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Arbeitstechnik lesen
▪
Lesekompetenz
▪
Verstehen von Texten
▪
Lesen und Behalten: Die Bedeutung der
Textoberflächenstruktur
▪
Hermeneutischer Zirkel
▪ Wissensrepräsentation
▪ Überblick
▪
Konzeptuelles Wissen
▪ Überblick
▪
Semantische Netzwerke
▪
Überblick
▪
Propositionale
Repräsentationen
▪
Überblick
▪
Notationsverfahren für Propositionen
▪
Propositionale Netzwerke
▪ Schemata
▪
Perzeptuelle Symbolsysteme
▪
Gedächtnis
▪
Sprachproduktion und Sprachverstehen
Wenn wir etwas lesen,
haben wir gewöhnlich den Eindruck, wir nähmen den Text, sieht man einmal
von der Augenbewegung oder bestimmten manuellen Tätigkeiten (festhalten,
blättern, antippen oder anklicken) ab, vergleichsweise passiv auf. Doch
das ist ein Irrtum, wie man schon seit längerem weiß. Lesen findet
nämlich nie ohne unser aktives Zutun statt. Wenn wir den Sinn eines
Textes entschlüsseln und verstehen wollen, sind wir nämlich sehr aktiv.
Und ohne unser Zutun, das aus einer Mixtur verschiedener Elemente
besteht, die wir beim Lesen aus dem Gedächtnis abrufen und/oder
aktivieren, könnten wir das, was ein Text (für uns) bedeutet, überhaupt
nicht erschließen. Daher versteht man das Lesen und Verstehen als einen
konstruktiven Prozess.
Lesen ist unter dem
Blickwinkel des Textverstehens also ein konstruktiver Prozess, der sich in einer
Text-Leser-Interaktion auf der Grundlage von Wechselwirkungen vollzieht,
die "zwischen den Merkmalen des vorgegeben Textes (z. B. Syntax,
Struktur, Inhalte, Verständlichkeit, Anregungsgehalt) und der
Kognitionsstruktur des Rezipienten (z. B. Vorwissen, Erwartungen,
Zielsetzungen und Interessen" bestehen. (Christmann
2015, S.170, vgl.
Christmann/Groeben 1999/2001, S.146)
Bottom-up- und
Top-Down-Verarbeitung beim Lesen
Diese Wechselwirkung
vollzieht sich im Rahmen unserer ▪
visuellen Wahrnehmung beim Lesen in der Text-Leser-Interaktion grundsätzlich "immer auch
als die Verschränkung von textgeleiteten, 'aufsteigenden' Prozessen (bottom
up: von der Textinformation zum rezipierten Wissen) und andererseits
konzept- bzw. erwartungsgeleiteten, 'absteigenden' Prozessen (top down:
vom Vorwissen zum konkreten Textverständnis)"
(Christmann/Groeben 1999/2001, S.146).

Grundsätzlich muss man beim Lesen und Textverstehen die zwei Hauptaspekte
beachten:
|
Aufsteigende
Verstehensprozesse
bottom up - induktiv |
Absteigende
Verstehensprozesse
top down - deduktiv |
|
Prozess "von unten nach oben"
von Daten ausgehend zur Interpretation der Daten
|
Prozess "von oben nach
unten"
von Interpretationen (Vorerwartungen, Erwartungsrahmen,
Erwartungshorizont) ausgehend zur Erkennung oder Verarbeitung
von Begriffen und Strukturen
-
Bestätigen oder Verändern
von bestehenden Vorerwartungen im Prozess der sprachlichen
Informationsvermittlung
-
Fortwährender Auf- und
Umbau des Erwartungsrahmens während des
Verstehensprozesses (z.B. beim Lesen)
|
Die unterschiedliche Bedeutung der beiden Verstehensprozesse wird
insbesondere bei sogenannten Fehllesungen sichtbar.
Wer sich z.B.
in einem Namen eine falsche Buchstabenfolge angeeignet hat (aufsteigender
Prozess), bekommt diese nur noch unter Schwierigkeiten los, weil man ja
beim Lesen längst schon weiß (absteigender Verstehensprozess), wie der
Name (angeblich) lautet. Ebenso verhält es sich im Zusammenhang mit der
Schwierigkeit, eigene Rechtschreibfehler zu erkennen. (vgl.
Linke
u. a. 1994, S.354f.)
Lesen als
sinnkonstruierender Prozess: Construction-Integration Model
Wie es dazu kommt, dass wir beim Lesen eines Textes, diesen Text auch
verstehen, lässt sich mit dem psychologischen Prozessmodell des
Textverstehens beschreiben, das Walter Kintsch und
»Teun van
Dijk entwickelt haben. Das Modell trägt den Namen "Construction-Integration-Model",
abgekürzt CI-Modell, und "umfasst eine große Bandbreite hierarchisch
ablaufender, regelgeleiteter kognitiver Prozesse" (Philipp
2015b, S.217), und kann vor allem gut verdeutlichen, "wie Vorwissen
und Textinhalte im Lesenverstehensprozess zusammenspielen." (ebd.)
