▪
Wahrnehmungspsychologie
▪
Überblick
▪
Neurobiologische Grundlagen der Wahrnehmung
▪
Modelle der Wahrnehmung
▪
Empfindung und
Wahrnehmung
▪
Aufmerksamkeit
▪
Identifikations- und
Wiedererkennungsprozesse
▪
Überblick
▪
Bottom-up- und Top-down-Verarbeitung
▪ Pandämonium-Modell (Selfridge)
▪
Das Bindungsproblem
▪
Kognitionspsychologie
▪
Top-down- und Bottom-up-Verarbeitung bei der visuellen Wahrnehmung
von Texten
▪
Kognitive Verarbeitung von
Bildstatistiken und Diagrammen
Empirische Ansätze der
▪
Wahrnehmungspsychologie versuchen die Frage, wie und ggf. in welcher
Reihenfolge die Informationen eines Text-Bild-Kommunikats erfasst und
daraus Bedeutung konstruiert wird, mit ihren Methoden
einzukreisen.
Dabei bedient man sich
der so genannten
Blickaufzeichnungsmethode, um Blickbewegungen des Rezipienten ´beim
Betrachten einer Bild-Text-Kombination bzw.
Sehfläche
genau nachvollziehen zu können. Solche Methoden haben in der ▪
Werbung, wo es stets darauf ankommt, die ▪
Aufmerksamkeit eines Betrachters zu erregen und auf bestimmte
Aussagen zu lenken, eine lange Tradition.
Auch wenn solche
Blickbewegungen beim Betrachten einer Text-Bild-Kombination nicht immer
genau gleich ausfallen können, weil nicht überall die "klinischen"
Laborbedingungen herrschen, unter denen das so genannte Scanning
stattfindet (vgl.
Bonfadelli 2004, S. 70),
kann man nach
Ballstaedt (2005, S.62) doch von mehr oder weniger typischen
Blickbewegungen bzw. Bewegungsrichtungen beim Betrachten von
Text-Bild-Kombinationen ausgehen, die drei größere Bereiche eingeteilt
werden können.
Bei der
globalen inhaltlichen
Orientierung
-
gewinnt der
Betrachter durch das Erkennen grober Strukturen in wenigen
Sekundenbruchteilen einen Überblick
-
werden visuelle
Reize, die von der Sehfläche ausgehen, aufgenommen und ästhetische
Erfahrungen ermöglicht
-
wird die Perspektive
bzw. der Blickwinkel, unter dem die Sehfläche betrachtet wird, durch
Erwartungen und Motive, Gefühle und persönliche Interessen gesteuert
-
geht der Blick im
Allgemeinen von dem Bild weiter zu Überschriften (Headline,
Subheadline) und kurzen
(Fließ-)Texten
-
findet keine
Auswertung bzw. Analyse von Details statt
Die anschließende
Detailauswertung
-
wertet einzelne
Elemente der Text-Bild-Komposition aus
-
führt eine ins
Einzelne gehende Betrachtung der Bildelemente durch und analysiert
längere Textteile
-
wird davon
beeinflusst, ob die wahrgenommenen Aspekte und Elemente mit unseren
Erwartungen übereinstimmen oder nicht und in unsere
Rezeptionsschemata passen oder nicht (Schlüsselreize)
Die begriffliche
(konzeptuelle) Verarbeitung
-
erfolgt parallel zur
Detailauswertung
-
verarbeitet die
Informationen und fügt sie in ein Netz von Assoziationen
-
fällt bei der
textlichen Aktivierung von Begriffen leichter, weil Textbegriffe von
ihrer Bedeutung eindeutiger sind (Monosemie)
als die grundsätzlich vieldeutigeren Bilder (Polysemie)
Die Abfolge dieser
Schritte erfolgt indessen nicht stets linear, also einfach eins nach dem
anderen, denn die Gestalter von Text-Bild-Kombination bzw. Sehflächen
verfügen über ein großes Know-how, wie der Blick eines Betrachters
gelenkt werden kann.
Die kognitive Verarbeitung von Bildern ist bis heute nicht
vollständig erforscht. Zwar gibt es theoretische Modelle, doch fehlen
häufig empirische Belege.
Im Vergleich zum Textverstehen weist das Bildverstehen sowohl
Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede auf. Textverstehen wird
in der Kognitionspsychologie als Prozess beschrieben, bei dem Leser
mithilfe ihres Vorwissens und verschiedener mentaler Strukturen wie
Schemata oder mentalen Modellen eine kohärente Vorstellung des
Textinhalts entwickeln. Das Construction-Integration-Modell zeigt, wie
dabei konstruktive und integrative Prozesse zusammenspielen.
Für das Verständnis von Bildern und Texten unterscheidet das
integrative Modell von Schnotz zwei Formen äußerer Darstellungen:
beschreibende (z. B. Texte, Gleichungen) und abbildende Darstellungen
(z. B. Bilder, Diagramme). Beschreibende Darstellungen beruhen auf
symbolischen Zeichen ohne Ähnlichkeit zum Objekt, während abbildende
Darstellungen auf ikonischen Zeichen basieren, die dem realen Objekt
ähnlich oder zumindest strukturell analog sind. Auch Diagramme zählen
dazu, da ihre Struktur den dargestellten Relationen entspricht.
