▪
Wahrnehmungspsychologie
▪
Überblick
▪
Neurobiologische Grundlagen der Wahrnehmung
▪
Modelle der Wahrnehmung
▪
Empfindung und
Wahrnehmung
▪
Aufmerksamkeit
▪
Identifikations- und
Wiedererkennungsprozesse
▪
Überblick
▪
Bottom-up- und Top-down-Verarbeitung
▪ Pandämonium-Modell (Selfridge)
▪
Das Bindungsproblem
▪
Kognitionspsychologie
▪
Top-down- und Bottom-up-Verarbeitung bei der visuellen Wahrnehmung
von Texten
▪
Kognitive Verarbeitung von
Bildstatistiken und Diagrammen
Wie sich die kognitive
Verarbeitung von Bildern genau vollzieht, ist auch heute
noch ziemlich unklar. Verschiedene Ansätze versuchen die Frage
theoretisch zu erklären, ihre empirische Fundierung steht aber offenbar
noch aus. (vgl. Schnotz
2002)
Dabei gibt es zwischen
dem Bildverstehen und dem Textverstehen ungeachtet zahlreicher
Gemeinsamkeiten auch erhebliche Unterschiede.
In der ▪
Kognitionspsychologie,
der ▪ Textlinguistik,
in der ▪ Literaturwissenschaft ist Textverstehen "als Informations- bzw. Textverarbeitung
konzipiert, deren Resultat, abhängig von Wissen und Fähigkeiten (mentale
Modelle, frames, scripts,
Schemata,
Begriffe; Schema und
Schematheorie),
die
kreative Konstruktion subjektiv befriedigend kohärenter und emotional
besetzter mentaler Repräsentationen wahrgenommener Gegenstände sein
soll, auf deren Basis inhaltliche
Inferenzen sowie
Kondensationen
oder Elaborationen aller Art möglich werden." (Metzler
Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 32004, S.252)
Das
Textverstehen umfasst dabei auf der Grundlage des
kognitionspsychologischen ▪
Construction-Integration-Model (CI-Modell)
von
Walter Kintsch und
»Teun van
Dijk "eine große Bandbreite hierarchisch ablaufender,
regelgeleiteter kognitiver Prozesse" (Philipp
2015b, S.217). Mit Hilfe dieses Modells lässt sich besonders gut
verdeutlichen, wie Vorwissen und Textinhalte im Lesenverstehensprozess
beim Zusammenwirken der ▪
konstruktiven
und integrativen Prozesse zusammenspielen. Dabei wird das
Textverstehen mit zwei Kategorienpaaren beschrieben: den ▪
Mikro-
und ▪
Makrostrukturen
und der ▪
Textbasis
und dem ▪
Situationsmodell.
Kognitionspsychologisch
versucht das integrative Modell des Text- und Bildverstehens (Schnotz 2002,
Schnotz/Bannert 2003) die Zusammenhänge bei der kognitiven
Verarbeitung von Diagrammen, Bildern und Texten zu erklären. Als
Repräsentationen stellen diese reale Sachverhalte dar und geben sie auf
ihre jeweils besondere Art und Weise wieder.
Das Modell
unterscheidet dabei verschiedene Repräsentationsformen danach, wie groß
die Ähnlichkeit zwischen dem realen Objekt und seiner Repräsentation bei
seiner externen Darstellung ist.
Dabei kann man zwei
grundlegende Formen der
Repräsentation unterscheiden:
Beschreibende
und
abbildende Darstellungen. (Schnotz/Bannert 2003)
Beschreibende Darstellungen (descriptive representations)
Beschreibende
Darstellungen (descriptive representations oder deskriptionale
Darstellungen) sind z. B. gesprochene oder geschriebene Texte,
mathematische Gleichungen und logische Ausdrücke.
Sie beschreiben ihre
Objekte mit willkürlich festgelegten sprachlichen Zeichen wie
Buchstaben, Wörtern oder Zahlen, die durch »Konvention
der Zeichennutzer symbolisch mit dem realen Objekt, mit dem sie
keinerlei Ähnlichkeit aufweisen, verknüpft sind. (Es gibt allerdings
auch Wörter, die einen (lautlichen) Abbildungsbezug zu dem Bezeichneten
haben. Das sind sogenannte ikonische Wörter wie "Kuckuck".)
»Semiotisch
betrachtet geht es dabei um die »Arbitrarität
des sprachlichen Zeichens, der Beziehung zwischen dem
Bezeichnenden (»Signifikant,
Lautbild, Zeichengestalt) und dem Bezeichneten
(»Signifikat)
(»Ferdinand
de Saussure 1857-1913), die auf menschlicher »Konvention
und Vereinbarung statt auf einer naturgegebenen Gesetzmäßigkeit beruht.
Dass die Zeichenfolge im Wort Tisch und das Wort selbst keine
Ähnlichkeit mit dem realen Objekt Tisch haben, ist schon von ▪
Peter Bichsel in
seiner Kurzgeschichte ▪
Ein Tisch ist ein Tisch auf seine Weise literarisch thematisiert
worden. So gesehen ist es also mehr oder weniger zufällig, dass
ein Tisch Tisch heißt. In gewissem Sinne ist Arbitrarität
der Gegenbegriff zu Ikonizität.
