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Höfische Festkultur unter Carl Eugen

Opern

 
 

Opern und Singspiele sind immer wiederkehrende Bestandteile der höfischen Festkultur Carl Eugens von Württemberg. In Bayreuth, wo der 20-jährige Herzog 1748 die 16-jährige Nichte des preußischen Königs »Friedrich II.(1712-1786), »Elisabeth Friederike von Brandenburg-Ansbach (1732-1780) heiratet, wird  in dem eigens zur Hochzeit vollendeten prunkvollen Opernhaus der vergleichsweise kleinen Residenz eine von der Mutter Friederikes, der Markgräfin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen (1709-1758), selbst inszenierte italienische Oper aufgeführt, die den Bräutigam begeistert. (vgl. Walter 1987, S. 113) Seitdem jedenfalls ist Carl Eugen von italienischen Opern fasziniert und entschlossen, in seinem eigenen Land zumindest Gleichwertiges, wenn nicht noch Gewaltigeres auf eine Bühne zu bringen, die sich in der europaweiten Konkurrenz der Höfe sehen lassen kann.
Im Rahmen des Schlossbaus ist schon 1715 die Integration eines Theaters geplant, doch »Herzog Eberhard Ludwig (1676 - 1733) zieht dem dann doch ein anderes Bauvorhaben an der vorgesehen Stelle vor, nämlich den Rittersaal des von ihm selbst gestifteten Jagdordens. So treten die Theaterbaupläne erst 1725 wieder in Erscheinung, als Frisoni die Idee zweier Pavillonbauten (Festinbau und Theaterbau) wieder aufgreift, die dann bis 1733 hinter den beiden Kavaliersbauten und gegenüber den Eckpavillons des Neuen Corps de logis errichtet werden. Während noch zu Lebzeiten Herzog Eberhard Ludwigs im Festinbau ein kleines Theater ohne Logeneinbau fertig gestellt wird, lässt erst Herzog Carl Eugen 1758 den Theaterbau mit dem notwendigen Inventar und der Bühnentechnik ausstatten. (vgl. Merten 2004, S. 72f.) Hoftheater dieser Art gibt es an vielen Fürstenhöfen und was hier zur Aufführung kommt,  französische Dramen oder italienische Opern bleibt einem engen Zuschauerkreis vorbehalten, dem Adel im Allgemeinen und dem jeweiligen Hofstaat im Besonderen.

