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Texterörterung

In Uniform gegen den Markenwahn

Gert Egle (2008)


"Wir wollen den Markenwahn unterbinden.", sagen die einen. - "Uniformen, das lehrt uns die Zeit der Hitler-Diktatur, stehen für Indoktrination und Intoleranz, für Zwang und Ausgrenzung.", sagen die andern. Es geht um Schuluniformen. Das Thema ist kein Dauerbrenner, gerät aber immer wieder in den Fokus von Politik, Medien und Öffentlichkeit. Uniform tragende Schüler? Das hat in Deutschland noch immer einen schlechten Klang.
Uniformen tragen die andern. Ob Schüler und Schülerinnen in unseren europäischen Nachbarländern, wie z. B. Frankreich und England, von Südafrika bis Japan, in unzähligen Ländern gehen Schülerinnen und Schüler in Schuluniformen zur Schule. In Deutschland jedoch gibt es nur wenige Beispiele. Wer das "Lob der Disziplin" pfeift, wie Bernhard Bueb in seinem gleichnamigen Bestseller, gehört auch häufig zu denen, die das Lob der Schuluniform singen. An seiner Internatsschule Salem wird einheitliche Schulkleidung getragen. Die Unterstufenschüler tragen vormittags den blauen Schulpullover, der ihnen nach dem Bestehen der Probezeit als ein "durch Leistung erworbenes Signum der Zugehörigkeit", wie Bueb schreibt, feierlich überreicht worden ist. Zu festlichen Anlässen erscheinen die Mittel- und Oberstufenschüler in einem dunklen Schulanzug.
Die Sprache scheidet schon die Geister. Am besten lässt man bei uns den Begriff Schuluniform gar nicht fallen, wenn von Schuluniformen die Rede ist. Schulkleidung ist da unverfänglicher, die Bezeichnung uniforme Schulkleidung allerdings schon wieder grenzwertig. Sie bekommt den Uniformgeruch nicht los. Und Uniformität, das Kürzel für eine eintönige Gleichförmigkeit im Geiste, ist wohl auch nicht unbedingt das, was ihre Befürworter wünschen. So sprechen sie also lieber von Schulkleidung, bestenfalls von einheitlicher Schulkleidung, besser noch von Schulpullis oder Schul-Sweat- oder Schul-T-Shirts mit Logo, um die hierzulande üblichen Konnotationen von preußischem Militarismus, nationalsozialistischer Indoktrination, von Befehl und Gehorsam nicht sogleich auf den Plan zu rufen.
In deutschen Landen darf man das Thema im Allgemeinen nicht ohne den Blick in die Vergangenheit abhandeln. Das ist political correctness. Es gehört zum politisch guten Ton der Älteren, wenn sich ein Unbehagen schon beim Gedanken an schuluniformierte Kinder und Jugendliche einstellt. Ihnen mögen dabei die Bilder gegenwärtig sein, die noch ihre eigenen Väter in der braunen Kluft der Hitlerjugend und der Wehrmachtsuniform und ihre eigenen Mütter in den weißen Hemden und dunklen Röcken des BDM1 zeigen. Aber selbst das Bild der uniformierten FDJ2 ist zwanzig Jahre nach Herstellung der Einheit längst am Verblassen.
In den Köpfen der meisten Schülerinnen und Schüler, hüben wie drüben, existieren solche Bilder jedoch längst nicht mehr. So erklärt sich auch, dass gerade sie von derartigen Exkursionen in die Vergangenheit wenig halten, wenn es um das Thema Schuluniformen geht. Die "Sommermärchen"-Generation der Fußball-WM 2006 hat mit ihrem unbeschwerten Schwingen von Deutschland-Fahnen mit manchen alten Mustern der Vergangenheitsbewältigung auf den Straßen und in den Stadien Schluss gemacht. Sie schwingt heute unbeschwert die Fahnen, die die Älteren sich nicht einmal im Haus aufzubewahren getrauten, weil sie den Vorwurf nationalistischer Einstellungen fürchteten.
So begegnen Jugendliche von heute dem Thema Schuluniformen sehr unvoreingenommen, Denkverbote darüber sind tabu. "Ich finde Schuluniformen eigentlich ganz gut", sagt zum Beispiel Martina Z., Schülerin auf dem Wirtschaftsgymnasium in Konstanz, "nur habe ich keine Lust darauf, lauter altmodische Sachen anzuziehen." Das haben auch die Schulen in Deutschland erkannt, die einheitliche Schulkleidung eingeführt haben. Dort findet man keine langweiligen Uniformen ohne jeden modischen Pepp, sondern macht den Schülerinnen und Schülern ein breites Angebot von Kleidungsstücken, die in unterschiedlicher Weise kombiniert werden können. Und häufig konnten sie über die Einführung von Schuluniformen mitentscheiden und bei der Auswahl der Stoffe und Textilien mitbestimmen. So wundert es nicht, dass sich Schüler von heute auf etwas einlassen, das einem Kind der siebziger Jahre mit seinem Hang zur Auflehnung gegen alle gesellschaftlich aufgezwungenen Verhaltensnormen und Kleidungscodes häufig unverständlich bleiben muss.
