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Annette-Lieder (1767)

Kunst, die Spröden zu fangen  – Erste Erzählung

Johann Wolfgang von Goethe Werke Lyrische Werke Verschiedene Gedichte

 
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Lyrische Texte interpretieren (Schulische Schreibform)
Grundbegriffe zur Gedichtinterpretation
Leitfragen und Aufgaben

Verzweifelt nicht, ihr Jünglinge, wenn eure Mädchen spröde

sind. Niemals hat noch die Kälte der mütterlichen Lehren ein

weibliches Herze so zu Eise gehärtet, dass es der alles erwärmende

Hauch der Liebe nicht hätte zerschmelzen sollen.

Hört, was mir mein Freund erzählte, dem ich sonst viel glaube.      5

Ich liebte ein Mädchen recht feurig, recht zärtlich; aber sie

floh die Jünglinge und die Liebe, weil ihr die Mutter die

Jünglinge und die Liebe sehr fürchterlich gemalt hatte. Das

schreckte mich nicht ab, es machte mich nur behutsam.

Ich sehs, du kennst sie nicht, die Liebe, dacht ich,                         10

Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht.

Wie leicht wirds sein, dich zu entzünden,

Da du so unerfahren bist?

Die Liebe sollst du bald empfinden,

Und sollst nicht wissen, dass sie's ist.                                             15

Wenn ich sie im Haine antraf, redete ich sie ganz trocken an.

Meine Kälte betrog sie, dass sie nicht floh und mit sich reden ließ.

Ich sagte ihr viel von erhabnen Empfindungen, die ich

Freundschaft nannte, leicht gewann ich da ihre Vertraulichkeit.

Dem Mädchen ward nebst andern Gaben                                        20

Viel feuriges Gefühl geschenkt,

Da meints, es denke gleich erhaben.

Da es doch nichts als feurig denkt.

Ich ward ihr Freund, sie meine Freundin. Mein Umgang fing an ihr

täglich weniger gleichgültig zu werden. Sie freuete sich, wenn ich   25

kam, und betrübte sich, wenn ich ging.

Was bei des Jünglings Blicken

Ein jedes Mädchen fühlt,

War das, was mit Entzücken

Sie nur für Freundschaft hielt.                                                           30

Ich war oft mit ihr alleine gewesen, doch hatte ich es nicht

wagen dürfen, die Lehren der Mutter mit Gewalt anzugreifen.

Nach und nach suchte ich sie mit List zu untergraben. Seit einiger

Zeit war ich ihr Lehrer geworden, hatte sie viel Gutes gelehrt; und

dem Liebhaber glaubt ein Mädchen immer mehr als der Mutter.      35

Da fing sie an zu zweifeln, ob auch die Mutter immer möchte wahr

geredet haben. Das merkte ich und wusste ihre Zweifel zu nähren.

Einst saß sie meinen Lehren

Aufmerksam zuzuhören;

Da sprach ich: Du musst wissen,                                                     40

dass auch die Freunde küssen,

Die Freunde so wie ich und du -

Ich wagt es - und sie ließ es zu.

Da ich den ersten so leicht erhalten hatte, konnte ich noch

eher auf den zweeten hoffen.                                                           45

Nie schmeckt ein Mädchen einen Kuss,

Die sich nicht nach dem zweeten sehnte.

Oft wiederholt ich meinen Kuss,

dass sie sich bald daran gewöhnte.

Wenn ich sie sah und sie nicht küsste,                                            50

Sprach gleich ihr Blick, dass sie etwas vermisste.

Der glückliche Fortgang meiner Eroberungen machte mich stolz,

und wer stolz ist, ist kühn.

So schwer ists nicht, wie ich geglaubt,

Dem Mädchen eine Gunst zu rauben;                                             55

Hat sie uns nur erst eins erlaubt,

Das andre wird sie schon erlauben.

Sobald ich sie wieder sah, redete ich feuriger, küsste ich sie

feuriger als sonst. Ich sah, dass sie bewegt ward.

Da wagt's mein Arm, sie zu umschließen.                                       60

Sie ließ es zu.

Da wagt's mein Mund, die weiße Brust zu küssen.

Sie ließ es zu.

Doch eilends sprang sie auf. Dich werd ich fliehen müssen,

Gefährlicher! rief sie, und ließ nichts weiter zu,                               65

Und floh. So weit gelang mir mein Bemühen.

Ich folg ihr langsam; da sie flieht;

Denn eher wird sie bei dem Fliehen,

Als ich bei dem Verfolgen müd.

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Leitfragen und Aufgaben

Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 04.11.2024

 
   Arbeitsanregungen:

Das Gedicht gehört zu den 1767zusammengestellten, 1896 erstmals gedruckten anakreontischen Gedichte im Buch Annette (=Annette-Lieder)

Interpretieren Sie das Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe.

Untersuchen Sie dabei, welche sprachlich-stilistischen Mittel der Autor auf der Ebene des Satzbaus zur Gestaltung seiner Aussage einsetzt.

 
 
 

 
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