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Texterörterung

In Uniform gegen den Markenwahn


Uniformen tragen die andern. Ob Schüler und Schülerinnen in unseren europäischen Nachbarländern, wie z. B. Frankreich und England, von Südafrika bis Japan, in unzähligen Ländern gehen Schülerinnen und Schüler in Schuluniformen zur Schule. In Deutschland jedoch gibt es nur wenige Beispiele. Wer das "Lob der Disziplin" pfeift, wie Bernhard Bueb in seinem gleichnamigen Bestseller, gehört auch häufig zu denen, die das Lob der Schuluniform singen. An seiner Internatsschule Salem wird einheitliche Schulkleidung getragen. Die Unterstufenschüler tragen vormittags den blauen Schulpullover, der ihnen nach dem Bestehen der Probezeit als ein "durch Leistung erworbenes Signum der Zugehörigkeit", wie Bueb schreibt, feierlich überreicht worden ist. Zu festlichen Anlässen erscheinen die Mittel- und Oberstufenschüler in einem dunklen Schulanzug.
Die Sprache scheidet schon die Geister. Am besten lässt man bei uns den Begriff Schuluniform gar nicht fallen, wenn von Schuluniformen die Rede ist. Schulkleidung ist da unverfänglicher, die Bezeichnung uniforme Schulkleidung allerdings schon wieder grenzwertig. Sie bekommt den Uniformgeruch nicht los. Und Uniformität, das Kürzel für eine eintönige Gleichförmigkeit im Geiste, ist wohl auch nicht unbedingt das, was ihre Befürworter wünschen. So sprechen sie also lieber von Schulkleidung, bestenfalls von einheitlicher Schulkleidung, besser noch von Schulpullis oder Schul-Sweat- oder Schul-T-Shirts mit Logo, um die hierzulande üblichen Konnotationen von preußischem Militarismus, nationalsozialistischer Indoktrination, von Befehl und Gehorsam nicht sogleich auf den Plan zu rufen.
In deutschen Landen darf man das Thema im Allgemeinen nicht ohne den Blick in die Vergangenheit abhandeln. Das ist political correctness. Es gehört zum politisch guten Ton der Älteren, wenn sich ein Unbehagen schon beim Gedanken an schuluniformierte Kinder und Jugendliche einstellt. Ihnen mögen dabei die Bilder gegenwärtig sein, die noch ihre eigenen Väter in der braunen Kluft der Hitlerjugend und der Wehrmachtsuniform und ihre eigenen Mütter in den weißen Hemden und dunklen Röcken des BDM (1) zeigen. Aber selbst das Bild der uniformierten FDJ (2) ist zwanzig Jahre nach Herstellung der Einheit längst am Verblassen.
In den Köpfen der meisten Schülerinnen und Schüler, hüben wie drüben, existieren solche Bilder jedoch längst nicht mehr. So erklärt sich auch, dass gerade sie von derartigen Exkursionen in die Vergangenheit wenig halten, wenn es um das Thema Schuluniformen geht.
So begegnen Jugendliche von heute dem Thema Schuluniformen sehr unvoreingenommen, Denkverbote darüber sind tabu. "Ich finde Schuluniformen eigentlich ganz gut", sagt zum Beispiel Martina Z., Schülerin auf dem Wirtschaftsgymnasium in Konstanz, "nur habe ich keine Lust darauf, lauter altmodische Sachen anzuziehen." Das haben auch die Schulen in Deutschland erkannt, die einheitliche Schulkleidung eingeführt haben. Dort findet man keine langweiligen Uniformen ohne jeden modischen Pepp, sondern macht den Schülerinnen und Schülern ein breites Angebot von Kleidungsstücken, die in unterschiedlicher Weise kombiniert werden können. Und häufig konnten sie über die Einführung von Schuluniformen mitentscheiden und bei der Auswahl der Stoffe und Textilien mitbestimmen. So wundert es nicht, dass sich Schüler von heute auf etwas einlassen, das einem Kind der siebziger Jahre wie mir mit seinem Hang zur Auflehnung gegen alle gesellschaftlich aufgezwungenen Verhaltensnormen und Kleidungscodes häufig unverständlich bleiben muss.