Als Herzog Carl Eugen nach der Verlegung seiner Residenz von Stuttgart nach Ludwigsburg im Herbst 1764 das Hoftheater im Ludwigsburger Schloss fertig stellen lässt, ist es für die Repräsentationsbedürfnisse des Fürsten und die Inszenierung großer Opern- und Ballettaufführungen längst schon zu klein. Daher lässt der Herzog im Winter 1764/65 östlich des Alten Corps de logis ein Opernhaus zimmern, das zu den größten in ganz Europa zählt. Rechzeitig zum Geburtstag des Herzogs am 11. Februar 1765 ist das Gebäude gezimmert, das in gerade mal dreieinhalb Monaten errichtet wird. In nur sechs Wochen sind dafür weit über 3.000 Balken verschiedener Länge, Hunderte von Säulenhölzern und Zehntausende Bretter und Latten mit etwa 800.000 Nägeln zusammengefügt worden. Und auch wenn es noch so kalt und das Wetter schlecht ist, müssen die größten Stämme in unwegsamem Gelände gefällt, auf unebenen Wegen an die Enz geschleppt, von dort auf der Enz nach Bissingen geflößt und von dort auf Wagen nach Ludwigsburg gebracht werden. (vgl. Belschner 1904, S.166 nach: Sting 2005, S.220) Die Sägemühlen im Schwarzwald sind wochenlang ausschließlich damit beschäftigt, die für den Theaterbau benötigten Bretter herzustellen. Was aber von der Bevölkerung als besonders belastend empfunden wird, sind die Frondienste, die 300 Zimmerleute, 150 Maurer, 20 Schreiner, 75 Handlanger und 40 Steinbrecher, die im vierzehntägigen Turnus abgelöst, zum Opernhausbau zwangsverpflichtet werden. Da die Bezahlung außerdem kaum ausreicht, um die Unterhaltskosten vor Ort zu sichern, entziehen sich manche Handwerker einfach durch Flucht diesem Frondienst. So kommt es auch, dass man mancherorts Handwerksmeister von Soldaten zur Arbeit nach Ludwigsburg abführen lassen muss. Damit das ganze Opernhausunternehmen darüber hinaus kein zu großes Loch in die herzogliche Kasse reißen kann, werden im ganzen Land zusätzliche Abgaben erhoben und Anleihen aufgenommen, gegen die sich beim Herzog zu beschweren, keinerlei Erfolg hat. (vgl. ebd., S.221f.)
Eingeweiht wird das Opernhaus am 11. Februar 1765, dem 21. Geburtstag des Herzogs, dessen "wilden Jahre" gerade begonnen haben. (vgl. Kotzurek 2004, S. 131) Wer es zu sehen bekommt, ist von der "Bretterbude" fasziniert, so auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832 ), der im Jahr 1797 Ludwigsburg einen Besuch abstattet. Dieser nutzt die Gelegenheit auf seiner dritten Reise in die Schweiz vom 30. Juli bis 20. November 1797 Ende August/Anfang September sich in Ludwigburg und Stuttgart Anregungen für den Schloss- und den Theaterbau in Weimar zu holen (vgl. Unterberger 2002, S.207)"Das große Operntheater", berichtet er, "ist ein merkwürdiges Gebäude, aus Holz und leichten Brettern zusammengeschlagen, und zeugt von dem Geist des Erbauers, der viele und hohe Gäste unterhalten wollte. Das Theater ist achtzehn Schritte breit, auch ungeheuer hoch, indem das Haus vier Logen enthält; in seiner Länge hat 76 Schritt." (zit. n. Kotzurek 2004, S.133)  Das Opernhaus, dessen Inndekoration der Theatermaler Innocente Colomba übernimmt, verschlingt die stattliche Summe von 65.000 Gulden, die Herzog Carl Eugen seinen Untertanen mit unrechtmäßigen Sonderabgaben abpressen lässt. Im Opernhaus haben 1000 Personen Platz, die als Besucher kostenlosen Zutritt haben. Allerdings handelt es sich auch um einen ausgesuchten Personenkreis: Bürger, Bauern und einfaches Volk bleiben selbstverständlich außen vor. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.49f)
1768 wird die Bühne durch einen Anbau um 25 Meter verlängert, so dass an den Zuschauern, wie Christian Belschner (1904) sagt, halbe Regimenter zu Pferde vorbeidefilieren können (vgl. Kotzurek 2004, S.133) Die von Marmorsälen beherrschte Inneneinrichtung, darunter ein Foyer, das an den Wänden vollständig mit Spiegelgläsern versehen ist und pro Aufführung mit 2000 Kerzen und unzähligen Öllampen illuminiert wird, macht den Theaterbesuch für die Zuschauer zu einem festlichen Ereignis (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 46, 49). Justinus Kerner (geb. 1768) erinnert sich später wie folgt daran: "Es war in seinem Innern völlig mit Spiegelgläsern ausgekleidet, alle Wände, alle Logen mit ihren Säulen waren von Spiegelgläsern. Man kann sich den Effekt eines solchen Hauses im Glanze der vielen hundert Lichter wohl kaum denken." (zit. n. Kotzurek 2004, S.133)