Mit zwei Kategorienpaaren wird dabei das Textverstehen unter die Lupe
genommen:
▪
Mikro- und
▪
Makrostrukturen eines Textes einerseits und
▪
Textbasis und
▪ Situationsmodell andererseits.

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Wie dieses Schema zu
lesen ist, hat
Scherner (2006, S.74f.) anschaulich beschrieben: "Es beantwortet
modellhaft die Frage, was passiert, wenn ein 'Kopf' (mit seinen Schemata
vielfältiger Provenienz) und ein 'Text' (als Wahrnehmungsangebot)
'zusammenstoßen' (Lichtenberg). Zwischen diesen beiden Polen verlaufen
Pfeile in beide Richtungen, vom 'Text' zur 'Kognition' (bottom up:
textgeleitet) und umgekehrt von der 'Kognition' zum 'Text' (top down:
wissensgeleitet). Innerhalb dieser Spannungsrichtungen erfolgt die
'Textverarbeitung*, indem der Leser, Textstrukturen und mentale Muster
vergleichend, einem Text so lange Propositionen, Inferenzen,
Elaborationen, Emotionen und Werte zuordnet, bis er subjektiv das Gefühl
hat, nun habe er die den Text 'verstanden': das Ergebnis ist die
'Textwelt' im Kopf des Lesers. [...] Was hier modellhaft nur im
Nacheinander darstellbar ist, spielt sich faktisch in jedem Leseprozess
simultan ab, so dass man sich den konstruktiven Aufbau einer 'Textwelt'
mit Hilfe dieses Modells durchsichtig und überschaubar machen kann."
Der Name des CI-Modells
rührt davon, dass es beim Textverstehen zwei Prozesse am Werk sieht:
Konstruktion und Integration.
Vereinfacht ausgedrückt
bedeutet das:
-
Bei der
Konstruktion wird das, was im Text
steht, in einer vorläufigen, allerdings noch nicht alle Bedeutungen
erschließenden Form erfasst. Dabei werden ▪
Inferenzen als
schlussfolgernde Verknüpfungen auf Textebene gebildet, die schon
"eine reichhaltige Repräsentation des Ausgangstextes" darstellen (Christmann
2015, S.177). Der
Konstruktionsprozess
ist ein
bottom-up-Verarbeitungsprozess, der mit seinen Assoziationen und
Inferenzen, die nur dem einzelnen Subjekt verständlich sind,
gewöhnlich noch keine kohärente Bedeutung des gesamten Textes
erstellen kann. Diese wird über den Prozess der Integration
geschaffen.
-
Bei der
Integration kommen leserseitige Ziele und
Wissensbestände hinzu, ohne die ein Text nicht als mehr weniger
durchgehend kohärent, also in seinen Einzelbedeutungen miteinander
zusammenhängend, verstanden werden kann. Dabei wird der Text auf der
Basis des Vorwissens auf seine Kohärenz und auf seine Relevanz
angesichts der eigenen Leseziele geprüft und die auf Textebene
gewonnene Konstruktion entsprechend modifiziert.
Dieser Prozess führt zu einem
▪ Situationsmodell des Textes (in der Textlinguistik spricht man
hier vom
Textweltmodell). Dieses basiert auf ▪
Inferenzen, die auf der ▪
Textbasis gebildet werden
und Inferenzen, die über diese Textbasis als Verknüpfungen mit dem
leserseitigen Wissen gebildet werden. Das Situationsmodell reichert
dabei das Verständnis des Textes auf der lokalen Textebene (=
propositionale Repräsentation des Textes), welches die Bildung eines
Situationsmodells überhaupt erst aktiviert, nicht nur an, sondern
verfeinert und modifiziert dieses auch. (vgl. Christmann
2015, S.177)
Der Prozess des Textverstehens erfolgt dabei durch einen Prozess,
der die so genannte ▪
Textbasis mit ihren
Mikro- und
Makrostrukturen anreichert und durch das Heranziehen
textexterner Wissensbestände des Lesers in einem rekursiven Prozess
ein Situationsmodell
des Textes entwickelt, das als mentales Modell das Gesamtverständnis
des Textes repräsentiert.
Textverstehen, das ist in
diesem Zusammenhang die wichtigste Erkenntnis, geht nicht ohne das
aktive Zutun des Lesers und die Bedeutung eines Textes ist nicht allein
auf Textebene zu finden.
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
02.04.2024
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