Texte können danach als
Sätze aufgefasst werden, die aus zahlenmäßig nicht festgelegten
deskriptionalen Repräsentationen bestehen. (vgl.
Lachmayer 2008,
S.10) So werden in einem Satz wie "Die Erde dreht sich um sich selbst um
ihre Achse" Substantive verwendet, um sich auf bestimmte Objekte aus der
realen Welt (Entitäten) zu beziehen, während die Verben und
Präpositionen dazu dienen, diese Objekte miteinander in Beziehung zu
setzen. (vgl.
Schnotz/Bannert 2003, S.143)
Abbildende Darstellungen (depictive representations)
Abbildende
Darstellungen (depictive representations, depiktionale
Darstellungen) sind z. B. Bilder, Skulpturen oder physische Modelle.
Eine abbildende
Darstellung besteht aus ikonischen Zeichen. Bei einem ikonischen Zeichen
ist, semiotisch gesehen, nach »Charles
S. Peirce (1839-1914) zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten "ein
Abbild-Verhältnis, eine Ähnlichkeit" (Kocsány
2010, S.42) feststellbar. Dabei ist diese Ähnlichkeit zwischen dem
ikonischen Zeichen (Ikon) und dem Objekt, auf das es sich bezieht
(Referenzobjekt) in unterschiedlichen Graden ausgeprägt. Mit dem auf »Charles
W. Morris (1901-1979 zurückgehenden Terminus der »Ikonizität
wird dies erfasst.
Im Unterschied zu den
deskriptionalen Darstellungen weisen die depiktionalen eine Ähnlichkeit
zwischen dem realen Objekt und der Darstellung auf. (vgl.
Schnotz 2001)
Auch wenn wir aus
abbildenden Darstellungen Informationen, die miteinander in einer
Beziehung stehen, "auslesen" können, enthalten sie selbst keine Symbole
für diese relationalen Beziehungen. Dafür verfügen sie allerdings über
besondere Strukturmerkmale, die dies es möglich machen, solche
relationalen Beziehungen "abzulesen". Zudem werden sie mit dem Inhalt,
den sie repräsentieren, mit Hilfe solcher Strukturmerkmale verknüpft.
(vgl.
Schnotz/Bannert 2003, S.143)
Die
Ikonizität bzw. die Ähnlichkeit der
abbildenden Darstellung mit ihrem jeweiligen Referenzobjekt der realen
Wirklichkeit kann bei realistischen
Bildern (z. B. Fotografien, Gemälde, Strich- und
Schemazeichnungen) offensichtlich sein, oder wie bei Bildstatistiken
bzw. Diagrammen (logische Bilder)
abstrakt sein.
Um realistische Bilder zu verstehen, können wir auf
kognitive Schemata der
Alltagswahrnehmung zurückgreifen
Die ▪
Bildstatistiken und
Diagramme haben dabei als
▪ logische Bilder keine sichtbare
Ähnlichkeit mit dem von ihnen dargestellten Sachverhalt. Dennoch stimmen
sie in struktureller Hinsicht mit diesem in einer gewissen Hinsicht
überein, da die (logischen) Relationen zwischen den Merkmalen innerhalb
des Bildes und innerhalb des abgebildeten Sachverhalts gleich sind.
(vgl. Schnotz 2001)
Die abstrakte Strukturgleichheit von logischen Bildern und ihren
Referenzobjekten ist dabei, anders als bei den
realistischen Bildern, durch »Konvention
festgelegt. Sie basiert auf Verfahren der analogen Strukturabbildung
aufgrund von Strukturkorrespondenzen.
Beschreibungen und Abbildungen als innere mentale Repräsentationen
Was über die
Unterscheidung von
Beschreibungen (deskriptionalen Darstellungen) und
bildlichen Darstellungen (depiktionale Darstellungen, visuelle
Bilder) gesagt worden ist, gilt auch für ihre innere mentale
Repräsentation.
Bei
der Verarbeitung eines gesprochenen oder geschriebenen Textes und
der propositionalen Darstellung wird die mentale Repräsentation
einer ▪
Textoberfläche konstruiert.
Ein abstrakter Text führt
dabei als
externe beschreibende Repräsentation sowohl zu einer internen deskriptiven als auch zu einer internen
bildhaften (depiktionalen) mentalen Repräsentation. (vgl.
Schnotz/Bannert 2003, S.147)
Als externe
Beschreibungen (deskriptionalen Darstellungen) stellen Texte
daher auch bei ihrer inneren mentalen Repräsentation interne
Beschreibungen dar, da sie ihr dargestelltes Objekt mit Hilfe von
symbolischen Zeichen beschreiben.
Das Bild,
das wahrnehmungsnahe Repräsentationen darstellt, weil visuelle
Bilder und visuelle Wahrnehmungen auf denselben kognitiven
Mechanismen basieren, führt hingegen als äußere bildliche (depiktionale)
Repräsentation zu beidem, nämlich zu einer intern bildlichen (depiktionalen) und zu einer intern beschreibenden
(deskriptionalen) mentalen
Repräsentation. (vgl.
ebd.)
