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Kunst, die Spröden zu fangen

Zwote Erzählung

Johann Wolfgang von Goethe


Es ist kein Mädchen so listig, so vorsichtig, das nicht von

einem listigen Jünglinge könnte gefangen werden. Hört,

wie es Charlotten erging. Charlotte, ein weises Mädchen,

die wohl wusste, warum die Jünglinge zu fürchten waren,

liebte mich recht zärtlich, aber mehr noch sich selbst.                     5

Drum war sie immer zurückhaltend, immer streng gegen mich,

wie es meine Annette jetzt ist, wenn sie ihre Mutter beobachtet.

Wäre sie ganz klug gewesen, so hätte sie mich ganz gemieden ;

doch sie war zu dieser Tat zu sehr ein Mädchen.

Oft führt ich sie zum Haine,                                                             10

Und war mit ihr alleine,

O wie war ich erfreut!

Ist je ein Paar alleine,

Ist Amor niemals weit.

Einst saßen wir unter dem Schatten einer überhangenden             15

Myrte, ein Becher mit Weine und ein Körbchen mit Obst

stand vor uns; wir redeten von Freundschaft. Schnell flog

Amor aus einer jungen Rose heraus, die, halb aufgeblüht,

wie ein Mädchen von fünfzehn Jahren, sich die Myrte

hinaufgeschlungen hatte. Ich sah ihn, das Mädchen nicht.              20

Wie freuete ich mich, da ich seinen Bogen gespannt und

seinen Kocher gefüllt sah. Nun wird er mir helfen und einen Pfeil

auf ihre Brust schicken ; er wird nicht abspringen, der spitzige Pfeil!

Du brauchst nicht scharf zu zielen,

Die Brust ist ohnbewehrt.                                                                  25

Ich hab ihr wie im Spielen,

Gar manches schon gelehrt,

Was, ohne sich zu fühlen,

Kein junges Mädchen hört.

Aber er bleibt doch immer ein Kind, Amor. Kaum sah er die Trauben,

als er schnell hinflog, eine Beere nach der andern mit einem Pfeile

aufstach und aussog, wie die Bienen ihren Stachel in die Blumen stechen

 und Honig saugen. Da er sich satt gesogen hatte, ward er mutwillig,

flog auf den Becher und schaukelte auf dem Rande.

Aber einmal versah ers, der gute Amor,                                             35

und fiel mit einem lauten Schrei in den Wein.

Possierlich schwamm er auf dem goldnen Meere, platscherte mit den Flügeln,

ruderte mit Händen und Füßen, und schrie immer. Da jammerte er mich,

dass ich ihn heraushub. Was machst du, fragte das Mädchen –

Eine Biene war in den Wein gefallen, sagt ich.                                   40

Freudig dankte mir Amor, und hüpfte in den Sonnenschein,

da schüttelte er seine Flügel und trocknete sich. Ich sah ihm zu,

und bemerkte, dass sein Köcher von Pfeilen leer war.

Wo sind sie? dacht ich - Indem fielen meine Blicke auf den Becher;

da zogen sich Bläschen vom Boden herauf wie sie der Wein             45

aus dem Zucker zieht. Amor hatte die Pfeile im Schwimmen verloren,

und nun sog der Wein das Gift aus den Spitzen.

Ich habe deiner Hülfe nicht mehr nötig Amor! - jauchzete ich,

und reichte ihr den Becher und sah starr auf sie. Sie trank,

und sah mich an, und trank mit starken Zugen. Wie süße!                 50

seufzete sie tief, da sie den Becher niedersetzte.

Ich beobachtete sie genau- eine sanfte Mattigkeit schlich

durch alle ihre Glieder. Und kraftlos sank ihr Haupt zurücke.

 

Erst irrten unbestimmt die Blicke

Umher, und fielen dann auf mich,                                                      55

Und eilten weg, und kamen wieder.

Sie lächelte und schlug die Augen nieder,

Ihr fühlbar Herz empörte sich,

Und schickte brennendes Verlangen

In ihren Busen, auf die Wangen,                                                       60

Die Wangen glühten, und der Busen stieg.

Da rief ich : Sieg! Sieg, Amor, Sieg!

Und der kleine getrocknete Prahler,

als wenn er noch so viel bei der Sache getan hätte,

Rief, als er in die Lüfte stieg :                                                          65

Sieg! Sieg!

 
 
   Arbeitsanregungen:

Das Gedicht gehört zu den 1767zusammengestellten, 1896 erstmals gedruckten anakreontischen Gedichte im Buch Annette (=Annette-Lieder)

Interpretieren Sie das Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe.

Untersuchen Sie dabei, welche sprachlich-stilistischen Mittel der Autor auf der Ebene des Satzbaus zur Gestaltung seiner Aussage einsetzt.
 

 
      
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