Und auf der Bühne? Meistens italienische Opern und Singspiele jeder Art, zu denen man schon mal 500 Akteure in einem Stück agieren lässt (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 47). Schauspiele, das so genannte Sprechtheater, werden an den Hoftheatern der Zeit eigentlich nicht aufgeführt. Erst von 1770 an schaffen auch deutschsprachige Stücke von Lessing oder Goethe den Sprung auf die Bühnen der höfischen Theater.
Die Aufführungen verbreiten, wie der Herzog beabsichtigt, den Glanz seiner Herrschaft, die Oper wird ein echter Publikumsmagnet. Dementsprechend lässt sich der Herzog das Ganze sehr viel kosten. Im Jahr 1765 beträgt der Jahresetat der Ludwigsburger Oper 300.000 Gulden oder ca. 495.000 Taler (Umrechnungskurs um 1800) Man hat ausgerechnet, dass ein Taler in die Kaufkraft des Jahres 2.000 umgerechnet ca. 30 Euro entspricht. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 21, 49). Von dieser Summe müssen Honorare, die Kosten für Dekorationen, Kostüme, Bühnenbild und Anreise und Unerbringung der zahlreichen ausländischen Künstlerinnen und Künstler bezahlt werden, von denen einzelne, wie z. B. der europaweit bekannte Tänzer Gaetano Vestris für ein Dreimonatsengagement schon mal 12.000 Gulden Honorar einstreichen darf. (vgl. ebd., S. 35) Ansonsten besitzt das Opernhaus ein gut und vor allem fest bezahltes Orchester und dem Ensemble gehören eine ganze Schar italienischer Sängerinnen an, die oft für mehrere Jahre engagiert werden.
Unter der Leitung von »Niccolò Jomelli (1714-1774) kommen zwischen 1733 und 1768 Singspiele und Opern auf die Bühne, derer zwei pro Jahr zu komponieren ihm sein Dienstvertrag mit dem Herzog abverlangt. Zugleich übernimmt er auch Inszenierungen und kontrolliert die Aufführungen. In den Singspielen und Opern geht es meistens um Mythologisches aus der römischen Antike, so auch in den populärsten und wohl teuersten Inszenierungen der Opern »Semiramide« (1764) oder »Il Vologeso« (1766), die wegen ihres großen Publikumserfolges gleich zwei Spielzeiten auf dem Spielplan stehen. "Semiramide riconosciuta" hatte er schon 1741 in Turin mit großem Erfolg zur Aufführung gebracht, die Aufführung der Oper Il Vologeso im württembergischen Opernhaus soll wegen der besonderen Tragik nach der großen Soloszene der Berenice im 3. Akt sogar Herzog Carl Eugen von Württemberg zur Äußerung veranlasst haben, dass er es nicht verkraften würde, dieses Stück ein zweites Mal anzuhören. (vgl. Wikipedia, 9.03.07) Die Erstaufführungen von Opern finden jeweils am Geburtstag des Herzogs (11.2.) und an seinem Namenstag (4.11.) statt. Da die Opern und Singspiele meistens in italienischer Sprache inszeniert werden, können die Besucher vor dem Opernbesuch den ins Französische oder Deutsche übersetzten Text in Buchform erwerben und erhalten Informationen über den Handlungsverlauf und die schauspielenden Protagonisten. (vgl. Berger 1997, S.53)  Außer Singspielen und Opern finden zwischen 1757 und 1767 auch einige Schauspiele, dabei vor allem französische Komödien, da der Herzog tragische Stoffe weniger mag, meistens seichte Salonstücke, den Weg auf die Bühne. Später werden auch Stücke von Shakespeare (Hamlet, Macbeth, Richard III.) gespielt und auch deutschsprachige Stücke wie Gotthold Ephraim Lessings Dramen oder Goethes Drama Götz von Berlichingen werden aufgeführt. Trotzdem: Oper und Singspiele bleiben auch dann noch vorherrschend.
Neben Singspielen und Opern und hin und wieder Schauspielen gehören zwischen 1760 und 1767 Ballettaufführungen unter Leitung von Jean-Gorges Noverre (1727-1910) zum regelmäßigen Programm.
Die Geschichte des Opernhauses nach der Zurückverlegung der herzoglichen Residenz nach Stuttgart im Jahre 1775 ist schnell erzählt: Es verfällt und wird 1801/02 endgültig abgerissen. (vgl. Sting 2005, S.415)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 25.03.2016
 

 
   
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