Die Zugeständnisse an den modischen Zeitgeschmack finden allerdings bei Schuluniformen schnell ihre Grenzen. "Die Schule ist keine Peep-Show", sagt Dirk Vollkammer, Leiter des Internatsgymnasiums Gaienhofen am Bodensee und fordert: "Bauchfreie Tops haben im Unterricht nichts verloren." Wie Vollkammer glauben auch andere Pädagogen daran, mit einer einheitlichen Schulkleidung einer fortschreitenden Sexualisierung der Mädchenmode entgegenwirken zu können. Auf jeden Fall soll dem Phänomen, die Schule als Laufsteg mit mehreren hundert Zuschauern zu missbrauchen, so ein wirksamer Hebel vorgeschoben werden.
"Wir wollen den Markenwahn, die Unterscheidung zwischen den »Chiemsee- und Chevignon-Kindern« auf der einen und den »Aldi-Kindern« auf der anderen Seite, unterbinden." So beschreibt Dieter Landthaler, der Schulleiter einer Realschule im oberbayerischen Haag, was die Schule bewogen hat, Schulkleidung einzuführen. Und mit dieser Auffassung steht er nicht allein. Viele Schülerinnen und Schüler, die sich in Aufsätzen mit dem Thema auseinandergesetzt haben, sind die "Klamottenkonkurrenz im Klassenzimmer" leid. Sie wollen sich nicht mehr minderwertig fühlen, weil sie sich die teuren Markenklamotten nicht leisten können, die gerade angesagt sind. Viele Aufsatzschreiber, vor allem natürlich Mädchen, plädieren immer wieder für Schuluniformen. Der Nachdruck, mit dem sie dies tun, ist ein Signal für den Leidensdruck, den der alltägliche Markenwahn erzeugt. Aber ist das zugleich ein Argument für Schuluniformen?
Mag sein, dass die Schule mit Schuluniformen dem Markenwahn und Markenmobbing nicht nachhaltig entgegenwirken kann, aber sie muss diesen dann noch lange keinen Raum in ihren eigenen vier Wänden geben! Ob einheitliche Schulkleidung allerdings zur Mahnung gereicht, dass soziale Herkunft bei uns nicht über Bildungschancen entscheiden dürfe, wie Tanjev Schulz 2006 in der Süddeutschen Zeitung gemeint hat, ist sehr fraglich. Erfahrungen in anderen Ländern zeigen nämlich, dass sich allein am Zustand der Uniformen, und insbesondere am Zustand der Schuhe, häufig ohne weiteres ablesen lässt, welcher sozialen Herkunft die Schüler sind.
Dass Schuluniformen soziale Herkunftsunterschiede unsichtbar machen können, ist ein Märchen. Und dabei ist von Super-Handys, I-Pods und teuren Armbanduhren, die zur normalen Ausrüstung zahlreicher moderner "Schulranzen" gehören, noch nicht einmal die Rede. Und Einwände werden auch von Elternseite laut: Wer soll, so fragen sie, für die Kosten aufkommen, die die heranwachsenden Sprösslinge machen, wenn sie Jahr für Jahr ihren Schuluniformen entwachsen? Woher das Geld nehmen für Sommer- und Winter-Uniformen, wenn schon bei etlichen Familien das Geld kaum dafür reicht, ihren Kindern Bücher und Hefte zu bezahlen?
Es gibt noch andere Argumente. So hat man offenbar herausgefunden: Wo Schüler in Uniform erscheinen, herrscht ein besseres Lernklima. Sie haben beim Lernen mehr Erfolg und arbeiten konzentrierter. Und was die Wissenschaftler sagen, wird auch von Praktikern bestätigt, die in Deutschland erste Erfahrungen mit Schuluniformen gemacht haben. Zum Beweis dafür werden einige Begründungen vorgebracht. Die wichtigste: Schuluniformen steigern das Zusammengehörigkeitsgefühl und stärken somit das solidarische Miteinander der Schüler untereinander. Ferner: Erfahrungen in den USA haben gezeigt, dass damit auch das Selbstwertgefühl und der Selbstrespekt des einzelnen gestärkt werden können, was wiederum gute Voraussetzungen für den individuellen Lernerfolg schafft. Wachsendes Zusammengehörigkeitsgefühl und steigendes Selbstwertgefühl fördern damit auch eine Lernkultur, in der Disziplinprobleme nicht mehr so häufig auftreten. Und vielleicht führt alles miteinander, in einem Klima gegenseitigen Vertrauens zwischen Schülern und Lehrkräften, dann auch zur Wahrnehmung der Schule als einem besonderen Ort, für den es sich in besonderer Weise anzuziehen lohnt. Vielleicht.
Ein Rezept gegen die Bildungsmisere in Deutschland wie z.B. die Benachteiligung von Ausländerkindern, die geringe Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten sind Schuluniformen indessen ebenso wenig wie gegen die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich. Da hilft eben auch der Mythos von der Zugehörigkeit zu einer herkunftsunabhängigen Lerngemeinschaft in Schuluniformen nicht weiter. Und als Stellvertreterdebatte über solche Fragen eignet sich das vielleicht gar nicht so furchtbar uniform machende Phänomen Schuluniform ebenso wenig wie zu einem hohen Lied auf die Disziplin. (1208 Wörter)


