Friedrich Schiller: Maria Stuart
Auseinandersetzung um  Herrschaftslegitimation und Recht
Alexander Geist (1996)


 

 
 
  Der Kampf der Königinnen ist ein Kampf um die Herrschaftslegitimation. Das Thema der Auseinandersetzungen fast aller Beteiligten ist die Herrschaftspraxis. Beides hängt eng mit der Rolle und dem Verständnis von Recht zusammen.

1. Die Rechtfertigung von Herrschaftsansprüchen
Die Argumente der Rechtfertigung von Herrschaftsansprüchen prallen aufeinander, ohne dass für die Figuren oder für die Zuschauer zu Schillers Zeiten eine Entscheidung möglich wäre. Für Maria spricht als ein damals juristisch gewichtiges Argument ihre lupenreine Herkunft, gegen Elisabeth eben der Makel an ihrer fürstlichen Geburt (vgl. IV/10, V. 3223); dafür kann sie (historisch korrekt) die Unterstützung durch das Volk (vgl. II/2, V. 1122-24; II/3, V. 1423f, 1309f; IV/7-8) und das Parlament (vgl. II/3, V. 1420L) anführen.
Nun ist das Problem der Herrschaftslegitimation zu Zeiten Schillers hochbedeutsam: Einerseits herrschen - vor allem in Deutschland - weitgehend unangefochten Adel und Könige, die ihre Macht dynastisch legitimieren; andererseits führen die Amerikanische und die Französische Revolution als Kinder der Aufklärung die demokratische Regierungsform vor Augen, und auch der klassische Schiller vertrat, obschon kein Revolutionär, durchaus den Gedanken der Volkssouveränität (Volk als Urträger der Herrschaft), nachlesbar in der Schrift »Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon«. Elisabeth scheint vor diesem Hintergrund eigentlich mehr Recht auf die Krone zu haben als Maria, die ja nur das dynastische Prinzip anzubieten hat. Dass Elisabeth trotzdem so dargestellt wird, als sei sie im Unrecht, hat damit zu tun, dass es Schiller in diesem Stück allenfalls am Rand bzw. nur oberflächlich um die Frage der Herrschaftslegimation ging.

2. Beugung des Rechts durch Elisabeth
Entscheidend ist vielmehr der Umgang der Beteiligten mit dem Recht als solchem, als Teil der Praxis von Herrschaft. Das Recht als etwas für alle Menschen gleich Gültiges, als Basis der Beziehungen der Menschen zueinander war ein aufklärerischer Grundgedanke; er sorgte dafür, dass der reine Absolutismus früherer Jahrhunderte im 18. Jahrhundert vom aufgeklärten Absolutismus abgelöst wurde - zumindest in der Theorie und in der Praxis einiger Länder. Prototyp des aufgeklärten Herrschers war Preußens Friedrich II.; er sah sich als erster Diener seines Staates und verstand als Hauptaufgabe u. a. die unbestechliche Rechtspflege. Das Bürgertum, politisch praktisch machtlos, aber philosophisch-moralisch Träger des aufklärerischen Fortschritts (daraus bezog es sein Selbstbewusstsein), wünschte die Rechtssicherheit, erlebte aber zugleich Rechtsbeugungen durch die vielen unaufgeklärten Fürsten und Adeligen (Schiller hatte das schon z. B. in »Kabale und Liebe« thematisiert). Das Drama »Maria Stuart« führt diese Situation anschaulich vor Augen, und dabei schneidet Elisabeth sehr schlecht ab.
Sie gibt sich nämlich den Schein eines aufgeklärten Herrschertums, obwohl sie eigentlich unumschränkt absolutistisch herrschen will; in Elisabeths Monolog (vgl. IV/10) wird dies überdeutlich. Nur weil sie in ihrem Herrschaftsanspruch vom Volk abhängig ist, hat sie ihr Leben lang Gerechtigkeit geübt, / Willkür gehasst (V. 3200f.). Da die deutsche Aufklärung (anders als die englisch-amerikanische!) primär eine Gesinnungsethik vertrat (für die Beurteilung einer moralischen Handlung sind die Motive entscheidend, nicht die Tat als solche), war Elisabeth natürlich für Schiller und die Zuschauer "unten durch". Aus heutiger Sicht ist das zweifellos anders: Entscheidend sind (für die meisten von uns) das Handeln und seine Folgen - ob der Akteur dabei nur hehre Motive gehabt hat, ist zweitrangig.
Elisabeths rechtliches Handeln ist mindestens im "Fall Maria Stuart" moralisch verwerflich. Recht und Gerichte stehen hier nämlich nicht im Dienste einer höheren, unabhängigen Gerechtigkeit, sondern zum einen im Dienste der Staatsräson (Vorteil des Staates als entscheidendes Kriterium des Handelns). Diese Auffassung vertritt ganz offen Burleigh (vgl. II/3, IV/9), und auch Leicester setzt es als taktisches Argument ein (vgl. II/3, V. 1440f): Maria sei nämlich eine Gefahr für die politische und konfessionelle Unabhängigkeit Englands. Um den Erhalt dieser Freiheit geht es Burleigh vor allem; Elisabeth ist ihm "nur" Garantin dieses Fortschritts, ihre Sicherheit und Herrschaft damit jedoch unabdingbar. Was aber noch schlimmer ist: Das Recht wird zusätzlich aus persönlichen Motiven gebeugt. Elisabeths ganze Frustration über die Opfer, die sie als Mensch und Frau für ihr Amt hat bringen müssen, ist eine der entscheidenden Triebfedern ihres Handelns (vgl. II/2, II/9, IV/10): Maria Stuart gilt ihr als Verursacherin dieses Leids, als vom Schicksal begünstigt, da jene ihre Leidenschaften habe ausleben dürfen (vgl. II/9) - dass Maria in Wirklichkeit gerade als Frau genauso bankrott ist wie sie selbst, dafür verstellt ihr der Neid den Blick.
Maria, die mit ihrer Vergangenheit und ihrer Gesinnung eigentlich das antibürgerliche, undemokratische dynastische Prinzip vertritt, profitiert hinsichtlich ihrer Sympathiewerte bei Schiller und den Zuschauern von dem Amts- und Rechtsmissbrauch Elisabeths, auch auch wenn er sich offensichtlich nur auf Maria bezieht. Welcher Art die Missbräuche sind, schleudert Maria Burleigh schon am Anfang des Stücks entgegen (vgl. I/7), und Shrewsbury wiederholt sie (vgl. II/3, IV/9):

