die
Vorstellung von Macht, wonach das menschliche Subjekt der Macht
gänzlich unterworfen ist, im •
Konzept der Gouvernementalität teilweise revidiert bzw.
zumindest relativiert.
[ •
Einzelne Dispositive •
Überblick
►
Panoptisches Dispositiv /
Panoptismus ◄ •
Das Sexualitätsdispositiv •
Dispositiv der
Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken •
Das Disziplinardispositiv der
Schule und seine Hilfsdispositive •
Andere Dispositive ]