Bild: Schulkinder in Südafrika C.Egenhofer

Worterklärungen

1 BDM = Bund deutscher Mädchen; weibliche Zwangsorganisation für die weibliche Jugend während der Zeit des Nationalsozialismus, Teil der Hitlerjugend (HJ) (» DHM: Hitlerjugend ); diente dem NS-Regime zur Beeinflussung der weiblichen Jugend mit völkisch-rassistischen Vorstellungen
2 FDJ = 1946 gegründete, zunächst "überparteiliche", später von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gleichgeschaltete "sozialistische Jugendorganisation der DDR. Als "zuverlässiger Helfer und Kampfreserve der Partei der Arbeiterklasse" fungierte sie quasi als Jugendorganisation der SED. Im Jahr 1981 hatte die FDJ 2,3 Millionen Mitglieder, das waren 77,2 % der Bevölkerung zwischen 14 und 25 Jahren. Die FDJ sollte ihren Einfluss auf sämtliche Lebensbereiche der Jugendlichen in der DDR geltend machen und für die Verbreitung des Marxismus-Leninismus und die Einübung sozialistischer Verhaltensweisen sorgen. Die FDJ ging mit der DDR in der Wende unter. Nach einer Umorganisierung 1990 Bezeichnung nur noch mit kleinen Buchstaben fdj. 1992 noch ca. 850 Mitglieder. (Chronik der Wende: FDJ)
     

 
   Arbeitsanregungen zur Texterörterung:
  1. Verfassen Sie eine strukturierte Textwiedergabe zum Text und stellen Sie dabei eine Überblicksinformation an den Anfang.
  2. Nehmen Sie zu den Ausführungen des Autors kritisch Stellung.

             

                  
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