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Schreibprozess

Überblick


Schreiben ist ein vielschichtiger Prozess, bei dem vielfältige kognitive Operationen und psychomotorische Fähigkeiten ins Spiel kommen. An die Lasswell-Formel zur Kommunikation anknüpfend lassen sich nach Fix (2006/2008, S.26) unter kommunikationstheoretischer Handlungsperspektive verschiedene Aspekte von Schreibkompetenz gewinnen, zu bestimmten Teilschritten im Schreibprozess führen. Ein sequenzieller Vorgang, bei dem in linearer Weise eins aufs andere folgt, ist das Schreiben nach heutigem Verständnis nicht. Und wenn man den Schreibprozess in einzelne Teilschritte zerlegt, dann geschieht dies vor allem, um den komplexen Vorgang des Schreibens besser durchschaubar zu machen und überkommenen Vorstellungen über das Schreiben (z. B. Genie-,  Dornröschen- oder Nachahmungshypothese) entgegenwirken zu können. (vgl .Fix 2006/2008, S.56)

Das bekannteste Prozessmodell des Schreibens stammt von John Hayes und Linda Flower (Hayes/Flower1980). Sie stellen das, was beim Schreiben passiert, in einen weitreichenden Handlungskontext.

In diesem kognitionpsychologischen und prozessorientierten Modell gibt die zur Problemlösung stehende Schreibaufgabe den Anstoß zum Schreibprozess. Zum Aufgabenumfeld (task environment) gehören neben bestimmten Merkmalen der Schreibaufgabe (writing assignment) wie Thema/Themenstellung (topic) Adressatenbezug (audience) und Motivation (motivation clues) auch der im Schreibprozess entstandene Text (text so far produced).
Um die Schreibaufgabe zu lösen, greift der Textproduzent auf das in seinem Langzeitgedächtnis (long-term memory) gespeicherte Wissen über das Thema (knowledge of topic), sein Wissen über den bzw. die Adressaten (knowledge of audience) und sein vorhandenes Textmusterwissen (stored writing plans) zurück.
Der Schreibprozess beginnt mit der Planungsphase (planning), in der der Rückgriff auf bestehende Wissensbestände erfolgt, die als Ideen für die Textproduktion aktiviert, gesammelt und ggf. erzeugt und auf ihre Eignung hin geprüft und bewertet werden (generating). In diesem Prozess "dient das jeweilige Planungselement als Suchschema für die Aktivierung des Gedächtnisses". (Fix 2006/2008, S.37) Daran schließt sich das Strukturieren des Materials (Organizing) an, das zu einer Gliederung führen kann. Mit dem Reflektieren und dem Setzen von konkreten Schreibzielen (goal setting) endet die Planungsphase und geht in die Formulierungsphase (translating) über. Dabei werden Notizen, Argumentationsskizzen u. ä- m. in ganzen Sätzen ausformuliert. Beim Formulieren nimmt ein Schreiber immer wieder eine gewisse Distanz zu seinem Text ein, um ihn aus der Sicht eines Lesers zu betrachten und damit den Textproduktionsprozess im Hinblick auf die Schreibziele und den/die Adressaten zu reflektieren, zu steuern und zu kontrollieren (monitoring). Dabei vollzieht sich das Formulieren in einer besonders engen Beziehung zum Überarbeiten (reviewing), das aber nicht immer "auf dem Papier" erfolgen muss, sondern auch schon im Kopf vor dem Niederschreiben vollzogen werden kann (Prätextrevisionen). Formulieren und Revidieren erfolgen dabei rekursiv, "das heißt, dass jede Formulierung überarbeitet und zu einer neuen Formulierung wird, die auch wieder überarbeitet werden kann." (Mertz-Grötsch 2010, S.54)

Die Gefahr dieses und anderer Prozessmodelle besteht darin, dass die einzelnen Schreibprozesse leicht zu schematisch als eine lineare Abfolge aufgefasst werden können. Und auch die Orientierung am "Oberflächenverhalten" (vgl. Portmann (1966, S.162) von Schreibexperten mit ihrer "stets planvollen, partnerbezogenen kommunikativen Handlung" (Fix 2006/2008, S.39) (vgl. Die Denkfigur des schreibenden Experten) ist für den schulischen Schreibunterricht keineswegs unproblematisch, denn Schülerinnen und Schüler haben mit einer solchen Top-Down-Strategie oft beträchtliche Schwierigkeiten (ebd,, S.40). Zudem erscheinen solche Modelle auch angesichts der vielschichtigen Dimensionen des Schreibens zu sehr zweckrational ausgerichtet (vgl. Ortner 2000, S. 100) Dennoch: Aus didaktischen Gründen ist wohl doch hilfreich, mit konkreten Problemfragen auf einzelne Aspekte des Schreibprozesses zu fokussieren. So können sie als Strukturierungshilfen dienen. (vgl. Fix 2006/2008, S.32f.) Prozessmodelle sind aber, das sei auch an dieser Stelle noch einmal unterstrichen, unter didaktischem Aspekt lediglich eine "Hilfsstruktur" und sind in keinem Fall als "Idealplan" zu verstehen, der von jedem Schreiber nachvollzogen werden sollte. (vgl. ebd., S.44)
Für die Schreibdidaktik hat das Allgemeine Schreibprozessmodell von Hayes und Flower dennoch eine richtungweisende Bedeutung. Denn bis dahin modellierte man im Schreibunterricht in der Regel ein Modell, das die verschiedenen Momente eines Schreibprozesses in eine linear-sequenzielle statt rekursive Beziehung  gesetzt hat und propagierte damit einen sukzessiven Prozess von Planung - Schreiben -Verbesserung, wobei letztere noch auf der Basis der Beurteilung durch eine Lehrkraft zu erfolgen hatte. (vgl. Ossner 22008, S.106)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

                 
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