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Lesen ist
auch im Zeitalter der elektronischen Kommunikation eine, wenn nicht
die grundlegende Kulturtechnik. Christmann/Groeben
(1999, S.206) gehen davon aus, dass das Lesen auch bei "neuen, sich
ausweitenden Nutzungsvarianten des Computermediums immer mehr auch
die Lesekompetenz als Grundlagenfähigkeit" vorausgesetzt wird. Sie
fragen sich sogar, "ob das Lesen nicht auch und gerade im Kontext
einer Mediengesellschaft als
Schlüsselkompetenz zu gelten hat, die überhaupt erst
die Voraussetzung für eine aktive Teilnahme an der Mediengesellschaft schafft."
Dabei übersehen sie nicht, "dass z.B. das 'Lesen am Bildschirm'
andere Strukturen und damit auch veränderte Kompetenzen erfordert,
insofern als hier die klassische lineare Struktur des Printmediums
radikal verändert wird in eine hierarchisch-assoziative
Netzwerkstruktur (der sog. Hyper-Texte), bei denen von fast
beliebigen Konzepten aus je unterschiedliche Wege der Aufarbeitung
von Informationen durch Anklicken entsprechender Verbindungen
('links') realisiert werden (können)." In jedem Falle könne das
Lesen "in
der sich dramatisch entwickelnden Mediengesellschaft nicht so
einfach in seiner alten Funktion fortbestehen", denn "jede
strukturelle Veränderung" fahren sie fort, "und so auch nicht
zuletzt die Entwicklung hin zur Informations- und
Mediengesellschaft, impliziert Funktionsverschiebungen in dem Sinne,
dass neue Funktionen (mit den neuen Medien) hinzukommen, dass alte
Funktionen (die mit den alten Medien verbunden waren) zum Teil
ersetzt, zum Teil verändert werden (müssen)."
Lesen in der
medialen Klassengesellschaft
Unter soziologischer Perspektive betrachtet hat das Lesen
einen großen Anteil an der Verteilung von Lebenschancen in unserer
Gesellschaft. Informationsreiche "Haves" und informationsarme "Havenots"
prägen eine moderne mediale Klassengesellschaft aus, bei der am Ende nur
eine Minderheit "reich, mobil und gebildet ist. Und sie kann zugleich
die digitale Dunkelheit für die Mehrheit der Menschen bedeuten - für die
Armen, die Menschen ohne Hochschulbildung und die sogenannten
Überflüssigen." (David Kline 2000, zit. n.
Winterhoff-Spurk 2000a?)
Dietrich Schwanitz (1999, S. 433f.) hat die These von der medialen
Klassengesellschaft auf die pointierte Formel gebracht: Ohne Lesen
bleiben einem die "Fleischtöpfe der Bildung ebenso verschlossen wie der
Zugang zu den gehobenen Einkommen."
Für die Grundidee der medialen Klassengesellschaft, wonach
"unterschiedliches Mediennutzungsverhalten [...] die Grundlage der
Bildung sozialer Gruppen mit unterschiedlichen Lebenschancen" darstellt,
gibt es nach
Winterhoff-Spurk 2000a?) eine Reihe von Hinweisen, z. B.:
- Auch wenn Bildungssendungen für Kinder im Fernsehen wie z.B. die
Sesamstraße. auch das Wissen und die Fertigkeiten bildungsmäßig
unterprivilegierter, bildungsferner Kinder verbessern, ist diese
Wirkung bei Mittel- und Oberschichtkindern erheblich größer. Die
Folge ist, dass anstelle einer Nivellierung die Kluft zwischen den
beiden Gruppen noch dadurch wächst.
- Fernsehnachrichten können von Zuschauern leichter erinnert
werden und damit zum Denken und zur Diskussion anregen, wenn diese
eine höhere Bildung aufweisen und mit ihrem Vorwissen das
Dargebotene leichter und besser einordnen können.
- Grundsätzlich gelingt Gruppen aus höheren sozialen Schichten der
Wissenserwerb durch Medien beträchtlich leichter als bildungsfernen
unteren sozialen Schichten. Dieses Phänomen lässt sich offenbar
besonders gut "bei strukturellem Wissen zu noch wenig beachteten
Themen der nationalen und internationalen Politik und eher bei der
Rezeption von Printmedien" beobachten. Die Wissenskluft wird damit
also noch größer.
- Auch das Internet verbessert diese Situation nicht. Denn auch
aus seinen Angeboten ziehen User mit einem höheren Bildungsabschluss
und einem höheren Einkommen den größten Nutzen
- Und das Lesen von Bücher jedweder Art hängt in besonderem Maße
vom sozialen Milieu ab. Nach einer Untersuchung der Zeitschrift
FOCUS (1999) liest etwa jeder dritte Freiberufler, jeder dritte
gehobene oder höhere Beamte und jeder dritte qualifizierte oder
leitende Angestellte" regelmäßig Bücher, während von den 20
Millionen deutschen Arbeitern fast sieben Millionen offenbar
überhaupt keine Bücher lesen.
Vielleicht handelt es sich dabei um viele Nichtleser der Art, wie sie
von
Dietrich Schwanitz (1999, S. 433) wie folgt beschrieben worden sind:
"Die Angehörigen dieser Nichtlesergruppe erleben Bücher als Zumutungen;
im Grunde können sie Leute, die gerne lesen, nicht verstehen. Sie
misstrauen ihnen. Die Welt der Bücher ist für sie eine Verschwörung, die
dem Ziel dient, ihnen ein schlechtes Gewissen zu verschaffen. Auf diese
Weise entwickeln sie eine regelrechte Abneigung gegen Bücher, und da sie
auch ihre Fachbücher ungern lesen, geraten sie im Beruf bald ins
Hintertreffen. Deswegen meiden sie jeglichen Kontakt zum Milieu der
Bücherleser und geraten so langsam ins gesellschaftliche Schattenreich
eines neuen Analphabetismus."
Statt dem Lesen machen diese Schichten angesichts der gewachsenen
Möglichkeiten des medialen Konsums mit der Vervielfachung von Angeboten
mehr und mehr vom
Fernsehen Gebrauch. Gerade an ihm lässt sich aber auch ein weiterer
Aspekt aufzeigen, der verdeutlicht, in welcher Weise auch dieses Medium
klassenspezifisch genutzt wird und damit auch zur Verfestigung von
sozialen Unterschieden dient. So hat nämlich "der Aufstieg der
Privatsender seit den späten 80er Jahren [...] nicht einfach, im Sinne
einer Angebotsvermehrung, zu der kulturkritisch oft bemäkelten
»Bilderflut« geführt, sondern hat vor allem eine Klassendifferenzierung
des Fernsehens bewirkt, die es zur Zeit des Duopols von ARD und ZDF
nicht gab. Sagen wir es ruhig noch deutlicher: Sie hat mit RTL und SAT.1
ein spezielles Unterschichtfernsehen entstehen lassen, und deshalb war
es auch nur konsequent, dass sich am anderen Ende der sozialen Skala
Sender wie 3sat oder arte für die gehobenen Schichten etablierten." (Nolte
2004, S.41f.)
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