Mentale Modelle
stellen interne bildliche Repräsentationen (depictive
representations) dar, da sie wie (visuelle) Bilder inhärente
strukturelle Merkmale zum Zwecke der Repräsentation verwenden. Dabei
macht es keinen Unterschied, ob die mentalen Modelle während des
Bildverstehens oder während des Textverstehens konstruiert werden.
Auch wenn die Konstruktion mentaler Modelle
wahrscheinlich von der
Kapazität des visuell-räumlichen Teils des ▪
Arbeitsgedächtnisses (»Alan
D. Baddeley (geb. 1934)
(1986)) abhängt, gibt es
doch grundlegende
Unterschiede
zwischen mentalen Modellen und visuellen Bildern. (vgl.
Schnotz/Bannert 2003, S.143ff.)
-
Mentale Modelle
sind nicht an spezifische Sinnesmodalitäten gebunden. Dies hat
zur Folge, dass sie eher als abstrakte und nicht als auf die
Wahrnehmung bezogene Größen zu verstehen sind.
-
Mentale Modelle
und visuelle Bilder besitzen einen
unterschiedlichen
Informationsgehalt. Um ein mentales Modell eines visuellen
Bildes (depiktionale Darstellung) zu konstruieren, werden
nämlich nur die grafischen Teile einer Abbildung beim
Aufzeichnen von Strukturen (process of structure mapping)
berücksichtigt werden, die für die aktuelle oder erwartete
Aufgabe relevant erscheinen.
-
Zudem wird das
mentale Modell sowohl beim Bild- und beim Textverstehen durch
Informationen aus unserem Wissen
bzw.
aus unserem
deklarativen und
prozeduralen
Wissen
unterschiedlichster Art (z. B.
Weltwissen, aktives Wissen,
Erfahrungswissen,
Fachwissen,
Sprachwissen,
Textmusterwissen,
thematisches Wissen
weiter angereichert bzw. ergänzt und enthält
daher auch Informationen, die nicht im Bild bzw. dem Text selbst
enthalten sind. Dabei kann die
Beteiligung dieses Vorwissens beim Bild- und Textverstehen gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden. Solche im Gedächtnis gespeicherten
Informationen können nämlich, wenn sie z. B. als
▪ Schemata bestimmte
Wahrnehmungs- und kognitiven Verarbeitungsprozesse steuern,
Textinhalte einfach "überschreiben" oder können ihnen neue Inhalte
zuschreiben, die im Text selbst überhaupt nicht nachzuweisen sind. (Christmann
2015, S.173).
-
Mentale Modelle
haben gemeinsame inhärente Strukturen mit dem abgebildeten
Referenzobjekt (depictive object).
Das heißt, sie repräsentieren das Objekt auf der Grundlage einer
strukturellen oder funktionalen Analogie. Eine solche Analogie
impliziert nicht, dass solche mentalen Modelle nur räumliche
Informationen repräsentieren können. So kann ein mentales Modell
z. B. auch die Zunahme oder Abnahme von Geburtenraten oder
Einkommen während eines bestimmten Zeitraums repräsentieren (wie
es als Text oder in einem ▪
Linien-
oder Kurvendiagramm dargeboten wird), obwohl Geburtenraten
und Einkommen keine räumlichen Informationen sind. Ein mentales
Modell einer räumlichen Konfiguration kann zudem auch nicht nur
durch visuelle Wahrnehmung konstruiert sein, sondern auch durch
auditive oder durch kinästhetische oder durch haptische
Wahrnehmung. (vgl.
Schnotz/Bannert 2003, S.143, 146f.)
-
Es gibt sowohl
beim Textverstehen als auch im Bildverstehen eine
kontinuierliche
Wechselwirkung zwischen der propositionalen Repräsentation und
dem mentalen Modell. Daher können, wie beim Textverstehen
auch, im Zuge der Überprüfung des mentalen Modells die
propositionale Repräsentationen weiter entwickelt werden.
Darüber hinaus besteht die Möglichkeit einer
Interaktion zwischen der
Repräsentation der Textoberfläche und dem mentalen Modell sowie
die Möglichkeit einer
Interaktion zwischen der wahrnehmungsbezogenen Repräsentation des Bildes
und seiner propositionalen Repräsentation. Aus diesem Grund
entsprechen sich die externen und Repräsentationen auch nicht
vollständig.
-
Beim
Textverstehen ist der Ausgangspunkt dieser Wechselwirkung die propositionale Repräsentation, die zur Konstruktion eines mentalen Modells verwendet wird.
Dieses Modell kann
wiederum dazu verwendet werden, neue Informationen abzulesen, um die
propositionale Repräsentation weiter auszuarbeiten.
-
Beim Bildverstehen ist der Ausgangspunkt der Interaktion ein mentales Modell, das dazu dient, neu hinzugekommene
Informationen abzulesen und diese der propositionalen Repräsentation
hinzuzufügen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.12.2025
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