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Friedrich Schiller: Maria Stuart

Der Kern der Tragödie

Peter-André Alt (2000)

 
 
  Es wäre jedoch falsch, in der privaten Motivation eine Entschärfung der politischen Tragödie zu erkennen. Nicht die subjektiven Spiele der Leidenschaft, sondern deren objektive Folgen für den Staat bilden das Zentrum der Tragödie. Brecht hat diese Ebene des Konflikts absichtsvoll ignoriert, als er 1939 im Rahmen seiner Übungsstücke für Schauspieler die Begegnung der Königinnen als Streit zweier Fischweiber inszenierte. [...]
Fatale Züge gewinnt die Dominanz der Politik, die Schillers Tragödie diagnostiziert, weil deren Geschicke von einer Person allein abhängen. Auch wenn die Souveränität Elisabeths im Drama bereits anders als in der historisch gegebenen Situation durch Prozesse öffentlicher Meinungsbildung eingeschränkt scheint, liegt die faktisch und juristisch ungeteilte Herrschaft fraglos bei der Regentin. Dass sie ihre Amt im entscheidenden Moment prinzipienlos ausübt, erkennt man an der Unentschlossenheit, dies bei der internen Erörterung über das geeignete Vorgehen gegen ihre Rivalin demonstriert. Der Vollstreckung des Urteils möchte sie zuvorkommen, indem sie Mortimer zum Mord an Maria zu dingen sucht; später kann sie weder dem »Falken« Burleigh noch dem gemäßigten Shrewsbury folgen und überlässt mit ihrem zweideutigen »Tut, was Eures Amts ist« dem unglücklichen Davison die Entscheidung über die Umsetzung des von den 42 Richtern gefällten Todesurteils.[...}
In vergleichbarer Wiese, wenngleich weniger augenfällig, ist Maria an machttechnische Handlungsmuster gefesselt. Unter Anklage steht sie nicht, weil sie in jungen Jahren Anstifterin eines Mordes war, sondern weil man sie verdächtigt, ein Komplott gegen Elisabeth geschmiedet zu haben. Es bleibt völlig außer Zweifel, dass der Prozess gegen Maria eine allein politische Dimension [...] besitzt. Bezeichnend ist, dass sie die Rolle der Usurpatorin, die ihr die Anklage aufzuzwingen scheint, bereitwillig annimmt. Burleigh gegenüber räumt sie ein, sie habe das Ziel der Vereinigung Schottlands und Englands »unterm Schatten / Des Ölbaums« (V. 830f.) angestrebt. Die friedvolle Gründung einer britischen Union schließt für Maria die Vertreibung ihrer Rivalin und die Erfüllung der eigenen Thronrechte ein. Hinter der Versöhnungsvision steht der dynastische Anspruch – der Diskurs über die Macht. [...]
Wie stark Maria von strategischen Motiven gelenkt wird, bezeugt die sachkundige Rede, mit der sie dem Großschatzmeister die fragwürdigen Seiten des gegen sie angestrengten Gerichtsverfahrens vorhält. [...] Dass Maria im vollen Bewusstsein ihrer geschichtlichen Rolle, nicht aber als Privatperson argumentiert, erkennt man auch an der Vehemenz, mit der sie die Unabhängigkeit der über sie zu Gericht sitzenden Lords in Zweifel zieht [...]
Selbst dort, wo sich Maria auf die Rolle der Bittstellerin beschränkt sieht, agiert sie als Anwalt politischer Interessen: »Ihr habt an mit gehandelt, wie nicht recht ist, / Denn ich bin eine Königin wie Ihr.« (V. 2295f.) [...] Auch wenn Maria am Schluss den Part der entsagenden Märtyrerin übernimmt, gibt sie ihren früheren politischen Anspruch nicht preis. [...] Wo immer Maria sich und ihr Handeln selbst auslegt, geschieht dies im Rollenmodell der Herrscherin. [...] 500f.)
Bleibt Maria die aus politischen Gründen Internierte, so ist Elisabeth die Gefangene ihres Amtes.

(aus: Alt 2000, Bd.2, S.499-500, gekürzt)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, worin Peter-André Alt den Kern der Tragödie sieht.

  2. Erläutern Sie anhand seiner Ausführungen, inwiefern Maria Stuart und Elisabeth beide von machtstrategischen Motiven in ihrem Handeln geprägt sind.

  3. Welche Rolle spielen in Peter-Andrés Überlegungen die Gegensätze zwischen beiden Figuren als Frau?

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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