  • zweifelhafte Rechtsbasis: ein nur auf Maria gemünztes Gesetz wird gegen diese angewandt,
  • parteiische Richter: vom Königshaus abhängige Adelige
  • offenkundige Verfahrensfehler: keine Gegenüberstellung von Beklagter und Zeugen (obschon vorgeschrieben),
  • unglaubwürdige Beweise und Zeugenaussagen (zum Teil von Zeugen, die im Eilverfahren hingerichtet wurden); dass die ganz wesentliche Aussage von Marias Sekretär ein Meineid war erfährt man ja noch im 5. Akt.
  • die fragwürdige Zuständigkeit des Gerichts: Maria ist Ausländerin und gesalbte Königin (in der Tat war Maria die erste gekrönte Königin der europäischen Geschichte, die hin­gerichtet wurde!).

3. Der Zuschauer als Richter
Burleigh versucht zwar, die Rechtsbeugung zu widerlegen: Er verweist darauf, dass sich die Richter weder unter Druck setzen noch bestechen lassen würden, da sie die allseits respektierten ersten Männer dieses Landes und deshalb völlig selbstständig und ohne Fürstenfurcht seien (vgl. I/7, V. 742-61). Diese beschönigende Argumentation kannten aber die Zeitgenossen Schillers aus der fürstlichen Propaganda; dass Fürstenfurcht trotzdem die Gerichte prägte, wussten alle.
So wird der Zuschauer zum Richter über einen typischen Fürsten. Schon die Anlage vieler Szenen ist darauf abgestimmt: vor Gericht werden Reden gehalten, wird juristisch argumentiert, werden Zeugen und Beweise vorgeführt - und wird der falsche Schein aufgedeckt, mit dem die Beteiligten sich und ihre Taten zu verhüllen suchten.
Sprachrohr Schillers (und des bürgerlich-aufgeklärten Zuschauers) auf der Bühne ist der alte Shrewsbury, der schon deshalb sympathisch wirkt, weil er rechtliches Denken mit Standfestigkeit, Offenheit und menschlichen Gefühlen (seine Liebe zu Maria; vgl. II/3) verbindet. Shrewsbury nimmt Elisabeth alle Ausflüchte, wenn er ihr sagt, dass sie allein entscheiden könne und müsse und sich von etwas Wandelbarem der öffentlichen Meinung nicht beeinflussen lassen dürfe (II/3, V. 1323-41; IV/9, V. 3083-88). Damit spricht er zwar innerhalb der Situation die absolute Herrscherin an (deshalb argumentiert er auch oft in Kategorien der Staatsräson!), Schillers Absicht her aber vertritt er einen aufklärerischen Grundgedanken: dass das Individuum sich nicht von außen in seinem Urteil bestimmen lassen dürfe, sondern autonom entscheiden müsse, dies aber auf der Basis seiner Vernunft, die ihm das moralisch Richtige vermittelt. Außerdem malt Shrewsbury der Königin aus, was passieren würde, wenn sich Marias aus persönlichen Motiven (Hass, Eifersucht) entledigen und somit (das meint er, ohne es auszudrücken) Recht beugen würde [

(aus: Alexander Geist 1996, S.46-50)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus:
    • Worauf gründen sich die unterschiedlichen Herrschaftslegitimationen Maria Stuarts und Elisabeths?
    • Welche Bedeutung besitzt die Problematik zur Zeit Schillers?
  2. Zeigen Sie, welche gesellschaftliche Bedeutung die Auseinandersetzung um das Recht zu Zeiten Schillers gehabt hat.
  3. Zeigen Sie, inwiefern die Auseinandersetzung um das Recht in Schillers Drama den Zuschauer zum Richter macht.

 

 
     
   
     

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