Diese Unterscheidung gilt auch für die inneren mentalen
Repräsentationen. Texte führen zu sprachlich-logischen (propositionalen)
und oft zusätzlich zu bildhaften Vorstellungen, während Bilder sowohl
bildhafte als auch beschreibende Repräsentationen erzeugen. Mentale
Modelle sind bildhafte, aber abstrakte Repräsentationen, die stark durch
Vorwissen beeinflusst werden und Informationen enthalten können, die in
Bild oder Text gar nicht vorkommen.
Beim Verstehen von Texten und Bildern findet stets ein Wechselspiel
zwischen propositionaler Repräsentation und mentalem Modell statt.
Während beim Textverstehen die sprachlich-logische Repräsentation den
Ausgangspunkt bildet, beginnt Bildverstehen mit dem Aufbau eines
mentalen Modells. Beide Formen des Verstehens werden wesentlich durch
vorhandene Schemata gesteuert, die Informationen ergänzen, hervorheben
oder verändern können.
Das integrative Modell des Text- und Bildverstehens von Schnotz und
Bannert beschreibt, wie Menschen sprachliche und bildliche Informationen
unterschiedlich, aber miteinander verknüpft verarbeiten. Es
unterscheidet zwei Verarbeitungswege: Auf der linken Seite steht die
Verarbeitung von Texten als beschreibende, symbolische Darstellungen,
die über die mentale Repräsentation der Textoberfläche zu einer
propositionalen Darstellung und schließlich zum mentalen Modell des
beschriebenen Sachverhalts führen. Auf der rechten Seite zeigt das
Modell die Verarbeitung von Bildern als abbildende Darstellungen, die
über visuelle Wahrnehmung zu internen bildlichen Repräsentationen und
ebenfalls zu einem mentalen Modell führen. Während Texte durch
symbolische Beziehungen strukturiert sind, beruhen Bilder auf analoger
Strukturabbildung.
Beide Verarbeitungswege folgen dem Construction-Integration-Modell
und beruhen auf dem Zusammenspiel von Bottom-up- und Top-down-Prozessen.
Kognitive Schemata steuern dabei die Auswahl relevanter Informationen,
organisieren Wahrnehmung und tragen zur Konstruktion und Überprüfung
mentaler Modelle bei. Diese Modelle entstehen aus internen
Repräsentationen, werden durch Vorwissen ergänzt und können wiederum
genutzt werden, um neue Informationen auszulesen und in propositionale
Form zu überführen.
Für das Bildverstehen spielen Wahrnehmungsprozesse, Gestaltgesetze
und die Strukturierung grafischer Einheiten eine zentrale Rolle.
Visuelle Informationen werden holistisch organisiert und anschließend
semantisch interpretiert, wobei das mentale Modell die Bedeutung des
Bildes repräsentiert. Dieses Zusammenspiel zeigt, dass Text- und
Bildverstehen zwar unterschiedlichen Prinzipien folgen, sich aber in
ihren kognitiven Prozessen ergänzen und gegenseitig beeinflussen.
Es gibt verschiedene theoretische Ansätze zum Bildverstehen. Während die
amodale Theorie der propositionalen Repräsentation davon ausgeht, dass
Menschen keine bildhaften Eindrücke speichern, argumentiert Barsalous
Theorie der perzeptuellen Symbolsysteme – im Anschluss an Paivios
Dual-Coding-Theorie –, dass Wahrnehmungen selbst als
modalitätsspezifische Symbole im Gedächtnis gespeichert werden. Bilder
und Sprache werden demnach in getrennten, aber verbundenen Systemen
verarbeitet. Dadurch werden Bilder holistisch und räumlich organisiert
und weisen wegen ihrer doppelten Kodierung einen besonders hohen
Wiedererkennungswert auf (Picture-Superiority-Effekt).
Das integrative Modell von Schnotz und Bannert betrachtet Bildverstehen
als Zusammenspiel zweier Zeichensysteme: bildhafte Repräsentationen und
propositionale Strukturen ergänzen sich gegenseitig. Beim Verstehen
eines Bildes entsteht zunächst eine visuelle mentale Darstellung, aus
der durch semantische Verarbeitung ein mentales Modell und eine
propositionale Repräsentation konstruiert werden. Dieser Aufbau erfolgt
sowohl bottom-up aus dem Bild selbst als auch top-down durch vorhandenes
Wissen und Schemata. Ein schemagesteuerter Mapping-Prozess überträgt
grafische Elemente und räumliche Relationen des Bildes in semantische
Strukturen. Wahrnehmungsverarbeitung und Bildorganisation erfolgen dabei
durch die Kombination aus Bottom-up-Erkennung und Top-down-Steuerung,
die relevante Informationen auswählt und grafische Einheiten
strukturiert.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
07.12.2025
|