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Construction-Integration-Model (CI-Modell)

Überblick

Modelle zum Lesen und Verstehen von Texten

 
teachSAM-Projekte
Glossar
Was sind teachSam-Projekte? Lesen Fragen zur eigenen Lesebiographie und zum eigenen LeseverhaltenÜberblickGeschichte des Lesens Lesen und Verstehen von Texten Überblick ▪ Einzelne Modelle und Theorien zum Lesen und Verstehen von Texten Überblick Kognitionspsychologische Modelle Überblick [ Construction Integration Model (CI-Modell) Überblick ◄ ▪ Die Textbasis: Von der Mikro- zur Makrostruktur des Textes Von der Textbasis zum Situationsmodell des Textes ]Bildung von Inferenzen Textlinguistische KohärenzmodelleLiteraturwissenschaftliche Modelle Grundantriebe des Lesens und Lesertypologie Aktive und passive Lesearten Lesen und individuelle Entwicklung Lesen in digitalen Welten Weibliches LesenOhne Lesen leben (Analphabetismus) ▪ Lesen und gesellschaftliche Entwicklung Bausteine Links ins Internet Lesekompetenz Arbeitstechnik Lesen Verständlichkeit
 

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Lesekompetenz
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Lesen und Behalten: Die Bedeutung der Textoberflächenstruktur
Hermeneutischer Zirkel

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Konzeptuelles Wissen
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Semantische Netzwerke
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Propositionale Netzwerke  
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Perzeptuelle Symbolsysteme
 
Gedächtnis
Sprachproduktion und Sprachverstehen

Wenn wir etwas lesen, haben wir gewöhnlich den Eindruck, wir nähmen den Text, sieht man einmal von der Augenbewegung oder bestimmten manuellen Tätigkeiten (festhalten, blättern, antippen oder anklicken) ab, vergleichsweise passiv auf. Doch das ist ein Irrtum, wie man schon seit längerem weiß. Lesen findet nämlich nie ohne unser aktives Zutun statt. Wenn wir den Sinn eines Textes entschlüsseln und verstehen wollen, sind wir nämlich sehr aktiv. Und ohne unser Zutun, das aus einer Mixtur verschiedener Elemente besteht, die wir beim Lesen aus dem Gedächtnis abrufen und/oder aktivieren, könnten wir das, was ein Text (für uns) bedeutet, überhaupt nicht erschließen. Daher versteht man das Lesen und Verstehen als einen konstruktiven Prozess.

Lesen ist unter dem Blickwinkel des Textverstehens also ein konstruktiver Prozess, der sich in einer Text-Leser-Interaktion auf der Grundlage von Wechselwirkungen vollzieht, die "zwischen den Merkmalen des vorgegeben Textes (z. B. Syntax, Struktur, Inhalte, Verständlichkeit, Anregungsgehalt) und der Kognitionsstruktur des Rezipienten (z. B. Vorwissen, Erwartungen, Zielsetzungen und Interessen" bestehen. (Christmann 2015, S.170, vgl. Christmann/Groeben 1999/2001, S.146)

Bottom-up- und Top-Down-Verarbeitung beim Lesen

Diese Wechselwirkung vollzieht sich im Rahmen unserer ▪ visuellen Wahrnehmung beim Lesen in der Text-Leser-Interaktion grundsätzlich "immer auch als die Verschränkung von textgeleiteten, 'aufsteigenden' Prozessen (bottom up: von der Textinformation zum rezipierten Wissen) und andererseits konzept- bzw. erwartungsgeleiteten, 'absteigenden' Prozessen (top down: vom Vorwissen zum konkreten Textverständnis)" (Christmann/Groeben 1999/2001, S.146).

Grundsätzlich muss man beim Lesen und Textverstehen die zwei Hauptaspekte beachten:  

Aufsteigende Verstehensprozesse
bottom up - induktiv

Absteigende Verstehensprozesse
top down - deduktiv

Prozess "von unten nach oben"

von Daten ausgehend zur Interpretation der Daten 

  • Erkennen der sprachlichen Zeichen

  • Zuweisen von Bedeutungen (Satzstrukturen, Satzbedeutungen)

Prozess "von oben nach unten"

von Interpretationen (Vorerwartungen, Erwartungsrahmen, Erwartungshorizont) ausgehend zur Erkennung oder Verarbeitung von Begriffen und Strukturen

  • Bestätigen oder Verändern von bestehenden Vorerwartungen im Prozess der sprachlichen Informationsvermittlung

  • Fortwährender Auf- und Umbau des Erwartungsrahmens während des Verstehensprozesses (z.B. beim Lesen)

Die unterschiedliche Bedeutung der beiden Verstehensprozesse wird insbesondere bei sogenannten Fehllesungen sichtbar.

Wer sich z.B. in einem Namen eine falsche Buchstabenfolge angeeignet hat (aufsteigender Prozess), bekommt diese nur noch unter Schwierigkeiten los, weil man ja beim Lesen längst schon weiß (absteigender Verstehensprozess), wie der Name (angeblich) lautet. Ebenso verhält es sich im Zusammenhang mit der Schwierigkeit, eigene Rechtschreibfehler zu erkennen. (vgl. Linke u. a. 1994, S.354f.)