Die Zugeständnisse an den modischen Zeitgeschmack müssen allerdings bei Schuluniformen auch ihre Grenzen finden. "Die Schule ist keine Peep-Show", sagt Dirk Vollkammer, Leiter des Internatsgymnasiums Gaienhofen am Bodensee und fordert: "Bauchfreie Tops haben im Unterricht nichts verloren." Wie Vollkammer glauben sogar auch andere Pädagogen daran, mit einer einheitlichen Schulkleidung einer fortschreitenden Sexualisierung der Mädchenmode entgegenwirken zu können. Auch wenn das so formulierte Ziel vielleicht etwas zu ambitioniert klingt, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Schuluniformen zumindest verhindern könnten, dass die Schule als Laufsteg mit mehreren hundert Zuschauern missbraucht wird. Und ein Weiteres ist mehr als ein bloßer Nebeneffekt: "Wir wollen den Markenwahn, die Unterscheidung zwischen den »Chiemsee- und Chevignon-Kindern« auf der einen und den »Aldi-Kindern« auf der anderen Seite, unterbinden" sagt Dieter Landthaler, der Schulleiter einer Realschule im oberbayerischen Haag. (3) Und damit hat er zweifellos recht, zumal viele Schülerinnen und Schüler, die Klamottenkonkurrenz im Klassenzimmer selbst leid sind. Sie wollen sich ohne Diesel, Nike oder anderen angesagten Labels auf ihrer Kleidung nämlich nicht mehr minderwertig fühlen. Dass sich Mädchen im Vergleich zu Jungen zum Teil sogar klarer für Schuluniformen aussprechen, macht deutlich, wie sehr sie im Ringen um Aufmerksamkeit und Anerkennung schon unter Druck geraten sind. So klingt es auch von dieser Seite betrachtet durchaus einleuchtend, Schülerinnen und Schülern das Tragen von Schulkleidung vorzuschreiben.
Auch wenn, die Schule mit Schuluniformen dem Markenwahn und Markenmobbing allein nicht nachhaltig entgegenwirken kann, muss sie ihnen noch lange keinen Raum in ihren eigenen vier Wänden geben! Dabei sollte man auch nicht zuviel erwarten, Schuluniformen können eben soziale Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern nicht ausgleichen. Und selbst die Schuluniformen können den Blick darauf nicht wirklich hindern, denn allein am Zustand der Uniformen, und insbesondere am Zustand der Schuhe, lässt sich, das zeigen Erfahrungen andernorts, häufig ohne weiteres ablesen lässt, welcher sozialen Herkunft die Schüler sind.
Dass Schuluniformen also soziale Herkunftsunterschiede unsichtbar machen können, ist ein Märchen. Und in einer Zeit, in der iPods, IPhones und iPads  zur normalen Ausrüstung zahlreicher moderner "Schulranzen" gehören, lohnt es nicht das Märchen weiterzuerzählen. Und gegen das Märchen, sprechen auch Einwände von Eltern, die fragen: Wer soll für die Kosten aufkommen, wenn ihre Kinder Jahr für Jahr ihren Schuluniformen entwachsen? Woher das Geld nehmen für Sommer- und Winter-Uniformen, wenn schon bei etlichen Familien das Geld kaum dafür reicht, ihren Kindern Bücher und Hefte zu bezahlen? Hier steht der Staat in der Pflicht, wenn er Schuluniformen will, das ist klar. Wenn er das Problem löst, werden sich auch so besorgte Eltern den weiteren guten Argumenten für die Einführung von Schulkleidung sicher nicht verschließen.
So hat man offenbar herausgefunden: Wo Schüler in Uniform erscheinen, herrscht ein besseres Lernklima. Sie haben beim Lernen mehr Erfolg und arbeiten konzentrierter. Und was die Wissenschaftler sagen, wird auch von Praktikern bestätigt, die in Deutschland erste Erfahrungen mit Schuluniformen gemacht haben. Zum Beweis dafür werden einige Begründungen vorgebracht. Die wichtigste: Schuluniformen steigern das Zusammengehörigkeitsgefühl und stärken somit das solidarische Miteinander der Schüler untereinander. Ferner: Erfahrungen in den USA haben gezeigt, dass damit auch das Selbstwertgefühl und der Selbstrespekt des einzelnen gestärkt werden können, was wiederum gute Voraussetzungen für den individuellen Lernerfolg schafft. Wachsendes Zusammengehörigkeitsgefühl und steigendes Selbstwertgefühl fördern damit auch eine Lernkultur, in der Disziplinprobleme nicht mehr so häufig auftreten. Und vielleicht führt alles miteinander, in einem Klima gegenseitigen Vertrauens zwischen Schülern und Lehrkräften, dann auch zur Wahrnehmung der Schule als einem besonderen Ort, für den es sich in besonderer Weise anzuziehen lohnt. Bei so viel Positivem, darf man die Grenzen des Ganzen indessen nicht aus den Augen verlieren:
Ein Rezept gegen die Bildungsmisere in Deutschland wie z.B. die Benachteiligung von Ausländerkindern, die geringe Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten sind Schuluniformen indessen ebenso wenig wie gegen die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich. Da hilft eben auch der Mythos von der Zugehörigkeit zu einer herkunftsunabhängigen Lerngemeinschaft in Schuluniformen nicht weiter. Und als Stellvertreterdebatte über solche Fragen eignet sich das vielleicht gar nicht so furchtbar uniform machende Phänomen Schuluniform ebenso wenig wie zu einem hohen Lied auf die Disziplin.


