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Triumph der Tugend

Erste Erzählung

Johann Wolfgang von Goethe


Von stiller Wollust eingeladen,

Drang in den Tempel der Dryaden

Mit seinem Mädchen Daphnis ein,

Um zärtlich ohnbemerkt zu sein.

Des Taxus Nacht umgab den Fuß der Eichen,                    5

Nur Vögel hüpften auf den Zweigen,

Rings um sie her lag feierliches Schweigen,

Als wären sie auf dieser Welt allein.

Sie saßen tändelnd in dem Kühlen.

Allein, dem Herzen nah, das uns so zärtlich liebt -              10

Wem Amor solch ein Glücke gibt,

Wird der nicht mehr als sonsten fühlen?

Und unser Paar fing bald an, mehr zu fühlen.

Des Mädchens zärtlich Herz lag ganz in ihrem Blicke,

Halb lächelnd nennt sie ihn ihr bestes, größtes Glücke.      15

Sein Herz, von heißem Blut erfüllt,

Drückt sich an ihrs, lässt nach, drückt wieder;

Und wenn das Blut einmal von Liebe schwillt,

Reißt es gar leicht der Ehrfurcht Grenzen nieder.

Konnt Daphnis wohl dem Reiz des Busens widerstehn?     20

Bei jedem Kuss durchglüht' ihn neues Feuer,

Bei jedem Kusse ward er freier,

Und sie - und sie - ließ es geschehn.

Der Schäfer fühlt ein taumelndes Entzücken,

Und da sie schweigt, da jetzt in ihren Blicken                     25

Anstatt der Munterkeit ein sanfter Kummer liegt,

Glaubt er sie auf dem Grad von feurigen Entzücken,

Wo man die Mädchen leicht besiegt.

Sie war an seine Brust gesunken,

Und er zuletzt, von Wollust trunken,                                   30

Erbat sich, Amor, Sieg von dir.

Doch schnell entriss sie sich den Armen,

Die sie umfassten: »Aus Erbarmen«,

Rief sie, »komm, eile weg von hier.«

Bestürzt und zitternd folgt er ihr.                                       35

Da sprach sie zärtlich: »Lass nicht mehr

Dich die Gelegenheit verführen;

O Freund, ich liebe dich zu sehr,

Um dich unwürdig zu verlieren.«

 

 
   Arbeitsanregungen:

Das Gedicht gehört zu den 1767zusammengestellten, 1896 erstmals gedruckten anakreontischen Gedichte im Buch Annette (=Annette-Lieder)

Interpretieren Sie das Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe.

Untersuchen Sie dabei, welche sprachlich-stilistischen Mittel der Autor auf der Ebene des Satzbaus zur Gestaltung seiner Aussage einsetzt.
 

 
      
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