Lesen als sinnkonstruierender Prozess: Construction-Integration Model

Wie es dazu kommt, dass wir beim Lesen eines Textes, diesen Text auch verstehen, lässt sich mit dem psychologischen Prozessmodell des Textverstehens beschreiben, das Walter Kintsch und »Teun van Dijk entwickelt haben. Das Modell trägt den Namen "Construction-Integration-Model", abgekürzt CI-Modell, und "umfasst eine große Bandbreite hierarchisch ablaufender, regelgeleiteter kognitiver Prozesse" (Philipp 2015b, S.217), und kann vor allem gut verdeutlichen, "wie Vorwissen und Textinhalte im Lesenverstehensprozess zusammenspielen." (ebd.)

Mit zwei Kategorienpaaren wird dabei das Textverstehen unter die Lupe genommen: Mikro- und Makrostrukturen eines Textes einerseits und Textbasis und ▪ Situationsmodell andererseits.


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Wie dieses Schema zu lesen ist, hat Scherner (2006, S.74f.) anschaulich beschrieben: "Es beantwortet modellhaft die Frage, was passiert, wenn ein 'Kopf' (mit seinen Schemata vielfältiger Provenienz) und ein 'Text' (als Wahrnehmungsangebot) 'zusammenstoßen' (Lichtenberg). Zwischen diesen beiden Polen verlaufen Pfeile in beide Richtungen, vom 'Text' zur 'Kognition' (bottom up: textgeleitet) und umgekehrt von der 'Kognition' zum 'Text' (top down: wissensgeleitet). Innerhalb dieser Spannungsrichtungen erfolgt die 'Textverarbeitung*, indem der Leser, Textstrukturen und mentale Muster vergleichend, einem Text so lange Propositionen, Inferenzen, Elaborationen, Emotionen und Werte zuordnet, bis er subjektiv das Gefühl hat, nun habe er die den Text 'verstanden': das Ergebnis ist die 'Textwelt' im Kopf des Lesers. [...] Was hier modellhaft nur im Nacheinander darstellbar ist, spielt sich faktisch in jedem Leseprozess simultan ab, so dass man sich den konstruktiven Aufbau einer 'Textwelt' mit Hilfe dieses Modells durchsichtig und überschaubar machen kann."

Der Name des CI-Modells rührt davon, dass es beim Textverstehen zwei Prozesse am Werk sieht: Konstruktion und Integration.

Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das:

  • Bei der Konstruktion wird das, was im Text steht, in einer vorläufigen, allerdings noch nicht alle Bedeutungen erschließenden Form erfasst. Dabei werden ▪ Inferenzen als schlussfolgernde Verknüpfungen auf Textebene gebildet, die schon "eine reichhaltige Repräsentation des Ausgangstextes" darstellen (Christmann 2015, S.177). Der Konstruktionsprozess ist ein bottom-up-Verarbeitungsprozess, der mit seinen Assoziationen und Inferenzen, die nur dem einzelnen Subjekt verständlich sind, gewöhnlich noch keine kohärente Bedeutung des gesamten Textes erstellen kann. Diese wird über den Prozess der Integration geschaffen.

  • Bei der Integration kommen leserseitige Ziele und Wissensbestände hinzu, ohne die ein Text nicht als mehr weniger durchgehend kohärent, also in seinen Einzelbedeutungen miteinander zusammenhängend, verstanden werden kann. Dabei wird der Text auf der Basis des Vorwissens auf seine Kohärenz und auf seine Relevanz angesichts der eigenen Leseziele geprüft und die auf Textebene gewonnene Konstruktion entsprechend modifiziert.
    Dieser Prozess führt zu einem ▪ Situationsmodell des Textes (in der Textlinguistik spricht man hier vom Textweltmodell). Dieses basiert auf ▪ Inferenzen, die auf der ▪ Textbasis gebildet werden und Inferenzen, die über diese Textbasis als Verknüpfungen mit dem leserseitigen Wissen gebildet werden. Das Situationsmodell reichert dabei das Verständnis des Textes auf der lokalen Textebene (= propositionale Repräsentation des Textes), welches die Bildung eines Situationsmodells überhaupt erst aktiviert, nicht nur an, sondern verfeinert und modifiziert dieses auch. (vgl. Christmann 2015, S.177)

Der Prozess des Textverstehens erfolgt dabei durch einen Prozess, der die so genannte ▪ Textbasis mit ihren Mikro- und Makrostrukturen anreichert und durch das Heranziehen textexterner Wissensbestände des Lesers in einem rekursiven Prozess ein Situationsmodell des Textes entwickelt, das als mentales Modell das Gesamtverständnis des Textes repräsentiert.

Textverstehen, das ist in diesem Zusammenhang die wichtigste Erkenntnis, geht nicht ohne das aktive Zutun des Lesers und die Bedeutung eines Textes ist nicht allein auf Textebene zu finden.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.04.2024

 
 

 
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