Gert Egle, www.teachsam.de, 9.11.2008, zuletzt bearbeitet am: 15.01.2017

 

Bild: Schulkinder in Südafrika C.Egenhofer

Worterklärungen

(1) BDM = Bund deutscher Mädchen; weibliche Zwangsorganisation für die weibliche Jugend während der Zeit des Nationalsozialismus, Teil der Hitlerjugend (HJ) (»DHM: Hitlerjugend ); diente dem NS-Regime zur Beeinflussung der weiblichen Jugend mit völkisch-rassistischen Vorstellungen
(2) FDJ = 1946 gegründete, zunächst "überparteiliche", später von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gleichgeschaltete "sozialistische Jugendorganisation der DDR. Als "zuverlässiger Helfer und Kampfreserve der Partei der Arbeiterklasse" fungierte sie quasi als Jugendorganisation der SED. Im Jahr 1981 hatte die FDJ 2,3 Millionen Mitglieder, das waren 77,2 % der Bevölkerung zwischen 14 und 25 Jahren. Die FDJ sollte ihren Einfluss auf sämtliche Lebensbereiche der Jugendlichen in der DDR geltend machen und für die Verbreitung des Marxismus-Leninismus und die Einübung sozialistischer Verhaltensweisen sorgen. Die FDJ ging mit der DDR in der Wende unter. Nach einer Umorganisierung 1990 Bezeichnung nur noch mit kleinen Buchstaben fdj. 1992 noch ca. 850 Mitglieder. (»Chronik der Wende: FDJ)
(3) vgl. http://www.sueddeutsche.de/karriere/schule-besser-lernen-in-uniform-1.564329, vom 17.5.2010
     

 
   Arbeitsanregungen zur Texterörterung:
  1. Verfassen Sie eine strukturierte Textwiedergabe zum Text und stellen Sie dabei eine Überblicksinformation an den Anfang.

  2. Nehmen Sie zu den Ausführungen des Autors kritisch Stellung.

→In Uniform gegen den Markenwahn (Kurzversion)
Problemerörterungsthema
Eine Diskussion über Schuluniformen (Analyse einer Alltagsargumentation)
 

                  
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